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Wissenschaftlerin aus Leidenschaft: Christine Klein im Interview

„Nachwuchsförderung, translationale Forschung und eine größere Berücksichtigung seltener neurologischer Erkrankungen bringen die Neurologie nach vorne“, erklärt im Interview Prof. Dr. Christine Klein, die auf dem Jahreskongress in Mannheim zur Stellvertretenden Präsidentin der DGN ab 2017 gewählt wurde.

Frau Prof. Klein, Sie leiten das Institut für Neurogenetik an der Universität Lübeck. Womit befassen Sie sich dort genau?

Das Institut für Neurogenetik fokussiert seine klinische Tätigkeit und die Forschung auf erbliche Formen von Bewegungsstörungen, vor allem Parkinson und Dystonie. Seltene Erkrankungen sind ein besonderer Schwerpunkt unserer Arbeit. Unser Ziel: jene genetischen Faktoren entdecken, die Bewegungsstörungen verursachen oder dazu beitragen. Dazu arbeitet ein interdisziplinäres Team von Experten für Bewegungsstörungen, Grundlagenforschern,    Studienassistenten und Forschungstechnikern, PhD- und Medizinstudenten eng am Institut zusammen. Unsere Forschung ist translational. Wir setzen unsere Forschungsergebnisse möglichst schnell in der Klinik um. Vom
Patienten „to the bench and back“.

Die DGN hat sich zum Ziel gesetzt, mehr junge, talentierte Mediziner für die Wissenschaft zu begeistern. Wie fördern Sie am Institut den wissenschaftlichen Nachwuchs?

Nachwuchsförderung liegt mir besonders am Herzen. Ich selbst habe ganz enorm davon profitiert – schon vor 20 Jahren hier an der Lübecker Klinik für Neurologie bei Prof. Dr. Detlef  Kömpf. Wir haben die Nachwuchsförderung seither systematisch weiterentwickelt: Mit unterschiedlichen Programmen versuchen wir, die verschiedenen Spezialisierungswünsche und Talente junger Kollegen zu fördern, gerade auch im Hinblick auf den internationalen Wettbewerb. Durch die Einwerbung vieler Drittmittel und die hervorragende Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Thomas F. Münte, Direktor der Klinik für Neurologie, ist es uns gelungen, ein umfangreiches Rotationsprogramm bereitzustellen, sodass zu jedem Zeitpunkt 8 bis 10 Kollegen parallel zum Facharzt und zur Habilitation oder zu einem vergleichbaren Forschungsabschluss geführt werden. Die Rotationen gehen bei uns jedoch nicht nur in die Neurologie, sondern auch in die  Humangenetik, die Neuropädiatrie und die Psychiatrie, weil wir von der Interdisziplinarität des Faches profitieren wollen. Mentoren sind bei unserer Nachwuchsförderung ganz wichtig: Bei uns erhält jeder Clinical Scientist einen Senior, der ihn wie eine Art Doktorvater bzw. -mutter betreut. So eine 1:1-Beziehung kostet zwar Zeit, ist aber für die Karriereplanung sehr wichtig. Die Senioren stecken den Rahmen, weisen den Weg: Wo passt ein Auslandsaufenthalt? Welche Kontakte muss man knüpfen? Welche Ziele setzt man sich? Den Rest übernehmen die jungen Neurologen mit einem hohen Maß an Eigenverantwortung. Darüber hinaus kann jeder, der sich engagiert, bei uns etwas werden – die Medizinstudentin und der Medizinstudent genauso wie der Studienassistent und die Studienassistentin. Insofern fassen wir Eliteförderung etwas weiter.

Wie steht es an Ihrem Institut mit der Work-Life-Balance?

Ich  bin  für  flexible Lösungen  und versuche, jungen Müttern und Vätern individuell zugeschnittene Angebote zu machen: Wenn jemand halbtags arbeiten will, versuchen wir, das hinzubekommen – gegebenenfalls sogar, wenn die   betreffende Person eine Leitungsfunktion hat. Meist empfehle ich meinen Mitarbeitern aber, eine Dreiviertelstelle anzunehmen, mit dem Angebot flexibler Arbeitszeiten und Home-Office. Oder ich zeige ihnen spezielle Programme der Familienförderung: An der Universität Lübeck gibt es zum Beispiel einen Familienfonds, den auch ich als Mutter zweier Kinder häufig genutzt habe – beispielsweise um  die  Kinderbetreuung während meines Summer Sabbaticals zu bezahlen. Auch die  DFG sponsert die  Kinderbetreuung, zum Beispiel im Rahmen von Sonderforschungsbereichen und Forschungsgruppen. Keine Frau muss also heute zu Hause bleiben, wenn sie eigentlich berufstätig sein will. Es gibt wirklich viele Möglichkeiten, und die sollte man geschickt ausschöpfen und seinen Mitarbeitern zeigen.

Schlagen sich Ihre Fördermaßnahmen in Bewerberzahlen nieder?

Wir bekommen hier am Institut mehr Bewerbungen aus ganz Deutschland und aus dem Ausland, als wir bedienen können. Natürlich ruhen wir uns nicht auf unseren Lorbeeren aus, die Aufbauarbeit dauert an. Dabei achten wir sehr darauf, die Qualität hoch zu halten.

Fühlen sich viele Bewerber  von Ihrer sehr professionell und attraktiv gestalteten Website angesprochen?

Auf jeden Fall! Viele Bewerber sagen mir, dass sie die Website, auf der die Arbeit unseres Instituts ausführlich erklärt wird und viele Mitarbeiter zu sehen sind, sehr angesprochen hat. Wir nutzen den Internetauftritt auch ein bisschen, um die Spreu vom Weizen zu trennen: Wenn sich ein Bewerber nicht die Mühe gemacht hat, sich über die Arbeitsgruppen und Themen des Instituts zu informieren, lade ich ihn eher nicht zum Vorstellungsgespräch ein.

Stichwort Drittmittel: Was sind heutzutage die wichtigsten Finanzierungsmittel?

Ganz bunt gemischt. Es gibt natürlich die klassischen Graduiertenschulen für die Clinical Scientists, daran sind wir auch beteiligt. Das ist uns aber eigentlich nicht flexibel genug. Das optimale Modell gibt es bei uns nur personalisiert, auf die Bedürfnisse des jeweiligen Kollegen zugeschnitten. So haben wir sogar eine Stelle vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) bekommen, um das Thema seltene Erkrankungen voranzubringen. Im Rahmen der DFG-Forschergruppe gibt es zum Beispiel die sogenannten Gerok- Stellen: Sie bieten Ärztinnen und Ärzten mit Aufgaben in der Patientenversorgung durch „Rotationsstellen“ die Möglichkeit, sich vorübergehend von ihren klinischen Verpflichtungen freistellen zu lassen und sich ganz der Forschung zu widmen. Bei der Else Kröner-Fresenius-Stiftung kann man sich sogar zwei Jahre lang freistellen lassen, wenn man eine der beliebten Fellowships ergattert. Wenn die jungen Leute ein bisschen weiter sind und ein oder zwei Erstautorschaften vorweisen kön nen, können sie bei der DFG auch ihre eigene Stelle beantragen. Die Möglichkeiten sind eigentlich fast unbegrenzt – und wir  versuchen, sie alle auszuschöpfen.

Um dem Trend junger Mediziner  weg von der Wissenschaft zu begegnen, engagiert sich die DGN insbesondere in der Förderung translationaler, klinischer  Forschung. Auch in diesem Bereich hat das Institut für Neurogenetik unter  Ihrer  Leitung eine Vorreiterrolle übernommen, sagen Sie?

Ja, wir  haben die  Neurogenetik sehr, sehr früh von der Laborforschung in einen translationalen Bereich geführt. Wir haben, zunächst noch auf der Forschungsebene, Familien mit seltenen neurologischen Erkrankungen hier in Lübeck multimodal mit Bildgebung, Elektrophysiologie, Genetik und Molekularbiologie untersucht – zum Beispiel eine 78-jährige Mutter aus Chile zusammen mit 6 ihrer 18 Kinder. Es ging uns darum, direkt am Patienten das Krankheitsbild  zu untersuchen und in vivo besser zu verstehen. Jetzt hat das BMBF unsere erste klinische Studie aufgrund einer genetischen Stratifizierung der Patienten genehmigt: Darin werden wir testen, ob Parkinson-Patienten mit bestimmten  genetischen Risiken von bestimmten Medikamenten zur Verbesserung der Mitochondrien-Funktion mehr profitieren als solche ohne ein primäres mitochondriales Defizit.

In Ihrer Rede vor der DGN-Mitgliederversammlung, in der Sie Ihre Kandidatur begründeten, haben Sie ein besonderes Anliegen für Ihre Arbeit im Präsidium formuliert: Sie möchten neben den etablierten großen Themen wie Schlaganfall und Multiple Sklerose auch seltene neurologische Erkrankungen in den Fokus rücken. Warum?

Diese seltenen Erkrankungen sind etwas, was unser Fach ganz zentral betrifft: Es gibt davon mehr als 5000. Geschätzt etwa 80 Prozent davon manifestieren sich mit neurologischer Symptomatik. Wir sollten den seltenen Erkrankungen auch deshalb mehr Beachtung schenken, weil die  Betroffenen – erfreulicherweise – immer älter werden und entsprechend lange behandelt werden müssen. Mein  Ziel ist  es, genau für diese Patienten – auch wenn es sich um eine heterogene Gruppe handelt – nicht nur die diagnostischen Maßnahmen zu verbessern, sondern auch die  therapeutischen. Ich habe jetzt erstmals das Gefühl, dass  wir  da an einem Scheideweg stehen. Es laufen erste Therapiestudien, solche Ansätze kommen jetzt tatsächlich in die Klinik. Uns ist es wichtig, für solche klinischen Studien Deutschland „on the map“ zu setzen. Wir haben hier eigentlich eine tolle Infrastruktur, mit einer engen Bevölkerungsdichte. So eine Studie muss nicht immer in  den USA ablaufen. Das können wir hier auch – oder vielleicht sogar besonders gut.

Am Institut für Neurogenetik konnten wir zum Beispiel erstmals Patienten mit einem Dystonie-Parkinson-Syndrom erfolgreich behandeln. Das Dystonie-Parkinson-Syndrom ist eine X-chromosomal vererbte Störung, die vor allem auf den Philippinen vorkommt. Eine medikamentöse Therapie gibt es nicht. Es ist uns gelungen, Gelder für 16 Erkrankte zu beschaffen, die in den Jahren 2013 bis 2015 von den Philippinen hierherkamen, um sich einer Tiefen  Hirnstimulation zu unterziehen. Sie alle waren im Rollstuhl hier angekommen und gingen nach der Operation auf  zwei Beinen in das Flugzeug zurück, das sie nach Hause brachte. Das war das erste Mal, dass wir ganz konkret vor Ort Menschen, die an einer seltenen neurologischen Erkrankung leiden, mit einer speziell auf ihre genetische Form zugeschnittenen Therapie helfen konnten. Und wenn Sie nach der Motivation junger Wissenschaftler fragen: Die Ärzte und Ärztinnen der Generation Y, die an solchen Studien beteiligt sind, sind so motiviert, dass sie keinen Anstoß von außen mehr benötigen.

Interview: Monika Holthoff-Stenger, Pressestelle der DGN

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