Kapitel: Erkrankungen der Muskulatur

Crampi/Muskelkrampf

Entwicklungsstufe: S1
Stand: September 2012
Gültig bis: Neuauflage der Leitlinien
AWMF-Registernummer: 030/037
Federführend
Prof. Dr. Rainer Lindemuth, Siegen


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COI-Erkärung

Inhaltsverzeichnis

Was gibt es Neues?

Die Studienlage zur Therapie von Muskelkrämpfen findet sich in zwei aktuellen Übersichtsarbeiten unverändert gegenüber der Vorauflage dieser Leitlinie: Ausreichend belegt ist die Behandlung mit Chinin; alle anderen Maßnahmen und pharmakologischen Therapien sind nur sehr schwach oder nicht ausreichend belegt. Zusammenstellungen der unwirksamen Präparate finden sich in der Übersichtsliteratur (Katzberg et al. 2010, Young 2009, Topka 2007).

Der Einsatz von Chininsulfat wird bei schweren Formen von gewöhnlichen Muskelkrämpfen weiterhin für angemessen gehalten. Die Anwendungsempfehlungen sind in Anlehnung an die Behandlungshinweise der MHRA (MHRA 2010) präzisiert worden.

Das BfArM hat für die Anwendung von Chininsulfat bei nächtlichen Wadenkrämpfen wegen des Auftretens von Thrombozytopenien ein Stufenplanverfahren der Stufe I eingeleitet; ein Abschlussbericht wurde bis zur Drucklegung nicht veröffentlicht (BfArM 2010). Die FDA hat aufgrund von einzelnen, nebenwirkungsbedingten Todesfällen ihre Warnung vor dem Einsatz von Chinin bei Muskelkrämpfen erneuert (FDA 2009, FDA 2010).

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick

Definition und Klassifikation

Begriffsdefinition

Der Muskelkrampf ist eine ausgeprägte, schmerzhafte und unwillkürliche Kontraktion eines Teils oder der Gesamtheit eines Muskels oder einer umschriebenen Muskelgruppe, die mit einer tastbaren Verhärtung einhergeht. Der Muskelkrampf ist kurz dauernd (Sekunden bis Minuten) und selbstlimitierend (Miller et al. 2005).

Klassifikation

Der gewöhnliche Muskelkrampf tritt oft in Ruhe und während der Nacht ohne erkennbare Ursache auf; betroffen sind ganz überwiegend die Muskeln der Wade und des Fußgewölbes (Butler et al. 2002). Eine Muskelverkürzung erleichtert die Auslösung. Der gewöhnliche Muskelkrampf wird neurogen in den intramuskulären Anteilen der efferenten Axone ausgelöst (Harper 2004). Es gibt Hinweise auf eine Beteiligung afferenter (Dehnungsrezeptoren in Sehnen und Muskeln) und spinaler Strukturen (Bentley 1996, Schwellnus 2009). Elektromyografisch wird der Muskelkrampf von Aktionspotenzialen mit hoher Entladungsfrequenz begleitet.

Symptomatische Muskelkrämpfe (Layzer 1994, Parisi et al. 2003) treten auf bei:

Differenzialdiagnose

Schmerzhafte Muskelkontraktionen anderer Genese müssen abgegrenzt werden:

Diagnostik

▶ Basisdiagnostik:

▶ Weiterführende Diagnostik:

Bei Hinweisen auf symptomatische Muskelkrämpfe oder schmerzhafte Muskelkontraktionen anderer Genese schließen sich entsprechende Untersuchungen an, z. B.:

▶ Verlaufsuntersuchungen:

Bei weiter bestehender Unsicherheit, ob symptomatische Muskelkrämpfe vorliegen, sollte der Patient zu Verlaufsuntersuchungen einbestellt werden (Singh et al. 2011).

Therapie

Allgemeine Empfehlungen zur Therapie

Erste Behandlungsmaßnahme im akuten Fall ist die Dehnung der verkrampften Muskulatur und/oder die Anspannung der Antagonisten der betroffenen Muskeln.

Bei nächtlichen Wadenkrämpfen können regelmäßige passive Dehnübungen der Wadenmuskulatur versucht werden. Die Wirksamkeit dieser Übungen wird unterschiedlich bewertet (Coppin et al. 2005, Daniell 1979).

Pharmakotherapie

Chininsulfat oder Hydrochinin 200–400 mg zur Nacht ist wirksam (Jansen et al. 1997, Diener et al. 2002, El-Tawil et al. 2010). Die Indikationsstellung muss die seltenen, aber potenziell schwerwiegenden Nebenwirkungen (FDA 2010, Bateman et al. 1986) berücksichtigen. insbesondere ist auf Gerinnungsstörungen (speziell Thrombozytopenien) (Park et al. 2009) zu achten. Ebenso müssen Arzneimittelinteraktionen, z. B. mit Bezug auf die kardiale Reizleitung (z. B. Verlängerung der QT-Zeit) oder auf die Gerinnung (z. B. bei bestehender Marcumarisierung) beachtet werden (Bateman et al. 1986). Chininpräparate sind in der Schwangerschaft kontraindiziert.

Chininpräparate sollten nach Ausschluss behandelbarer Ursachen nur bei sehr schmerzhaften oder häufigen Muskelkrämpfen, bei regelmäßiger Störung des Nachtschlafes durch die Muskelkrämpfe und bei Wirkungslosigkeit physiotherapeutischer Maßnahmen eingesetzt werden. Bei fehlender deutlicher Besserung (Frequenz oder Intensität der Krämpfe) innerhalb von 4 Wochen ist die Behandlung zu beenden. Alle 3 Monate sollte der Einsatz des Chinins neu bewertet werden (MHRA 2010). Hämatologische Nebenwirkungen traten zumeist innerhalb der ersten 2 Wochen auf. Deshalb muss insbesondere zu Beginn der Behandlung auf Nebenwirkungen geachtet werden. Der Patient ist über Zeichen einer Gerinnungsstörung aufzuklären (Petechien, häufige Hämatombildung, Schleimhautblutungen, verlängerte Blutungszeit von Wunden) (FDA 2010).

Vor dem Einsatz von Chinin sollte ein Behandlungsversuch mit Magnesium (Mg-[Hydrogen-]Aspartat, Mg-Orotat, Mg-Oxid, 1–3 × 5 mmol oral) erfolgen (Roffe et al. 2002, Mauskop 2010). Strenge Indikation bei Niereninsuffizienz, Herzrhythmusstörungen und Störungen der Endplattenfunktion.

Alternative medikamentöse Behandlungen für gewöhnliche Muskelkrämpfe sind (als off-label use) nur für sehr kleine Fallzahlen oder Einzelfälle berichtet und in ihrer Effektivität nicht ausreichend gesichert.

Weitere, spezielle Therapieformen

Das Risiko eines belastungsabhängigen Krampfes kann durch Dehnungsübungen vor der Belastung, Anpassung der körperlichen Leistung und des Trainings sowie Massagen nach der Belastung vermindert werden (Schwellnus et al. 2008).

Bei Muskelkrämpfen in der Schwangerschaft ist die Magnesiumgabe wirksam (Young et al. 2002).

Bei dialyseassoziierten Krämpfen ist die Volumensubstitution etabliert und belegt; für diese Indikation wird auf die nephrologische Literatur verwiesen (Kotanko et al. 2008, Levy et al. 2009, Fortin et al. 2010).

Versorgungskoordination

Diagnostik und Therapie erfolgen überwiegend ambulant.

Redaktionskommitee

Prof. Dr. Adam Czaplinski, Neurozentrum Bellevue, Zürich (für die Schweiz)
Prof. Dr. Ulrich Dillmann, Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg/Saar
Dr. Rainer Lindemuth, Neurologisch-psychiatrische Gemeinschaftspraxis, Siegen
Dr. Walter Struhal, Abteilung Neurologie und Psychiatrie, Allgemeines Krankenhaus Linz (für die ÖGN)
Prof. Dr. Helge Topka, Neurologische Klinik, Krankenhaus Bogenhausen, München

Federführend: Dr. Rainer Lindemuth, Neurologisch-psychiatrische Gemeinschaftspraxis, Obergraben 23, 57072 Siegen, Tel.: 0271/230460, E-Mail:

Entwicklungsstufe der Leitlinie: S1

Literatur

Aus: Hans-Christoph Diener, Christian Weimar (Hrsg.): Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie, Herausgegeben von der Kommission "Leitlinien" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Thieme Verlag, Stuttgart, September 2012