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Was gibt es Neues?Seit dem Erscheinen der letzten Auflage haben sich für die Therapie des Alkoholdelirs keine grundlegenden Neuigkeiten ergeben. Während in Neurologischen und Psychiatrischen Kliniken Deutschlands Clomethiazol noch einen festen Platz hat, bevorzugen Internisten, Anästhesisten, Chirurgen zunehmend Benzodiazepine. Dies mag daran liegen, dass besonders im amerikanischen Schrifttum Clomethiazol, das in den USA nicht zugelassen ist, weniger Berücksichtigung findet. Die vorliegende Leitlinie wurde erweitert und hinsichtlich der Evidenzklassen und Empfehlungsstärken vervollständigt. Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick
DefinitionDas Alkoholdelir (Synonym: Delirium tremens [DT], Entzugsdelir) ist eine potenziell lebensbedrohliche akute Folge des chronischen Alkoholismus mit psychotischer und neurovegetativer Symptomatik. 3% der Bevölkerung sind alkoholkrank, 5% (3–15%) der Alkoholiker erleiden Delirien, 12–23% der Delirkranken machen Rezidive durch. Der Spontanverlauf des unbehandelten Delirs ist selbstlimitierend mit einer spontanen Erholung nach 5–7 Tagen, die Letalität des unbehandelten Delirs liegt bei 15%, unter optimaler Therapie bei 2%. KlinikDie klinische Symptomatik setzt sich aus psychotischen, neurologischen und autonomen Symptomen zusammen. (Die Symptombeschreibung des ICD-10-GM 2005 unter F 10.4 und F 05 ist für den klinischen Gebrauch wenig hilfreich.) Symptomgruppe des exogenen Reaktionstyps
Symptomgruppe der halluzinatorischen Psychose
Symptomgruppe der neurovegetativen Entgleisung
Schweregrade
Eine andere Schweregradeinteilung ist der CIWA-Ar (Clinical Institute Withdrawal Assessment for Alcohol, Sullivan et al. 1989). DiagnostikDie Diagnose des DT ist eine klinische, sie stützt sich auf Eigen- und Fremdanamnese, die exakte internistische, neurologische und psychiatrische Untersuchung und eine begrenzte Zusatzdiagnostik. Anamnese
Klinische Untersuchung
LaborHyperchrome Anämie; erhöhte Werte für Blutalkohol, Gamma-GT, S-GOT, S-GPT, alkalische Phosphatase, Gesamtstickstoff, Chlorid, Bilirubin, Kreatinin; CO2-Erniedrigung Zusatzdiagnostik
Im Einzelfall erforderlichBei initialen Anfällen, neurologischen Herdzeichen, Bewusstseinsstörungen (A):
PathogeneseDas Alkoholdelir (DT) folgt der jahrelangen Aufnahme von 80–120 g reinem Alkohol täglich oder regelmäßigen Alkoholexzessen (sog. Quartalstrinken). Auslöser des DT ist in der Regel ein abrupter Alkoholentzug, gelegentlich ein nur milder Abfall des Alkoholspiegels, selten ein Alkoholexzess. Es wird also nicht jedes Alkoholdelir durch einen Alkoholentzug ausgelöst (A)! Cave: 20–100% der Delirkranken bieten einen erhöhten Blutalkohol, meist Zeichen einer erfolglosen Selbstbehandlung mit Alkohol.
Die chronische Alkoholzufuhr führt im Organismus zu Kompensationsmechanismen, die im Alkoholentzug schädlich sind und die klinische Symptomatik erklären. Vereinfacht nach Rommelspacher et al. (1991) und Heinz und Mann (2001) sind im Entzug die wichtigsten Mechanismen: Überaktivität des Glutamat-ergen Systems (symptomatische hirnorganische Anfälle), herunterregulierte GABA-erge Hemmung (Unruhe, Agitiertheit, hirnorganische Anfälle), Reduktion der Alpha-2-Rezeptoren (sympathische Überaktivität – „Noradrenalinsturm“ – mit Tachykardie, Hypertension, Tremor und Hyperhidrose), verzögert Vermehrung der Dopamin-ergen Rezeptoren (verzögert auftretende produktiv psychotische Symptomatik), cholinerge Insuffizienz (kognitive Defizite), vermehrte ADH-Sekretion (Flüssigkeitsretention, Hirnödem). DifferenzialdiagnoseDie Differenzialdiagnose des Alkoholdelirs umfasst Zustände mit „deliranter“ Unruhe, produktiv-psychotischen Phänomenen und vegetativer Entgleisung:
Cave: Verminderte Infektabwehr des Alkoholkranken mit atypischen Verläufen, z. B. apurulente Pneumokokkenmeningitis
KomplikationenDie Multimorbidität des Alkoholkranken bedingt eine hohe Rate von Komplikationen:
Vorbestehende Leberschäden sind besonders zu beachten mit Gerinnungsstörungen, portaler Hypertension. Es besteht die Gefahr der Entgleisung einer portalen Hypertension mit Aszitesbildung und metabolischer Alkalose, Ösophagus- und Fundusvarizenblutung. Eine akute Pankreatitis ist bei chronischer Vorschädigung im Delir leicht zu übersehen, es drohen Schock und Multiorganversagen. TherapieAmbulant/stationärDie Mehrzahl der Alkoholentzüge erfolgt ambulant, in einem großen Teil ohne ärztliche Hilfe. Patienten mit manifesten Entzugssymptomen (unvollständiges Delir, „Prädelir“) sind stationär zu behandeln, Kranke mit manifesten vollständigen Delirien auf der Intensivstation. Vorgehen bei der Aufnahme (A):
Cave: Dissimulation
Bei besonderer Indikation: Initiale Sedierung Cave: Kumulative Sedierung bei erhöhtem Blutalkohol
Allgemeine Therapiemaßnahmen (A)
Medikamentöse TherapieDie Medikation zur Behandlung des Alkoholdelirs sollte sedieren, ohne die vitalen Schutzreflexe zu beeinträchtigen, die epileptische Krampfschwelle erhöhen, die autonome Überaktivität dämpfen und antipsychotisch wirksam sein, ohne wesentliche Nebenwirkungen zu entwickeln. Da keine Einzelsubstanz alle Anforderungen erfüllt, sind Kombinationstherapien möglich (B). Verschiedene Individuen benötigen höchst unterschiedliche Dosen. Die Behandlung des unvollständigen Delirs (synonym Entzugssyndrom) ist mit oralen Gaben von Carbamazepin, Benzodiazepinen oder Clomethiazol leicht durchzuführen. Letzteres ist bei Patienten mit pulmonalen Erkrankungen nicht anzuwenden. Das manifeste (vollständige) DT kann p.o. mit einem Benzodiazepin oder mit Clomethiazol allein behandelt werden. Wir empfehlen die orale Kombinationstherapie einer GABA-ergen Substanz (Benzodiazepin oder Clomethiazol) mit einem Neuroleptikum (A). Beim sehr schweren, lebensbedrohlichen Delir reicht die orale Behandlung nicht aus, eine intravenöse Kombinationstherapie ist sinnvoll (A). Intravenöses Diazepam oder Midazolam kann mit Haloperidol oder Dihydrobenzperidol kombiniert werden (B). Die parenterale Delirtherapie ist obligatorisch auf der Intensivstation durchzuführen (A). Supplementär wird Clonidin i.v. eingesetzt, um die sympathikotone Überaktivität zu dämpfen. Die in Tabelle 1 dargestellte Eskalationstherapie des Alkoholdelirs ist aus der täglichen Praxis der Autoren erwachsen. Kontrollierte Studien liegen vor für Benzodiazepine ( Die Wirkung von Benzodiazepinen gegen Placebo oder gegen ein Verum aus 11 Studien mit 1286 Patienten wurde in einer Metaanalyse von Holbrook et al. (1999) beschrieben: Benzodiazepine sind Placebo überlegen, und keine andere Substanz einschließlich Beta-Blockern, Carbamazepin, Clonidin ist günstiger ( Clomethiazol ist als GABAerge Substanz sedierend, vegetativ stabilisierend, antikonvulsiv und anxiolytisch wirksam, nach Mc Grath (1975) potenter als Benzodiazepine ( Carbamazepin ist beim Entzugssyndrom (unvollständiges Delir) in einem 6-Tages-Schema (siehe Tabelle 1) nach Ritola und Malinen (1981) wirksam ( Clonidin ist als Alpha-2-Rezeptor-Agonist bei milden Entzugssyndromen p.o. zur Kontrolle von Hypertension und Tachykardie dem Chlordiazepoxid überlegen (Baumgärtner 1988). Dem Clomethiazol ist es aufgrund unzureichender Beeinflussung von Halluzinationen und hirnorganischen Anfällen dagegen unterlegen (Heuzeroth et al. 1988). Es eignet sich zur ergänzenden Beeinflussung der vegetativen Entgleisung mit einer Initialdosis von 0,025 mg/h i.v. und Tagesdosen von 0,29–2,37 mg (Fauler et al. 1993). Kombinationstherapien werden seit 1980 empfohlen (A). Spies und Dubicz (et al. 1996) verglichen in einer prospektiven kontrollierten Studie an 156 Patienten die Kombinationen Flunitrazepam/Clonidin vs. Clomethiazol/Haloperidol vs. Flunitrazepam/Haloperidol. Es ließen sich keine signifikanten Unterschiede erkennen ( Wahrscheinlich unzureichende oder gefährliche TherapienAlkohol selbst ist unwirksam, wenn ein manifestes Delir erst einmal ausgebrochen ist: „point of no return“. Von seinem Einsatz wird dringend abgeraten (A). Besonders in chirurgischen Abteilungen wird Alkohol prophylaktisch oral oder parenteral eingesetzt. So verwendet Hansbrough (et al. 1984) 50–100 ml/h einer 5%igen Alkohollösung parenteral. Hell et al. (1990) verhinderten in einer kleinen prospektiven Studie an 18 Alkoholkranken, die an einem Hypo/Oropharynx- oder Larynxkarzinom operiert waren, mit intravenösem Alkohol den Ausbruch eines Alkoholentzugssyndroms oder eines Delirs ( Hydantoin ist nicht antidelirant wirksam (Mayo-Smith 1997, Alldredge et al. 1989), Valproat wurde bisher nur beim Alkoholentzugssyndrom untersucht, über die Wirkung von Topiramat, Vigabatrin oder Gabapentin beim Delir sind Aussagen noch nicht möglich. Epileptische Anfälle werden nach der Erfahrung der Autoren durch Benzodiazepine und Clomethiazol, im Prädelir mit Carbamazepin, in der Regel ausreichend kontrolliert. Zur Monotherapie sind Neuroleptika wegen der Erniedrigung der Krampfschwelle, extrapyramidaler Nebenwirkungen, Verlängerung des Delirs und einer erhöhten Letalität nach Athen (1986) nicht vertretbar (B). Sie sind nach einer aktuellen Metaanalyse (Mayo-Smith et al. 2004) sedierend-hypnotischen Substanzen wie Benzodiazepinen unterlegen ( Einzelne Mitteilungen liegen vor für Tiaprid, Propofol, Gamma-Hydroxy-Buttersäure, Dexamethason, Nimodipin, Alprazolam, den Benzodiazepinrezeptor-Agonisten Abencarnil, Akupunktur (C). Prophylaxe des DelirsEinheitliche Empfehlungen zur Prophylaxe eines Alkoholdelirs sind schwer abzuleiten, da in zahlreichen Publikationen nicht eindeutig zwischen der Vorbeugung und der Behandlung des Alkoholentzugssyndroms unterschieden wird. Risikofaktoren für den Ausbruch eines Alkoholentzugsdeliriums sind nach Palmstierna (2001): aktuelle Infektion, Tachykardie, Entzugssymptome und ein Alkoholspiegel über 1 ‰, epileptische Anfälle in der Vorgeschichte, vorausgegangene delirante Episoden. Nach einer repräsentativen Umfrage an 176 teilnehmenden US-amerikanischen Suchtkliniken sind die am häufigsten zum Entzug (Entgiftung) verwendeten Substanzen: Chlordiazepoxid (33%), Diazepam (16%), Magnesium (16%), Barbiturate (11%, s. u.!), Phenytoin (10%, s. u.!), Clonidin (7%), Oxazepam (7%) und Lorazepam (4%; Saitz et al. 1995). Clomethiazol ist nach einer großen retrospektiven Studie von Palsson (1986) an 476 Patienten besser als Carbamazepin oder Neuroleptika geeignet, bei stark gefährdeten Personen den Ausbruch eines Delirium tremens zu verhindern. Clonidin war in einer kleinen randomisierten Studie an 44 stationär aufgenommenen Patienten Placebo überlegen (
Weiteres VorgehenDie medizinische Prognose des DT ist mit einer Letalität von ca. 2% relativ günstig. Nur 10–20% aller Delirpatienten bleiben nach dem Delir alkoholabstinent. Eine längerfristige Entwöhnung ist immer anzustreben. Der Einsatz einer anti-craving-Substanz, z. B. Acamprosat oder Naltrexon, ist bei glaubhaft zur Abstinenz bereiten Patienten zu erwägen (Schaffer u. Naranjo 1998). ExpertengruppeProf. Dr. H.-C. Hansen, Friedrich-Ebert-Krankenhaus Neumünster PD Dr. M. Maschke, Neurologische Universitätsklinik Essen Prof. Dr. V. Schuchardt, Neurologische Klinik, Klinikum Lahr Dr. F. Tiecks, Neurologische Klinik Bad Aibling Federführend: Prof. Dr. V. Schuchardt, Neurologische Klinik des Klinikum Lahr, Klostenstrasse 19, 77933 Lahr, Tel.: 07821/932700, Fax: 07821/932171 e-mail: volker.schuchardt@klinikum-lahr-ettenheim.de Literatur1. Alldredge, B. K., D. H. Lowenstein, R. P. 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Die in den Leitlinien verwendeten Symbole haben folgende Bedeutung:
Empfehlungsstärken
Die Einstufung der Empfehlungsstärke kann neben der Evidenzstärke
die Größe des Effekts, die Abwägung von bekannten und möglichen
Risiken, Aufwand, Verhältnismäßigkeit, Wirtschaftlichkeit oder
ethische Gesichtspunkte berücksichtigen.
Die "Leitlinien" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie sind systematisch entwickelte Hilfen für Ärzte zur Entscheidungsfindung in spezifischen Situationen. Sie beruhen auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und in der Praxis bewährten Verfahren und sorgen für mehr Sicherheit in der Medizin, sollen aber auch ökonomische Aspekte berücksichtigen. Die "Leitlinien" sind für Ärzte rechtlich nicht bindend und haben daher weder haftungsbegründende noch haftungsbefreiende Wirkung. Wie jede Wissenschaft ist die Medizin ständigen Entwicklungen unterworfen.
Soweit in diesem Werk eine Dosierung oder eine Applikation erwähnt wird,
darf der Leser zwar darauf vertrauen, dass die Autoren große Sorgfalt
darauf verwandt haben, dass diese Angabe dem Wissensstand bei Fertigstellung
des Werkes entspricht. Geschützte Warennamen und Warenzeichen werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.
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