loading...

Sechs Jahre lang wirkte Professor Dr. Martin Grond ehrenamtlich im Vorstand der DGN, in den Jahren 2013 und 2014 als Erster Vorsitzender. Zum Jahreswechsel endete seine Zeit im Präsidium. Ein dankbarer Rückblick.

Professor Dr. Martin Grond ist der Prototyp eines Schlaganfallneurologen. Seine berufliche Sozialisation in den 90er-Jahren am Max-Planck-Institut für neurologische Forschung Köln (heute: Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung) und an der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Universität zu Köln fällt in eine Zeit, in der die Neurologie mit der Thrombolysetherapie des Schlaganfalls und der Organisation der Stroke Units erstmals im größeren Maßstab in der Akutversorgung in Erscheinung tritt – und damit eine bis dato nicht gekannte Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit auf sich zieht. Martin Grond war zu der Zeit Assistenzarzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter, später dann Oberarzt der Kölner Uniklinik und wusste schon damals, gestalterisches Durchsetzungsvermögen und mediales Talent als treibende Kraft einer groß angelegten Kampagne „Köln gegen den Schlaganfall“ geschickt zu paaren: Für seine Habilitationsschrift „Einführung der systemischen Thrombolyse mit rt-PA bei akutem ischämischem Insult in die klinische Praxis im Rahmen einer Gemeinde-basierten interdisziplinären Kooperation“ erhielt er den Köln-Preis für wissenschaftliche Arbeiten, die der Entwicklung der Stadt Köln gewidmet sind.

Martin Grond wechselt 2001 als Chefarzt an das Kreisklinikum im südwestfälischen Siegen. Dort baut er die Klinik zu einer der leistungsfähigsten nichtuniversitären Neurologien in Deutschland mit 120 Betten aus. Früh setzt er neben einem neurointerventionellen Schwerpunkt auf die geriatrische Versorgung. 2004 übernimmt er Vorstandsfunktionen in der Deutschen Schlaganfall Gesellschaft (DSG), avanciert 2006/2007 zu deren Vorsitzendem, was ihn (über Prof. Dr. Otto Busse) auch näher an die DGN heranführt. Bei der DGN übernimmt er erste Aufgaben, etwa in der Perspektivenkommission, wo er die erste Imagekampagne der Neurologie unter dem Motto „Deutschland behält die Nerven“ initiiert. Schließlich stellt er sich der Wahl zum Zweiten Vorsitzenden der DGN, zwei Jahre später wählen ihn die Mitglieder zu ihrem Ersten Vorsitzenden. Nach längerer Zeit bestimmen die Mitglieder der DGN damit wieder einen Chefarzt, der nicht auch Lehrstuhlinhaber ist. Diejenigen, die dies kritisch sehen, werden schnell eines Besseren belehrt.

Martin Grond navigiert die DGN geschickt durch stürmische Zeiten: Gleich im ersten Jahr seines Vorsitzes geht der externe Kongressdienstleister völlig überraschend in die Insolvenz und hinterlässt der DGN fast 2 Millionen Euro Verlust. Gemeinsam mit Geschäftsführer Dr. Thomas Thiekötter fährt der Vorstand ein striktes Sparprogramm und etabliert ein Inhouse-Kongressmanagement, das inzwischen drei Kongresse mit großem Erfolg organisiert hat. Zeitgleich geraten medizinische Fachgesellschaften in den Fokus der Öffentlichkeit und kritischer Fachkollegen, die lange Jahre praktizierte Usancen in der Zusammenarbeit von Medizinern und Unternehmen in Frage stellen. Die auch von der DGN geforderte Transparenz wird prompt geliefert. Gemeinsam mit Prof. Dr. Günther Deuschl bringt Martin Grond die „Handlungsrichtlinien zum Umgang mit ökonomischen Interessen in der Neurologie“ heraus und setzt mit dem „Code of Conduct“ einen Rahmen für seriöse Auftritte von Unternehmen auf dem DGN-Kongress. Überflüssige „Fun-Faktoren“ wie Kletterwände oder Verlosungen werden aus der Ausstellung verbannt, „Satellitensymposien“ heißen fortan unzweideutig „Industriesymposien“, eine klare Trennlinie wird zwischen Wissenschaft und Industrie eingezogen. Die zahlreichen Maßnahmen der DGN reichen bis hin zur Leitlinienarbeit, bei der wir in unserer gemeinsamen Vorstandszeit weitere Schritte zur Verbesserung der Transparenz eingeleitet haben, etwa die Bewertung der Interessenkonflikterklärungen durch unabhängige Gutachter. Mit diesen strategischen Weichenstellungen hat sich die DGN in Sachen Transparenz und Unabhängigkeit sehr früh unter den medizinischen Fachgesellschaften weltweit ganz vorn positioniert.

Eine eindeutige Position bezieht Martin Grond auch bei der Vertretung der Interessen der Neurologie im Kontext der Geriatrie, einer Diskussion, die im Rahmen der neuen Musterweiterbildungsordnung (MWBO) aufflammt: Schnell positioniert er die Neurogeriatrie als wichtigen Pfeiler einer interdisziplinär organisierten Altersmedizin. Vehement setzt er sich dafür ein, dass auch den ältesten Patienten eine bestmögliche Fachmedizin zugutekommt und sie nicht – fachgesellschaftlich-geriatrischen und ökonomischen Interessen folgend – Altersmedizinern überlassen werden. Das Ergebnis vieler Meetings (und mancher hitziger Debatte) in Fachgremien ist, dass Neurologen heute bei Entscheidern im Gesundheitswesen auch als geriatrisch tätig wahrgenommen werden. Aller Voraussicht nach wird sich in der neuen MWBO dementsprechend der „Facharzt für Neurologie und Geriatrie“ finden, vorausgesetzt, der Deutsche Ärztetag verabschiedet nach langjähriger, zäher Entwicklungsarbeit in 2018 die neue MWBO.

Nachhaltig verbunden ist Martin Gronds Amtszeit als Erster Vorsitzender auch mit dem Beginn der Aufarbeitung der Rolle der Neurologie im Nationalsozialismus durch Medizinhistoriker im Auftrag der DGN, ein Projekt, das bisher zu zwei viel beachteten Symposien auf den DGN-Kongressen in Düsseldorf bzw. Mannheim sowie zu einer Sonderpublikation in „Der Nervenarzt“ geführt hat. Die Aufarbeitung der unterschiedlichen Aspekte wird sicher noch viele Jahre dauern, geht es doch um mehr als pure Geschichtsbeschreibung: 70 Jahre nach Ende der NS-Diktatur werden ehrliche Antworten möglich, die jahrzehntelang aus Mangel an Fakten, aber auch wegen Befangenheiten nicht gegeben werden konnten oder gegeben wurden. Die wichtige Aufarbeitung unserer Geschichte hilft, Identität zu stiften, und hoffentlich uns und nachfolgenden Generationen, nie wieder moralische Grundsätze ärztlichen und wissenschaftlichen Handelns derart zu missachten. Martin Gronds sechsjährige Amtszeit als Vorstandsmitglied hinterlässt wichtige Spuren. Professor Grond fügt sich nahtlos ein in eine Reihe von Vorsitzenden, die sich mit Gespür für wichtige Fragen, außergewöhnlichem Engagement, Entschlusskraft und Sinn für Nachhaltigkeit um die deutsche Neurologie und unsere Fachgesellschaft verdient gemacht haben.

Im Namen des gesamten Präsidiums der DGN und aller Kolleginnen und Kollegen der deutschen Neurologie danke ich Martin Grond für sein Engagement sehr herzlich.

Gereon R. Fink