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DefinitionPolyneuropathien (PNP) sind generalisierte Erkrankungen des peripheren Nervensystems (PNS). Zum PNS gehören alle außerhalb des Zentralnervensystems liegenden Teile der motorischen, sensiblen und autonomen Nerven mit ihren Schwannzellen und ganglionären Satellitenzellen, ihren bindegewebigen Hüllstrukturen (Peri- und Epineurium) sowie den sie versorgenden Blut- und Lymphgefäßen. Klinische DiagnostikAllgemeinDie klinische Diagnose einer PNP beruht auf der Anamnese- und Beschwerdeschilderung des Patienten und dem klinischen Befund. BeschwerdenSensible Reiz- und Ausfallerscheinungen: • Kribbeln • Ameisenlaufen • Wärme- und Kälteparästhesien • Stechen • Elektrisieren • Pelzigkeits- und Taubheitsgefühle • Gefühl des Eingeschnürtseins • Schwellungsgefühle • Gefühl des unangenehmen Drucks • Gefühl wie auf Watte zu gehen • Gangunsicherheit, insbesondere bei Dunkelheit • Fehlende Temperaturempfindungen • Schmerzlose Wunden Motorische Reiz- und Ausfallerscheinungen: • Muskelzucken • Muskelkrämpfe • Muskelschwäche • Muskelatrophie Autonome Ausfallerscheinungen (Siehe Tabelle 1) ZusammenfassungBasisuntersuchungen und ergänzende Untersuchungen in der Diagnostik von Polyneuropathien Obligat: • Anamnese • Klinische Untersuchung • Elektrophysiologie • Standardlabor Fakultativ: • Erweitertes Labor • LP • Muskel-/Nerv-/Hautbiopsie • Genetik Spezielle AnamneseVerlauf, Dauer der BeschwerdenDer Krankheitsverlauf ist diagnostisch richtungweisend: • · 4 Wochen: akut • 4–8 Wochen: subakut • > 8 Wochen: chronisch Exemplarisch: Guillain-Barré-Syndrom (GBS) akut, chronisch-inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP) akut bis subakut, hereditäre motorische und sensible Polyneuropathie (HMSN) chronisch und positive Familienanamnese. Cave: Eine vaskulitische PNP kann chronisch über viele Jahre verlaufen, und eine Infiltration des PNS mit Lymphomzellen (Neurolymphomatose) kann unter dem Bild einer akuten axonalen und/oder demyelinisierenden PNP verlaufen.
Frage nach
Eigenanamnese
SystemanamneseAutonome Störungen? Schwitzen an den Extremitäten vermindert und eventuell kompensatorisch am Rumpf vermehrt, Störungen beim Stuhlgang oder beim Wasserlassen, erektile Dysfunktion, Gelenkschmerzen, Hautveränderungen, Synkopen. FamilienanamneseGezielte Fragen nach Gehbehinderungen, Fußdeformitäten, auffallend dünnen Waden Neurologischer BefundUntersuchungsbefunde somatischer NervenReflexe Abschwächung/Ausfall von Muskeleigenreflexen, insbesondere Achillessehnenreflex Motorische Störungen Schlaffe, atrophische Paresen; an den unteren Extremitäten Fuß-/Zehenheber meist früher und stärker betroffen Sensibilitätsstörungen (large fiber neuropathy)
Sensibilitätsstörungen (small fiber neuropathy)
Beteiligung der Hirnnerven
ManifestationstypenDie Polyneuropathien werden nach dem zeitlichen Verlauf (siehe oben unter „Spezielle Anamnese“), nach den betroffenen Systemen (motorisch/sensibel/autonom/sensomotorisch) und nach der Verteilung der Symptome (symmetrisch/asymmetrisch) unterschieden. VerteilungstypDistal-symmetrisch Symmetrisch-sensibler Manifestationstyp
Ein unterschiedliches Betroffensein bestimmter sensibler Qualitäten kann auf spezielle Ätiologien hinweisen. So findet man bei der Amyloid-PNP initial häufig eine dissoziierte Sensibilitätsstörung mit reduzierter Schmerzempfindung und noch intakter Oberflächensensibilität. Subtyp: „Small fiber“-Neuropathie: distal betonte Sensibilitätsstörungen und Schmerzen ohne weitere Symptome Symmetrisch-sensomotorischer Manifestationstyp
Distal-symmetrische PNP mit ausgeprägten autonomen Symptomen Sensible oder sensomotorische PNP mit ausgeprägten autonomen Störungen (z. B. Amyloid-PNP, diabetische autonome Neuropathie, hereditäre sensible und autonome Neuropathie [HSAN]) Asymmetrische Manifestationstypen
Cave: Bei der differenzialdiagnostischen Zuordnung zu einem bestimmten Manifestationstyp ist Vorsicht geboten. So ist der klinische Manifestationstyp bei einer morphologisch gesicherten Vaskulitis des PNS in einem nicht unerheblichen Teil der Fälle symmetrisch-sensibel.
Proximale oder proximale und distale Verteilung
Allgemeine Untersuchung
ZusatzdiagnostikNeurophysiologische DiagnostikDie neurophysiologische Untersuchung dient in Ergänzung der klinischen Untersuchung dazu, das Vorhandensein einer generalisierten Schädigung des PNS nachzuweisen, den Verteilungstyp zu bestimmen (symmetrische/asymmetrische PNP, Schwerpunktneuropathie) und eine subklinische Mitbeteiligung des sensiblen Systems bei motorischer Neuropathie (und umgekehrt) zu erkennen. Eine Unterscheidung zwischen Polyneuropathien mit einer Axonschädigung („axonale“ Polyneuropathie) und Polyneuropathien mit einer Myelinschädigung („demyelinisierende“ Polyneuropathie) ist nur eingeschränkt möglich, da bei Ausfall großer, schneller Fasern eine deutliche Herabsetzung der Nervenleitgeschwindigkeit möglich ist, was eine „demyelinisierende“ PNP vortäuschen kann (Tabellen 2–4). Axonale Schädigung Neurographie
Elektromyographie Akuter Schaden: pathologische Spontanaktivität (positive Wellen, Fibrillationen) Chronischer Schaden:
Demyelinisierende Schädigung
Auswahl der zu untersuchenden Nerven und MuskelnSensible Neurographie der Beine
Orthodrome und antidrome Ableitungen des N. suralis sind vergleichbar valide; bei ungünstigen Ableitbedingungen (beispielsweise Ödeme) ergibt die Ableitung des N. suralis mit Nadelelektroden genauere Ergebnisse der Nervenleitgeschwindigkeit unter Verlust der Amplitudenbeurteilbarkeit. Sensible Neurographie der Arme
Cave: Veränderungen durch zusätzliche Engpasssyndrome? • N. radialis superficialis Cave: Bei distal symmetrischen Polyneuropathien später betroffen Vorteil: Selten von Engpasssyndromen beeinträchtigt und orthodrom wie antidrom leicht ableitbar Motorische Neurographie der Beine
Cave: Druckschädigungen am Fibulaköpfchen?
Cave: In der Kniekehle nicht immer supramaximal stimulierbar. Empfehlung: Zuerst N. peronaeus; im Bedarfsfall Messung des N. tibialis; um bilaterale Schädigung zu zeigen: N. tibialis auf der einen Seite und N. peronaeus auf der anderen Seite. Motorische Neurographie der Arme
Cave: Karpaltunnelsyndrom?
Cave: Sulcus-ulnaris-Syndrom?
Neurographie motorischer Nerven · Mitbeteiligung von proximalen Nervenabschnitten? · Untersuchung von späten Antworten wie F-Welle und/oder H-Reflex Elektromyographie Untersuchung der Skelettmuskulatur mit der Frage nach neurogenen Veränderungen:
Cave: Auch bei Gesunden sind in manchen Fällen positive scharfe Wellen, Faszikulationen und sehr selten auch Fibrillationspotenziale in der intrinsischen Fußmuskulatur nachweisbar.
Elektroneurographie und Elektromyographie werden ergänzt durch Methoden, die zusätzliche Informationen über die Beteiligung unterschiedlicher Faserklassen geben können:
Klinisch-chemische UntersuchungenBlut- und UrinuntersuchungenDie laborchemischen Untersuchungen sollten zunächst auf häufige und behandelbare Ursachen von Polyneuropathien gerichtet sein. Sind diese Befunde negativ bzw. erklären sie nicht das Ausmaß der PNP, so sollten je nach klinisch und elektrophysiologisch erarbeiteter Verdachtsdiagnose weitere Untersuchungen folgen (Tabellen 5–7). Laboruntersuchungen in der Differenzial-diagnose von PolyneuropathienGenetik Eine genetische Untersuchung kann bei positiver Familienanamnese für PNP oder bei typischen Zeichen einer hereditären PNP (Hohlfuß, Krallenzehen) sinnvoll sein und ist indiziert, wenn differenzialdiagnostisch der Verdacht auf andere Ursachen besteht, insbesondere entzündliche Formen der PNP. Bei demyelinisierender hereditärer PNP besteht hochgradiger Verdacht auf den Typ IA der HMSN- oder CMT-Erkrankung (CMT1A). Hierbei findet man eine 1,5Mb-Duplikation in Chromosom 17p112, welche das periphere Myelinprotein-22 (PMP22)-Gen enthält. Beim Phänotyp der „hereditären Neuropathie mit Neigung zu Druckparesen“, HNPP, findet man eine zu der CMT1A-Duplikation reziproke Deletion des PMP22-Gens. Diese beiden Untersuchungen sind relativ einfach durchzuführen und haben in die Routine Eingang gefunden. Bei axonalen Formen (HMSN II) kann auf Punktmutation im CJBI/Cx32-Gen oder im P0-Gen untersucht werden. Sonstige Zusatzuntersuchungen
Morphologische DiagnostikEine Nervenbiopsie ist dann indiziert, wenn bei hinreichend schwerer oder progredienter PNP die Diagnose mit weniger invasiven Mitteln nicht gestellt werden kann und sich aus der Diagnose eine Behandlungskonsequenz für den Patienten ergibt. Dies ist insbesondere der Fall bei Vaskulitiden (besonders der isolierten Vaskulitis des peripheren Nervs) wegen der erforderlichen Immunsuppression. Bei den hereditären Neuropathien ist die Biopsie mit dem Fortschritt der Genetik in den Hintergrund getreten, dies gilt bei entsprechender Familienanamnese auch für die Amyloidneuropathie (Lebertransplantation!). Möglicherweise kann der Nachweis von entzündlichen Infiltraten auch bei hereditären Neuropathien eine Behandlungskonsequenz haben, allerdings liegen hierzu noch nicht genügend Daten vor. Da es sich um einen invasiven und in der Regel nicht wiederholbaren Eingriff handelt, sollten Nervenbiopsien nur in ausgewiesenen Zentren durchgeführt und bearbeitet werden, wo unter Einhaltung standardisierter Methoden eine dem Eingriff angemessene diagnostische Ausbeute gewährleistet ist. In der Regel wird der N. suralis am Unterschenkel biopsiert. Bei der Frage nach Vaskulitis erbringt eine kombinierte Nerv-Muskel-Biopsie häufiger einen positiven Befund als die Nervenbiopsie allein. Eine faszikuläre Biopsie des N. suralis ist abzulehnen, da nur mittels einer kompletten Nervenbiopsie auch das Epineurium erfasst wird und die epineuralen Gefäße bei der Vaskulitis überwiegend betroffen sind. Zur adäquaten Aufarbeitung des Biopsiematerials gehört die Anfertigung von Gefrier- und Paraffinschnitten sowie die Kunstharzeinbettung für Semidünnschnitte und (in Einzelfällen) Elektronenmikroskopie. Die Immunhistochemie ist zur Darstellung von Makrophagen und T-Zellen erforderlich. Bei Verdacht auf entzündliche Genese wird die Anfertigung von Stufenschnitten des Nervs empfohlen, da sonst falsch-negative Befunde resultieren können. In Einzelfällen kann die Anfertigung von Zupfpräparaten (Frage nach segmentaler Demyelinisierung, CIDP) erforderlich sein. Spezielle Fragestellungen/Indikationen für eine Nervenbiopsie
Hinweis: Da in 2/5 der Fälle eine isolierte Nerven- oder Muskelbiopsie eine falsch-negative Vaskulitisdiagnose ergibt, ist bei dieser Fragestellung in der Regel eine kombinierte Nerven-/Muskelbiopsie indiziert.
Bei Verdacht auf „Small-fiber“-Neuropathie mit distalen Schmerzen und Sensibilitätsstörungen sowie unauffälliger Elektroneurographie (Untersuchung der markhaltigen Fasern) kann eine Stanzbiopsie der Haut hilfreich sein. Hier kann mittels immunhistochemischer Darstellung der epidermalen Innervation das Ausmaß des Verlusts an distalen Nervenendigungen bestimmt und somit die Diagnose einer Small-fiber-Neuropathie gesichert werden. Was ist zu tun, wenn ein Diabetes mellitus oder Alkoholmissbrauch als mögliche Ursache einer PNP vorliegen?Bei Vorliegen folgender Befunde sollte differenzialdiagnostisch bereits bei der ersten diagnostischen Abklärung an eine andere Ursache gedacht werden:
In allen anderen Fällen und bei subklinischer PNP ist eine Verlaufsbeobachtung der PNP und Behandlung der Grundkrankheit (Diabetes mellitus, Alkoholmissbrauch) sinnvoll. Nebenbefundlich diagnostizierte PNPBei Vorliegen einer nebenbefundlich diagnostizierten PNP richtet sich im höheren Lebensalter der Umfang der weiteren Diagnostik nach Ausmaß und Verlauf der klinischen Ausfälle und der Wahrscheinlichkeit einer zugrunde liegenden, für den Patienten bedrohlichen Erkrankung. Die häufigsten Ursachen (Diabetes mellitus, Alkoholmissbrauch) sollten immer abgeklärt werden. Polyneuropathie ungeklärter Ätiologie
Abbildung 1: Häufigkeitsverteilung der Ursachen bei 1195 Patienten mit einer Polyneuropathie (Angaben in %; nach Engelhardt 1994).
ExpertengruppeD. Heuss, Neurologische Klinik der Universität Erlangen C. Sommer, Neurologische Klinik der Universität Würzburg W. F. Haupt, Neurologische Klinik der Universität Köln B. Neundörfer, Neurologische Klinik der Universität Erlangen Federführend: Prof. Dr. med. D. Heuss, Neurologische Klinik mit Poliklinik der Universität Erlangen, Schwabachanlage 6, 91054 Erlangen, Tel.: 09131/8536939, Fax: 09131/8534844 e-mail: dieter.heuss@neuro.med.uni-erlangen.de Literatur1. Asbury, A., P. Thomas (1995): The clinical approach to neuropathy. In: Peripheral Nerve Disorders 2. Butterworth. Heinemann Ltd, Oxford,1–28. 2. Dyck, P. et al. (1993): Peripheral Neuropathy. 3rd ed. Saunders, Philadelphia. 3. Engelhardt, A. (1994): Vaskulitische Neuropathien. Theorie und Forschung Medizin. Roderer Verlag, Regensburg. 4. McDougall, A. J., J. G. McLeod (1996): Autonomic neuropathy. II: Specific peripheral neuropathies. J. Neurol. Sci. 138 (1–2), 1–13. 5. Mendell, J., J. Kissel, D. Cornblath (2001): Diagnosis and management of peripheral nerve disorders. Oxford University Press, Oxford. 6. Neundörfer, B. (1999): Einteilung und Klinik von Polyneuropathien. In: Neurologie in Klinik und Praxis, Hopf, H. C., H. C. Diener, H. Reichmann (eds.). Thieme, Stuttgart, 363–377. 1. Wilbourn, A. (2000): Multiple Mononeuropathies and Polyneuropathies. In: Comprehensive Clinical Neurophysiology, Levin, K., L. Ho (eds.). Saunders, Philadelphia, 215–233.
Die in den Leitlinien verwendeten Symbole haben folgende Bedeutung:
Empfehlungsstärken
Die Einstufung der Empfehlungsstärke kann neben der Evidenzstärke
die Größe des Effekts, die Abwägung von bekannten und möglichen
Risiken, Aufwand, Verhältnismäßigkeit, Wirtschaftlichkeit oder
ethische Gesichtspunkte berücksichtigen.
Die "Leitlinien" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie sind systematisch entwickelte Hilfen für Ärzte zur Entscheidungsfindung in spezifischen Situationen. Sie beruhen auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und in der Praxis bewährten Verfahren und sorgen für mehr Sicherheit in der Medizin, sollen aber auch ökonomische Aspekte berücksichtigen. Die "Leitlinien" sind für Ärzte rechtlich nicht bindend und haben daher weder haftungsbegründende noch haftungsbefreiende Wirkung. Wie jede Wissenschaft ist die Medizin ständigen Entwicklungen unterworfen.
Soweit in diesem Werk eine Dosierung oder eine Applikation erwähnt wird,
darf der Leser zwar darauf vertrauen, dass die Autoren große Sorgfalt
darauf verwandt haben, dass diese Angabe dem Wissensstand bei Fertigstellung
des Werkes entspricht. Geschützte Warennamen und Warenzeichen werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.
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