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Übersicht und Suchen in den Leitlinien
Inhaltsverzeichnis:
Vorwort
Leitlinien: A
Leitlinien: B - E
Leitlinien: F - L
Periphere Fazialisparese
Frühsommer Meningoenzephalitis (FSME)
Anhaltender idiopathischer Gesichtsschmerz
Allgemeine Grundlagen der neurologischen Begutachtung
Hirnabszess
Hirndruck
Hirnmetastasen
Diagnostik und Therapie HIV-1-assoziierter Erkrankungen
Insomnie - nicht erholsamer Schlaf
Einsatz intravenöser Immunglobuline
Intrazerebrale Blutung
Karpaltunnelsyndrom (KTS)
Diagnostik und apparative Zusatzuntersuchungen bei Kopfschmerzen
Benigner peripherer paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPPV)
Leichtes Schädel-Hirn-Trauma
Diagnostische Liquorpunktion
Diagnostik und Therapie des Liquorunterdruck-Syndroms
Lumbale Radikulopathie
Leitlinien: M
Leitlinien: N - P
Leitlinien: Q - S
Leitlinien: T - Z
Patientenleitlinien
Leitlinien die unter Beteiligung der DGN entstanden sind
"Conflict of Interest" (COI) Erklärung

Was gibt es Neues?

Die Therapie mit Kortikosteroiden ist als wirksam einzuschätzen, wenn sie innerhalb der ersten Woche, noch besser innerhalb der ersten 2–4 Tage nach Krankheitseintritt begonnen wird (  ).
Eine Wirksamkeit von Virustatika wie Aciclovir ist nicht belegt ().

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick

Akuttherapie:

Zur Schmerzbehandlung, falls nötig, ist ASS am besten geeignet; es nimmt aber keinen Einfluss auf den Krankheitsverlauf selbst (B).
Zur Prophylaxe gegen sekundäre Schäden an der Hornhaut durch Lidschlussdefizit eignen sich Frisén-Klappe/Uhrglasverband (A), bevorzugt nachts, oder Seitenschutzbrille (B), bevorzugt tagsüber, in Verbindung mit Augensalbe (A) nachts oder künstlicher Tränenflüssigkeit (A) am Tag.
Botulinumtoxin-Injektionen sollten wegen hoher Kosten und negativer Wirkung auf die Tränensekretion nicht primär eingesetzt werden (C).
Goldgewichtimplantation ins Oberlid bietet sich nicht akut an, aber bei verbleibendem Lidschlussdefizit nach abgeschlossener Regeneration (B).
Die Gabe von Kortikosteroiden kann trotz einer nichtpositiven Aussage in einer neueren Cochrane-Analyse als wirksam angesehen werden (A).
Virustatika sind wegen nicht erwiesener Wirksamkeit nicht gerechtfertigt.
Die Wirksamkeit einer chirurgischen Intervention innerhalb der ersten 1–2 Wochen ist nicht belegt, sie wird aber bei gesichertem Zoster als frühe Maßnahme von einzelnen empfohlen (B).

Maßnahmen zur Verbesserung der Regeneration/Reinnervation:

Von aktiven Bewegungsübungen vor dem Spiegel darf eine raschere und bessere Regeneration erwartet werden (klinische Erfahrung; B).
Eine Elektrotherapie der Gesichtsmuskeln ist wegen nicht erwiesener Wirksamkeit nicht zu empfehlen.

Definition

Die periphere faziale Parese („Fazialisparese“, PF) ist eine der häufigsten Einzelnervenerkrankungen. Es handelt sich um eine meist einseitige, innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen sich entwickelnde partielle oder komplette Lähmung der Gesichtsmuskeln unter Einschluss der Stirnmuskulatur. Auf der Lähmungsseite treten öfter ohrnahe Schmerzen auf. Mitunter wird eine gewisse sensible Beeinträchtigung im Bereich der gleichseitigen Wange berichtet, die in einer neueren Studie durch QST (quantitative sensible Testung) objektiviert werden konnte. Die Kollektive, auf die sich bislang die Aussagen zum natürlichen Verlauf und zur Therapie beziehen, sind heterogen; sie schließen verschiedene Ursachen ein. Am häufigsten ist die idiopathische periphere Fazialisparese (Bell-Lähmung, IPFP), bei der die Läsion im Felsenbein im engsten Teil des Meatus acusticus internus unmittelbar proximal des äußeren Fazialisknies lokalisiert ist (Esslen 1977). Häufigere andere Ursachen sind Diabetes mellitus (Anteil bis zu 25%, gute Prognose), Zoster oticus (Anteil bis zu 10%, schlechte Prognose) und Borreliose (gute Prognose). Seltenere andere Ursachen sollen hier nicht angesprochen werden.

Differenzierung nach klinischen Merkmalen

Jede PF ist daraufhin zu prüfen, ob eine komplette oder inkomplette Lähmung vorliegt oder eine über Tage progrediente Entwicklung. Dies hat für die Therapie Bedeutung. Geschmacksstörung und Minderung der Tränensekretion weisen auf eine Schädigung im Felsenbeinabschnitt hin (IPFP) und werden bei Borreliose und Diabetes mellitus gewöhnlich nicht beobachtet. Auftreten in feuchten und warmen Frühjahrs- und Sommermonaten, eventuell auch in feuchten Herbstmonaten nach trockenem Sommer, lässt eine Borreliose diskutieren, speziell bei Kindern und/oder bei doppelseitiger Ausbildung. Bei sehr langsamer Progredienz kommen vor allem Tumoren in Betracht (Akustikusneurinom, Parotistumoren, Karzinome der Schädelbasis u. a.). Sind nur einzelne Muskelgruppen betroffen, ist eine Schädigung im peripheren Nervenverlauf nach Austritt aus dem Foramen stylomastoideum zu erwägen.

Nach heutigem Wissensstand lassen sich die genannten vier häufigen Ursachen bei gründlicher Untersuchung (Hinzuziehen des HNO-Kollegen und Einsatz von Magnetstimulation, Liquorbefund, Bakteriologie, Virologie) hinreichend sicher differenzieren. Das ist in der bislang vorliegenden Literatur ungenügend geschehen.

Die Magnetstimulation erbringt die entscheidenden Befunde in den ersten beiden Krankheitstagen. Bei IPFP und Zoster oticus (Läsion im Bereich des Ganglion geniculi) zeigen komplette Lähmungen, gelegentlich auch inkomplette, den Verlust der kanalikulären Erregbarkeit. Bei proximaler gelegenen Läsionen (Borreliose, Polyradikulitis) ist die kanalikuläre Antwort zunächst unauffällig (Rössler et al. 1995). Durch die Testung der Nervenerregbarkeit (Reizung des Nervenstamms nach Austritt aus dem Foramen stylomastoideum, Vergleich mit dem innerhalb der ersten beiden Tage erhobenen Befund) lässt sich erst am 7.-10. Tag verlässlich abschätzen, ob ein Leitungsblock oder eine Degeneration weniger oder vieler Axone vorliegt. Daraus aber lässt sich ableiten, ob die Reinnervation innerhalb weniger Wochen (gute Prognose) oder erst nach einigen Monaten (schlechte Prognose) zu erwarten ist (Liberson 1983)

Diagnostik

Am Anfang steht der neurologische Status mit Funktionsprüfung der einzelnen Gesichtsmuskeln. Dabei sind auch Zunge und Lippen (Melkersson-Rosenthal-Syndrom) zu inspizieren sowie Ohr und Trommelfell auf Effloreszenzen (Zoster) und Wange auf Schwellung (Parotistumor). Die Prüfung von Geschmack und Tränensekretion (Schirmer-Test) ergibt Hinweise auf Art (bei Ausfall wahrscheinlich IPFP) und Schwere (bei Ausfall eher schwere Schädigung) der Erkrankung. Sofern Geschmack und Tränensekretion ungestört sind, ist ein Ganzkörperstatus unerlässlich (Ausschluss von Borreliose, GBS, Hirnstamminfarkt, MS u. a.). Eine spezielle Überprüfung der übrigen Hirnnervenfunktionen ist wegen der Möglichkeit einer Polyneuritis cranialis erforderlich.

So früh wie möglich (1. oder 2. Tag) sollte eine Magnetstimulation (Rössler et al. 1995) zur ätiologischen Differenzierung erfolgen. Bei kompletter Lähmung ist so früh wie möglich (1. oder 2. Tag) ein Nervenerregbarkeitstest (Rössler et al. 1989) durchzuführen mit Verlaufskontrolle am 7.-10. Tag zur frühen Beurteilung der Prognose (günstig, wenn die Amplitude > 10% des kontralateralen Wertes aufweist). Der Blinkreflex kann nach 2–3 Wochen zur Beurteilung der Spätprognose herangezogen werden (Ghonim u. Gavilan 1990, Lu u. Tang 1996;).

Basislabor mit Entzündungsparametern und Ausschluss eines Diabetes mellitus sind in jedem Fall sinnvoll.

Im Einzelfall kommen weitere Untersuchungen in Betracht, deren Indikation sich aus Anamnese und Befundlage ergibt: Blutserologie (Varizella-Zoster, HSV), speziell in den Sommermonaten, sofern Geschmack und Tränensekretion ungestört (Borreliose, FSME), N.-facialis-Nervenleitung (GBS, Parotistumor, Heerfordt-Syndrom), Hirnstammreflexe und EOG bei Patienten mit Diabetes mellitus und Hypertonie wegen der Möglichkeit eines lakunären Hirnstamminfarkts (Thoemke et al. 2002), Doppler- und Farbduplex-Sonographie der hirnversorgenden Arterien (speziell hinterer Kreislauf bei Verdacht auf vaskuläre Ursache), CCT bei Verdacht auf ossären Prozess (Fraktur, Entzündung, Tumordestruktion u. a.), MRT (ggf. mit Kontrastmittel) zur Darstellung des N. facialis im Felsenbein, von innerem Gehörgang, Kleinhirn-Brückenwinkel, Pons usw., vor allem auch bei Verdacht auf Multiple Sklerose, Liquor mit Serologie (Borreliose, Zoster, FSME, HIV u. a.).

Pathophysiologie

Als Ursache der IPFP werden Entzündung und sekundäre Kompression mit oder ohne Ischämie diskutiert. Ein Entzündungserreger ist nicht gesichert. Aufgrund von PCR-Untersuchungen wird eine HSV-Ätiologie diskutiert. Beim Zoster ist das Ganglion geniculi durch das VZ-Virus befallen. Grundsätzlich andere Ursachen einer PF können sein: MS, Hirnstammischämie (Thoemke et al. 2002) sowie lokale Prozesse im Verlauf des N. facialis.

Natürlicher Verlauf

Die Gesamtgruppe der PF hat wie kaum eine andere Krankheit eine sehr günstige spontane Prognose (May et al. 1985, Peitersen 1982). Ohne jegliche Therapie kann man bei vier von fünf Betroffenen (Angaben zwischen 70% und 90%) eine Ausheilung ohne oder fast ohne Resterscheinungen erwarten. Dies ist bei Einleitung der Therapie zu berücksichtigen.

Ziele und Anwendungsbereich

Diese Leitlinie zielt auf eine Optimierung der Behandlung der idiopathischen peripheren fazialen Parese unter praktischen und ökonomischen Aspekten. Die Leitlinie ist evidenzbasiert und eine Fortentwicklung der Leitlinie der DGN (Diener und die Kommission Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie 2003).

Diese Leitlinie wendet sich an Ärzte, die ambulante oder stationäre Patienten mit idiopathischer peripherer fazialer Parese betreuen.

Zusammenfassung der Empfehlungen

Diagnostik: Die Diagnose der IPFP stützt sich auf die Schwäche oder Lähmung der Gesichtsmuskeln einer Seite, Störungen des Schmeckens und der Tränensekretion, seltener eine Hyperakusis, sowie die elektrophysiologischen Befunde der Magnetstimulation. Die Prognose lässt sich aus dem Nervenerregbarkeitstest abschätzen. Sehr wichtig ist der Ausschluss von Zoster, Borreliose, Diabetes mellitus und Multipler Sklerose, da diese Krankheiten anders therapiert werden müssen. Pragmatisch wichtig ist die Klärung, ob die Schädigung komplett (Lähmung) oder inkomplett ist (Parese, Restbeweglichkeit), da für inkomplette Schädigungen die wissenschaftliche Begründung einer Therapie mit Kortikosteroiden nicht gegeben ist.

Therapie: Die Behandlung der IPFP ist auf drei Hauptfelder gerichtet: Prophylaxe gegen sekundäre Schäden an der Hornhaut, kausalgerichtete medikamentöse Therapie, Förderung der Regeneration.

Die Prophylaxe von Sekundärschäden zielt auf den Schutz vor Schädigungen der Hornhaut des Auges bei Lidschlussdefizit durch Verletzung (Augenklappe, Uhrglasverband, Seitenschutzbrille) und Austrocknen (künstliche Tränenflüssigkeit, Augensalbe; B).
Kortikosteroide (Prednisolon, Methylprednisolon) sind das Mittel der Wahl (A), müssen aber frühzeitig eingesetzt werden.
Für die Wirksamkeit anderer Medikamente oder den Nutzen chirurgischer Intervention liegen keine überzeugenden Studien vor.

Vorgehensweise und Evidenzen

Prophylaxe von sekundären Schädigungen der Hornhaut

Hierzu werden Maßnahmen empfohlen, die nicht in Studien überprüft wurden. Sie haben sich aus der klinischen Erfahrung heraus angeboten und bewährt. Eine Überprüfung im Rahmen einer Studie wäre „blind“ gar nicht möglich und es wäre auch ethisch nicht vertretbar, Betroffenen die Maßnahmen zu verweigern und die Gefahr einer Hornhautschädigung in Kauf zu nehmen.

Kausal gerichtete Maßnahmen

Die Studienlage zur Therapie der IPFP ist insgesamt nicht gut. Die bisherigen Studien stützen sich ausnahmslos auf ätiologisch heterogene Kollektive. In den meisten Studien wurden komplette und inkomplette Schädigungen zusammen betrachtet. In keiner Studie erfolgte die Differenzierung der Diagnose nach Kriterien der Magnetstimulation. Keine Einzelstudie erreicht die statistisch erforderliche Kollektivgröße von 190–200 Patienten (Burgess et al. 1984). Die Aussagen aufgrund der Literatur sind für diese Einwendungen offen. Die Hauptaussagen in dieser Leitlinie stützen sich auf Metaanalysen.

Therapie

Welche Patienten bedürfen der Therapie und welche nicht?

Wenn wie bei der IPFP die weit überwiegende Zahl einen sehr günstigen Spontanverlauf hat, ist es weder sinnvoll noch ökonomisch verantwortbar, alle Patienten zu behandeln. Da verlässliche elektrophysiologische Befunde erst zu spät (um den 7.-10. Tag) verfügbar sind, die Therapieentscheidung aber früh fallen muss, benötigen wir andere Kriterien. Dies ist allein nach klinischer Maßgabe möglich: Aus der Gesamtgruppe müssen PF bei Zoster, Borreliose und Diabetes mellitus ausgeschlossen (und anders behandelt) werden. Aus der dann verbleibenden Gruppe bedürfen Patienten mit Restbeweglichkeit keiner kausal gerichteten Therapie, und zwar wegen ihres so gut wie immer günstigen Spontanverlaufs. Alle Patienten mit kompletter Lähmung bedürfen der Therapie. Allerdings sind die sich über Tage progredient verhaltenden Paresen wie komplette Lähmungen zu werten und der Gruppe zuzurechnen, die behandelt werden muss.

Maßnahmen zur Verhütung von Sekundärschäden

Eine potenziell gefährliche Komplikation ist das Hornhautulkus, z. B. durch Austrocknen oder Verletzung der Kornea. In diesem Fall ist ein Ophthalmologe hinzuzuziehen. Indikation zu einer oder mehreren der nachfolgend genannten prophylaktischen Maßnahmen ist ein Lidschlussdefizit von rund 3 mm oder Verminderung der Tränenflüssigkeit.

Je nach aktueller Situation bieten sich verschiedene Möglichkeiten an. Konservierungsstofffreie Tränenersatzmittel (tagsüber) oder Augensalbe (nachts) bei Tränensekretionsstörung, Uhrglasverband oder Frisén-Klappe und Augensalbe bei Lidschlussdefizit von > 3 mm ist das kostengünstigste Verfahren (siehe Tabelle 1). Alle diese Maßnahmen haben sich klinisch bewährt. Die Möglichkeit einer temporären Abflusshinderung von Tränen durch Verlegung des Tränenkanals mittels Silikonpfropfen ist nicht in größeren Kollektiven erprobt. Botoxinjektion ins Oberlid zur Erzeugung einer Ptose ist teuer, bietet weniger Schutz und kann die Tränensekretion zusätzlich mindern. Goldgewichtimplantate erscheinen nur nach unvollständiger Restitution indiziert (Snyder u. Johnson 2001). Die Lidraffung ist speziellen Indikationen vorbehalten, z. B. bei Ektropium und alten Patienten.

Medikamentöse Systemtherapie

Symptomatische Behandlung des Schmerzes

Falls therapiebedürftige Schmerzen vorliegen, erscheint ASS wirksamer als Diclofenac. Da starke Schmerzen zu den Symptomen einer Borreliose gehören, darf ASS nicht unkritisch gegeben werden. Begründete Hinweise, dass ASS oder Diclofenac den Verlauf der PF günstig beeinflussen, gibt es nicht.

Medikamentöse Therapie mit kausaler Zielrichtung

Für eine solche differente Therapie kommen nur Patienten mit kompletter Lähmung oder progredienter Parese in Betracht, nicht aber solche mit primär günstiger Prognose.

Prednisolon/Methylprednisolon

Die erste Metaanalyse bewertete Studien mit einer Gesamtdosis von > 400 mg und Therapiebeginn vor dem 7. Krankheitstag (Ramsey et al. 2000). Der Einschluss von schließlich 206 Patienten ergab, dass vollständige Restitution in der Therapiegruppe gegenüber der Placebogruppe um 17% überwog (99% KI. 0,0–0,32; p = 0,005). Der Effekt schien umso besser, je früher der Therapiebeginn lag. In der zweiten Metaanalyse wurde die Bewertung auf 235 Patienten gestützt (Grogan u. Gonseth 2001). Die Kortikosteroid-Gruppe erzielte mit +14% ein signifikant besseres Endergebnis (= R 1,16; 95% KI. 1,05–1,29), was von den Autoren als „level B of evidence“ bewertet wurde. Eine dritte Metaanalyse, die Komedikation akzeptierte, stützt sich auf nur 117 Patienten, wobei auch inkomplette Lähmungen eingeschlossen waren (Salinas et al. 2003). In der Therapiegruppe verblieben bei 22%, in der Kontrollgruppe bei 26% Residuen störender Art. Dieser Unterschied war nicht signifikant.

Nach der Studienlage muss eine Kortikosteroid-Therapie mit 1 mg/kg/d über 10 Tage und Beginn am besten am Tag 1–2, eventuell noch am Tag 3–4 oder spätestens am Tag 5–6 für die Gruppe mit kompletter Lähmung sowie die mit progredienter Parese empfohlen werden und kann als belegt gelten. Die Wirksamkeit einer Stoßtherapie mit 500 mg oder 1000 mg/d über 3–5 Tage wurde bislang nicht in Studien erprobt.

Virustatika

Es liegen zwei Studien mit konträren Ergebnissen vor. Die erste schloss 101 Patienten ein, verglich den Effekt von Aciclovir mit dem von Prednisolon und fand Aciclovir unterlegen (DeDiego et al. 1998). Die andere untersuchte 99 Patienten, verglich den Effekt von Aciclovir plus Prednisolon mit Placebo und fand Aciclovir plus Prednisolon überlegen (Adour et al. 1996). Eine Metaanalyse kommt zu dem Schluss, dass eine verlässliche Aussage aufgrund der derzeitigen Studienlage nicht möglich ist (Sipe u. Dunn 2002).

Infusion von Dextranen

Seit mehreren Jahrzehnten wird Dextran 40 mit einer Dosis von 500 ml/d über 7–10 Tage empfohlen (Sittel et al. 2000). Eine Wirksamkeitsstudie mit aussagekräftigem Design liegt bislang allerdings nicht vor. Auch in Hinblick auf z.T. gravierende unerwünschte Wirkungen kann eine solche Therapie nicht als gerechtfertigt angesehen werden.

Andere Empfehlungen

Eine Wirksamkeit der sog. neurotropen Vitamine (Vitamine der B-Gruppe) ist weder systematisch untersucht noch durch Einzelberichte belegt. Methylcobalamin alleine oder plus Prednison schien Prednison alleine überlegen, allerdings war die Patientenzahl mit 60 zu gering (Jalaludin 1995).

Acetyl-L-Carnitin 3 x 1 g für 4 Wochen plus Methylpredniolon 50 mg für 2 Wochen zeigte nur geringe Signifikanz und ein möglicher Kortikosteroideffekt wurde nicht abgegrenzt (Mezzina et al. 1992). Diese Studienlage lässt für beide Substanzen eine Empfehlung nicht zu.

Obsolet erscheint die hyperbare O2-Therapie (Racic et al. 1997), die sich ebenso als unwirksam erwiesen hat wie die Akupunktur (Zang 1999).

Praktisches Vorgehen

Aus der Gesamtgruppe der Patienten mit PF müssen die bei Zoster oticus, Borreliose und Diabetes mellitus ausgeschlossen (und anders behandelt) werden. Aus der verbleibenden Kerngruppe mit mutmaßlicher IPFP bedürfen nur die Patienten mit kompletter Lähmung und die Patienten mit progredienter Pareseentwicklung einer Therapie. Kortikosteroide sind in der angegebenen Dosierung (Tabelle 2) so früh wie möglich, am besten innerhalb der ersten 48 Stunden zu beginnen. Bei Einsatz nach dem 7. Tag kann ein Therapieeffekt nicht mehr erwartet werden. Eine Prophylaxe gegen Sekundärschäden (Tabelle 1) ist in jedem Fall indiziert, ebenso Bewegungsübungen zur Verbesserung der Regeneration (Tabelle 3).

Chirurgische Maßnahmen

Dekompression des N. facialis im proximalen Felsenbeinabschnitt bis zu 14 Tagen nach Krankheitsbeginn soll bei kompletter PF das Endergebnis verbessern (Gantz et al. 1999), allerdings lief die Studie über 15 Jahre und schloss nur 50 Patienten ein. Ein Review kam nicht zu einer positiven Aussage (Friedmann 2000). Es gibt aber die otologische Expertenmeinung, dass bei Zoster oticus mit seiner insgesamt schlechten Prognose eine frühzeitige (etwa am 10. Tag) Dekompression helfen könne.

Maßnahmen zur Verbesserung der Regeneration

Aktive Bewegungsübungen haben sich tierexperimentell als wirksam erwiesen (früherer Beginn der Reinnervation) und sind in Einzelbeobachtungen am Menschen belegt. Sie werden vor dem Spiegel mit einer Gesamtdauer von mindestens 2 x 20 min/d mit wiederholter kräftiger Anspannung jedes einzelnen Muskels (der gesunden Seite, die zur Mitaktivierung der kranken Seite führt) nach Anleitung und unter wiederholter Kontrolle durch den Physiotherapeuten durchgeführt (Shiau et al. 1995).

Bei Patienten mit kompletter Lähmung und Reinnervationsbeginn nach 3 Monaten ist mit pathologischen Mitbewegungen zu rechnen. Hier hat sich nach Einzelbeobachtungen die Übung nach Eis-(Kühlungs-)behandlung durch den Physiotherapeuten als günstig erwiesen.

Die Wirksamkeit einer Langzeitelektrotherapie, die für die Gesichtsmuskeln nicht unter isometrischen Bedingungen durchführbar ist, ist nicht belegt (Targan et al. 2000).

Verlaufsbeobachtung

Zur Verlaufskontrolle eignet sich im Frühstadium der Nervenerregbarkeitstest. Bleibt die Amplitude der Reizantwort am 7.-10. Tag nach Lähmungsbeginn über 15–20% der Antwort der gesunden Seite, kann eine rasche Besserung mit Rückbildung nach 3–4 Wochen erwartet werden. Fällt sie auf 10% oder darunter, ist mit einem Zeitraum von 3 Monaten oder mehr bis zur beginnenden Reinnervation zu rechnen (Liberson 1983). Residuen, zumal pathologische Mitbewegungen, sind zu erwarten. Bleibt der Blinkreflex R1 in den ersten 3 Wochen erhalten, so bleibt die Prognose günstig, Verzögerung der R1 bedeutet eine eingeschränkte Prognose (Ghonim u. Gavilan 1990). Bei verzögerter Wiederkehr der Beweglichkeit kann die Elektromyographie den Reinnervationsbeginn am besten erfassen. Bewegungsübungen sollte der Patient weiterführen, bis eine gute Beweglichkeit erzielt ist.

Residuen

In sehr seltenen Fällen bleibt die Gesichtsmuskulatur gelähmt. In den meisten Fällen tritt Reinnervation ein. Ein langes Lähmungsstadium bedeutet auch durch kollaterale Sprossung bedingtes Fehleinwachsen in andere, zuvor von dem Axon nicht innervierte Muskeln. Dadurch entstehen pathologische Mitbewegungen. Nach Einzelmitteilungen kann hier auch Botulinumtoxin eingesetzt werden, doch liegt keine Studie dazu vor.

 

Tabellen als PDF

Expertengruppe

Für die DGN:

PD Dr. F. X. Glocker, Neurologische Universitätsklinik Freiburg

Prof. Dr. M. Stöhr, Neurologische Klinik, Klinikum Augsburg

Prof. Dr. H. C. Hopf, Neurologische Universitätsklinik Mainz

Federführend: Prof. Dr. H. C. Hopf, Neurologische Universitätsklinik, Langenbeckstr. 1, 55131 Mainz, Tel.: 06131/177194

e-mail: hopf@neurologie.klinik.uni-mainz.de

Literatur

1. Adour, K. K., J. M. Ruboyianes, P. G. von Doersten et al. (1996): Bell’s palsy treatment with acyclovir and prednisone compared with prednisone alone. Am. Otol. Rhinol. Laryngol. 105, 371–378.

2. Burgess, L. P., D. W. Yim, M. L. Lepore (1984): Bell’s palsy: the steroid controversy revisited. Laryngoscope 94, 1472–1476.

3. DeDiego, J. I., M. P. Prim, M. J. DeSarria et al. (1998): Idiopathic facial paralysis: a randomized, prospective, and controlled study. Laryngoscope 108, 573–575.

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10. Jalaludin, M. A. (1995): Methylcobalamin treatment of Bell’s palsy. Methods Find Exp. Clin. Pharmacol. 17, 539–544.

11. Liberson, W. T. (1983): Clinical neurophysiology and Bell’s palsy. Electromyogr. Clin. Neurophysiol. 23, 247–250.

12. Lu, Z., X. Tang (1996): Blink reflex normal values and its findings on peripheral facial paralysis. Chin. Med. J. Engl. 109, 308–312.

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14. Mezzana, C., D. DeGrandis, M. Calvani et al. (1992): Idiopathic facial paralysis: new therapeutic prospects with acetyl-L-carnitine. Int. J. Clin. Pharmacol. Res. 12, 299–304.

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16. Racic, G., P. J. Denoble, N. Sprem et al. (1997): Hyperbaric oxygen as a therapy of Bell’s palsy. Undersea Hyperbar. Med. 24, 35–38.

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18. Rössler, K. M., C. W. Hess, U. D. Schmid (1989): Investigation of facial motor pathways by electrical and magnetic stimulation. J. Neurol. Neurosurg. Psychiat. 52, 1149–1156.

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20. Salinas, R. A., G. Alvarez, M. I. Alvarez, J. Ferreira (2003): Corticosteroids for Bell’s palsy. Cochrane Database Syst. Rev. 1, CD001942.

21. Shiau, J., B. Segal, I. Danys et al. (1995): Long-term effects of neuromuscular rehabilitation of chronic facial paralysis. J. Otolaryngol. 24, 217–220.

22. Sipe, J., L. Dunn L. (2002): Aciclovir for Bell’s palsy (idiopathic facial paralysis). Cochrane Library, Issue 4.

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26. Thoemke, F., L. Gutmann, P. Stoeter, H. C. Hopf (2002): Cerebrovascular brainstem diseases with isolated cranial nerve palsies. Cerebrovasc. Dis. 13, 147–155.

27. Zang, J. (1999): 80 cases of peripheral facial paralysis treated by acupuncture with vibrating shallow insertion. J. Tradit. Chin. Med. 19, 44–47.

 

 

 

 

Die in den Leitlinien verwendeten Symbole haben folgende Bedeutung:

 

Aussage zur Wirksamkeit wird gestützt durch mehrere adäquate, valide klinische Studien (z.B. randomisierte klinische Studien) bzw. durch eine oder mehrere valide Metaanalysen oder systematische Reviews. Positive Aussage gut belegt.

 

Aussage zur Wirksamkeit wird gestützt durch zumindest eine adäquate, valide klinische Studie (z.B. randomisierte klinische Studie). Positive Aussage belegt.

 

Negative Aussage zur Wirksamkeit wird gestützt durch eine oder mehrere adäquate, valide klinische Studien (z. B. randomisierte klinische Studie), durch eine oder mehrere Metaanalysen bzw. systematische Reviews. Negative Aussage gut belegt.

 

Es liegen keine sicheren Studienergebnisse vor, die eine günstige oder ungünstige Wirkung belegen. Dies kann bedingt sein durch das Fehlen adäquater Studien, aber auch durch das Vorliegen mehrerer, aber widersprüchlicher Studienergebnisse.



Empfehlungsstärken
A Hohe Empfehlungsstärke aufgrund starker Evidenz oder bei schwächerer Evidenz aufgrund besonders hoher Versorgungsrelevanz
B Mittlere Empfehlungsstärke aufgrund mittlerer Evidenz oder bei schwacher Evidenz mit hoher Versorgungsrelevanz oder bei starker Evidenz und Einschränkungen der Versorgungsrelevanz
C Niedrige Empfehlungsstärke aufgrund schwächerer Evidenz oder bei höherer Evidenz mit Einschränkungen der Versorgungsrelevanz

 

Die Einstufung der Empfehlungsstärke kann neben der Evidenzstärke die Größe des Effekts, die Abwägung von bekannten und möglichen Risiken, Aufwand, Verhältnismäßigkeit, Wirtschaftlichkeit oder ethische Gesichtspunkte berücksichtigen.

 

 

Die "Leitlinien" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie sind systematisch entwickelte Hilfen für Ärzte zur Entscheidungsfindung in spezifischen Situationen. Sie beruhen auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und in der Praxis bewährten Verfahren und sorgen für mehr Sicherheit in der Medizin, sollen aber auch ökonomische Aspekte berücksichtigen. Die "Leitlinien" sind für Ärzte rechtlich nicht bindend und haben daher weder haftungsbegründende noch haftungsbefreiende Wirkung.

Wie jede Wissenschaft ist die Medizin ständigen Entwicklungen unterworfen. Soweit in diesem Werk eine Dosierung oder eine Applikation erwähnt wird, darf der Leser zwar darauf vertrauen, dass die Autoren große Sorgfalt darauf verwandt haben, dass diese Angabe dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes entspricht.
Für Angaben über Dosierungsanweisungen und Applikationsformen kann von der DGN jedoch keine Gewähr übernommen werden. Jeder Benutzer ist angehalten, durch sorgfältige Prüfung der Beipackzettel der verwendeten Präparate und gegebenenfalls nach Konsultation eines Spezialisten festzustellen, ob die dort gegebene Empfehlung für Dosierungen oder die Beachtung von Kontraindikationen gegenüber der Angabe in diesem Buch abweicht. Eine solche Prüfung ist besonders wichtig bei selten verwendeten Präparaten oder solchen, die neu auf den Markt gebracht worden sind. Jede Dosierung oder Applikation erfolgt auf eigene Gefahr des Benutzers. Die Autoren und die DGN appellieren an jeden Benutzer, ihm etwa auffallende Ungenauigkeiten der DGN mitzuteilen.

Geschützte Warennamen und Warenzeichen werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.


 

 

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