Kapitel: Neurotraumatologie und Erkrankungen von Wirbelsäule und Nervenwurzel

Zervikale Radikulopathie

Entwicklungsstufe: S1
Stand: September 2012
Verlängert: 11. September 2015
Gültig bis: September 2017
AWMF-Registernummer: 030/082
Federführend
Prof. Dr. Marcus Pohl, Kreischa


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Clinical Pathway
COI-Erklärung

Inhaltsverzeichnis

Was gibt es Neues?

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick

Einführung

Schmerzen im Bereich der Halswirbelsäule (HWS) mit Ausstrahlung nach okzipital und in die Schulter-Arm-Region stellen ein weit verbreitetes Problem dar. Dabei wird unterschieden zwischen akut auftretenden Wurzelreiz- und/oder Wurzelausfallsyndromen und chronischen Zervikobrachialgien. Die degenerativen Veränderungen betreffen vor allem die unteren HWS-Abschnitte, insbesondere HWK 5/6 sowie HWK 6/7 und seltener HWK 7/BWK 1 oder HWK 4/5. Die radiologisch erhobenen Befunde in der Nativ- und Schnittbilddiagnostik (CT, MRT) korrelieren nur teilweise mit den klinischen Befunden. Die Therapiemöglichkeiten der akuten und chronischen Formen unterscheiden sich insoweit, dass ein operatives Vorgehen eher bei akuten Beschwerden radikulärer Genese infrage kommt, wohingegen bei chronischen Störungen eher ein konservatives, multidisziplinäres Vorgehen unter Einbeziehung pharmakologischer, physiotherapeutischer und psychosomatischer Methoden angeraten ist. Hierbei hat die Leitlinie das Ziel, für bestimmte klinische Konstellationen Empfehlungen für ein konservatives und/oder operatives Vorgehen zu geben.

Definition und Klassifikation

Begriffsdefinitionen

Klinische Voraussetzung für das Vorliegen einer zervikalen Radikulopathie sind Symptome und Beschwerden, die einer zervikalen Nervenwurzel zuzuordnen sind. Dabei werden Wurzelreiz- (ohne Sensibilitätsstörung oder Parese im Bereich der jeweiligen Wurzel) und Wurzelkompressionssyndrome (mit Sensibilitätsstörung und/oder Parese im Bereich der jeweiligen Wurzel) unterschieden.

Als Ursachen für die Radikulopathien im HWS-Bereich finden sich neben Bandscheibenvorfällen (häufiger bei jüngeren Patienten) auch degenerativ-knöcherne Veränderungen (Osteochondrose, Unkovertebralgelenkarthrose, Spondylarthrose, Spondylolisthese) mit Einengung der Foramina intervertebralia (häufiger bei älteren Patienten). Daneben sind lokale Raumforderungen wie Tumoren (z. B. Knochenmetastasen, Ependymome, Meningeome), Hämatome und entzündliche Veränderungen (Abszesse, Spondylodiszitis, Borreliose, Zoster) ursächlich. Pseudoradikuläre Syndrome bei orthopädischen Erkrankungen, z. B. des Schultergelenkes, müssen von zervikalen Radikulopathien abgegrenzt werden, was besonders bei Wurzelreizsyndromen nicht immer trivial ist.

Klassifikation

Akut oder subakut auftretende einschießende Schmerzen und/oder Parästhesien im Ausbreitungsgebiet einer oder eher selten mehrerer Nervenwurzeln sind typische Symptome einer zervikalen Radikulopathie. Die Ausbreitung der Sensibilitätsstörungen entspricht den Dermatomen der betroffenen Nervenwurzeln, wobei die Schmerzempfindung eher als die Berührungsempfindung betroffen ist. Motorische Ausfälle mit konsekutiven Muskelatrophien betreffen die Kennmuskeln, wobei die Paresen meist inkomplett sind, da die einzelnen Kennmuskeln ihre Innervation über mehrere Nervenwurzeln erhalten. Entsprechend kommt es zu einer Abschwächung oder zu einem Ausfall der zugehörigen Kennreflexe. Bei den meisten Radikulopathien kommt es zu erheblichen Veränderungen im Bereich der HWS mit einer Steilstellung, einem paravertebralen muskulären Hartspann, einem lokalen Klopf- oder Druckschmerz über der Wirbelsäule sowie zu einer Zunahme der Beschwerden bei Drehung oder Neigung des Kopfes nach hinten und/oder zur betroffenen Seite. Zusätzlich können ein Husten-, Press- und Niesschmerz sowie andere Nervendehnungszeichen auftreten. Bei den selteneren polyradikulären Prozessen kommt es zu einem mehrsegmentalen Ausfall. Bei medianen Bandscheibenvorfällen oder anderen raumbeschränkenden Prozessen finden sich zusätzlich zu den meist asymmetrischen peripheren Störungen an den Armen auch Zeichen langer Bahnen mit einer spastischen Gangstörung, Reflexsteigerung an den Beinen, verbreiterten reflexogenen Zonen, unerschöpflichen Kloni und Pyramidenbahnzeichen sowie Blasenentleerungsstörungen. Das entspricht der zervikalen Myelopathie (siehe Leitlinie „Zervikale spondylotische Myelopathie“). Bei den chronischen Veränderungen stehen meist Schmerzen paravertebral mit gelegentlicher radikulärer Ausstrahlung im Vordergrund. Objektivierbare neurologische Ausfälle zeigen in der Regel keine Progredienz. Mitunter kann dies durch elektromyografische Untersuchungen verifiziert werden.

Diagnostik

Notwendig für die Diagnose einer zervikalen Radikulopathie sind die klinisch neurologische Untersuchung und die Anamneseerhebung. Weitere diagnostische Schritte sind bei spezifischen Patientengruppen erforderlich.

Diagnostische Verfahren

Neben der Notwendigkeit der klinisch neurologischen Untersuchung und der Anamneseerhebung können bei spezifischen Patientengruppen folgende Empfehlungen zur Durchführung von bestimmten diagnostischen Verfahren ausgesprochen werden:

Differenzialdiagnose

Da in der Mehrzahl der zervikalen Radikulopathien Schmerzen vorhanden sind, die sich im entsprechenden Dermatom ausbreiten, kommen selten andere Erkrankungen in Betracht.

Therapie

Allgemeine Empfehlungen zur Therapie

Bis auf die klinischen Manifestationen zervikaler Bandscheibenvorfälle ist die Therapie geprägt von einem multimodalen, interdisziplinären konservativen Vorgehen.

Es liegen keine gesicherten Daten vor, dass bei einer zervikalen Radikulopathie irgendeine Therapie das mittel- und langfristige Ergebnis in Bezug auf das Schmerzsyndrom und das funktionelle Ergebnis besser beeinflusst als eine andere. Da eine operative Therapie zumindest im langfristigen Verlauf keinen besseren Nutzen bringt, ist grundsätzlich ein konservatives Vorgehen anzustreben. Allgemein kann sowohl eine Ruhigstellung mit einer Halskrause als auch eine mobilisierende Physiotherapie empfohlen werden. Konservative therapeutische Verfahren sind dabei nach der bisherigen Datenlage gleichwertig und besser als keine Therapie.

Konservative Therapie

Physiotherapie

Physikalische Maßnahmen

In Bezug auf die Anwendung physikalischer Maßnahmen (z. B. Massagen) kann keine Empfehlung ausgesprochen werden, da es zu wenige kontrollierte Studien gibt (Haraldsson et al. 2006, Kroeling et al. 2009).

Patientenschulung (z. B. Nackenschule)

Es existiert derzeit keine Evidenz dafür, dass edukative Interventionen wie Patientenschulungen (Verhaltensratgeber, Nackenschule) kurz- oder längerfristig einen positiven Einfluss haben (Haines et al. 2009).

Medikamentöse Therapie

Andere Therapien

Operative Therapie

Grundsätzlich gibt es bisher keine ausreichende Zahl qualitativ hochwertiger Studien, die operative und konservative Therapieverfahren in der Behandlung der zervikalen Radikulopathie miteinander vergleichen. Somit gibt es auch keine ausreichend validen Daten, die zeigen könnten, dass eine Operation im langfristigen Verlauf ein besseres Ergebnis erzielt als ein konservatives Vorgehen (unabhängig von der Art und Dauer der Symptomatik) (Fouyas et al. 2010). Allerdings verkürzt eine Operation die Schmerzdauer, was in vielerlei Hinsicht sehr relevant sein kann (Lebensqualität, Arbeitsfähigkeit etc.). Langfristig ergeben sich keine Änderungen zu einem konservativen Vorgehen in Bezug auf Schmerzen und auf das funktionelle Outcome (Persson et al. 1997). Die Indikation zu einem operativen Vorgehen sollte daher restriktiv gestellt werden (Fouyas et al. 2010).

Indikationen:

Operative Verfahren:

Anmerkungen zu den operativen Verfahren:

Versorgungskoordination

Die Behandlung der Patienten mit zervikaler Radikulopathie und die Durchführung der diagnostischen Maßnahmen erfolgt primär ambulant. Bei operativem Vorgehen ist in aller Regel eine stationäre Krankenhausbehandlung erforderlich. Bei notwendiger Therapieoptimierung kann entweder eine stationäre Krankenhausbehandlung oder eine stationäre Rehabilitationsbehandlung sinnvoll sein. Bei Patienten mit chronischen Schmerzen im Rahmen einer zervikalen Radikulopathie sind zur Beurteilung der Erwerbsfähigkeit häufig medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitationsmaßnahmen notwendig.

Redaktionskomitee

Prof. Dr. R. Benecke, Neurologie Rostock
PD Dr. D. Bengel, Neurologie Ravensburg
Dr. R. Binggeli, Neurochirurgie Bern
Prof. Dr. C. Bischoff, Neurologische Gemeinschaftspraxis München
Prof. Dr. K. Dreinhöfer, Orthopädie und Unfallchirurgie Berlin
PD Dr. W. Käfer, Abt. für Wirbelsäulenchirurgie Kusel
Prof. Dr. P. Kapeller, Neurologie Villach
Prof. Dr. A. C. Ludolph, Neurologie Ulm
Prof. Dr. J. Mehrholz, Wissenschaftliches Institut, Kreischa
Prof. Dr. M. Pohl, Neurologie und Fachübergreifende Rehabilitation, Kreischa
Prof. Dr. H. Reichel, Orthopädie Ulm

Federführend: Prof. Dr. med. habil. M. Pohl, Klinik Bavaria Kreischa, An der Wolfsschlucht 1–2, 01731 Kreischa, E-Mail:

Entwicklungsstufe der Leitlinie: S1

Literatur

Aus: Hans-Christoph Diener, Christian Weimar (Hrsg.): Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie, Herausgegeben von der Kommission "Leitlinien" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Thieme Verlag, Stuttgart, September 2012