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Einheit, Schlagkraft, Unabhängigkeit – Prof. Gereon Fink über die Aufgaben der DGN

Die neurologische Wissenschaft ist die Schlüsseldisziplin für eine immer älter werdende Gesellschaft, sagt Prof. Dr. Gereon R. Fink (52). Um die Neurologie für künftige Aufgaben zu rüsten, will er sich als Präsident der DGN 2017/2018 für den Erhalt der Einheit des Faches einsetzen.

Außerdem will er die Fachgesellschaft auf eine nachhaltige finanzielle Basis stellen, der Neurologie mehr Schlagkraft in Politik und Öffentlichkeit verleihen und die Unabhängigkeit der neurologischen Wissenschaft und ärztlichen Tätigkeit von ökonomischen Interessen weiter ausbauen. Und der medizinische Nachwuchs soll wissen: Es macht Spaß, Neurologe zu sein. Neurologie ist cool.

Herr Professor Fink, als designierter Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurologie treten Sie zum Jahreswechsel Ihr Amt an. Welches sind die dringlichsten Aufgaben für die DGN?

Die Neurologie wird immer komplexer und vielfältiger – in der Wissenschaft genauso wie in der Versorgung. Ein großes Thema ist es deswegen, die Einheit als Fach zu bewahren. Die DGN, die inzwischen weit über 8000 Kolleginnen und Kollegen vertritt, sieht darin eine zentrale Aufgabe. Wir sind Neurologie – in Vielfalt, aber mit einer breiten gemeinsamen Basis. Das ist heute schon Versorgungsrealität, und das ist auch die Neurologie der Zukunft. Gleich, ob wir uns auf zerebrovaskuläre Erkrankungen spezialisieren oder uns um komplex kranke geriatrische Patienten kümmern, ob es um Rehabilitation geht, um Patienten mit neuroimmunologischen Erkrankungen oder mit Bewegungsstörungen, um Patienten mit Hirntumoren, Demenzen oder Epilepsien: Jeder Neurologe sollte auch weiterhin die gesamte Bandbreite unseres Faches einschließlich der peripheren Neurologie vertreten können, von der akuten Erkrankung bis hin zur Betreuung chronisch Kranker.

Mit welchen Maßnahmen will die DGN die Einheit des Faches gewährleisten?

Mit der neuen Musterweiterbildungsordnung (MWBO), die die DGN seit Jahren intensiv mitgestaltet und die voraussichtlich 2018 verabschiedet wird, wird die Weiterbildung grundlegend an die Anforderungen einer modernen Neurologie angepasst. Bei der Ausarbeitung stehen wir in engem Kontakt mit den Jungen Neurologen, um jenen eine Stimme zu geben, die die Weiterbildung und deren Inhalte unmittelbar betreffen. Angehenden Fachärzten zum Beispiel müssen wir es ermöglichen, Schwerpunkte zu setzen: Wer plant, sich auf neurologische Intensivmedizin zu spezialisieren, sollte seinen Schwerpunkt eher internistisch verstärken. Wer später als niedergelassener Arzt nervenärztlich arbeiten möchte, wird sich eher auf psychiatrische Inhalte konzentrieren. Keine Option ist es für uns, verschiedene Fachärzte für einzelne Gebiete der Neurologie einzuführen, wie etwa in der Inneren Medizin. Das überfordert unser Fach und wird der Versorgungsrealität nicht gerecht. Außer mit der Gestaltung einer zukunftsorientierten Weiterbildung reagiert die DGN auf die Diversifizierung der Neurologie zum Beispiel auch mit dem Themenspektrum ihres Kongresses, ihrer Fortbildungsakademie und ihrer für die gesamte Neurologie zentralen Leitlinienentwicklung.

Apropos Kongress und Fortbildungen: Gibt es hier neue Pläne?

Ja, die DGN wird ab 2018 die Struktur des Jahreskongresses ändern. Dort finden bekanntlich die meisten Fortbildungskurse statt: Die Kurse werden nicht mehr quasi parallel zum Kongress stattfinden; sie werden vielmehr integraler Teil des Kongresses sein und damit allen Teilnehmern offenstehen. Zudem wollen wir dem neurowissenschaftlichen Nachwuchs auf unserer jährlichen zentralen Veranstaltung ein Forum bieten und dieses allmählich zu einer Art Science Fair ausbauen. Damit können sich junge Wissenschaftler nicht nur selbst präsentieren, sondern sich auch besser vernetzen. Denn Wissenschaft funktioniert nur im Team und mit internationalen Netzen. Dass moderne Formate hohen Zuspruch finden, hat in diesem Jahr der erfolgreiche erste neurologische Science Slam während des DGN-Kongresses in Mannheim mit mehr als 700 Besuchern gezeigt.

Sie forschen nicht nur als Ordinarius und Direktor des Universitätsklinikums in Köln, Sie leiten zudem ein neurowissenschaftliches Institut im Forschungszentrum Jülich. Sie zählen laut „Lab Times“ 2016 europaweit zu den 20 meistzitierten Forschern in der Kategorie Basic Neuroscience – als einziger waschechter Neurologe. Welchen Anspruch haben Sie mit diesem Hintergrund an die neuromedizinische Wissenschaft in Deutschland?

Erstens dürfen wir uns mit Fug und Recht selbstbewusst zeigen: Exzellente Forschung findet nicht nur in den USA statt, sondern natürlich auch in Europa und insbesondere in Deutschland. Deutschland liegt in der „Lab Times“-Statistik auf Platz 2, ganz knapp hinter England. Das gilt ja nicht nur für die Neurowissenschaften, sondern ebenso für die klinisch-neurologische Forschung. Auch hier sind deutsche Neurologen in Spitzenpositionen zu finden. Zweitens dürfen wir nicht müde werden, Talente zu finden, zu inspirieren und zu binden. Die Neurologie hat als therapeutisches Fach nur dann eine prosperierende Zukunft, wenn die Neurowissenschaft an spannenden Themen arbeitet, frische Ideen hervorbringt und Innovationen für die klinische Neurologie liefert. Aus diesem Grund möchte ich dazu beitragen, dass die DGN den gesamten Prozess von der Grundlagenforschung über die translationale Forschung bis hin zur Implementierung im klinischen Alltag noch besser abbildet und dass dies mit den Mitteln der DGN gefördert wird.

Pharma ist ein wichtiges Stichwort. Die DGN gilt als Fachgesellschaft, die als Vorreiter das Thema Unabhängigkeit der Medizin von ökonomischen Interessen thematisiert hat, etwa mit den Handlungsrichtlinien von 2014. Wie geht es auf diesem Gebiet weiter?

Jeder Mediziner, ob Niedergelassener oder Kliniker, weiß und spürt täglich, dass ökonomische Interessen unser gesamtes berufliches Leben beeinflussen. Diese Interessen kommen nicht allein aus der Industrie, sondern auch aus der Gesundheitspolitik, aus dem Sozialsystem, vom Arbeitgeber. In der breiten Öffentlichkeit wird die Beziehungsachse Mediziner – Pharmaindustrie gerne betont, weil sie Klischees bedient und leicht von jedermann zu verstehen ist. Auch die sogenannte Transparenzinitiative der pharmazeutischen Industrie mit der Veröffentlichung von Arztzuwendungen in diesem Jahr hat im Ergebnis dazu geführt, dass dieses Klischee eher bedient worden ist.

Die DGN kann das Thema Unabhängigkeit diskutieren, Empfehlungen aussprechen, aber wir sind keine Neurologie-Polizei. Am Ende muss jeder Kollege seinen aufrichtigen Weg in dieser Melange aus Interessen finden. Aber: Die DGN nimmt ihre eigene Unabhängigkeit sehr ernst, denn es ist ihre Aufgabe, alleine die Interessen der Neurologie und unserer Kolleginnen und Kollegen im Sinne einer evidenzbasierten und patientenorientierten Medizin zu vertreten. Daran arbeiten wir jeden Tag: ob bei den Leitlinien, beim Kongress oder bei unseren Fortbildungen. Es gibt in der DGN keine institutionelle Mitgliedschaft, mit der andere Fächer Unternehmen als Geldgeber zulassen. Wir vergeben keinen DGN-Preis, der von der Industrie finanziert ist, und Sie werden keine DGN-Aktivität finden, die fachliche Kompromisse aufgrund monetärer Aspekte macht. Aber wir haben noch einige Stellschrauben, um unsere Eigenständigkeit zu verbessern: So dürfen klinisch relevante Fragestellungen auf dem DGN-Kongress nicht vorwiegend den Industriesymposien überlassen werden, wenn es sich um industrienahe Themen wie Multiple Sklerose oder Bewegungsstörungen handelt. Dieses Ungleichgewicht muss besser ausbalanciert werden. Das heißt aber nicht, dass wir die Pharmaindustrie vom Kongress verbannen wollen. Wir sehen ihre Präsenz als sinnvolle inhaltliche Ergänzung an – wie übrigens auch weit mehr als die Hälfte der Kongressteilnehmer, das haben Umfragen gezeigt. Professor Günther Deuschl, der das Thema jahrelang intensiv begleitet hat, hat es so ausgedrückt: „Zusammenarbeit mit der Industrie: ja – aber auf Augenhöhe.“

Kann sich die DGN diese Unabhängigkeit überhaupt leisten?

Eine ganz wesentliche Aufgabe ist es, unsere Gesellschaft finanziell nachhaltig aufzustellen. Wir müssen einerseits einen eventuellen Kongressausfall abdecken können – ich erinnere an die Insolvenz unseres ehemaligen Kongressveranstalters im Jahr 2013. Dieses Tal haben wir zum Glück mit der sehr guten Arbeit unserer Geschäftsstelle und dem neuen Inhouse-Kongressmanagement sehr schnell durchschritten und sind auf einem sehr guten Weg. Doch das ist nicht alles. Vor allem müssen wir finanziell in der Lage sein, den Aufgaben unserer Satzung nachhaltig gerecht zu werden: Wahrung der Einheit des Fachs, Förderung der medizinisch-wissenschaftlichen und interdisziplinären Belange der Neurologie sowie Förderung des Allgemeinwissens um die Neurologie. Denkbar ist zum Beispiel, mithilfe einer Stiftung die finanzielle Grundlage dafür zu verbreitern. Damit hätten wir eine Struktur, die sich über kurz oder lang aus eigenen Erträgen finanziert.

Sie zeichnen zu Recht ein sehr selbstbewusstes Bild von der Neurologie – aber hat die Neurologie auch die Sichtbarkeit, die sie verdient?

Noch nicht in dem Maße, wie ich mir das wünsche. Wir haben wichtige Erfolge erzielt, so werden Neurologen heute deutlich stärker als geriatrisch kompetent gesehen als noch vor vier, fünf Jahren. Immer häufiger sieht man Stellenangebote aus geriatrischen Einrichtungen, in denen explizit Neurologen gesucht werden. Oder denken Sie an den Erfolg bei der Diagnostik des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls. In bestimmten Bereichen müssen wir aber unsere Kommunikation noch verstärken, unsere Sichtbarkeit erhöhen: Wir müssen die Erfolge der Neurologie stärker kommunizieren, den Studierenden deutlicher zeigen, dass Neurologie und die neuromedizinische Wissenschaft faszinierend sind, cool, und sie mit ihrer Arbeit nicht nur Karriere machen oder eine Therapie verbessern können. Wir müssen ihnen klarmachen, dass sie an einer gesellschaftlich wichtigen Aufgabe mitarbeiten. Noch immer hängt uns partiell das Image einer diagnostizierenden Konsiliarmedizin an – dabei können wir auf so vielen Feldern therapeutisch inzwischen so viel erreichen. Sicherlich müssen wir auch der Politik noch klarer vor Augen führen, dass die Neurologie die Schlüsseldisziplin der Medizin für die Versorgung unserer immer älter werdenden Gesellschaft ist.

Versorgungsthemen haben in der DGN neben den klassischen akademischen Aufgaben als medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Welche Schwerpunkte wollen Sie setzen?

Hier lautet das Stichwort für mich Interdisziplinarität. Die Arbeit am und mit dem Patienten ist immer Teamwork. In diesem Sinne möchte ich Weiterbildungsassistenten, auf neurologische Medizin spezialisierte Pflegekräfte sowie Therapeutinnen und Therapeuten aus der Logopädie, Ergotherapie oder Physiotherapie stärker in das DGN-Netzwerk einbinden. Ich möchte die Expertise dieser Gruppen in der DGN zusammenführen, auch ihnen ein Forum geben, um gute Strategien im Sinne einer umfassenden Versorgung unserer Patienten zu finden. Das heißt aber auch, dass sich die DGN den genannten Berufsständen noch mehr öffnen muss. Das wird ein weiterer Schritt auf dem Weg sein, die DGN noch stärker zu einem gesundheitspolitischen Schwergewicht auszubauen.

Interview: Frank A. Miltner und Monika Holthoff-Stenger
Pressestelle der DGN

DGN-Mitglieder können das Interview auch im aktuellen Forum Neurologicum im Mitgliederbereich bzw. im Print-Abo lesen.