![]() |
![]() |
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
Was gibt es Neues?
Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick
VorbemerkungDie Labormethoden zur diagnostischen Aufdeckung von Krankheiten, die den Muskel betreffen oder ihn zumindest beteiligen, reichen von einfach durchzuführenden, aber relativ unspezifischen Laboruntersuchungen bis zu arbeitsaufwendigen Verfahren, die nicht selten nur Speziallaboratorien vorbehalten bleiben. Dabei kommt nach wie vor der feingeweblichen Untersuchung eines Biopsats große Bedeutung zu. Eine genaue klinische Untersuchung und die exakte Bewertung der Symptome weist häufig die Richtung, in die der weitere diagnostische Weg zu führen hat. Strategien zur Differenzierung angeborener und erworbener MyopathienWenn in der Eigenanamnese die Symptome Muskelschwäche und Muskelatrophie im Vordergrund stehen, bedürfen sie einer eingehenden, durch gezielte Befragung ergänzten Analyse. Vor allem bei Muskelschwäche sind genaue Angaben über
der Grundstein für die richtige Diagnose. AnamneseDie zeitliche Zuordnung von Muskelatrophien, die dem Patienten auffallen, zur entsprechenden Muskelschwäche ist von vorrangiger Bedeutung. Fakultative Zusatzsymptome, obenan der Muskelschmerz, bedürfen einer ähnlich eingehenden anamnestischen Eingrenzung. Nur der muskelkaterähnliche, tief im Inneren der großen Extremitätenmuskeln empfundene Schmerz kann als Charakteristikum einer Myopathie gelten. Die viel häufigeren schmerzhaften Muskelverspannungen mit sog. Triggerpoints beim myofaszialen Schmerzsyndrom sind streng abzugrenzen von Muskelschmerzen bei Myopathien. Verlaufsbesonderheiten des Muskelschmerzes, vor allem die Frage seiner Abhängigkeit von Muskelarbeit, sind zu analysieren. Weiterhin ist nach Muskelzuckungen als Hinweis auf Faszikulationen und nach Muskelkrämpfen zu fragen. Eine große Zahl neuromuskulärer Erkrankungen ist hereditär. Generell sollte bei der Familienanamnese versucht werden, von mindestens zwei Generationen in der Aszendenz detaillierte Angaben zu erhalten, wobei die Frage nach einer möglichen Konsanguinität wichtig ist. Weiterhin ist in Kenntnis der Tatsache, dass speziell autosomal dominante Erkrankungen ein sehr variantenreiches Erscheinungsbild zeigen können, nach subtilen Symptomen zu fragen; man sollte sich alte Fotographien zeigen lassen und ggf. auch von der Möglichkeit Gebrauch machen, erreichbare Familienangehörige selbst zu untersuchen. Die Einstufung eines Krankheitsbildes als sporadischen Fall einer hereditären Erkrankung kann erst nach Ausschöpfung all dieser Bemühungen erfolgen. LeitsymptomeHauptbefund Muskelschwäche Die bei Muskelkrankheiten oft ganz im Vordergrund stehende Angabe der Muskelschwäche ist ein zunächst vieldeutiges Symptom, welches im Wesentlichen von dissoziativen Störungen auf der einen und einer sog. Allgemeinsymptomatik bei internistischen Erkrankungen auf der anderen Seite abgegrenzt werden muss. Neben weiteren Zusatzsymptomen hilft die Lokalisation der angegebenen Schwäche bei den differenzialdiagnostischen Überlegungen. Myopathien lassen in der Mehrzahl der Fälle eine Bevorzugung der proximalen Extremitätenmuskulatur, meist unter Einschluss des Rumpfes, gelegentlich auch des Gesichts erkennen. Bei Erkrankungen des peripheren Nervensystems stehen dagegen häufig distale Muskelgruppen im Vordergrund. Generell zu differenzieren ist zwischen einer dauerhaften Muskelschwäche, welche sich bei Anstrengungen meist verstärkt, und einer episodisch auftretenden Symptomatik. Hauptbefund Muskelatrophie Entscheidende differenzialdiagnostische Bedeutung kommt der Frage zu, ob und, wenn ja, in welchem Grad die klinisch schwachen Muskeln auch atrophisch sind. Hier muss allerdings einschränkend immer bedacht werden, dass subkutanes Fettgewebe sichtbare Atrophien kaschieren kann. Dies ist jedoch im Regelfall durch eine sorgfältige Palpation aufzudecken. Klinische Differenzialdiagnose neuromuskulärer SystemerkrankungenMotorisches Kardinalsymptom aller neuromuskulären Erkrankungen ist eine schlaffe, mit Muskelatrophien einhergehende Parese. Diese findet sich sowohl bei Schädigungen des peripheren Nervensystems als auch der Muskulatur. Ausnahmen stellen lediglich die Erkrankungen der motorischen Endplatte und der Muskelfasermembran (Myasthenie und Myotonie) dar. Lokalisatorisch ist von Bedeutung, ob die Symptome symmetrisch oder asymmetrisch oder gar einseitig erscheinen. Bei systemischen Schädigungen sind symmetrische Ausfälle, bei lokalisierten einseitige Manifestationen zu erwarten. Systemische Erkrankungen des Muskels manifestieren sich vor allem und zunächst in proximalen Muskeln. Es gibt allerdings seltene Myopathien, bei denen von Beginn an distale Muskelgruppen mit betroffen sind oder sogar klinisch im Vordergrund stehen (sog. distale Myopathien). Bei Säuglingen ist häufig die allgemeine Muskelhypotonie das führende klinische Bild (sog. Floppy-Infant-Syndrom). Seltenere klinische Zusatzsymptome bei bestimmten MyopathienBesonderheiten in der Verteilung sind
Beteiligung anderer Organe:
DiagnostikLabordiagnostikDie Bestimmung der Kreatinkinase (CK) erlaubt einen einfachen und schnellen Überblick über das Ausmaß des Muskelfaseruntergangs, sie gibt in der Regel aber keinen eindeutigen Hinweis auf den Grund des Zelluntergangs und damit auf die zugrunde liegende Erkrankung. Als Grundregel gilt: Die CK-Erhöhung sollte mindestens einmal bestätigt werden, wobei auf körperliche Schonung vor der Kontrolluntersuchung geachtet werden muss! Im Allgemeinen gilt die Faustregel, dass eine CK über 1000 U/l (normal < 180 U/l) auf eine primär myogene Ursache hindeutet. Die Bestimmung der Autoantikörper bei Myositiden hat meist nur eine Bedeutung in der Diagnostik von akuten Verlaufsformen der Dermatomyositis und von sog. Overlap-Syndromen. Es kommen dabei sowohl antinukleäre Antikörper (z. B. Anti-PMSCL) als auch antizytoplasmatische Antikörper (z. B. JO1) vor. Die Untersuchung des Muskels unter Belastungsbedingungen differenziert vor allem metabolische Myopathien. Ein relativ einfacher Screening-Test ist der nichtischämische Arbeitsversuch. Beim Myoadenylatdesaminase-Mangel ist der fehlende Ammoniakanstieg richtungweisend, der Nachweis der fehlenden Enzymaktivität am Muskelschnitt wie im Muskelhomogenat ist beweisend. Ein fehlender Laktatanstieg weist auf einen Defekt im Glykogen- oder Glukosestoffwechsel hin. Elektrophysiologische Untersuchungsmethoden Die Elektrophysiologie sollte als Hilfsuntersuchung für die Diagnose einer Muskelerkrankung herangezogen werden, aber nie als einziger Befund zur Diagnosestellung dienen. Es sollte unbedingt darauf geachtet werden, dass bei den im Allgemeinen symmetrischen Muskelerkrankungen die Muskelbiopsie am kontralateralen Muskel durchgeführt wird, da durch die EMG-Untersuchung auch Muskelfaseruntergänge mit zellulärer Abräumreaktion ausgelöst werden können und dann falsch-positiv als Hinweis für eine Myopathie gewertet werden. Bildgebende Untersuchungen: Myosonographie, Computertomographie und Kernspintomographie Die Myosonographie ist eine wichtige Basisuntersuchung zur Überprüfung der klinisch festgestellten Beteiligung der Muskulatur sowie zur Verlaufsbeobachtung. Die Computertomographie hat bei systemischen Myopathien ihren Stellenwert zugunsten der Kernspintomographie weitgehend verloren. Einsatzgebiete sind nur mehr lokale Muskelveränderungen und Muskelverkalkungen. Die Kernspintomographie ist das wichtigste bildgebende Verfahren bei entzündlichen Muskelkrankheiten. Bei akuten Myositiden kann das Muskelödem dokumentiert werden. Bei chronischen Myositiden kann durch den Einsatz fettunterdrückender Untersuchungssequenzen eine für die Biopsie noch besonders geeignete Stelle festgelegt werden, bei der noch keine vollständige fettige Transformation des Muskels erfolgt ist. Morphologische Untersuchungsmethode Die Untersuchung der Muskelbiopsie gehört wegen der Vielfalt der heute möglichen und erforderlichen Techniken in die Hände von Speziallabors. Für die Auswahl des Biopsieortes gilt als Faustregel, dass ein Extremitätenmuskel gewählt werden sollte, der im Verteilungsmuster der Erkrankung nicht allzu stark betroffen ist. Für die morphologische Diagnostik bieten sich histologische, histochemische, immunhistochemische und elektronenmikroskopische Techniken an. Diese Untersuchungstechniken erfordern 3 Arten der unmittelbar postoperativen Gewebsverarbeitung, nämlich
Molekulargenetische UntersuchungWie allgemein üblich sollten an die molekulargenetischen Untersuchungen hohe ethische Anforderungen gestellt werden und die Beratung durch ein entsprechend geschultes humangenetisches Zentrum durchgeführt werden. Der Hauptstellenwert von humangenetischen Untersuchungen liegt heutzutage noch in der prognostischen Einordnung sowie der Familienberatung bei hereditären Myopathien, wird aber in Zukunft auch zunehmend wichtig für therapeutische Entscheidungen. Insbesondere bei fehlendem Hinweis auf Heredität wird das bioptische Vorgehen meist genetischen Verfahren vorausgehen müssen. Ausnahmen sind aufgrund der relativ typischen Klinik die Muskeldystrophie Duchenne, die fazioskapulohumerale Muskeldystrophie, die myotone Dystrophie 1 und 2, die Emery-Dreifuss-Muskeldystrophie sowie die okulopharyngeale Muskeldystrophie. Einsendungen zur molekulargenetischen Diagnostik mit einem differenzialdiagnostisch weit gestreuten Suchauftrag sind in der Regel unsinnig, der enge Verdacht auf das Vorliegen einer definierten Entität muss gegeben sein. Hilfen zur diagnostischen ZuordnungHilfen zur diagnostischen Zuordnung der wichtigsten Formen angeborener und erworbener Myopathien werden in den nachfolgenden Tabellen gegeben (Tabellen 1, 2, 3). Unter den hereditären Myopathien kommt den progressiven Muskeldystrophien (Abbildung 1) insofern eine besondere diagnostische Herausforderung zu, als die meisten dieser Krankheiten Zytoskelettdefekte sind, wobei das fehlende Genprodukt mit morphologischen Techniken (Immunhistochemie, Immunoblot) bestimmt werden muss und zusätzlich im Nachweis der genetischen Störung molekularbiologische Untersuchungsmethoden zur Verfügung stehen. Die Gruppe der kongenitalen Myopathien mit Strukturbesonderheiten ist eine Domäne der Muskelbiopsie, insbesondere mit speziellen Zusatztechniken; besonders wichtig ist hier die Elektronenmikroskopie. In der Gruppe der immunogenen Myositiden sind immunhistologische bzw. elektronenmikroskopische Zusatzuntersuchungen der Muskelbiopsie obligat. Bei den metabolischen Myopathien, Störungen des Glukose-, Glykogen- und Fettstoffwechsels des Muskels, stehen klinisch entweder atrophe Paresen (z. B. Morbus Pompe) oder Rhabdomyolysen (z. B. McArdle; CPTII-Mangel) im Vordergrund; histologisch zeigen sich Glykogen- und/oder Fettspeicherung. Zur Bestimmung des Defekts sind zusätzliche biochemische Untersuchungen erforderlich. Bei den mitochondrialen Myopathien finden sich häufig zusätzliche Symptome anderer Organsysteme (z. B. Diabetes, Taubheit, Neuropathie, Epilepsie etc.), histologisch findet sich häufig eine abnorme Mitochondrienvermehrung in einzelnen Muskelfasern (Ragged Red Fibers). Zur Bestimmung des Defekts sind zusätzliche biochemische und genetische Untersuchungen erforderlich. Teile dieses Beitrags wurden mit freundlicher Genehmigung des Verlags entnommen aus: Jaksch, M., D. Pongratz, K.-D. Gerbitz: Das Labor-Diagnose-Buch. Herausgeber: Guder und Nolte; Elsevier 2005, in Druck.
Abbildung 1 Progressive Muskeldystrophien. ExpertengruppeProf. Dr. med. D. Pongratz, Friedrich-Baur-Institut der Medizinischen Fakultät, Neurologische Klinik und Poliklinik, Ludwig-Maximilians-Universität München Prof. Dr. med. H. Lochmüller, Friedrich-Baur-Institut der Medizinischen Fakultät, Neurologische Klinik und Poliklinik, Ludwig-Maximilians-Universität München Prof. Dr. med. A. Ludolph, Neurologische Klinik, Universität Ulm Priv.-Doz. Dr. med. R. Schröder, Neurologische Klinik, Universität Bonn Prof. Dr. med. S. Zierz, Universitätsklinik für Neurologie, Martin-Luther-Universität Halle Federführend: Prof. Dr. med. D. Pongratz, Ltd. Arzt des Friedrich-Baur-Instituts bei der Medizinischen Fakultät an der Neurologischen Klinik und Poliklinik der Ludwig Maximilians Universität München Ziemssenstraße 1, D–80336 München, Tel.: 0049–(0)–89–51 60–74 00, Fax: 0049–(0)–89–51 60–74 02. e-mail: dieter.pongratz@med.uni-münchen.de Wichtige URLshttp://www.neuro.wustl.edu/neuromuscular/ Literatur1. Disorders of voluntary muscle (2001), Karpati, G., D. Hilton-Jones, R. C. Griggs (editors). Cambridge University Press, Cambridge. 2. Muskelerkrankungen (2003), Zierz, S., F. Jerusalem (Hrsg.), 3. Auflage 2003. Thieme, Stuttgart. 3. Muskelkrankheiten – Grundlagen, Diagnostik und Therapie (2004), Spuler, S., A. von Moers (Hrsg.). Schattauer, Stuttgart. 4. Myology (2003), Engel, A. G., C. Franzini-Armstrong C. (editors), second edition, volume 2, McGraw-Hill, Inc., Health Professions Division, USA. 5. Neuromuskuläre Erkrankungen – Diagnostik, interdisziplinäre Therapie und Selbsthilfe (2002), Pongratz, D., S. Zierz (Hrsg.). Deutscher Ärzte-Verlag, Köln. 6. Structural and molecular basis of skeletal muscle diseases (2002). Karpati, G. (editor). ISN Neuropath Press, Basel.
Die in den Leitlinien verwendeten Symbole haben folgende Bedeutung:
Empfehlungsstärken
Die Einstufung der Empfehlungsstärke kann neben der Evidenzstärke
die Größe des Effekts, die Abwägung von bekannten und möglichen
Risiken, Aufwand, Verhältnismäßigkeit, Wirtschaftlichkeit oder
ethische Gesichtspunkte berücksichtigen.
Die "Leitlinien" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie sind systematisch entwickelte Hilfen für Ärzte zur Entscheidungsfindung in spezifischen Situationen. Sie beruhen auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und in der Praxis bewährten Verfahren und sorgen für mehr Sicherheit in der Medizin, sollen aber auch ökonomische Aspekte berücksichtigen. Die "Leitlinien" sind für Ärzte rechtlich nicht bindend und haben daher weder haftungsbegründende noch haftungsbefreiende Wirkung. Wie jede Wissenschaft ist die Medizin ständigen Entwicklungen unterworfen.
Soweit in diesem Werk eine Dosierung oder eine Applikation erwähnt wird,
darf der Leser zwar darauf vertrauen, dass die Autoren große Sorgfalt
darauf verwandt haben, dass diese Angabe dem Wissensstand bei Fertigstellung
des Werkes entspricht. Geschützte Warennamen und Warenzeichen werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.
|
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||