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Lebenswege bedeutender Neurologen in der NS-Zeit: Zweiter Teil des Forschungsprojekts „Neurologie in der NS-Zeit“ startet 2017

1. September 2016 – Welche Rolle spielten bedeutende Neurologen wie Heinrich Pette, Max Nonne, Hugo Spatz und Georg Schaltenbrand in der Zeit des Nationalsozialismus? Dieser Frage werden die Institute für Geschichte und Ethik der Medizin an den Universitäten Köln und Düsseldorf im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) gemeinsam nachgehen.

Das Vorhaben, das im Frühjahr 2017 startet, stellt den zweiten Teil des auf dem DGN-Kongress 2015 vorgestellten Forschungsprojekts „Neurologie in der NS-Zeit“ dar („Aktuelle Neurologie“ 3/16).

Mit dem Heinrich Pette-Preis verbinden DGN-Mitglieder herausragende Leistungen in der Nervenheilkunde. Sein Namensgeber, der Neurologe Heinrich Pette (1887 – 1964), war seit 1935 Vorsitzender der auf Weisung des nationalsozialistischen Regimes gegründeten „Neurologischen Abteilung“ der DGN-Vorgängerorganisation „Gesellschaft deutscher Neurologen und Psychiater“ (GDNP). Nach dem Krieg gründete er 1950 die Deutsche Gesellschaft für Neurologie und blieb bis 1952 deren Vorsitzender.
Bis heute ist nicht völlig klar, in welcher Form sich Heinrich Pette mit dem NS-System arrangiert hat: Inwieweit trug er die Erb- und Rassenpolitik des NS-Staates mit? Förderte er entgrenzte Forschung? War er indirekt an der Ermordung von psychisch Kranken und behinderten Menschen im Rahmen der sogenannten Euthanasie-Aktionen beteiligt? Ebenso stehen Forschungsarbeiten über die Lebenswege anderer Namensgeber für Preise, DGN-Ehrenvorsitzender und -Ehrenmitglieder im Nationalsozialismus aus – etwa über die Neurologen Max Nonne, Georg Schaltenbrand und Hugo Spatz.

Veranstaltungshinweis auf dem 89. DGN-Kongress 2016 in Mannheim
Symposium Neurologie in der NS-Zeit: 22. September 2016, 08:30 bis 10:00 Uhr

Das erste Folgeprojekt „Unklare Lebenswege von Neurologen im Nationalsozialismus“ startet 2017

Die DGN will die Rolle dieser Persönlichkeiten aufarbeiten und objektiv darstellen. Sie hat dazu Professor Heiner Fangerau, Professor Axel Karenberg, Dr. Michael Martin und ihre Arbeitsgruppe von den Instituten für Geschichte und Ethik der Medizin der Universitäten Düsseldorf und Köln gebeten, die „Unklaren Lebenswege von Neurologen im Nationalsozialismus“ zu untersuchen. „Es geht nicht um eine reine Personengeschichte einzelner Neurologen“, erläutern Professor Gereon Fink und Professor Martin Grond, bei der DGN für das Projekt „Neurologie im NS“ verantwortlich. „Vielmehr soll am Beispiel neurologischer Persönlichkeiten eine Strukturgeschichte bzw. eine Wissenschaftsgeschichte der Neurologie im NS-System geschrieben werden.“ Es geht letztlich um einen Kreis von Neurologen und Neurowissenschaftlern, die unter der NS-Diktatur in Deutschland blieben, und zentral um die Frage, in welcher Form sie sich mit dem System arrangierten: formal in Form von Mitgliedschaften in NS-Organisationen und beruflicher Karriere; inhaltlich in ihrer Positionierung zu Euthanasie, NS-Medizin und NS-Politik.

Neurologische Persönlichkeiten im Kontext des Nationalsozialismus sichtbar machen

Um dieses Ziel zu erreichen, sollen die Historiker die jeweiligen neurologischen Persönlichkeiten im Kontext des Nationalsozialismus sichtbar machen und am Beispiel der Akteure prägende (wissenschafts-)politische Einflüsse verdeutlichen: Eine solche Darstellung könnte zum Beispiel durch einen Wechsel von längeren biografischen Analysen und kürzeren Momentaufnahmen zu wichtigen Rahmenthemen gelingen (etwa „Normal Science“ vs. „NS-Science“; neurologische Forschung unter dem Primat der NS-Gesundheitspolitik). Auf Wunsch der DGN sollen sowohl die Geschichte vor 1933 – beispielsweise Anhaltspunkte für eine antisemitische Einstellung Wilhelm Erbs – als auch die Entwicklung nach 1945 einbezogen werden: Welche Netzwerke innerhalb der Forschung bestanden nach 1945 weiter? Welche Positionen bekleideten Persönlichkeiten wie Heinrich Pette († 1964), Hugo Spatz († 1969) und Georg Schaltenbrand († 1979) in der Bundesrepublik Deutschland? Wie äußerten sich diese oder andere nach 1945 zu ihrer Rolle während der NS-Zeit?
Für ihre Nachforschungen wollen die Medizinhistoriker zwei Jahre lang verschiedene Archive konsultieren und neben Forschungsliteratur weitere zentrale Primärliteratur auswerten. „Dieses Forschungsvorhaben hat für die DGN hohe Dringlichkeit“, betonen Gereon Fink und Martin Grond. „Je nach vorgelegten Forschungsergebnissen wird die DGN gegebenenfalls eine aktuelle Neubewertung der Personen vornehmen.“

Ebenso wichtig: das zweite Folgeprojekt „Vertriebene und ermordete Neurologen

Für ebenso dringlich hält die DGN ein zweites Folgeprojekt, dessen Ziel es ist, erstmals die Gesamtgruppe der vertriebenen und ermordeten deutschen bzw. deutschsprachigen Neurologinnen und Neurologen zu erfassen und darzustellen. Bis jetzt sind ca. 70 emigrierte, in Konzentrationslagern ermordete oder in den Suizid getriebene Neurologen und Neurowissenschaftler bekannt. „Um unsere Kräfte zu bündeln“, so Grond, „werden wir das zweite Folgeprojekt ‚Vertriebene und ermordete Neurologen‘ im Anschluss an eine erfolgreiche Fertigstellung des ersten Forschungsvorhabens voraussichtlich im Lauf des Jahres 2019 beginnen.“
Die Ergebnisse des ersten Folgeprojekts „Unklare Lebenswege von Neurologen im Nationalsozialismus“ sollen auf den Jahrestagungen der DGN 2017 bis 2019 vorgestellt und im „Nervenarzt“ sowie in einer englischsprachigen Zeitschrift veröffentlicht werden.

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