![]() |
![]() |
|||||||||||||||||||||||||||||
|
|
||||||||||||||||||||||||||||||
|
Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick
DefinitionDas Stiff-man-Syndrom ist klinisch charakterisiert durch massive rigide Steigerung des Muskeltonus mit schmerzhaft einschießenden Spasmen, episodische adrenerge autonome Dysregulation und agoraphobische Angststörung. Die Muskeldehnungsreflexe können gesteigert sein, weitere neurologische Symptome fehlen. Beschränkung der Hauptsymptome auf eine Gliedmaße (Stiff-limb-Syndrom, SLS) kommt als „Minusvariante“ vor. Bei der „Plusvariante“ des SMS (progressive Enzephalomyelitis mit Rigidität und Myoklonien, PERM) treten (u. U. nur flüchtige) neurologische Symptome (z. B. Augenbewegungsstörungen, Pyramidenbahnzeichen, Ataxie, Paresen) hinzu. Der Nachweis von Autoantikörpern gegen Glutamat-Dekarboxylase (GAD) mit intrathekaler Antikörperproduktion bei ca. 70% der Patienten und assoziierte Autoimmunerkrankungen bei ca. 50% (vor allem Typ 1 Diabetes mellitus, Autoimmunhyperthyreose) sind Argumente für eine immunologische Genese. KlinikErkrankungsalter13–81 Jahre (Mittel 45 Jahre) Spontanverlauf und -prognoseSchleichende Progression über Monate, nachfolgend Stabilität oft über Jahrzehnte, selten auch schubförmige Verschlechterung (vor allem bei der Plusvariante PERM). Im Krankheitsverlauf können neue neurologische Symptome hinzukommen (z. B. Augenbewegungsstörungen, Pyramidenbahnzeichen, Ataxie, Paresen). Spontanheilungen sind selten. Rigidität und Spasmen (regelmäßig)Meist symmetrisch, bevorzugt in der Rumpf- und rumpfnahen Muskulatur der unteren Körperhälfte, gelegentlich auch in den Füßen, selten in den Armen und Händen Cave: Beginn in den Armen häufig beim paraneoplastischen SMS!
Rigidität und Spasmen provozierbar durch fremdreflektorische Stimulation (z. B. Berührung, Schmerz, Kältespray). Gangstörung, paroxysmale StürzeBizarres, änstlich-protektives und/oder steifbeiniges Gangmuster, welches sich bei erhöhter Anforderung (Eile, treppab gehen) verschlechtert und bei geringster Unterstützung deutlich bessert. Stürze bei erhaltenem Bewusstsein ohne Abfangreaktion mit erheblicher Verletzungsgefahr. SkelettdeformitätenFixierte Hyperlordose, Ankylosen, Subluxationen, Spontanfrakturen Angstattacken Beim freien Gehen bzw. auf freien Flächen („task-specific phobia“), oft von Spasmen begleitet. Gesteigerte SchreckreaktionenAuf banale Außenreize (Telefonklingel, Berührung), Induktion von Spasmen ReflexauffälligkeitenGesteigerte Eigenreflexe, Verlust der Bauchhautreflexe, lebhafter Kopfretraktionsreflex Autonome DysregulationProfuses Schwitzen, Tachykardie, Mydriasis, arterielle Hypertension, Tachypnoe, oft von Spasmen begleitet. Assoziation mit AutoimmunendokrinopathienTyp 1 Diabetes mellitus, Autoimmunthyreoiditis, Immunhyperthyreose, B12-Hypovitaminose Fehldiagnose KonversionsneuroseBizarre, ängstlich-protektive Gangmuster, gesteigerte Schreckreaktionen, Angst- und Spasmusattacken bei motorischer oder emotionaler Belastung KomplikationenLebensbedrohliche autonome Entgleisungen, insbesondere bei Medikamentenentzug (vor allem Benzodiazepine) UntersuchungenNotwendigWiederholte körperliche Untersuchung Gegebenenfalls unter Medikamentenkarenz, da syndromale Veränderungen im Verlauf vorkommen (SLS · SMS · PERM). EMG Ununterdrückbare und anhaltende Aktivität normaler motorischer Einheiten mit niedriger Frequenz (unspezifischer Befund bei verschiedenen Erkrankungen mit Rigidität). Elektrostimulation beliebiger Nerven evoziert generalisierte Spasmen mit kurzer Latenz (50–80 ms) und initial hypersynchroner Aktivität simultan in antagonistischen Muskelpaaren (myoklonischer Reflexspasmus), die in tonisch-desynchronisierte EMG-Aktivität übergeht (charakteristischer Befund). Fehlende Ausprägung der S2-Komponente des Masseter-Hemmungsreflexes (bei ca. 30%) Autoantikörper gegen GAD Positiv bei 60–80% der Patienten mit SMS/SLS/PERM. Der Nachweis von GAD-Autoantikörpern im Serum ist diagnostisch hilfreich, aber weder Voraussetzung der Diagnose noch spezifisch für das SMS und seine Varianten! Diagnostisch wertvoller ist der Nachweis der intrathekalen Produktion von GAD-Antikörpern. Sensitivster und spezifischer Nachweis der GAD-Antikörper mit RIA Autoantikörperstatus Antikörper gegen Thyreoperoxidase (TPO) bzw. mikrosomale Schilddrüsenantikörper (MAK), TSH-Rezeptor-Antikörper, Parietalzellantikörper Liquor Oligoklonale Banden oder autochthone IgG-Vermehrung bei 60%, seltener milde lymphozytäre Pleozytose. Intrathekale Produktion von GAD-Antikörpern. Im Einzelfall erforderlichPatienten mit GAD-Autoantikörpern Halbjährliche internistische Diagnostik (vor allem Ausschluss eines Diabetes mellitus, einer Hyper- oder Hypothyreose und einer B12-Hypovitaminose) SMS-Patienten mit kurzer Anamnese (< 5 Jahre) und Patienten mit PERM Malignom-Screening (vor allem Lunge, Mammae), Amphiphysin-1-Autoantikörper (paraneoplastisches SMS) DifferenzialdiagnosePsychogene BewegungsstörungFehlende Rigidität in der Untersuchungssituation, ausgeprägte Anstrengung, polymorphe Bewegungsstörung, fehlende Besserung durch geringe Unterstützung, Negierung emotionaler Beeinflussbarkeit Primär schmerzbedingter MuskelhartspannAusgeprägtes Schmerzvermeidungsverhalten (kommt gelegentlich auch beim SMS vor!), fehlende fremdreflektorische Steigerung des Muskeltonus, keine Spasmen Syndrome mit zentraler oder peripherer Übererregbarkeit
Intraspinale ProzesseTumor, Durafistel, chronische Myelitis (klinisch: Pyramidenbahnzeichen, Sensibilitätsstörungen; motorisch und somatosensibel evozierte Potenziale; path. Liquor; MRT-Veränderungen) Axiale DystonieDystonie meist nur im Stehen, nicht im Liegen und Sitzen; klinisch und elektrophysiologisch fehlende Reflexanomalien; geringe emotionale Beeinflussbarkeit Paraneoplastische MyelopathieInsbesondere bei Mamma- oder SCL-Ca, Lymphom; Autoantikörper gegen Hu-, Ma-, Ri-Antigene Paraneoplastisches SMSKlinisch häufig mit Beteiligung der Arme. Insbesondere bei Mamma- oder Bronchial-Ca; Labor: Autoantikörper gegen GAD und/oder Amphiphysin I Empfehlung: Tumorsuche bei Erkrankungsdauer < 5 Jahre – unabhängig vom Nachweis von GAD-Autoantikörpern TherapieImmunotherapie
Empfehlung: Bei Einleitung einer immunmodulierenden Therapie sollte die Medikation zur symptomatischen Therapie zunächst strikt konstant gehalten werden, damit die Wirkung der Immunomodulation beurteilbar ist. Bei Besserung der Symptomatik kann die Dosierung der symptomatischen Therapie dem sinkenden Bedarf allmählich angepasst werden. Symptomatische Therapie
Cave: Gravierende (u. U. letale!) Komplikationen bei Unterbrechung der Baclofenzufuhr (schwerste Entzugssyndrome)
ExpertengruppeProf. Dr. P. Henningsen, Psychosomatische Universitätsklinik Heidelberg Prof. Dr. T. Klockgether, Neurologische Universitätsklinik Bonn Prof. Dr. H.-M. Meinck, Neurologische Universitätsklinik Heidelberg Prof. Dr. W. Scherbaum, Deutsche Diabetes-Klinik Düsseldorf Prof. Dr. H. Topka, Neurologische Klinik, Städt. Klinikum Bogenhausen, München Prof. Dr. P. Vieregge, Neurologische Klinik, Städt. Klinikum Lemgo Federführend: Prof. Dr. H.-M. Meinck, Neurologische Universitätsklinik Heidelberg, Im Neuenheimerfeld 400, 69120 Heidelberg, Tel.: 06221–56 75 07, Fax: 06221–56 17 72 e-mail: hans-michael_meinck@med.uni-heidelberg.de SelbsthilfegruppeStiff-man-Syndrom Gesellschaft Deutschland e.V. c/o August Schreiber Bergstrasse 5 63589 Linsengericht 1 Telefon 06051 - 91 44 97 Telefax 06051 - 91 44 98 Literatur1. Bardutzky, J., V. Tronnier, S. Schwab, H. M. Meinck (2003): Intrathecal baclofen for stiff-person syndrome: Life-threatening intermittent catheter leakage. Neurology 60, 1976–1978. 2. Barker, R., T. Revesz, M. Thom, C. Marsden, P. Brown (1998): Review of 23 patients affected by the stiff man syndrome: clinical subdivision into stiff trunk (man) syndrome, stiff limb syndrome, and progressive encephalomyelitis with rigidity. J. Neurol. Neurosurg. Psychiatry 65, 633–640. 3. Dalakas, M., M. Fujii, M. Li, B. McElroy (2000): The clinical spectrum of anti-GAD antibody-positive patients with stiff-person syndrome. Neurology 55, 1531–1535. 4. Dalakas, M., M. Fujii, M. Li, B. Lutfi, J. Kyhos, B. McElroy (2001): High-dose intravenous immune globulin for stiff person syndrome. N. Engl. J. Med. 345, 1870–1876. 5. Henningsen, P., H.-M. Meinck (2003): Specific phobia is a frequent non-motor feature in stiff man syndrome. J. Neurol. Neurosurg. Psychiatry 74, 462–465. 6. Meinck, H.-M., P. Thompson (2002): Stiff man syndrome and related conditions. Movement Disorders 17, 853–866.
Die in den Leitlinien verwendeten Symbole haben folgende Bedeutung:
Empfehlungsstärken
Die Einstufung der Empfehlungsstärke kann neben der Evidenzstärke
die Größe des Effekts, die Abwägung von bekannten und möglichen
Risiken, Aufwand, Verhältnismäßigkeit, Wirtschaftlichkeit oder
ethische Gesichtspunkte berücksichtigen.
Die "Leitlinien" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie sind systematisch entwickelte Hilfen für Ärzte zur Entscheidungsfindung in spezifischen Situationen. Sie beruhen auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und in der Praxis bewährten Verfahren und sorgen für mehr Sicherheit in der Medizin, sollen aber auch ökonomische Aspekte berücksichtigen. Die "Leitlinien" sind für Ärzte rechtlich nicht bindend und haben daher weder haftungsbegründende noch haftungsbefreiende Wirkung. Wie jede Wissenschaft ist die Medizin ständigen Entwicklungen unterworfen.
Soweit in diesem Werk eine Dosierung oder eine Applikation erwähnt wird,
darf der Leser zwar darauf vertrauen, dass die Autoren große Sorgfalt
darauf verwandt haben, dass diese Angabe dem Wissensstand bei Fertigstellung
des Werkes entspricht. Geschützte Warennamen und Warenzeichen werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.
|
|
||||||||||||||||||||||||||||