Stellungnahme Hirntod (c) Fotolia
Neuromedizinische Fachgesellschaften begrüßen die Stellungnahme des Deutschen Ethikrates zur Hirntoddiagnostik

DGN, DGNI und DGNC sehen sich in ihrer Forderung bestätigt, dass bei der Feststellung des Hirntods ein Neuromediziner beteiligt sein sollte – aktuelle Studie unterstreicht die Vorteile

24. Februar 2015 – Bevor Organe für eine Transplantation entnommen werden dürfen, muss der Tod des Patienten festgestellt werden. Dies geschieht seit rund 40 Jahren nach dem Konzept des Hirntods und seiner Diagnose.

Der Deutsche Ethikrat hat sich heute in einer ausführlichen Stellungnahme „Hirntod und Entscheidung zur Organspende“ erneut für die Feststellung des Hirntods als Kriterium ausgesprochen, fordert aber gleichzeitig mehr Aufklärung und gesellschaftliche Diskussion sowie intensivere wissenschaftliche Beschäftigung mit der Feststellung des Todeszeitpunktes. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN), die Deutsche Gesellschaft für NeuroIntensiv- und Notfallmedizin (DGNI) sowie die Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie (DGNC) begrüßen diese Empfehlungen ausdrücklich, weisen aber gleichzeitig darauf hin, dass die Hirntoddiagnostik nicht allein im Rahmen der Transplantationsmedizin von Bedeutung ist. Die Fachgesellschaften bekräftigen ihre Forderung, dass mindestens ein Neuromediziner (Neurologe oder Neurochirurg) an der Feststellung des Hirntods beteiligt sein sollte, um die Sicherheit dieser Diagnose weiter abzusichern. Eine aktuelle Studie hat gezeigt: Das Einbeziehen von Neurologen oder Neurochirurgen in die Hirntoddiagnostik oder das Hinzuziehen externer Expertenteams erhöht signifikant die Chance einer kompletten und formal korrekten Hirntoddiagnostik und verkürzt die Zeit bis zur Hirntodbestimmung auch durch die Anwendung von Zusatzuntersuchungen stark. Schon heute sind laut Studie an etwa Dreiviertel der Hirntodfeststellungen Neurologen oder Neurochirurgen beteiligt.

Gemeinsame Stellungnahme der DGN, DGNC und DGNI zum Download

Die Stellungnahme des Deutschen Ethikrates ist eine wichtige Zusammenfassung der gegenwärtigen Diskussion zu Hirntod und Organspende auf hohem Niveau. Sie lässt alle Seiten zu Wort kommen, berücksichtigt unterschiedliche Auffassungen, stützt aber im Ergebnis das in den vergangenen 40 Jahren bestehende Konzept des Hirntods sowie die Auffassung der unterzeichnenden Fachgesellschaften:

Die Stellungnahme des Deutschen Ethikrates trägt den Titel „Hirntod und Entscheidung zur Organspende“. Damit wird deutlich, dass die in dem Papier festgehaltenen Überlegungen und Empfehlungen sich primär auf den Hirntod in seiner Bedeutung für die Transplantationsmedizin beziehen. Die unterzeichnenden Fachgesellschaften ergänzen in diesem Zusammenhang, dass sich die Fragen in Bezug auf den Hirntod auch stellen, wenn von vorneherein keine Transplantation in Frage kommt. Bei mehr als der Hälfte der Menschen wird der Hirntod diagnostiziert, auch wenn nach der Diagnose keine Organentnahme erfolgt, aus den verschiedensten Gründen. Die unterzeichnenden Fachgesellschaften sprechen sich deswegen, aber auch zur Stärkung des Vertrauens dafür aus, den medico-legalen Akt der Hirntodbestimmung auch organisatorisch von der Organtransplantation ganz zu trennen.

Die Bundesärztekammer als wichtige steuernde Organschaft

In der Stellungnahme des Deutschen Ethikrates heißt es: „Die Bundesärztekammer sollte die Methoden der Hirntoddiagnostik dem Erkenntnisfortschritt der Wissenschaft kontinuierlich anpassen. Ihre Anwendung in der Praxis ist sicherzustellen.“ Und weiter:  „Die Durchführung der Hirntoddiagnostik erfordert eine hohe medizinische Fachkompetenz der untersuchenden Ärzte, die nach der gesetzlichen Vorgabe den Spender unabhängig voneinander untersuchen müssen und nicht an der Transplantation beteiligt sein dürfen. Die Ärztekammern sollten die dafür erforderliche Aus-, Fort- und Weiterbildung sicherstellen und die zuständigen Stellen sollten dafür sorgen, dass fachkompetente Ärzte für die Hirntoddiagnostik flächendeckend und zeitnah zur Verfügung stehen.“

Aktuelle Studie zeigt die Vorteile bei Beteiligung von Neuromedizinern an der Diagnostik

Die unterzeichnenden Gesellschaften unterstützen diese Forderung, wie schon in ihrer gemeinsamen Stellungnahme vom 5. März 2014.
Die Auffassung, dass mindestens ein Neurologe oder Neurochirurg an der Hirntoddiagnostik beteiligt sein sollte, wird auch durch eine aktuelle, im Oktober 2014 im Nervenarzt veröffentlichte Studie bekräftigt: In der Studie wurde die Praxis der Hirntoddiagnostik in einer großen Region Deutschlands an Krankenhäusern verschiedener Versorgungsstufen retrospektiv untersucht, um Faktoren zu ermitteln, die die Einleitung und den Ablauf der Hirntoddiagnostik beeinflussen können. Die Hirntoddiagnostik erfolgt in Deutschland nach der Richtlinie der Bundesärztekammer. Die Richtlinie stellt hohe Anforderungen an die Qualifikation der Untersucher und die erforderlichen Prozessschritte.

Es besteht aufgrund der hohen Anforderungen die Möglichkeit, dass die personellen und logistischen Voraussetzungen nicht überall erfüllbar sein könnten. Die zentralen Ergebnisse der Studie sind: Das Einbeziehen von Neurologen oder Neurochirurgen in die Hirntoddiagnostik oder das Hinzuziehen externer Expertenteams erhöht signifikant die Chance einer kompletten und formal korrekten Hirntoddiagnostik und verkürzt die Zeit bis zur Hirntodbestimmung auch durch die Anwendung von Zusatzuntersuchungen stark.
Die Studie zeigt auch, dass die Einleitung und der Abschluss der Hirntoddiagnostik erheblich von strukturellen und organisatorischen Faktoren des Krankenhauses beeinflusst werden. Gemäß der Richtlinie der Bundesärztekammer kann der Hirntod jedoch „in jeder Intensivstation … festgestellt werden“.  Die unterzeichnenden Fachgesellschaften fordern daher, in der Überarbeitung der Richtlinie zur Feststellung des Hirntodes schärfere Qualitätskriterien zu verankern.
Zumindest einer der beiden hirntoddiagnostizierenden Ärzte sollte, sofern es sich um erwachsene Patienten handelt, nach Auffassung der Unterzeichner ein Neurologe oder Neurochirurg mit langjähriger Erfahrung in der Intensivmedizin und regelmäßiger praktischer Erfahrung in der Hirntodbestimmung sein. Auch dies ist eine Maßnahme, um das Vertrauen der Bevölkerung in die Hirntodfeststellung und damit die wichtige Bereitschaft zur Organspende insgesamt zu stärken.

Gemeinsame Stellungnahme der DGN, DGNC und DGNI

Referenzen

Autoren

Prof. Dr. med. Cornelius Weiller ist Direktor der Neurologischen Universitätsklinik, Universitätsklinikum Freiburg, für die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V.

Prof. Dr. med. Volker Seifert ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie und Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/Main.

Prof. Dr. med. Andreas Ferbert ist Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für NeuroIntensiv- und Notfallmedizin und Direktor der Neurologischen Klinik am Klinikum Kassel.

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN) sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren mehr als 7700 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu sichern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheits-politischen Diskussion. www.dgn.org

Die Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie e.V. (DGNC) mit ihren rund 1500 Mitgliedern steht in der Verantwortung für die Fort- und Weiterbildung auf neurochirurgischem Gebiet, die Versorgung neurochirurgischer Krankheitsbilder, die Lehre und die Wissenschaft. www.dgnc.de

Die Deutsche Gesellschaft für NeuroIntensiv- und Notfallmedizin e.V. (DGNI) mit ihren mehr als 700 Mitgliedern ist ein Zusammenschluss von neurologischen und neurochirurgischen Intensiv- und Notfallmedizinern. www.dgni.de

Kontakt für Journalisten
Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie e.V.
c/o albertZWEI media GmbH
Englmannstr. 2, 81673 München
Tel.: +49 (0)89-46148622, Fax: +49 (0)89-46148625
E-Mail:

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN) 
sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren mehr als 8000 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu sichern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist die Bundeshauptstadt Berlin.
www.dgn.org

1. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Ralf Gold
2. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Martin Grond
3. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Gereon R. Fink
Geschäftsführer: Dr. rer. nat. Thomas Thiekötter

Geschäftsstelle
Reinhardtstr. 27 C, 10117 Berlin, Tel.: +49 (0)30 531437930, E-Mail: 

Pressesprecher der DGN: Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen

Sie können nur als registriertes DGN-Mitglied Kommentare beitragen. Melden Sie sich bitte an.