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Leitlinie „Chorea/Morbus Huntington“ überarbeitet

Die Leitlinie „Chorea/Morbus Huntington“ (AWMF-Registriernummer 030/028) wurde von einer S1- zu einer S2k-Leitlinine weiterentwickelt. Koordinator der Leitlinienarbeit war Prof. Dr. Carsten Saft, Bochum.

Darum ist die Leitlinie nötig: Die Leitlinie skizziert diagnostische Schritte bei unklarer Chorea und Behandlungsmöglichkeiten der Huntington-Krankheit (HK). Sie gibt außerdem einen Überblick über den Stand der Forschung zum Erkrankungsverlauf sowie neuen Ansätzen der symptomatischen und verlaufsmodifizierenden Therapie. Adressaten der Leitlinie sind Neurologen, Psychiater, Humangenetiker, Nervenärzte, Psychologen, Physiotherapeuten, Logopäden, Ergotherapeuten sowie Patienten mit Huntington-Erkrankung und unklaren hyperkinetischen Bewegungsstörungen.

Das ist neu bei Diagnose und Therapie: Die Leitlinie nimmt Stellung zur Präimplantationsdiagnostik (PID) und pränatalen Diagnostik sowie zur aktuellen Studienlage.

Große multizentrische Beobachtungsstudien wie TRACK-HD, TRACK-ON-HD und PREDICT-HD konnten erste bildgebende (MRT), neuropsychologische und quantitativ-motorisch (Q-Motor) gemessene Veränderungen, im Sinne eines Prodromalstadiums, bei Mutationsträgern mindestens 10 Jahre vor dem berechneten Erkrankungsbeginn nachweisen. In einer Genom-weiten Assoziationsstudie (GWAS) mit genetischem Material von etwa 4000 Probanden wurden mindestens drei Loci als potentielle genetische Modifikatoren des Krankheitsbeginns (definiert durch die Entwicklung von diagnoseweisenden motorischen Auffälligkeiten) identifiziert, die insbesondere mit DNS-Reparatur-Mechanismen assoziiert sind.

Deuterium modifiziertes Tetrabenazin (Deutetrabenazine oder SD-809) hat in Phase-III-Studien der Huntington-Study-Group eine Reduktion der Choreasymptomatik bewirkt. Ob und wann dieses Medikament in Deutschland und in Europa zugelassen wird, ist derzeit ungeklärt.

Das Studienergebnis zu Pridopidine ist formal negativ. Es zeigte sich jedoch ein positiver, stabilisierender Effekt von Pridopidine auf funktionellen Skalen, sodass eine weitere Studie vorgesehen ist.

Eine Verbesserung der klinischen Symptomatik durch den Phosphodiesterase 10a Hemmer PF-02545920 konnte nicht nachgewiesen werden. Der primäre Endpunkt wurde nicht erreicht.

Eine randomisierte, kontrollierte Phase-II-Studie zur Behandlung von Apathie bei der Huntington-Erkrankung mit Buproprion konnte den primären Endpunkt nicht erreichen.

In einer randomisierten, Placebo-kontrollierten Phase-II-Studie konnte bei HK-Patienten keine Symptomverbesserung durch Memantine nachgewiesen werden.

Zwei große multizentrische Phase-III-Studien, welche Coenzym Q10 bzw. Kreatin untersucht haben, wurden wegen negativer Zwischenergebnisse abgebrochen.

Zudem werden derzeit mehrere Substanzen mit potentiell neuroprotektiver Wirkung in Phase-II-Studien untersucht, unter anderem Laquinimod zur möglichen Reduktion der Hirnatrophie bei der HK, u.a. durch Modulation des Immunsystems (LEGATO-HD). Eine deutsche multizentrische Phase-II-Studie zur Wirksamkeit von grünem Tee (EGCG) wird derzeit ausgewertet.

Gegenwärtig wird ein ‚gene-silencing‘-Ansatz bei HK-Patienten in einer Phase I/IIa Studie zur Sicherheit und Verträglichkeit verschiedener Dosisstufen eines nicht-allel-selektiven Antisense Oligo-Nukleotids untersucht.

Die Tiefenhirnstimulation ist experimentell und nur im Rahmen von klinischen Studien sinnvoll. Eine kleine deutsche Pilotstudie zur Tiefenhirnstimulation zeigte eine Besserung der Chorea nach GPi/GPe-Stimulation in einigen Patienten, sodass derzeit eine von der DFG und der CHDI-Stiftung geförderte Folgestudie durchgeführt wird. Verfahren der Stammzelltransplantation sind aktuell in der präklinischen Entwicklung, z.B. in dem EUFP7-Projekt REPAIR-HD.

Die europäische REGISTRY-Studie rekrutierte fast 15.000 Teilnehmer und wird nun von der globalen Beobachtungsstudie ENROLL-HD abgelöst: einer Plattform zur Durchführung klinischer Studien bei der HK, die wichtige Daten liefert und die Teilnehmerrekrutierung für Therapie/Medikamentenprüfungen substantiell beschleunigen soll.

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