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Diagnostik degenerativer Demenzen (Morbus Alzheimer, Frontotemporale Demenz, Lewy-Körperchen-Demenz)Was gibt es Neues?
Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick
Die Basis der Diagnostik ist
EinführungDemenzerkrankungen nehmen aufgrund der Altersentwicklung kontinuierlich zu; ihre Prävalenz wird sich bis 2050 voraussichtlich verdoppeln. Demenzen sind schwerwiegende Erkrankungen. Eine mögliche oder offenkundige Demenz muss diagnostisch stets geklärt werden. Die genaue Diagnose ist die Grundlage der richtig indizierten und ökonomischen Behandlung, der Betreuung und der Beratung. Ein wichtiges Ziel der Frühdiagnose ist der Nachweis oder Ausschluss einer behandelbaren Erkrankung. Eine Progressionsverzögerung degenerativer Demenzerkrankungen durch frühzeitige Pharmakotherapie ist nicht belegt. Es gibt Hinweise dafür, dass eine frühe Behandlung von Alzheimer-Patienten mit Acetylcholinesterase-Hemmern den klinischen Verlauf günstig beeinflusst. Die Alzheimer-Erkrankung ist die häufigste Demenzerkrankung (ca. 60%); es folgen vaskuläre Formen und die Lewy-Körperchen-Erkrankung (10–15%) sowie die Frontotemporale Demenz (ca. 5%). Aufgaben von Haus- und Facharzt
Definition
DiagnostikIntra vitam ist eine sichere Artdiagnose einer Demenz oft nicht möglich (Ausnahmen: symptomatische Demenzformen und Erkrankungen mit nachweisbarer Genmutation, z. B. Morbus Huntington, CADASIL, seltene Formen von Morbus Alzheimer und Frontotemporaler Demenz). Biopsien kommen in der Regel nicht in Betracht. Spezialisierte Einrichtungen erzielen eine diagnostische Sicherheit von 80–90%. Unverzichtbar sind
Ergänzend möglich, aber in der klinischen Routine nicht regelmäßig indiziert:
Anamnese und Fremdanamnese (A)
Eine strukturierte Angehörigenbefragung (IQCODE) kann zur Diagnosesicherung beitragen (Jorm et al. 1996).
Neurologische und psychiatrische Beurteilung (A) Es soll ein vollständiger Befund erhoben werden, mit besonderer Aufmerksamkeit auf bestimmte Symptome, die bei Demenzerkrankungen auftreten können. Beispiele: Neurologisch: Anosmie, Myoklonien (Morbus Alzheimer/AD, Lewy-Körperchen-Erkrankung/LBD), Augenbewegungsstörung (Korsakoff-Syndrom, progressive supranukleäre Parese), Dysarthrie, Dysphagie, Miktionsstörung (subkortikale arteriosklerotische Enzephalopathie/SAE), Gangapraxie (Normaldruckhydrozephalus, SAE), latente Hemisymptomatik (kortikobasale Degeneration/CBD), Kopfschmerzen (Vaskulitis), Muskel-Atrophie (ALS mit Frontotemporaler Demenz/FTD), Neuroleptika-Hypersensitivität, Orthostase, Parkinson-Symptome (LBD, FTD mit Parkinson-Syndrom) (Schmidtke 2005). Sonstig körperlich: Asthmoide Beschwerden (Churg-Strauss-Vaskulitis), Diarrhoe (Pellagra, Morbus Whipple), Fieber (Vaskulitis), Gewichtsabnahme (Malignom), Hautsymptome (Pellagra, Vaskulitis), Kachexie (Korsakoff-Syndrom), Myxödem, Schwitzen, Tachykardie (Schilddrüsenfunktionsstörung). Psychisch: Affektverflachung, Antriebsstörung, Apathie, Disinhibition, Hyperoralität, Parathymie, Sprachantriebsstörung, Unruhe (FTD), Alien-limb-Zeichen (CBD), Apraxie, Orientierungsstörung, Danebenreden (AD), Verlangsamung (SAE, LBD). Neuropsychologische Diagnostik (A) Ziele: Nachweis einer kognitiven Störung, Differenzialdiagnose, Schweregradeinteilung, Verlaufsbeurteilung ohne oder mit Intervention. Neben der Testuntersuchung ist auch die Verhaltensbeobachtung wichtig, in Bezug auf die o.g. möglichen psychischen Symptome sowie in Bezug auf Auffälligkeiten bei der Testbearbeitung (erschwertes Instruktionsverständnis, Vergessen von Aufforderungen, emotionale Reaktionen, emotionale Indifferenz, Selbstentwertung, Perseveration, Regelbrüche, Manipulieren von Gegenständen, Hinweise für Aggravation und Simulation). Screening-Tests dienen dem Nachweis und/oder der Schweregrad-Einteilung: Mini-Mental-Status-Test (MMST; Folstein et al. 1983), DemTect (Kalbe et al. 2004), TFDD (Ihl et al. 2000). Standardisierte Tests und Testserien dienen der Erstellung eines Defizit-Profils und damit der Differenzialdiagnose: CERAD-Testserie (Satzger et al. 2001), Tests aus dem Nürnberger Altersinventar (z. B. Zahlenverbindungstest ZVT-G für ältere Personen; Oswald u. Fleischmann 1985), Trail Making Test A und B, Tests aus dem Hamburg-Wechsler Intelligenztest für Erwachsene (Tewes 1991). Labor-Ausschlussdiagnostik Basisprogramm, immer durchzuführen (A): Blutbild, CRP oder Blutsenkung (Hinweise für entzündliche/vaskulitische Erkrankungen), TSH (Hypothyreose), GOT, CK, LDH, Harnstoff, Glukose (schwere internistische Erkrankungen), B12- und Folatspiegel, Lues-Suchtest (nach Ermessen; Knopman et al. 2001). Siehe auch unten „Vertiefte Laberdiagnostik“. Zerebrale Bildgebung (A) Unverzichtbar in der Basisdiagnostik (Knopman et al. 2001). Die Auswertung soll durch einen neuroradiologisch erfahrenen Arzt erfolgen. Dies gilt insbesondere für die Einschätzung von vaskulären Veränderungen und Atrophiegrad. Jeder Facharzt sollte jedes CCT/NMR selbst mitbeurteilen. Wegen der Strahlenexposition durch die CCT ist die Kernspintomographie (MRT) zu bevorzugen. Sie wird aufgrund der höheren Aussagekraft z.T. generell als Methode der ersten Wahl in der Primärdiagnostik von unklaren, neu aufgetretenen kognitiven Störungen und Demenz empfohlen (Braffman et al. 2000, Knopman et al. 2001). Die MRT zeigt entzündliche, tumoröse, metabolische, vaskuläre und degenerative Veränderungen wesentlich genauer als die CCT (A). Kontrastmittelgabe nur bei gezielter Fragestellung. Mit quantitativen MRT-Verfahren können Gesamt- und Teilvolumina (z. B. Hippocampus) sowie Atrophieraten (Prozent pro Jahr) bestimmt werden. Es liegt jedoch keine ausreichende Evidenz für den Einsatz dieser Maße in der klinischen Routine vor (Knopman et al. 2001) (C). Das CCT ohne Kontrast ist aus diagnostischer Sicht ausreichend, wenn nicht primär Hinweise auf eine entzündliche, tumoröse oder metabolische Erkrankung bestehen. Insbesondere genügt ein CCT für den Nachweis oder Ausschluss wichtiger symptomatischer Demenzursachen (Raumforderung, subdurales Hämatom, vaskuläre Läsionen, Hydrozephalus, subkortikale arteriosklerotische Enzephalopathie) und typischer Atrophiekonstellationen (globale Atrophie [extern/intern/gemischt], fokale Atrophie [lobar/temporomedial/Nucleus caudatus]). EEG Das EEG ist als Methode zur Differenzialdiagnose nicht valide, jedoch sensitiv für einige organische Erkrankungen (Rosen 1997), insbesondere Morbus Alzheimer jenseits des Frühstadiums (Verlangsamung), andere diffuse organische Läsionen und fokale Läsionen. Das EEG ist dagegen typischerweise normal bei Frontotemporaler Demenz und nichtorganischen Störungen (B). Vertiefte Labordiagnostik Zum Teil nur bei begründetem Verdacht sinnvoll: Lues (sofern nicht bereits durchgeführt), Differenzialblutbild, HIV- und Borrelien-Serologie, Kalzium, Phosphat (Hypoparathyreoidismus), immunologisches Screening einschließlich Schilddrüsen-Antikörpern, Drogen- und Schwermetall-Screening (Blei, Quecksilber), HbA1c (Diabetes), Kupfer-Clearance im 24-Stunden-Urin (Morbus Wilson), Vitamin- und Hormonspiegel (B1, B6, Niacin, Kortisol, Parathormon), ggf. Selen/Wismut bei Einnahme entsprechender Präparate. Liquordiagnostik Ziel: Nachweis von entzündlichen Veränderungen (akute/chronische Infektion, Multiple Sklerose, Vaskulitis, limbische Enzephalitis), Diagnostik und Differenzialdiagnose von Morbus Alzheimer (Amyloid-Peptide, Tau-Proteine; siehe dort), Nachweis von Proteinen 14–3-3, Tau, S100 und NSE bei V.a. Morbus Creutzfeldt-Jakob (siehe gesonderte Leitlinie). Probatorische Entlastungspunktion bei V. a. NPH (siehe gesonderte Leitlinie). Perfusions-SPECT Ziel: Nachweis typischer Hypoperfusions-Muster bei degenerativen Erkrankungen. Das Verfahren ist für die Diagnose von lobaren Atrophien (Frontotemporale Demenzformen) und Morbus Alzheimer geeignet (Jobst et al. 1998, Lobotesis et al. 2001; Dougall et al. 2004). Voraussetzung ist ein hoher technischer Stand in der Bildakquisition und -auswertung. Der Stellenwert des SPECT ist wegen des Fehlens von populationsbasierten Studien, die eine Abschätzung der positiven und negativen prädiktiven Werte erlauben würden, nicht abschließend zu beurteilen. Nachteil: Strahlenexposition (B). Positronenemissionstomographie (Glukose-PET) Ziel: Nachweis typischer Hypometabolismus-Muster bei degenerativen Erkrankungen, Suche nach Hinweisen für entzündliche Veränderungen (z. B. bei V.a. limbische Enzephalitis). Weitere Verfahren sind an einzelnen Zentren verfügbar, jedoch nicht in der klinischen Diagnostik etabliert (z. B. Quantifizierung von L-Dopa-Metabolismus, Acetylcholinesterase-Aktivität, Amyloidbeladung, Nikotin-Rezeptoren; Herholz 2003). Bei gleichem klinischen Einsatzbereich ist PET der SPECT im direkten Vergleich überlegen (Herholz et al. 2002). Für den klinischen Alltag ist ein genereller Zusatznutzen des PET über andere diagnostische Verfahren hinaus nicht belegt und eher fraglich (Gill et al. 2003). Nachteil: Hohe Kosten, keine Erstattung im ambulanten Bereich, Strahlenexposition (C). Genetische Diagnostik Ziel: Nachweis von Genmutationen, nur bei konkretem Verdacht auf erbliche Erkrankung, nur mit humangenetischer Beratung und mit schriftlichem Einverständnis (C). Dopplersonographie Nur dann indiziert, wenn aus der Anamnese oder der Bildgebung zusätzliche vaskulär-ischämische Ereignisse oder Läsionen bekannt sind (C). Bei unklarer Diagnose Wiederholungsuntersuchungen können zur Sicherung der Diagnose erforderlich sein (Patterson et al. 1999). Gegebenenfalls stationäre Aufnahme zur Beobachtung von Art und Ausmaß kognitiver und psychiatrischer Symptome, insbesondere bei präseniler Demenz und bei somatischen oder psychiatrischen Begleitsymptomen. Morbus Alzheimer (Alzheimer Disease, AD)Definition nach DSM-IV (sinngemäß verkürzt; Saß et al. 2003)Gedächtnisstörung plus mindestens eines dieser Symptome: Aphasie, Apraxie, Agnosie, Störungen der Exekutivfunktionen. Erworbene, bedeutsame Beeinträchtigung der Alltagsfunktion. Schleichender Beginn, konstantes Vorliegen, progredienter Verlauf. Ausschluss relevanter anderer zerebraler, extrazerebraler, substanzinduzierter und psychiatrischer Erkrankungen (!). Klinische Diagnose in Anlehnung an McKhann et al. (1984)Klinisch mögliche AD:
Klinisch wahrscheinliche AD:
Sichere AD:
Die wichtigste Variante der AD ist die posteriore kortikale Atrophie, eine meist präsenile Demenzform (durchschnittliches Erkrankungsalter: 58 Jahre) mit führender parieto-occipitaler Atrophie, Störung des visuell-räumlichen Denkens, der visuellen Gnosis und einer zunächst nur leichten Gedächtnisstörung (Mackenzie Ross et al. 1996, Galton et al. 2000, Tang-Wei et al. 2004, Schmidtke et al. 2005). Bei Personen mit Down-Syndrom besteht im mittleren und fortgeschrittenen Lebensalter ein hohes Risiko, an AD zu erkranken (Patterson et al. 1999). DiagnostikEs existieren keine sicheren diagnostischen Marker, mit Ausnahme seltener autosomal-dominant vererbter Fälle, bei denen eine Mutation des Amyloid-Präkursor-Proteins (APP) oder der Gamma-Sekretase (Präsenilin) nachgewiesen werden kann. Die Diagnose ergibt sich aus der Summe klinischer und apparativer Befunde und wird durch den Ausschluss relevanter Differenzialdiagnosen unterstützt. Die Genauigkeit einer fundierten klinischen Diagnostik ist höher als die einzelner apparativer Verfahren (Villareal u. Morris 1999). Zur Diagnose einer „wahrscheinlichen AD“ genügen in unkomplizierten Fällen die genaue Anamnese und die Basisdiagnostik (siehe oben, „Diagnoseverfahren“, Punkte 1–5). Typisches Profil:
Mögliche erweiterte Diagnostik bei unklaren Fällen
DifferenzialdiagnoseAD/vaskuläre Demenzformen Diese DD stellt sich bei Nachweis wesentlicher vaskulärer Läsionen. Eine mögliche Überlagerung durch eine AD muss bei vaskulären Läsionen stets erwogen werden! Mischdemenzen werden bei der Alzheimer-Demenz klassifiziert (Schaub u. Freyberger 2005). Bei subkortikaler arteriosklerotischer Enzephalopathie (SAE; mit oder ohne multiple Lakunen der tiefen Kerne) sprechen folgende Zeichen für eine überlagerte AD: kortikales Demenzprofil mit ausgeprägter Gedächtnisstörung und Störung der visuell-räumlichen Verarbeitung (Abzeichnen, Uhrenzeichnen, Uhrenlesen; Schmidtke u. Hüll 2002), Fehlen eines SAE-typischen subkortikalen Demenzprofils, Fehlen SAE-typischer körperlich-neurologischer Symptome (Gangapraxie, Pseudobulbärparese, imperativer Harndrang. Bei solitären oder multiplen Insulten sprechen für eine überlagerte AD: geringes Gesamtvolumen der Insulte, keine Läsion „strategischer“ Areale, kein klarer zeitlicher Zusammenhang von Insult und Demenz, kontinuierliche Progredienz, ausgeprägte Gedächtnisstörung, visuell-räumliche Störung ohne parietale Läsionen. Eine Demenz nach einzelnen/kleinen Insulten ist sehr ungewöhnlich. Differenzialdiagnose AD/Frontotemporale Demenz, Lewy-Körperchen-Demenz: siehe dort. Frontotemporale Demenz (FTD)DefinitionFTD und „Stirnhirndemenz“ sind begrifflich gleichwertig. Fälle ohne und mit Pick-Einschlusskörperchen sind klinisch nicht unterscheidbar. Der pathologische Prozess und die Klinik sind sehr variabel. Die Pathologie kann vornehmlich den frontalen oder den temporalen Kortex oder aber beide betreffen. Sie kann asymmetrisch ausgeprägt sein. Die Insel ist fast immer beteiligt. Subkortikale Strukturen können beteiligt sein (u. a. Nucleus caudatus, Substantia nigra, Pallidum, Amygdala). Ein Teil der Fälle ist familiär. Eine kleine Teilgruppe hiervon sind Fälle mit Parkinson-Syndrom bei Mutation des Tau-Proteins auf Chromosom 17 (FTDP-17, variabler Phänotyp: Goedert et al. 2000). Klinisch und pathologisch bestehen Überschneidungen zwischen FTD und kortikobasaler Degeneration, progressiver supranukleärer Parese (Tauopathien; Kertesz 2003). Der Krankheitsbeginn liegt meist vor dem 65., selten nach dem 75. Lebensjahr. Die FTD wird in drei klinisch definierte Prägnanztypen unterteilt, die vor allem im Frühstadium unterscheidbar sind. Sie gehen im Verlauf, z.T. auch schon von Beginn an, ineinander über:
Klinisch-diagnostische Konsensuskriterien Klinisch-diagnostische Konsensuskriterien nach Neary et al. (1998): 1. Frontale/Frontotemporale Verlaufsform: I. Grundlegende klinische Merkmale (alle zu erfüllen) • A. Schleichender Beginn und allmähliche Progredienz • B. Frühauftretendes Defizit im zwischenmenschlichen Sozialkontakt • C. Frühauftretende Verhaltensauffälligkeit • D. Frühauftretende emotionale Indifferenz • E. Frühauftretender Verlust der Krankheitseinsicht II. Unterstützende Merkmale • A. Verhaltensauffälligkeiten
• B. Sprache und Sprechen
• C. Somatische Symptome
• D. Zusatzuntersuchungen
2. Primär-progressive (nichtflüssige) Aphasie: I. Grundlegende klinische Merkmale (beide zu erfüllen) • A. Schleichender Beginn und allmähliche Progredienz • B. Nichtflüssige Aphasie mit · einem dieser Symptome: Agrammatismus, Paraphasien, Benennstörung II. Unterstützende Merkmale • A. Sprache und Sprechen
• B. Verhaltensauffälligkeiten
3. Semantische Demenz (verkürzte Wiedergabe): I. Grundlegende klinische Merkmale • A. Schleichender Beginn und allmähliche Progredienz • B. Sprachstörung
• C. bis E. Erhaltene Fähigkeit, Objekte anhand ihrer Gestalt zuzuordnen (ohne sie notwendigerweise zu erkennen) und Zeichnungen zu kopieren, Einzelworte nachzusprechen, laut zu lesen und Worte orthographisch korrekt nach Diktat zu schreiben. Ergänzende Hinweise zur Diagnostik der FTD; frontale/frontotemporale Verlaufsform
Differenzialdiagnose zur ADJe niedriger das Erkrankungsalter, desto höher ist die a-priori-Wahrscheinlichkeit einer FTD (B). Ein frühes Auftreten von Inkontinenz und hypokinetisch-rigidem Syndrom spricht gegen AD; Myoklonien und Anfälle gegen FTD. Die NINCDS-ARDRA-Kriterien für die AD (McKhann et al. 1984) können nicht zwischen AD und FTD unterscheiden (Varma et al. 1999) (C). Frühe Verhaltensauffälligkeiten haben einen hohen prädiktiven Wert für die Diagnose FTD, u. a. Fehlen von Krankheitseinsicht, Hyperoralität, stereotypes und perseveratives Verhalten, Sprachverarmung (Miller et al. 1997). AD-Patienten erzielen wesentlich niedrigere Summenwerte in strukturierten FTD-Verhaltensinventaren (Kertesz et al. 1997) (A). Eine Differenzialdiagnose anhand spezieller neuropsychologischer Untersuchungen ist möglich (Perry u. Hodges 2000). Die Aussagekraft von Verhaltensinventaren ist höher als die von neuropsychologischen Testuntersuchungen (Kertesz et al. 2003). SPECT: Mäßige Sensitivität (72%) und Spezifität (76%) in der Diskrimination von AD vs. FTD (Dougall et al. 2004) (B). PET: Hypometabolismus bei FTD frontal und/oder anterior temporal, bei AD v.a. parietotemporal. Ein ventromedialer und basaler frontaler Hypometabolismus ist für die FTD besonders charakteristisch (Salmon et al. 2003, Ibach et al. 2004) (C). Die Sprachstörung bei der AD unterscheidet sich von der bei der primär progressiven Aphasie (PPA): Bei AD relativ gut erhaltene Sprachflüssigkeit, Phonologie und Grammatik, erhaltene Sprachmelodie, stärker gestörtes Sprachverständnis. Die AD kann sich ausnahmsweise ähnlich wie eine PPA präsentieren (Karbe et al. 1993). Bei AD zusätzliche Defizite der visuell-räumlichen Verarbeitung und des Gedächtnisses. Die Sprachstörung bei semantischer Demenz zeigt – anders als bei der AD – einen Verlust des Wissens über Wortbedeutungen (beim Verstehen gesprochener und geschriebener Sprache; Snowden et al. 1992). Lewy-Körperchen-Demenz (LBD)DefinitionDemenzerkrankung mit zahlreichen Lewy-Körperchen in Neuronen des Neokortex, limbischen Kortex, Hirnstamms und Nucleus basalis Meynert (cholinerge Deafferentierung des Kortex). Phänomenologisch ist die LBD ein gemischt kortikales/subkortikales Demenzsyndrom. Übersicht siehe bei McKeith et al. 2004. Auftreten eines Parkinson-Syndroms schon zu Beginn, erst im Verlauf oder gar nicht (!). Fälle, in denen die Demenz > ein Jahr nach dem Parkinson-Syndrom auftritt, werden unter „Morbus Parkinson mit Demenz“ klassifiziert, obwohl diese Abgrenzung willkürlich ist und vermutlich in einem Teil dieser Fälle klinisch und pathogenetisch dieselbe Erkrankung vorliegt. Untergruppierung der LBD in „reine“ Fälle und solche mit begleitender Alzheimer-Pathologie (Fibrillenbündel und neuritische Plaques in einem Umfang, der die Diagnose AD rechtfertigt; del Ser et al. 2001). Letztere Form wird auch als „AD mit Lewy-Körperchen-Pathologie“ bezeichnet. Auch bei der „reinen“ Form der LBD können diffuse Amyloid-Plaques, wenige neuritische Plaques und wenige Fibrillenbündel vorliegen. Klinisch können beide Formen nicht unterschieden werden. DiagnostikKlinisch-diagnostische Konsensuskriterien nach McKeith et al. 2004 (A):
Ergänzende Hinweise zur Diagnostik der LBDNeurologie:
Psychiatrisch:
Neuropsychologie:
SPECT/PET
CCT/MRT:
Differenzialdiagnose zur ADUnzureichende Sensitivität und Spezifität der DD LBD/AD (Lang u. Bergmann 2002), v.a. solange ein deutliches Parkinson-Syndrom fehlt.
Differenzialdiagnose gegen-über symptomatischen Demenzformen
Verfahren zur KonsensbildungDiese Leitlinie entstand ohne Sponsoring oder inhaltliche Einflussnahme durch Dritte. Es bestanden keine Interessenkonflikte. Die Leitlinie enthält keine Aussagen zu Wirksamkeit und Evidenzgrad von Therapien. ExpertengruppeFür die DGN H. Förstl, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Technische Universität München K. Herholz, Neurologische Universitätsklinik und Max-Planck-Institut für Neurologische Forschung Köln C. Lang, Neurologische Universitätsklinik Erlangen H. Przuntek, Neurologische Klinik der Ruhr Universität Bochum im St. Josefs Spital C. W. Wallesch, Klinik für Neurologie der Universität Magdeburg Für den BDN J. Bohlken, Berlin Federführend: K. Schmidtke, Neurogeriatrie- und Memory-Ambulanz, Zentrum für Geriatrie und Gerontologie Freiburg, Universitätsklinikum Freiburg, Lehener Str. 88, 79106 Freiburg e-mail: klaus.schmidtke@uniklinik-freiburg.de Literatur1. Albin, R. L., S. Minoshima, C. J. D'Amato, K. A. Frey, D. A. Kuhl, A. 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Die in den Leitlinien verwendeten Symbole haben folgende Bedeutung:
Empfehlungsstärken
Die Einstufung der Empfehlungsstärke kann neben der Evidenzstärke
die Größe des Effekts, die Abwägung von bekannten und möglichen
Risiken, Aufwand, Verhältnismäßigkeit, Wirtschaftlichkeit oder
ethische Gesichtspunkte berücksichtigen.
Die "Leitlinien" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie sind systematisch entwickelte Hilfen für Ärzte zur Entscheidungsfindung in spezifischen Situationen. Sie beruhen auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und in der Praxis bewährten Verfahren und sorgen für mehr Sicherheit in der Medizin, sollen aber auch ökonomische Aspekte berücksichtigen. Die "Leitlinien" sind für Ärzte rechtlich nicht bindend und haben daher weder haftungsbegründende noch haftungsbefreiende Wirkung. Wie jede Wissenschaft ist die Medizin ständigen Entwicklungen unterworfen.
Soweit in diesem Werk eine Dosierung oder eine Applikation erwähnt wird,
darf der Leser zwar darauf vertrauen, dass die Autoren große Sorgfalt
darauf verwandt haben, dass diese Angabe dem Wissensstand bei Fertigstellung
des Werkes entspricht. Geschützte Warennamen und Warenzeichen werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.
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