„Mein Ziel: Die Versorgungsqualität überall auf der Welt um einen Level heben!“

31. Januar 2017 – Professor Dr. Dr. h.c. Werner Hacke, Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, wurde beim Weltkongress für Schlaganfall 2016 in Indien zum Präsidenten der World Stroke Organization (WSO) gewählt. Wie er die Geschicke der Weltorganisation in den kommenden zwei Jahren prägen möchte, erklärt er im Interview.

Professor Dr. med. Werner Hacke hat viel erreicht. 27 Jahre leitete er als Ärztlicher Direktor die Neurologische Universitätsklinik in Heidelberg. Hacke gilt als Wegbereiter der Thrombolyse zur Akutbehandlung von Schlaganfällen. Er war Vizepräsident der World Federation of Neurology und  Erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Mit seinen Arbeiten zum Thema Schlaganfall ist er einer der am häufigsten zitierten deutschsprachigen Neurologen. Im Dezember wurde Werner Hacke auf dem Weltkongress für Schlaganfall in Indien zum neuen Präsidenten der World Stroke Organization (WSO) gewählt.

Herr Professor Hacke, herzlichen Glückwunsch zu dieser Wahl. Sie werden jetzt zwei Jahre lang die Geschicke der WSO als ihr Präsident prägen. Welche Aufgaben kommen hier auf Sie zu?

Ich habe mich in meinem ganzen Berufsleben darum bemüht, die moderne Hochleistungsmedizin noch besser zu machen. In meiner jetzigen Funktion verschiebt sich der Fokus. Die großen nationalen Schlaganfallgesellschaften in Europa oder den USA repräsentieren nur etwa 20 Prozent der Weltbevölkerung in den Industrienationen. Ärmere Regionen in Asien, Afrika oder Südamerika haben ganz andere Gesundheitsprobleme. Vor 20 Jahren waren die wichtigsten Krankheiten in diesen  Ländern Infektionen wie Malaria, Aids oder Durchfallerkrankungen. In den vergangenen zwei Jahrzehnten stieg auch in den ärmeren Regionen der Welt die Lebenserwartung. Damit erhöht sich auch das Risiko für so genannte Zivilisationskrankheiten älterer Menschen. Doch die Gesundheitssysteme Afrikas oder Südamerikas sind nicht vorbereitet auf Herzinfarkte, Demenzerkrankungen, Krebs oder Schlaganfälle. Es finden sich zwar in einigen Hauptstädten vereinzelt Privatkliniken mit westlichen Standards, aber für die große Mehrheit der Menschen gibt es keine Stroke Units, es gibt nicht einmal CTs. Wir stehen hier als WSO vor immensen Aufgaben, um die Versorgung der Menschen in diesen Ländern zu verbessern.

Welchen Stellenwert hat es für die Neurologie hierzulande, dass ein deutscher Neurologe zum Präsidenten der WSO gewählt wurde?

Nirgends auf der Welt werden Schlaganfallpatienten besser versorgt als in Deutschland.  Es gibt zwar in den USA einzelne Regionen und in Europa einige kleinere Länder mit einer ähnlich guten Versorgung, jedoch nicht mit einer Flächendeckung wie hierzulande. Zahlreiche Länder kopieren unsere Versorgungsstrukturen. Die European Stroke Organization zertifiziert ihre Schlaganfallstationen in Anlehnung an die deutschen Modelle. Diese Präsidentschaft ist auch eine Anerkennung für das, was wir hierzulande in der Schlaganfallversorgung geleistet haben. Aber die deutsche Neurologie wird keine Vorteile davon haben, dass ich jetzt Präsident der Weltgesellschaft bin. Deutschland spielt in der Schlaganfallmedizin in einer ganz anderen Liga als die meisten anderen Länder.

Obwohl die Menschen in Nordamerika, Kanada oder Westeuropa eine hohe Lebenserwartung haben, gehen in diesen Ländern die Schlaganfallzahlen zurück. Wie ist das in anderen Regionen?

Weltweit gesehen, sind Schlaganfälle die Todesursache Nummer 1. Besonders in Russland, China oder Indien haben wir noch immer sehr hohe Zuwachsraten, ein Umkehrpunkt ist nach wie vor nicht erreicht. In noch ärmeren Regionen, etwa in Afrika, rechnen wir in 20 Jahren aufgrund der steigenden Lebenserwartung mit einer Verdoppelung von Herzinfarkten und Schlaganfällen. In Westeuropa, Nordamerika und Kanada sind die Schlaganfallzahlen inzwischen rückläufig, auch weil hier Präventionskonzepte greifen. Ebenso ist die Mortalitätsrate hierzulande deutlich gesunken. Vor 30 Jahren lag die Sterblichkeitsrate zwischen 40 und 50 Prozent, inzwischen sterben nur noch 10 bis 15 Prozent der Schlaganfallpatienten. Ganz anders ist die Situation beispielsweise in Russland. Hier liegt die Sterbewahrscheinlichkeit immer noch bei 50 Prozent.

Die medizinische Versorgungsqualität ist in den einzelnen Ländern extrem unterschiedlich. Was kann die WSO hier überhaupt leisten?

Mein Ziel ist es, die Schlaganfallversorgung auf jedem Level um eine Stufe nach oben zu heben – unabhängig davon, ob es sich um ein Entwicklungsland oder eine Industrienation handelt. Auch in Deutschland sehe ich durchaus Optimierungsbedarf. Eine flächendeckende Versorgung mit Stroke Units bedeutet eben noch nicht, dass an jedem Ort das, was möglich ist, auch mit aller Konsequenz betrieben wird. Die unterschiedlichen Thrombolyseraten in verschiedenen Städten und Regionen zeigen das deutlich. Aber von den Optionen hierzulande können Menschen in Afrika nur träumen. In vielen Ländern dieses Kontinents wäre es für Schlaganfallpatienten schon ein großer Vorteil, wenn die Ärzte im Krankenhaus schon einmal von Schlaganfall gehört hätten und da eine Schwester wäre, die Blutzucker und Blutdruck messen kann.

In diesen Ländern fehlt es doch vor allem an Geld für das Gesundheitssystem. Geld, das auch die World Stroke Organization nicht in großem Stil verteilen kann.

In der Tat sind die finanziellen Mittel der WSO begrenzt. Dennoch können wir sehr viel erreichen, vor allem in politischer Hinsicht. Wir haben etwa in den vergangenen zwei Jahren eine Roadmap entwickelt, mit deren Hilfe Ärzte auf Basis der spezifischen, in ihrem Land zur Verfügung stehenden Ressourcen eine bestmögliche Schlaganfallversorgung organisieren können. Ein anderes Beispiel: Wir haben mit dem brasilianischen Gesundheitsministerium einen Plan für spezialisierte Zentren in jeder Region des Landes erarbeitet, in denen Schlaganfälle und Myokardininfarkte gemeinsam behandelt werden. Diese Pläne sind inzwischen Gesetz geworden. Auch in aufstrebenden Ländern wie etwa Vietnam, Malaysia oder den Philippinen konnten wir als WSO politisch viel bewirken und so die Schlaganfallbehandlung und -prävention verbessern.

Was zählt neben den politischen Aufgaben noch zu Ihren Funktionen als Präsident der WSO?

Ein weiteres Ziel meiner Präsidentschaft ist ein Wissenstransfer in ärmere Regionen. Wir organisieren alle zwei Jahre einen großen Weltkongress zur Schlaganfallmedizin. Der fand 2016 in Indien statt, 2018 wird er in Montreal sein. Diese großen Kongresse erreichen jedoch gerade Kolleginnen und Kollegen in ärmeren Regionen, die davon besonders profitieren würden, nicht. Die Reise- und Kongresskosten sind einfach zu hoch. Daher planen wir nun kleinere regionale Kongresse in weniger entwickelten Regionen. 2017 wird erstmals ein Kongress für Südbrasilien, Ostargentinien und Uruguay in Buenos Aires stattfinden. Hier beteiligt sich neben der WSO auch die American Heart Association an den Kosten. Wir möchten mit diesem regionalen Kongress vor allem jüngere Mediziner in den Regionen ansprechen, die vor Ort in der ärztlichen Versorgung tätig sind.

Sollten sich deutsche Neurologen überlegen, Mitglied in der WSO zu werden?

Das wäre zwar schön, aber es geht mir gar nicht vornehmlich um eine Mitgliedschaft. Viel entscheidender ist es, dass wir Kollegen finden, die aktiv in der WSO mitarbeiten und etwa Teachingkurse oder Vorträge in anderen Ländern anbieten. Hier steht die WSO jedem offen, der sich engagieren möchte. Trotzdem ist es schon komisch zu sehen, dass wir nur etwa 30 deutsche WSO-Mitglieder haben, während es aus Japan, den USA und China einige hundert sind.

Interview: Katja Töpfer
Pressestelle der DGN

Die World Stroke Organization (WSO)
wurde 2006 gegründet, um die Schlaganfallversorgung weltweit zu verbessern. Heute hat die Organisation etwa 3.500 aktive Mitglieder. Darüber hinaus sind 60 Fachgesellschaften und  Laienorganisationen aus 85 Ländern mit über 40.000 Mitgliedern Teil der WSO. Als Non-Governmental Organization (NGO) ist die WSO bei der WHO akkreditiert und wird hier auf höchster Ebene gehört.
www.world-stroke.org