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Was gibt es Neues?Seit der letzten Ausgabe der Leitlinien sind keine Studien zu den verschiedenen Therapiemethoden, konservativ wie operativ, erschienen. Die Angaben zur Therapie stellen somit überwiegend nur Empfehlungen dar, die zur Zeit gängiger Standard sind. Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick
DefinitionRückenschmerzen mit Ausstrahlung in die Beine stellen nach Kopfschmerzen das häufigste Problem im mittleren und höheren Lebensalter dar. Sie sind eine der häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit, in Deutschland geschätzt auf 16 Millionen AU-Tage/Jahr (Göbel 2001). Neben akuten Prozessen, die im Fall fehlender struktureller Defekte selbstlimitierend sind, kommen auch therapeutisch schwerer angehbare chronische Beschwerden vor. Wenn Schmerzen nicht binnen 12 Wochen abklingen, droht die Gefahr einer Chronifizierung (Nelemans et al. 2000). PathogeneseAls Ursachen kommen im Bereich der Lendenwirbelsäule am häufigsten Bandscheibenvorfälle und knöcherne degenerative Veränderungen vor (Spondylarthrose, Spondylolisthese, Hypertrophie der Wirbelbogengelenke). Daneben finden sich Radikulopathien auch aufgrund lokaler Raumforderungen ausgehend von den Wirbeln (Tumoren, Knochenmetastasen) oder von intraspinalen Prozessen (z. B. Ependymomen, epiduralen Blutungen), aufgrund entzündlicher Veränderungen (Spondylodiszitis, Lyme-Radikulitis, Zoster, spinaler Abszess) und im Rahmen einer Meningeosis carcinomatosa sive lymphomatosa. Ein Sonderfall ist die Claudicatio caudae equinae bei einem primär oder sekundär engen Spinalkanal mit gehstreckenabhängigen Schmerzen und sensomotorischen Ausfällen, die bei Abliegen oder Hinsetzen jedoch im Gegensatz zur vaskulären Claudicatio intermittens nicht beim aufrechten Stehenbleiben sistieren. Das Stehen mit nach vorne geneigtem Oberkörper ist ebenso schmerzfrei möglich wie Radfahren. Beim Bergaufgehen treten Schmerzen später auf als beim Bergabgehen. Jede mit einer Hyperlordosierung verbundene Haltung führt zu einer Verstärkung der Lumbalkanalstenose und damit zu einer Schmerzverstärkung, wohingegen eine LWS-Kyphosierung eine Schmerzlinderung zur Folge hat. Beschwerden nach operativen Eingriffen im Sinne eines Postnukleotomiesyndroms sind auf Rezidive, unvollständige Operationen, Segmentinstabilitäten oder die Bildung von Narbengewebe zurückzuführen. Differenzialdiagnostisch abzugrenzen sind sog. pseudoradikuläre Syndrome, bei denen eine radikulär anmutende Schmerzsymptomatik besteht, der neurologische Untersuchungsbefund jedoch unauffällig ist. Ursachen pseudoradikulärer Syndrome sind in der Regel orthopädische Erkrankungen (Coxarthrose, Facettensyndrom, Ileosakralgelenksyndrom, Kokzygodynie, Tendomyopathien bei Überlastungen oder Muskelzerrungen) und metabolische Plexopathien und Radikulopathien z. B. im Rahmen eines Diabetes mellitus. Davon sind lumbosakrale Plexusaffektionen abzugrenzen, vor allem die idiopathische Plexusneuritis, die allerdings seltener als im Bereich des Plexus brachialis vorkommt, und die ebenfalls selten auftretende postradiogene Plexusaffektion. Radikuläre sensomotorische Störungen kommen auch mit und ohne Schmerzen bei spinalen Durafisteln vor. SymptomeAkut oder subakut auftretende einschießende Schmerzen oder Kribbelmissempfindungen im Ausbreitungsgebiet einer Nervenwurzel fehlen nur selten. Sensibilitätsstörungen im entsprechenden Dermatom, motorische Ausfälle der Kennmuskeln und ggf. Reflexausfälle können je nach Schweregrad hinzukommen. In der Mehrzahl der Fälle besteht ein mitunter nur einseitiger paravertebraler Hartspann, ein Klopf- oder Druckschmerz über der Wirbelsäule, ein Husten-, Press- und Niesschmerz und positive Nervendehnungszeichen (Lasegue- und umgekehrtes Lasegue-Zeichen, Zeichen nach Bragard). Bei polyradikulären Prozessen, z. B. bei medialen Bandscheibenvorfällen mit Kompression der Cauda equina, kommt es zu einem mehrsegmentalen Ausfall unter Umständen mit Reithosensensibilitätsstörungen und Blasenentleerungsstörungen. Fehlen Nervendehnungszeichen und ist ein besonders nächtlich auftretender und wenig beeinflussbarer Schmerz nicht durch LWS-Bewegung auslösbar, so ist bei Wurzelaffektion immer an eine Radikulitis (Borrelien, Herpes zoster) zu denken. UntersuchungenNotwendig
Im Einzelfall erforderlich
TherapieBei Rückenschmerzen mit Hinweisen auf radikuläre Beteiligung kommt es zu Schmerzen, die eine nozizeptive und neuropathische Komponente aufweisen. Die Einordnung der verschiedenen Komponenten kann anhand klinischer Testverfahren innerhalb einer eingehenden klinisch-neurologischen Untersuchung erfolgen. Bis auf die akuten Bandscheibenvorfälle mit erheblichen neurologischen Defiziten ist die Therapie geprägt von einem multimodalen, ggf. interdisziplinären konservativen Vorgehen. Die etablierte pharmakologische Schmerztherapie richtet sich vorwiegend gegen die nozizeptive Schmerzkomponente und berücksichtigt daher in erster Linie die klassischen nichtsteroidalen Antiphlogistika und in schwereren Fällen Opioide. Kontrollierte Studien zur Wirkung auf die neuropathische Komponente des Schmerzes liegen nicht vor. Die Leitlinien zur Behandlung radikulärer Rückenschmerzen aus dem Bereich Orthopädie und anerkannte Lehrbücher zur Schmerztherapie weisen auf die therapeutische Wirksamkeit von epiduralen und periradikulären Applikationen von Kortikosteroiden hin. Hierzu muss jedoch berücksichtigt werden, dass kontrollierte Studien teilweise widersprüchlich sind bzw. ganz fehlen. Obwohl nur wenige randomisierte, placebokontrollierte, doppel-blinde Studien vorliegen, scheint durch epidurale Steroide zumindest ein kurzfristiger Therapieerfolg erzielbar zu sein, insbesondere in Fällen, bei denen der klinische Befund mit radiologisch nachgewiesenen Bandscheibenvorfällen korreliert. Bei Hinweisen auf neuropathische Schmerzen im Rahmen von radikulären Syndromen kommt theoretisch die Gruppe der sog. „Ko-Analgetika“ als Behandlungsoption in Betracht. Für den radikulären Rückenschmerz liegen hierzu jedoch überhaupt keine systematischen, kontrollierten Untersuchungen vor. Allgemein haben sich für die Behandlung neuropathischer Schmerzen Antidepressiva (z. B. Amitriptylin bis 100 mg täglich) und Antikonvulsiva (z. B. Pregabalin bis 600 mg täglich), aber auch niedrig- und hochpotente retardierte Opioide bewährt. Hierzu liegen insbesondere für die diabetische Polyneuropathie und die Post-Zoster-Neuralgie qualitativ hochwertige Studien in ausreichender Anzahl vor. Ob die bewährten allgemeinen Therapiealgorhythmen für die Behandlung neuropathischer Schmerzen auf den radikulären Rückenschmerz übertragbar sind, wird augenblicklich in großen klinischen Untersuchungen überprüft. Konservativ
Cave: Abszesse
OperativIndikationen
Operative Maßnahmen
Verfahren zur KonsensbildungErarbeitet im Delphi-Verfahren. Erstellungsdatum 10.12.2004 Kooperationspartner und SponsorenDiese Leitlinie entstand ohne Einflussnahme oder Unterstützung durch die Industrie. Die Kosten wurden von der DGN getragen. ExpertengruppeC. Bischoff, Neurologe, München K. Scheglmann, Neurologische Klink, Klinikum Augsburg T. Tölle, Neurologische Klinik der Technischen Universität München Federführend: Prof. Dr. C. Bischoff, Neurologische Gemeinschaftspraxis, Burgstr. 7, 81739 München, Tel.: 089/2422–4868 e-mail: bischoff@profbischoff.de Literatur1. Assendelft, W. J., S. C. Morton, E. L. Yu, M. J. Suttorp, P. G. Shekelle (2004): Spinal manipulation therapy for low back pain. Cochrane Database Syst. Rev. CD000447. 2. Baron, R., A. Binder (2004): Wie neuropathisch ist die Lumboischialgie? Orthopäde 33, 568–575. 3. Bartleson, J. D. (2002): Evidence for and against the use of opioid analgetics for chronic non-malignant low back pain: a review. Pain Med. 3, 260–271. 4. Gajraj, N. M. (2004): Selective Nerve Root Blocks for Low Back Pain and Radiculopathy. Regional Anesthesia and Pain Medicine 29, 243–256. 5. Gibson, J. N. A., I. C. Grant, G. Waddell (2004): Surgery for lumbar disc prolepses. Cochran Database Syst. Rev. CD001350. 6. Göbel, H. (2001): Epidemiologie und Kosten chronischer Schmerzen. Schmerz 15, 92–98. 7. Hagen, K. B., G. Hilde, G. Jamvedt, M. Winnem (2004): Bed rest for acute low-back pain and sciatica. Cochran Database Syst. Rev. CD 001254. 8. Harte, A. A., G. D. Baxter, J. H. Gracey (2004): The efficacy of traction for back pain: a systematic review of randomized controlled trials. Arch. Phys. Med. Rehabil. 84, 1542–1553. 9. Hilde, G., K. B. Hagen, G. Jamvedt, M. Winnem (2002): Advice to stay active as a single treatment for low back pain and sciatics. Cochrane Database Syst. Rev. CD003632. 10. Long, A., R. Nelson, T. Fung (2004): Dies it matter which exercise? A randomized control trial of exercise for low back pain. Spine 29, 2593–2602. 11. Nelemans, P. J., R. A. de Brie, H. C. W. de Vet, F. Sturmans (2000): Injection therapy for subacute and chronic benign low back pain. Cochrane Database Syst. Rev. CD001824. 12. Peloso, P. M., L. Fortin, A. Beaulieu, M. Kamin, N. Rosenthal (2004): Analgesic efficacy and safety of tramadol/acetaminophen combination tablets in treatment of chronic low back pain: a multicenter, outpatient, randomized, double blind, placebo controlled trial. J. Rheumatol. 31, 2454–2463. 13. Samanta, A., J. Samanta (2004): Is epidural injection of steroids effective for low back pain? Br. Med. J. 328, 1509–1510. 14. Staiger, T. O., B. Gaster, M. D. Sullivan, R. A. Deyo (2003): Systematic review of antidepressants in the treatment of low back pain. 28, 2540–2545. 15. Toth, P. P., J. Urtis (2004): Commonly used muscle relaxant therapies for acute low back pain: a review of cariprodol, cyclobenzapyrin hydrocholrid and metaxalone. Clin. Ther. 26, 1355–1367. 16. Van Tulder, M. W., T. Touray, A. D. Furlan, S. Solway, L. M. Bouter (2003): Muscle relaxants for non-specific low back pain. Cochrane Database Syst. Rev. CD 0004252.
Die in den Leitlinien verwendeten Symbole haben folgende Bedeutung:
Empfehlungsstärken
Die Einstufung der Empfehlungsstärke kann neben der Evidenzstärke
die Größe des Effekts, die Abwägung von bekannten und möglichen
Risiken, Aufwand, Verhältnismäßigkeit, Wirtschaftlichkeit oder
ethische Gesichtspunkte berücksichtigen.
Die "Leitlinien" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie sind systematisch entwickelte Hilfen für Ärzte zur Entscheidungsfindung in spezifischen Situationen. Sie beruhen auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und in der Praxis bewährten Verfahren und sorgen für mehr Sicherheit in der Medizin, sollen aber auch ökonomische Aspekte berücksichtigen. Die "Leitlinien" sind für Ärzte rechtlich nicht bindend und haben daher weder haftungsbegründende noch haftungsbefreiende Wirkung. Wie jede Wissenschaft ist die Medizin ständigen Entwicklungen unterworfen.
Soweit in diesem Werk eine Dosierung oder eine Applikation erwähnt wird,
darf der Leser zwar darauf vertrauen, dass die Autoren große Sorgfalt
darauf verwandt haben, dass diese Angabe dem Wissensstand bei Fertigstellung
des Werkes entspricht. Geschützte Warennamen und Warenzeichen werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.
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