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Begriffsentstehung, DefinitionArnold Pick beschrieb in den Jahren 1892 bis 1906 mehrere Patienten mit progredienter Aphasie und Demenz. Makroskopisch fanden sich bei diesen Patienten neben einer gering ausgeprägten generellen Hirnatrophie-, lokal akzentuierte Atrophien des Frontal- oder Temporallappens, die neben der Demenz auch Ursache von neurologischen Herdsymptomen waren. Histopathologische Untersuchungen wurden bei diesen Patienten nicht vorgenommen. Alois Alzheimer beschrieb 1911 erstmals bei vergleichbaren Patienten achromatische Nervenzellschwellungen, denen er den Namen Pick-Zellen gab und intrazytoplasmatische, argentophile Kugeln (Pick-Körperchen). Der in den 20-er Jahren eingeführte Begriff der Pick´schen Krankheit vermittelte den Eindruck einer eigenständigen Erkrankung mit einheitlicher klinischer Symptomatik, umschriebener Hirnatrophie und Histologie. Man verstand damals unter einem typischem M. Pick die Atrophie von Stirn- und Schläfenlappen verbunden mit dem histologischen Befund des Nervenzellunterganges in den Rindenschichten I – III des Cortex und dem Nachweis von Pick-Zellen und Pick-Körperchen. Weniger als 5 % aller Demenzen weisen diese histopathologischen Veränderungen auf. In den folgenden Jahren kamen eine Vielzahl von z.T. verwirrenden Terminologien für fokale corticale Atrophien auf. 1998 gelang es Kertesz und Munoz mit dem Begriff des Pick- Komplexes (Synonym: frontotemporale Lobärdegeneration) die Gemeinsamkeiten innerhalb der Gruppe der fokalen Hirnatrophien neu zu fassen. Als Pick-Komplex wird eine häufige (dritthäufigste Demenz nach Alzheimer und Lewy-Body Demenz mit einer Häufigkeit von bis zu 20 % aller Demenzen) Gruppe von dementiellen Erkrankungen mit fokalen neuropsychiatrischen Symptomen zusammengefasst. Bei diesen Demenzen dürfen keine Hinweise auf Alzheimer-, Lewy-Körper-, vaskuläre oder Prion-Pathologie zu finden sein. Die Diagnose "Pick-Komplex" erleichtert in der Praxis die Abgrenzung von anderen Demenzen.
Klinische Syndrome des Pick-KomplexesDie unter dem Begriff Pick-Komplex zusammengefasste Krankheitsgruppe besteht aus:
Frontotemporale Demenz und die primär progrediente Aphasie können mit Symptomen einer Motoneuronerkrankung kombiniert sein. Neuroradiologische und neuropathologisch findet man bei den oben genannten Syndromen topographisch unterschiedlich verteilte Hirnatrophien.
Im Einzellfall treten je nach Krankheitsdauer und Lokalisation des Prozesses weitere neuropsychiatrische Symptome auf. Da die Basalganglien und die Motoneurone ebenfalls betroffen sein können, muß bei ungewöhnlich verlaufenden Parkinsonsyndromen und bei der amyotrophen Lateralsklerose an den Pick-Komplex gedacht werden.
Diagnostische KriterienDie wichtigste klinische Orientierungshilfe bei der Diagnosestellung lieferte bisher eine Konsensusarbeit von Neary et al. aus dem Jahre 1998. Eine Konsensusgruppe beschreibt hier Symptome und Symptomkombinationen, deren Nachweis bei der Diagnosestellung eines Pick-Komplexes gefordert werden. In dieser Konsensusarbeit wurden die Kriterien für die klinischen Prototypen
festgelegt.
Für alle drei Prototypen gelten folgende Kriterien: Gemeinsame Kernsymptome
Unterstützende diagnostische Kriterien
Ausschlusskriterien
Klinische Kriterien für die frontotemporale DemenzPersönlichkeitsveränderungen und Störungen der sozialen Beziehungen stehen im Vordergrund. Die frontotemporalen Demenz verursacht berufliche und soziale Unzuverlässigkeit, Normen werden nicht mehr respektiert, was zu Taktlosigkeit, verändertem Sexualleben bis hin zu kriminellen Handlungen führen kann. Da das Krankheitsbewusstsein fehlt, werden die Patienten häufig von den Angehörigen ärztlich vorgestellt. Überschneidungen mit dem Klüver-Bucy-Syndrom kommen vor. Im Verlauf werden komplexe von einfachen Ritualen abgelöst. Wenig beeinträchtigt bleiben Sinnesfunktionen, räumlich-kontruktive Leistungen sowie das Gedächtnis. Kernsymptome (frühzeitiges Auftreten und progredienter Verlauf)
Unterstützende diagnostische Kriterien
Klinische Kriterien für die primär progrediente AphasieEine Störung der Sprachproduktion besteht bei diesem Krankheitsbild immer. Andere kognitive Bereiche sind nur gering betroffen. Verhaltensstörungen und Veränderungen im neurologischen Befund wie bei der frontotemporalen Demenz treten nicht immer auf, oder aber erst deutlich später als die Sprachstörungen. Kernsymptome
Unterstützende diagnostische Kriterien
Klinische Kriterien für die semantische DemenzIm Gegensatz zur primär progredienten Aphasie treten bei der SD semantische statt phonematische Paraphasien auf. Teilbereiche (z.B. Tiere und Pflanzen im Gegensatz zu Werkzeugen) können unterschiedlich betroffen sein. Die Patienten schreiben nach Gehör ohne Wissen um die Worte und machen Fehler wie Kinder im ersten Schuljahr (Schtern, Kohr statt Stern, Chor). Andere kognitive Bereiche sind bei der SD kaum beeinträchtigt. Kernsymptome
Unterstützende Kriterien
DiagnostikNotwendigNeurologisch-psychiatrische Untersuchung
Psychometrische Untersuchungen Herkömmliche Frontallappen-Tests wie "Wisconsin card sorting" und "Tower of London" können oft unauffällig sein ( Kernspintomographie Die Kernspintomograhie kann insbesondere in der coronaren Schnittführung die Atrophien des Frontal- und Temporallappens am besten darstellen( Blut und Liquor Das Tau-Protein und S100, NSE können als Zeichen eines unspezifischen Neuronenunterganges im Liquor erhöht sein. Zur Abgrenzung gegenüber anderen Erkrankungen sollte bei Verdacht Protein 14-3-3 und Beta-Amyloid bestimmt werden. Bei positiver Familienanmnese sollte EDTA-Blut für eine evtl. Gendiagnostik asserviert werden. FakultativNuclearmedizinische Verfahren ECD-SPECT und FDG-PET zeigen im Gegensatz zur Alzheimer Erkrankung meist asymmetrische Veränderungen des frontalen und temporalen Kortex ( Elektrophysiologische Untersuchungen Das EEG zeigt beim Pick-Komplex keine typischen Veränderungen ( Neuropathologische Veränderungen Es finden sich beim Pick-Komplex drei typische Befunde, die sich von den Veränderungen bei der Alzheimer-Erkrankung unterscheiden.
Ursächlich hierfür sind Nervenzelluntergänge in den Cortexschichten I bis III. Begleitend findet sich eine deutliche Vermehrung der astrozytären Glia in allen Rindenschichten. Noch erhaltene Nervenzellen können balloniert sein und sich in der Silberfärbung argyrophil darstellen (Pick-Zellen).Wenn sie argyrophile Einschlüsse enthalten, werden diese als Pick- Körper bezeichnet. Diese beiden neuropathologischen Veränderungen, die initial für die sogenannte Pick-Krankheit zwingend gefordert wurden, können beim Pick-Komplex aber auch fehlen.
Diese histopathologischen Veränderungen finden sich häufig beim Pick-Komplex. Sie entstehen durch eine schwammartige Degeneration der Hirnrinde und durch die Bildung von kleinen Vakuolen, die die untergegangenen Zellen in den Rindenschichten I bis III ersetzen.
Die vorweigend in der Rindenschicht II anzutreffenden Ubiquitin-Nervenzelleinschlüsse sind typisch beim Pick-Komplex mit Motoneuronbeteiligung. Diese Veränderungen kommen auch im Vorderhorn des Rückenmarks vor. Molekularbiologie und Genetik Bei Patienten mit Pick-Komplex findet sich eine Kumulation des hyperphosphorylierten microtubulären Proteins (Tau-Protein) im Gehirn. Im menschlichen Hirn finden sich sechs m- RNA-Transcripte für das Tau-Protein, die Proteine mit 352 bis 441 Aminosäuren generieren. Unterschiedliche Tau-Protein Isoformen können unterschiedliche Krankheitsausprägungen beim Pick-Komplex verursachen. Das Gen, das das Tau-Protein kodiert, findet sich auf dem Chromosom 17. So ist auch die frontotemporale Demenz mit Parkinsonismus durch einen bekannten Gen-Defekt auf dem Chromosom 17 verursacht. Der relevante Genort, Chromosom 17q21-22, ist auch für die Fälle von frontotemporaler Degeneration verantwortlich, bei denen es zu einer starken familiären Häufung kommt. TherapieSchlußbemerkungCa. 20 % aller Demenzen können der im Pick-Komplex zusammengefaßten Krankheitsgruppe zugeordnet werden. Eine einheitliche Klassifikation, die Klinik, Pathologie und Genetik dieser fokalen Hirnatrophien einschließt, besteht nicht. Die dem Pick-Komplex zugehörigen klinischen Bilder sind jedoch gut faßbar und daher in einer Konsensusvereinbarung beschrieben worden. Bildgebende Verfahren zeigen eine frontale, temporale oder asymmetrische Atrophie mit entsprechend verteilten hypometabolen Regionen. Biologische Marker zur Abgrenzung von der Alzheimer Demenz fehlen. Dies trifft jedoch nicht für die familiären Fälle zu, bei denen eine Mutation auf dem Chromosom 17q21-22 nachweisbar ist. Die Prognose der Erkrankung, die in der Regel mit 40 – 60 Jahren beginnt, ist infaust. Die Krankheitsdauer beträgt ca. 10 Jahre. Eine kausale Therapie ist nicht bekannt. Literatur
Verfahren zur KonsensbildungExpertengruppe PD Dr. Ulrich Sliwka, Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf, Neurologie (federführend) PD Dr. Günther Seidel, Universitätsklinik Lübeck, Neurologie PD Dr. Rolf Diehl, Alfried-Krupp Krankenhaus Essen, Neurologie Prof. Dr. Bernd Griewing, Rhön-Klinikum, Neurologische Klinik, Bad Neustadt/Saale
Bearbeitet durch die Kommission Leitlinien der DGN: P. Berlit, Essen; H.C. Diener, Essen (Vorsitzender); W. Hacke, Heidelberg, A. Hufnagel, Essen; U. Meier, Grevenbroich; W.H. Oertel, Marburg; H. Prange, Göttingen; H. Reichmann, Dresden; P. Rieckmann, Würzburg; C-W. Wallesch, Magdeburg; M. Weller, Tübingen und den Vorstand der DGN.
Erstellungsdatum 15.08.2002
Die in den Leitlinien verwendeten Symbole haben folgende Bedeutung:
Empfehlungsstärken
Die Einstufung der Empfehlungsstärke kann neben der Evidenzstärke
die Größe des Effekts, die Abwägung von bekannten und möglichen
Risiken, Aufwand, Verhältnismäßigkeit, Wirtschaftlichkeit oder
ethische Gesichtspunkte berücksichtigen.
Die "Leitlinien" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie sind systematisch entwickelte Hilfen für Ärzte zur Entscheidungsfindung in spezifischen Situationen. Sie beruhen auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und in der Praxis bewährten Verfahren und sorgen für mehr Sicherheit in der Medizin, sollen aber auch ökonomische Aspekte berücksichtigen. Die "Leitlinien" sind für Ärzte rechtlich nicht bindend und haben daher weder haftungsbegründende noch haftungsbefreiende Wirkung. Wie jede Wissenschaft ist die Medizin ständigen Entwicklungen unterworfen.
Soweit in diesem Werk eine Dosierung oder eine Applikation erwähnt wird,
darf der Leser zwar darauf vertrauen, dass die Autoren große Sorgfalt
darauf verwandt haben, dass diese Angabe dem Wissensstand bei Fertigstellung
des Werkes entspricht. Geschützte Warennamen und Warenzeichen werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.
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