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Was gibt es Neues?
Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick
Definition und KlinikTics sind kurz dauernde, abrupt einsetzende, nichtrhythmische, in Art, Intensität, Häufigkeit und Lokalisation über die Zeit wechselnd auftretende, unwillkürliche, kurzzeitig unterdrückbare Bewegungen (motorische Tics), die nicht zweckgebunden sind (Pringsheim et al. 2003). Im Schlaf kommen Tics selten vor. Sind pharyngeale, laryngeale oder orale Muskelabschnitte betroffen, kann es zu Lautäußerungen kommen (vokale Tics). Zu unterscheiden sind einfache Tics, die einzelne Muskelgruppen betreffen (Naserümpfen, Blinzeln, Schulterzucken, Räuspern etc.), von komplexen Tics mit Beteiligung mehrerer Muskelgruppen und Auftreten scheinbar sinnvoller Bewegungsabläufe (z. B. Rumpfbeugen, Fingergesten). Im Gegensatz zu anderen hyperkinetischen Bewegungsstörungen geht Tics häufig ein sensomotorisches Phänomen (z. B. Muskelanspannung, Kribbelgefühl, innerer Drang) voraus (Kwak et al. 2003, Banaschewski et al. 2003). Patienten sind meist in der Lage, unwillkürliche Bewegungen zumindest für eine gewisse Zeit zu unterdrücken. Bei fast allen erwachsenen Patienten sind Tics bereits im Kindesalter zumindest zeitweilig aufgetreten. Das erstmalige Auftreten im Erwachsenenalter ist sehr selten. Die Diagnose wird aufgrund des typischen klinischen Bildes gestellt. Computer- oder MR-Tomographie sind in der Regel wie Laboruntersuchungen nicht wegweisend. Als Tourette-Syndrom (auch Gilles-de-la-Tourette-Syndrom) wird eine Erkrankung bezeichnet, bei der multiple motorische und vokale Tics bestehen, die bereits in Kindheit oder jungem Erwachsenenalter beginnen (nach DSM IV vor dem 18. Lebensjahr) und länger als ein Jahr persistieren. Häufig ist das Tourette-Syndrom von Zwangssymptomen und einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) begleitet, die den Grad der psychosozialen Beeinträchtigung wesentlich mitbestimmen. Neben den genannten Kriterien wird nach der DSM-IV-Klassifikation für die Diagnose des Tourette-Syndroms der Ausschluss einer symptomatischen Genese der Tics gefordert. Etwa 10% der Tourette-Patienten leiden auch unter einem Restless-legs-Syndrom. Eine familiäre Häufung ist bekannt, der genetische Hintergrund ist aber noch nicht aufgeklärt. Als Kandidat gilt Chromosom 17 (Paschou et al. 2004), vermutlich existieren aber mehrere Suszeptibilitätsallele. VerlaufFür therapeutische Entscheidungen ist die Unterscheidung transienter (verschwinden innerhalb eines Jahres vollständig) von chronischen Tic-Erkrankungen von Bedeutung. Die überwiegende Mehrzahl kindlicher Tics ist transient und bedarf keiner medikamentösen Therapie. Das Wiederauftreten im Erwachsenenalter ist aber möglich. Patienten mit einem Tourette-Syndrom weisen in der Regel bereits in der Kindheit Tics auf. Eine Besserung ist während oder nach der Adoleszenz möglich (Pappert et al. 2003, Leckman 2002). Ätiologie und PathophysiologieIn den meisten Fällen bleibt die Ätiologie unklar (primäre, idiopathische Tics). Pathophysiologisch wird eine Störung im Bereich kortikostriataler-thalamisch-kortikaler Verbindungen angenommen. Ein EEG-Bereitschaftspotenzial vor einfachen Tics kann im Gegensatz zu Willkürbewegungen fehlen. Eine Beteiligung der Basalganglien ist wahrscheinlich. SPECT-Untersuchungen weisen auf eine pathologische Dopamin-Transporter-Bindung in Kaudatum und Putamen hin. Studien mit transkranieller Magnetstimulation deuten auf eine erhöhte Exzitabilität des gesamten motorischen Regelkreises bei Patienten mit Tics (Berardelli et al. 2003, Ziemann et al. 1997, Moll et al. 2001). Sekundäre TicsSehr selten treten Tics als sekundäre Erkrankung auf. In Betracht kommen medikamentös induzierte, postenzephalitische oder posttraumatische Tics. Gelegentlich finden sich Tics auch nach Kohlenmonoxydvergiftungen, Tumoren oder bei der Neuroakanthozytose. Wichtig ist, an die Möglichkeit medikamentös induzierter Tics zu denken. Insbesondere bei Kindern kann die antiepileptische Therapie mit Lamotrigin (Sotero de Menezes et al. 2000) oder Carbamazepin (Robertson et al. 1993) zum Auftreten von Tics führen. Als Hinweis auf eine entzündliche Genese lassen sich sehr selten antineuronale Antikörper (nach Streptokokken-Infektion), insbesondere Serumantikörper gegen Basalganglien (ABGA) nachweisen (Edwards et al. 2004). Die pathogenetische Bedeutung der Antikörper ist aber noch nicht ausreichend geklärt, so dass zumindest bei Kindern von einer routinemäßigen serologischen Untersuchung von Tic-Patienten oder gar einer antimikrobiellen Therapie abgeraten wird. Inwieweit die genannten Antikörper bei Erwachsenen von Bedeutung sind, ist gegenwärtig ebenfalls unklar. UntersuchungenNotwendig:
Im Einzelfall erforderlich (vorrangig wegen der Differenzialdiagnose):
TherapieDiese Therapie ist abhängig von der psychosozialen Beeinträchtigung (Roessner et al. 2004). Primäre Formen
Medikamentöse Therapie in der Regel nur bei chronischen Tics (Dauer > 1 Jahr) (B), Therapieempfehlungen basieren zumeist auf offenen oder randomisierten Studien mit geringer Patientenzahl. Eine eindeutige Therapieempfehlung lässt sich aus den verfügbaren Daten nicht ableiten, insbesondere direkte Vergleiche der einzelnen Substanzen fehlen weitgehend. Risperidon scheint gleich wirksam wie Pimozid, weist aber ein günstigeres Nebenwirkungsprofil auf (
Cave: Kombination mit Makroliden kann zu fataler QT-Verlängerung führen.
Erfolge wurden in kleinen offenen Studien auch für Ropinirol berichtet. In Einzelfällen ist eine Besserung von Tics und Verhaltensauffälligkeiten nach tiefer Hirnstimulation (bithalamisch) beschrieben. Stimulantien, die zur Behandlung eines Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndroms (ADHS) gegeben werden, scheinen Intensität und Häufigkeit von Tics nicht zu verschlechtern. Stehen beim Tourette-Syndrom die Zwangssymptome im Vordergrund, kommen selektive Serotonin-Reuptake-Hemmer in Betracht. Bei einzelnen Patienten kann auch eine Therapie mit lokaler Injektion von Botulinumtoxin erwogen werden (B). Die Injektionstherapie vermindert die Häufigkeit und Intensität der Tics, scheint aber subjektiv zu keiner wesentlichen Besserung zu führen. Sekundäre FormenBehandlung der Grundkrankheit (A) Bei Patienten mit gesicherten Post-Streptokokken-Erkrankungen wurde eine Besserung der Tics durch die Gabe intravenöser Immunglobuline (IV IgG) beobachtet. In einer kontrollierten Studie mit unselektiertem Patientengut hat sich diese Therapie aber wirkungslos gezeigt ( Ambulant/stationär
Verfahren zur KonsensbildungKorrigiert durch die Kommission Leitlinien der DGN und den Vorstand der DGN. Endgültig verabschiedet August 2005. Kooperationspartner und Sponsoren Diese Leitlinie entstand ohne Einflussnahme oder Unterstützung durch die Industrie. Die Kosten wurden von der DGN getragen. Erklärung der Unabhängigkeit und Darlegung der Sponsoren. Mögliche Interessenkonflikte sind in einer zentralen Datei der Webpage der Deutschen Gesellschaft für Neurologie www.dgn.org abzurufen. ExpertengruppeH. Topka, Neurologie und Klinische Neurophysiologie, Krankenhaus München Bogenhausen H.-M. Meinck, Neurologische Universitätsklinik Heidelberg A. Rothenberger, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Universität Göttingen K. Wehrhahn,Neurologische Universitätsklinik Mainz Federführend: Prof. Dr. H. Topka, Abt. für Neurologie und Klinische Neurophysiologie, Städt. Klinikum München GmbH, Krankenhaus München Bogenhausen, Englschalkinger Str. 77, 81925 München e-mail: topka@extern.lrz-muenchen.de Literatur1. Banaschewski, T., W. Woerner, A. Rothenberger (2003): Premonitory sensory phenomena and suppressibility of tics in Tourette Syndrome – developmental aspects in children. Developmental Medicine and Child Neurology 45, 700–703. 2. Berardelli, A., A. Curra, G. Fabbrini, F. Gilio, M. Manfredi (2003): Pathophysiology of tics and Tourette syndrome. J. Neurol. 250, 781–787. 3. Bruggeman, R., C. van der Linden, J. K. Buitelaar, G. S. Gericke, S. M. Hawkridge, J. A. Temlett (2001): Risperidone versus pimozide in Tourette’s disorder: a comparative double-blind parallel-group study. J. Clin. Psychiatry 62, 50–56. 4. Edwards, M. J., E. Trikouli, D. Martino, M. Bozi, R. C. Dale, A. J. Church, A. Schrag, A. J. Lees, N. P. Quinn, G. Giovannoni, K. P. Bhatia (2004): Anti-basal ganglia antibodies in patients with atypical dystonia and tics: a prospective study. Neurology 63, 156–158. 5. Kwak, C., K. Dat Vuong, J. Jankovic (2003): Premonitory sensory phenomenon in Tourette's syndrome. Mov. Disord. 18, 1530–1533. 6. Leckman, J. F.(2002): „Tourette's syndrome.“ Lancet 360 (9345), 1577–1586. 7. Moll, G. H., H. Heinrich, G. E. Trott, S. Wirth, N. Bock, A. Rothenberger (2001): Children with comorbid attention-deficit hyperactivity disorder and tic disorder: evidence for additive inhibitory deficits within the motor system. Annals of Neurology 49, 393–396. 8. Pappert, E. J., C. G. Goetz, E. D. Louis, L. Blasucci, S. Leurgans (2003): Objective assessments of longitudinal outcome in Gilles de la Tourette's syndrome. Neurology 61, 936–940. 9. Paschou, P., Y. Feng, A. J. Pakstis, W. C. Speed, M. M. DeMille, J. R. Kidd, B. Jaghori, R. Kurlan, D. L. Pauls, P. Sandor, C. L. Barr, K. K. Kidd (2004): Indications of linkage and association of Gilles de la Tourette syndrome in two independent family samples: 17q25 is a putative susceptibility region. Am. J. Hum. Genet. 75, 545–560. 10. Pringsheim, T., W. J. Davenport, A. Lang (2003): Tics. Curr. Opin. Neurol. 16, 523–527. 11. Robertson, P. L., E. A. Garofalo, F. S. Silverstein, M. A. Komarynski (1993): Carbamazepine-induced tics. Epilepsia 34, 965–968. 12. Roessner, V., T. Banaschewski, A. Rothenberger (2004): Therapie der Tic-Störungen. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie 4, 245–263. 13. Sotero de Menezes, M. A., J. M. Tho, P. Murphy, S. Cheyette (2000): Lamotrigine-induced tic disorder: report of five pediattric cases. Epilepsia 41, 862–867. 14. Ziemann, U., W. Paulus, A. Rothenberger (1997): Decreased motor inhibition in Tourette’s disorder: Evidence from transcranial magnetic stimulation. American Journal of Psychiatry 154, 1277–1284.
Die in den Leitlinien verwendeten Symbole haben folgende Bedeutung:
Empfehlungsstärken
Die Einstufung der Empfehlungsstärke kann neben der Evidenzstärke
die Größe des Effekts, die Abwägung von bekannten und möglichen
Risiken, Aufwand, Verhältnismäßigkeit, Wirtschaftlichkeit oder
ethische Gesichtspunkte berücksichtigen.
Die "Leitlinien" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie sind systematisch entwickelte Hilfen für Ärzte zur Entscheidungsfindung in spezifischen Situationen. Sie beruhen auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und in der Praxis bewährten Verfahren und sorgen für mehr Sicherheit in der Medizin, sollen aber auch ökonomische Aspekte berücksichtigen. Die "Leitlinien" sind für Ärzte rechtlich nicht bindend und haben daher weder haftungsbegründende noch haftungsbefreiende Wirkung. Wie jede Wissenschaft ist die Medizin ständigen Entwicklungen unterworfen.
Soweit in diesem Werk eine Dosierung oder eine Applikation erwähnt wird,
darf der Leser zwar darauf vertrauen, dass die Autoren große Sorgfalt
darauf verwandt haben, dass diese Angabe dem Wissensstand bei Fertigstellung
des Werkes entspricht. Geschützte Warennamen und Warenzeichen werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.
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