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Was gibt es Neues?Die Klassifikation und Therapie von Myoklonien bleibt weiterhin schwierig. Neue Erkenntnisse beziehen sich meist auf die genetischen Grundlagen seltener hereditärer Erkrankungen, die mit Myoklonien einhergehen. Ein durchgängiges pathophysiologisches Konzept, das eine rationale Differenzialtherapie erlaubt, fehlt weiterhin. Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick
KlinikMyoklonien sind plötzlich auftretende unwillkürliche, kurzdauernde Muskelkontraktionen (meist < 100–200 ms), die entweder als positiver Myoklonus mit Bewegungseffekt (u. U. klinisch manifest als Faszikulationen oder Tremor) imponieren oder als kurze Inhibition tonischer Muskelaktivität (negativer Myoklonus, Asterixis) auftreten. Der Terminus Myoklonien beschreibt die klinischen Folgen einer Übererregung umschriebener Nervenzellpopulationen. Myoklonien können dabei als eines von vielen Symptomen neurologischer Erkrankungen auftreten oder aber als Teil von Krankheitssyndromen (z. B. Myoklonusepilepsie) im Vordergrund stehen (Caviness u. Brown, 2004). Phänomenologisch können Myoklonien klassifiziert werden unter Berücksichtigung ihres vermutlichen Entstehungsortes (kortikal, retikulär, spinal), der Topographie (fokal, multifokal, generalisiert), ihres Rekrutierungsmusters (kraniokaudal, retikulospinal, intraspinal), des elektromyographischen Musters (Antagonistenverhalten, negativer Myoklonus, Entladungsdauer), ihrer Provokationsmechanismen (spontan, aktionsinduziert, reflektorisch) sowie ihrer Dauer und Rhythmizität. Einschlaf- oder Lidmyoklonien gehören wie der kurz dauernde Singultus zu den physiologischen Myoklonieformen und haben keinen Krankheitswert. Myoklonien lassen sich klinisch von anderen Bewegungsstörungen unterscheiden, können aber zusammen mit anderen unwillkürlichen Bewegungsformen auftreten (z. B. Myoklonus-Dystonie, Kortikobasale Degeneration und andere akinetisch-rigide Syndrome). Sie unterscheiden sich von Dystonien durch ihre sehr kurze Dauer und die häufig nur einzelne Gelenke betreffenden Bewegungen. Myorhythmien sind rhythmisch und meist über längere Zeit anhaltend. Ballistische Bewegungen dauern länger, betreffen vorwiegend proximale Muskeln, führen zu schleudernden Bewegungen der betroffenen Extremitäten und werden durch Willkürbewegungen meist deutlich fazilitiert. Die Startle-Erkrankung beruht auf einer pathologisch gesteigerten Erregbarkeit physiologischer (Schreck-) Reflexe. Diese Schreckmyoklonien treten mit kürzerer Latenz als physiologische Schreckreaktionen auf. Einschießende Spasmen (z. B. bei der Spastik) sind in der Regel reflektorisch auslösbar, weisen eine längere Dauer auf, führen zu komplexen Bewegungsmustern und sind oft schmerzhaft. Ätiologie, Differenzialdiagnose und PathophysiologieMyoklonien beruhen bis auf seltene Ausnahmen (traumatische periphere Läsionen) auf einer Störung im Bereich des zentralen Nervensystems (ZNS). In den meisten Fällen ist der motorische Kortex an der Entstehung der Myoklonien beteiligt. Allerdings sind sie, sowohl hinsichtlich ihrer Topologie als auch der Ätiologie unspezifisch und können bei einer großen Zahl erworbener oder hereditärer Erkrankungen auftreten. Praktisch relevant ist in erster Linie das Erkennen physiologischer (familiäre, benigne, nächtliche oder Einschlaf-Myoklonien) und symptomatischer Myoklonieformen (metabolisch, hypoxisch, toxisch, medikamentös), in gewissem Maß auch die Unterscheidung zwischen epileptischen und nicht-epileptischen Myoklonien. Die Differenzialdiagnose symptomatischer Myoklonieformen ist breit, aber wegen der Häufigkeit einer symptomatischen Genese sehr wichtig. Myoklonien können im Rahmen verschiedener neurologischer Erkrankungen auftreten, z. B. bei zerebralen Speichererkrankungen, Infektionen (z. B. Reflexmyoklonien bei Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung), Intoxikationen, Neoplasien (v.a. im Rahmen eines Opsoklonus-Myoklonus-Syndroms), Enzephalopathien (v.a. posthypoxisch), aber auch bei metabolischen Erkrankungen (v.a. Hepato- und Nephropathien), umschriebenen Läsionen des ZNS oder bei neurodegenerativen Erkrankungen (z. B. kortikobasaler Degeneration). Sehr wichtig ist eine genaue Anamnese bezüglich Medikamenteneinnahme oder Substanzabusus. Zu den Medikamenten, die Myoklonien auslösen können, gehören u. a. Levodopa und trizyklische Antidepressiva (Jimenez-Jimenez et al. 2004). Negative Myoklonien (Asterixis) können metabolische Ursachen haben (z. B. hepatische Enzephalopathie), aber auch durch eine Vielzahl von Medikamenten ausgelöst werden, insbesondere durch Carbamazepin und andere Antikonvulsiva. Für einige wenige genetisch determinierte, nicht primär-epileptische Erkrankungen, bei denen Myoklonien zu den führenden klinischen Symptomen gehören, sind krankheitsspezifische Mutationen nachgewiesen, z. B. familiäre Hyperekplexie (Startle-Erkrankung, gesteigerte Schreckmyoklonien) mit einer Mutation im Gen für die a1-Untereinheit des Glyzinreceptors (GLRA1). UntersuchungenNotwendig:
Im Einzelfall erforderlich (insbesondere bei nicht eindeutiger symptomatischer Genese):
Therapie (in Abhängigkeit vom Schweregrad)
Besonderheiten bei einzelnen Entitäten:
Ambulant/stationärIn der Regel stationär, da häufig sekundär und relevante Grunderkrankung. Ambulant nur bei langjähriger Anamnese und bekanntem Auslöser, zur Therapiekontrolle oder bei klinisch eindeutigen benignen Myoklonien. Verfahren zur KonsensbildungKorrigiert durch die Kommission Leitlinien der DGN und den Vorstand der DGN. Endgültig verabschiedet 2005. Kooperationspartner und SponsorenDiese Leitlinie entstand ohne Einflussnahme oder Unterstützung durch die Industrie. Die Kosten wurden von der DGN getragen. Mögliche Interessenkonflikte sind in einer zentralen Datei der Webpage der Deutschen Gesellschaft für Neurologie www.dgn.org abzurufen. ExpertengruppeH. Topka, Neurologie und Klinische Neurophysiologie, Krankenhaus München-Bogenhausen H.-M. Meinck, Neurologische Universitätsklinik Heidelberg S. Noachtar, Neurologische Universitätsklinik der LMU München K. Wehrhahn, Neurologische Universitätsklinik Mainz Federführend: Prof. Dr. H. Topka, Abt. für Neurologie und Klinische Neurophysiologie, Städt. Klinikum München GmbH, Krankenhaus München-Bogenhausen, Englschalkinger Str. 77, 81925 München e-mail: topka@extern.lrz-muenchen.de Literatur1. Agarwal, P., S. J. Frucht (2003): Myoclonus. Curr. Opin. Neurol. 16, 515–521. 2. Caviness, J. N., P. Brown (2004): Myoclonus: current concepts and recent advances. Lancet Neurol. 3, 598–607. 3. Fedi, M., D. Reutens, F. Dubeau, E. Andermann, D. D’Agostino, F. Andermann (2001): Long-term efficacy and safety of piracetam in the treatment of progressive myoclonus epilepsy. Arch. Neurol. 58, 781–786. 4. Genton, P., R. Guerrini, C. Remy (1999): Piracetam in the treatment of cortical myoclonus. Pharmacopsychiatry 32, 49–53. 5. Jimenez-Jimenez, F. J., I. Puertas, M. de Toledo-Heras (2004): Drug-induced myoclonus: frequency, mechanisms and management. CNS Drugs 18, 93–104. 6. Lim, L. L., A. Ahmed (2005): Limited efficacy of levetiracetam on myoclonus of different etiologies. Parkinsonsim Relat. Disord. 11, 135–137. 7. Magaudda, A., P. Gelisse, P. Genton (2004): Antimyoclonic effect of levetiracetam in 13 patients with Unverricht-Lundborg’s disease: clinical observations. Epilepsia 45, 678–681.
Die in den Leitlinien verwendeten Symbole haben folgende Bedeutung:
Empfehlungsstärken
Die Einstufung der Empfehlungsstärke kann neben der Evidenzstärke
die Größe des Effekts, die Abwägung von bekannten und möglichen
Risiken, Aufwand, Verhältnismäßigkeit, Wirtschaftlichkeit oder
ethische Gesichtspunkte berücksichtigen.
Die "Leitlinien" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie sind systematisch entwickelte Hilfen für Ärzte zur Entscheidungsfindung in spezifischen Situationen. Sie beruhen auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und in der Praxis bewährten Verfahren und sorgen für mehr Sicherheit in der Medizin, sollen aber auch ökonomische Aspekte berücksichtigen. Die "Leitlinien" sind für Ärzte rechtlich nicht bindend und haben daher weder haftungsbegründende noch haftungsbefreiende Wirkung. Wie jede Wissenschaft ist die Medizin ständigen Entwicklungen unterworfen.
Soweit in diesem Werk eine Dosierung oder eine Applikation erwähnt wird,
darf der Leser zwar darauf vertrauen, dass die Autoren große Sorgfalt
darauf verwandt haben, dass diese Angabe dem Wissensstand bei Fertigstellung
des Werkes entspricht. Geschützte Warennamen und Warenzeichen werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.
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