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Klassifikation:Was gibt es Neues?
Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick
Klassifikation und EpidemiologieEin schweres Schädelhirntrauma (SHT) liegt vor, wenn der initiale Glasgow Coma Scale (GCS) Score (Teasdale u. Jennet 1974) 8–3 beträgt bzw. die posttraumatische Bewusstlosigkeit länger als 24 Stunden anhält und/oder es zum Auftreten von Hirnstammzeichen kommt. Die Inzidenz des schweren SHT wird in Deutschland auf ca. 15–20 Patienten pro 100000 Einwohner pro Jahr geschätzt. Vorgehensweise und EvidenzenDiagnostik am Unfallort
PatiententransportPatienten mit einem schweren SHT und/oder primär offenen SHT sind mit notarztbesetzten Rettungsmitteln in ein Krankenhaus mit permanentem CT-Betrieb, Intensivstation und 24-stündigem neurochirurgischen Dienst mit entsprechender Operationsbereitschaft zu transportieren. SchockraumabklärungBei Aufnahme des Patienten sollten Blutbild, Gerinnungsstatus, Blutzucker, Serumelektrolyte, Leber- und Nierenfunktionsparameter, Kreatinkinase, Blutgase (arteriell), Blutalkoholspiegel, Urinstatus und Blutgruppenserologie bestimmt werden. Eine Ganzkörper- (Schädel, Hals mit Halswirbelsäule, Thorax, Abdomen, kleines Becken) Computertomographie (CT)-Untersuchung ist obligat. Stationäre WeiterversorgungPatienten mit einem schweren SHT müssen zur weiterführenden Therapie auf eine adäquate Intensivstation mit Möglichkeit zur Beatmung, invasiven Messung des arteriellen und zentralvenösen (ZVD) Drucks sowie des Hirndrucks (ICP) aufgenommen werden. Verfügbarkeit eines invasiven hämodynamischen Monitoring (Pulmonalarterienkatheter, PiCCO-System) ist von Vorteil. Im Einzelfall erforderliche Untersuchungen
Ziele und AnwendungsbereichDefinition der Ziele der LeitlinieZiel dieser Leitlinie ist eine Optimierung der neurologischen Intensivtherapie von Patienten mit einem schweren SHT. Die Leitlinie ist evidenzbasiert und eine Fortentwicklung der folgenden Leitlinien und Empfehlungen:
Definition des Anwendungsbereichs (Zielgruppe)Diese Leitlinie wendet sich überwiegend an Neurologen, Neurochirurgen, Anästhesisten, Unfallchirurgen und an Ärzte, die im Rettungsdienst tätig sind. Therapeutische PrinzipienPatienten mit einem schweren SHT sind nach ausreichender Analgosedierung und Relaxierung zu intubieren und kontrolliert zu beatmen. Bevorzugte Sedativa (Tabelle 1) für die Intubation sind Etomidat (Hypnomidate) 0,2–0,3 mg/kg i.v., Propofol (Disoprivan) 1–2,5 mg/kg i.v., Midazolam (Dormicum) 0,15–0,35 mg/kg i.v. oder Ketamin (Ketanest S) 0,5–1 mg/kg i.v. (Bourgoin et al. 2003). Als Analgetika (Tabelle 1) werden Morphin (MSI) 5–10 mg i.v. oder Fentanyl (Fentanyl) 0,05–0,2 mg i.v. eingesetzt (Citerio u. Cormio 2003) ( Eine Hypotension, definiert als systolischer Blutdruck unter 90 mm Hg, muss vermieden werden (Bullock et al. 2000, Maas et al. 2000) ( Eine Hypoxie, definiert als paO2 unter 60 mm Hg bzw. periphere Sauerstoffsättigung unter 90%, muss vermieden werden (frühzeitige Intubation; Bullock et al. 2000, Maas et al. 2000) ( HirndruckmonitoringIndikation zur Anlage einer ICP-Sonde (Bullock et al. 2000, Maas et al. 2000) ist ein pathologisches CT mit Nachweis eines Hämatoms, einer Kontusion, eines Hirnödems bzw. komprimierter basaler Zisternen. Die Anlage einer ICP-Sonde bei Patienten mit einem schweren SHT und unauffälligem CT ist auch dann indiziert, wenn zumindest zwei der folgenden Kriterien zutreffen:
Prinzipiell sollte die ICP-Sonde intraventrikulär platziert werden, da dann die Möglichkeit besteht, durch Ablassen von Liquor zumindest kurzfristig den ICP zu senken. Andere Messorte sind das Hirnparenchym, der Epidural-, Subdural- und Subarachnoidalraum (Kiefer u. Steudel 2002). Therapie bei HirndruckerhöhungEin ICP-Anstieg muss behandelt werden, falls die Hirndruckwerte länger als 5 Minuten über 20 mm Hg betragen. Primäres therapeutisches Ziel ist es, den CPP auf über 60 mm Hg zu halten (Bullock et al. 2000, Maas et al. 2000) (
Nach Ausschöpfen dieser Maßnahmen sind bei therapierefraktärer intrakranieller Hypertension folgende Behandlungsversuche zulässig:
Chirurgische Therapie
Therapie bei Duraverletzung (offenes SHT)
Spezielle IntensivtherapieInsgesamt empfiehlt sich zur ICP-Therapie der in Abbildung 1 dargestellte Behandlungsalgorithmus, der individuell auf die Bedürfnisse des entsprechenden Patienten zu adaptieren ist. Patienten mit einem schweren SHT haben einen hohen Kalorienbedarf, ab dem 1. Intensivtag sollte eine Ernährung (dabei möglichst frühzeitig enterale Ernährung) angestrebt werden, die 20–50% über dem Grundumsatz eines gleichgewichtigen Patienten liegt (Yanagawa et al. 2000) ( Unwirksame Therapien
Bezüglich der Behandlung von posttraumatischen epileptischen Anfällen in der Postakutphase bzw. Rehabilitationsphase nach einem SHT wird auf die Leitlinien „Erstmaliger epileptischer Anfall“, „Epilepsie im Erwachsenenalter“ und „Status epilepticus im Erwachsenenalter“ verwiesen. Verlauf und OutcomePrinzipiell kann der Patient von der Intensivstation entlassen werden, wenn er über einen längeren Zeitraum (zumindest 24 Stunden) keine Gefahr einer Hirndrucksteigerung mehr aufweist (radiologische Verlaufskontrolle, Hirndruckwerte · 20 mm Hg), keine Einschränkung der Bewusstseinslage vorliegt und der Patient hämodynamisch und respiratorisch stabil ist. Patienten mit einem schweren SHT zeigen insgesamt ein ungünstiges Outcome: 30–40% der Patienten versterben, 2–14% der Patienten überleben im posttraumatischen vegetativen Zustand (Kampfl et al. 1998), 10–30% der Patienten bleiben schwer und 17–20% mittelgradig behindert. Lediglich 7–27% der Patienten erholen sich gut. Bezüglich der Behandlung posttraumatischer Kopfschmerzen in der Postakutphase wird auf die Leitlinie „Leichtes Schädel-Hirn-Trauma“ verwiesen. Kooperationspartner und SponsorenDiese Leitlinie entstand ohne Einflussnahme oder Unterstützung durch die Industrie. ExpertengruppeR. Beer, Universitätsklinik für Neurologie Innsbruck, Österreich G. Franz, Universitätsklinik für Neurologie Innsbruck, Österreich W. F. Haupt, Klinik und Poliklinik für Neurologie Köln A. Kampfl, Abteilung für Neurologie, Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Ried, Österreich M. Keidel, Kliniken für Neurologie und Neurologische Rehabilitation, Bezirkskrankenhaus Bayreuth H. Reichmann, Klinik und Poliklinik für Neurologie Dresden A. Unterberg, Universitätsklinik für Neurochirurgie Heidelberg Federführend: Prim. Univ.-Prof. Dr. A. Kampfl, Abteilung für Neurologie, Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern, 4910 Ried, Österreich, Tel.: 0049–7752–602–84091 e-mail: andreas.kampfl@bhs.at AbkürzungsverzeichnisAVDO2 = arteriovenöse Sauerstoffdifferenz CPP = zerebraler Perfusionsdruck CT = Computertomographie EEG = Elektroenzephalographie GCS = Glasgow Coma Scale ICP = intrakranieller Druck („Hirndruck“) MAP = arterieller Mitteldruck MRT = Magnetresonanztomographie paCO2 = Kohlendioxidpartialdruck paO2 = Sauerstoffpartialdruck SAB = Subarachnoidalblutung SHT = Schädel-Hirn-Trauma SjO2 = jugularvenöse Sauerstoffsättigung ZVD = zentralvenöser Druck
Literatur1. Albanese, J., M. Leone, J. R. Alliez, J. M. Kaya, F. Antonini, B. Alliez, C. Martin (2003): Decompressive craniectomy for severe traumatic brain injury: Evaluation of the effects at one year. Crit. Care Med. 31, 2535–2538. 2. Bourgoin, A., J. Albanese, N. Wereszczynski et al. (2003): Safety of sedation with ketamine in severe head injury patients: comparison with sufentanil. Crit. Care Med. 31, 711–777. 3. Bullock, R. M., R. M. Chesnut, G. L. Clifton et al. (2000): Guidelines for the management of severe traumatic brain injury. J. Neurotrauma 17, 448–628. 4. Citerio, G., M. Cormio (2003): Sedation in neurointensive care: advances in understanding and practice. Curr. Opin. Crit. Care 9, 120–126. 5. Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie (1997): Leitlinien zur Primärversorgung von Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma. Anaesth. Intensivmed. 38, 89–93. 6. Hammoud, D. A., B. A. Wasserman (2002): Diffuse axonal injuries: pathophysiology and imaging. Neuroimaging Clin. N. Am. 12, 205–216. 7. Hauser, A. W., A. Pavone (2003): Posttraumatic epilepsy. Epilepsia 44 (Suppl. 10), 1–39. 8. Hutchinson, P. J., P. J. Kirkpatrick (2004): Decompressive craniectomy in head injury. Curr. Opin. Crit. Care 10, 101–104. 9. Juul, N., G. F. Morris, S. B. Marshall, L. F. Marshall (2000): Neuromuscular blocking agents in neurointensive care. Acta Neurochir. Suppl. 76, 467–470. 10. Kampfl, A., E. Schmutzhard, G. Franz et al. (1998): Prediction of recovery from post-traumatic vegetative state with cerebral magnetic-resonance imaging. Lancet 351, 1763–1767. 11. Kampfl, A., E. Schmutzhard (2003): Schädel-Hirn-Trauma. In: Brandt, T., J. Dichgans, H. C. Diener (Hrsg), Therapie und Verlauf neurologischer Erkrankungen, 4. Auflage. Kohlhammer, Stuttgart, 703–721. 12. Kiefer, M., W. I. Steudel (2002): Modern intracranial pressure measurement techniques. Basic principles and general practice. Unfallchirurg 105, 578–586. 13. Maas, A. I., M. Dearden, G. M. Teasdale et al. (1997): EBIC-guidelines for the management of severe head injury in adults – European Brain Injury Consortium. Acta Neurochir. 139, 286–294. 14. Maas, A. I., M. Dearden, F. Servadei, N. Stocchetti, A. Unterberg (2000): Current recommendations for neurotrauma. Curr. Opin. Crit. Care 6, 281–292. 15. Marion, D. W. (ed.; 1997): Traumatic brain injury. Thieme, New York. 16. Miller, L. P., R. L. Hayes (eds.; 2001): Head Trauma: Basic, preclinical and clinical directions. Wiley Liss, New York. 17. Qureshi, A. I., J. I. Suarez (2000): Use of hypertonic saline solutions in treatment of cerebral edema and intracranial hypertension. Crit. Care Med. 28, 3301–3313. 18. Roberts, I., D. Yates, P. Sandercock et al. (2004): Effect of intravenous corticosteroids on death within 14 days in 10008 adults with clinically significant head injury (MRC CRASH trial): randomised placebo-controlled trial. Lancet 364,1321–1328. 19. Schierhout, G., I. Roberts (1997): Prophylactic anti-epileptic agents following acute brain injury. Cochrane Libr. 4, 1–9. 20. Steiner, L. A., A. J. Johnston, M. Czosnyka et al. (2004): Direct comparison of cerebrovascular effects of norepinephrine and dopamine in head-injured patients. Crit. Care Med. 32, 1049–1054. 21. Teasdale, G. M., B. Jennet (1974): Assessment of coma and impaired consciousness. A practical scale. Lancet 2, 81–84. 22. Xiao, F. (2002): Bench to bedside: brain edema and cerebral resuscitation: the present and future. Acad. Emerg. Med. 9, 933–946. 23. Yanagawa, T., F. Bunn, I. Roberts et al. (2000): Nutritional support for head-injured patients. Cochrane Database Syst. Rev. CD001530. 24. York, J., A. Arrillaga, R. Graham, R. Miller (2000): Fluid resuscitation of patients with multiple injuries and severe closed head injury: experience with an aggressive fluid resuscitation strategy. J. Trauma 48, 376–379.
Die in den Leitlinien verwendeten Symbole haben folgende Bedeutung:
Empfehlungsstärken
Die Einstufung der Empfehlungsstärke kann neben der Evidenzstärke
die Größe des Effekts, die Abwägung von bekannten und möglichen
Risiken, Aufwand, Verhältnismäßigkeit, Wirtschaftlichkeit oder
ethische Gesichtspunkte berücksichtigen.
Die "Leitlinien" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie sind systematisch entwickelte Hilfen für Ärzte zur Entscheidungsfindung in spezifischen Situationen. Sie beruhen auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und in der Praxis bewährten Verfahren und sorgen für mehr Sicherheit in der Medizin, sollen aber auch ökonomische Aspekte berücksichtigen. Die "Leitlinien" sind für Ärzte rechtlich nicht bindend und haben daher weder haftungsbegründende noch haftungsbefreiende Wirkung. Wie jede Wissenschaft ist die Medizin ständigen Entwicklungen unterworfen.
Soweit in diesem Werk eine Dosierung oder eine Applikation erwähnt wird,
darf der Leser zwar darauf vertrauen, dass die Autoren große Sorgfalt
darauf verwandt haben, dass diese Angabe dem Wissensstand bei Fertigstellung
des Werkes entspricht. Geschützte Warennamen und Warenzeichen werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.
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