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Prof. Dr. Gereon R. Fink, Präsident der DGN (c) DGN/Hauss
„Nie war es wichtiger, Neurologe zu sein“

14. Dezember 2017 – DGN-Präsident Prof. Gereon R. Fink hielt auf dem 90. DGN-Kongress in Leipzig vor mehr als 1700 Neurologinnen und Neurologen eine viel beachtete Rede. Er verweist auf die Erfolge der Neurologie, spricht von berechtigtem Selbstbewusstsein und Stolz auf das Erreichte, fordert aber auch mehr Unabhängigkeit für das Fach und appelliert an den Zusammenhalt der Fachdisziplin. Und er spricht drängende Probleme an.

Herr Professor Fink, auf dem DGN-Kongress trug Ihre Grundsatzrede den Titel „Wir sind Neurologie“. Welche Resonanz haben Sie erfahren?

Eine sehr positive. Überhaupt: Der gesamte Kongress 2017 war geprägt von einer positiven Grundstimmung, von spürbar motiviertem Nachwuchs, von Ideen und Innovationen an allen Ecken und Enden. Und tatsächlich gibt es keinen Bereich in der Medizin, bei dem die therapeutischen Erfolge in den letzten zwei Jahrzehnten zu einer vergleichbaren Reduktion der Mortalität und Morbidität geführt haben. Noch nie haben Neurologen, basierend auf vielen Jahren erfolgreicher neurowissenschaftlicher und klinischer Arbeit, ein derartiges Spektrum an effektiven Therapieoptionen zur Verfügung gehabt. Denken Sie nur an die Lyse und Thrombektomie, an differenzierte Pharmako-, aber auch operative Therapien zum Beispiel bei Parkinson-Erkrankungen oder Epilepsien, an neuroimmunologische Wunderwaffen, an die fantastischen Möglichkeiten einer hochspezialisierten Neurointensivmedizin oder an die neuen Therapien bei genetischen Erkrankungen. Darauf können wir zu Recht stolz sein – und es ist wichtig, dies auch angemessen der Öffentlichkeit zu vermitteln: Deutschland braucht Neurologinnen und Neurologen!

Sie haben auch über die Hintergründe der Kampagne „Wir sind Neurologie.“ berichtet und gesagt, dass die Kampagne bereits Wirkung zeigt. Woran messen Sie den Erfolg der Kampagne?

An den Reaktionen aus der gesamten Medizin, aber auch an der unheimlich guten Resonanz unter den Kolleginnen und Kollegen. Wir konnten während des Kongresses mehr als 200 neue Neurologie-Botschafter gewinnen. Im Vergleich zum gleichen Vorjahreszeitraum haben wir eine annähernde Verdreifachung der Eintritte in die DGN. Viele Assistenzärzte und – das freut uns ebenso – auch viele interessierte und motivierte Studierende entdecken die DGN für sich. Damit der für die weitere Entwicklung unseres Faches so wichtige Nachwuchs frühzeitig eingebunden werden kann, hat die Mitgliederversammlung in Leipzig dem Antrag zugestimmt, Studierenden eine kostenlose Mitgliedschaft zu ermöglichen. Ich möchte aber zusätzlich alle Führungskräfte bitten, ihren Mitarbeitern, PJ-Studenten und Famulanten zu vermitteln: Nie war es interessanter, Neurologe zu sein! Und vor dem Hintergrund unserer immer älter werdenden Gesellschaft: Nie war es wichtiger!

Wir stellen ja schon seit Jahren fest, dass die Neurologie kontinuierlich wächst, für junge Mediziner abwechslungsreiche Arbeitsfelder zu bieten hat und heute offenbar auch als „cooles“ Fach gilt. Auf der anderen Seite ist die Liste der aktuellen Herausforderungen im Alltag nicht gerade kurz.

Natürlich, mit dem Erfolg kommt auch die Verantwortung. Auf unserem Kongress wurde viel diskutiert über die Bewältigung der zunehmenden Fallzahlen in den Notaufnahmen und wie dies das Spektrum der stationären Patienten in den Kliniken verändert. Wir kennen den Kampf in immer mehr neurologischen Kliniken, die Voraussetzungen zur Weiterbildung in der vollen Breite des Faches zu erfüllen – bis hin zur neurologischen Intensivmedizin. Uns sind die Schwierigkeiten, die gesetzgeberischen Vorgaben zur Hirntoddiagnostik flächendeckend umzusetzen, sehr bewusst. Genauso wie die zunehmende Bürokratisierung in Kliniken und Praxen und nicht zuletzt der ungebrochene Trend zur Arbeitsverdichtung mit all seinen Folgen.

Nun setzen Sie noch das Thema Pflegenotstand sehr präsent auf die Agenda – als erster DGN-Präsident.

Wir haben auch allen Grund dafür – und nicht erst, seit im Bundestagswahlkampf das Thema auch die Politik und Öffentlichkeit erreicht hat. Der Pflegekräftemangel hat sich in wenigen Jahren dramatisch verschärft und uns inzwischen flächendeckend erreicht: Rund 30 Prozent der neurologischen Kliniken geben an, dass sie ganz überwiegend wegen Pflegekräftemangel ihre Versorgung einschränken müssen. Zum Vergleich: Ein Ärztemangel wird inzwischen deutlich seltener als Grund genannt.

Aber Pflegekräftemangel ist ja nicht allein ein neurologisches Problem.

Richtig. Allein der demografische Wandel führt dazu, dass der Bedarf an Pflegevollkräften bis 2025 derart ansteigt, dass es bundesweit zu einer Lücke von rund 200.000 Pflegekräften kommt. Hiervon wird die Neurologie als Schlüsselmedizin einer immer älter werdenden Gesellschaft besonders betroffen sein, im stationären Bereich genauso wie in der ambulanten Versorgung. Hinzu kommt aber leider noch ein fachspezifisches Problem: Neurologische Pflege ist therapeutische Pflege und damit besonders anspruchsvoll. Zudem: Neurologische Pflege ist körperlich und psychisch anstrengend. Aufgrund der zunehmenden Verlagerung leichter Fälle in die ambulante Versorgung wird in den Kliniken die Pflegeintensität sogar noch weiter zunehmen. All dies führt dazu, dass selbst hochmotivierte Pflegekräfte sich irgendwann erschöpft andere Betätigungen in der Medizin oder gar außerhalb der Medizin suchen.

Gut – das Problem ist in der DGN angekommen. Aber was kann eine medizinische Fachgesellschaft gegen den Pflegenotstand tun?

Der Vorstand der DGN hat eine Taskforce eingesetzt, die sich aus Neurologen, aber auch aus Pflegekräften und Lehrenden im Bereich Pflege zusammensetzt. Diese hat mehrere Aktionsebenen: Wir entwickeln Maßnahmen, mit denen wir Pflegekräfte langfristig an das Fach Neurologie binden wollen. So arbeiten wir an einer Ausbildungs- und Qualifizierungsoffensive: Es müssen Profile für Fachpflegekräfte in der Neurologie entwickelt werden, z. B. für Parkinson-Nurses oder neuroimmunologische Fachpflegekräfte. Es gilt, für Pflegekräfte Entwicklungsperspektiven aufzuzeigen, die sich dann auch in einer angemessenen Vergütung widerspiegeln. Und schließlich: Weder für den stationären Bereich noch für den ambulanten Sektor existiert eine wissenschaftlich fundierte Personalbemessung. Gerade die Neurologie tut aber gut daran, sich nicht mit anderen, weniger pflegeintensiven Fächern undifferenziert gleichsetzen zu lassen.

Engagement der DGN ist das eine. Sie nehmen im Kampf gegen den Pflegenotstand aber auch die Kolleginnen und Kollegen in die Pflicht.

Die Formel ist einfach: Mehr Pflegepersonal bedeutet gute Pflege für unsere Patienten, denn sie brauchen Zeit und Zuwendung. Nichts frustriert Pflegekräfte mehr, als diese Zeit nicht zu haben. Chefärzte sollten also dafür sorgen, dass die von den neurologischen Kliniken erwirtschafteten Deckungsbeiträge in den neurologischen Kliniken verbleiben und nicht zur Quersubventionierung anderer Bereiche verwendet werden. Und die besten Neurologinnen und Neurologen gehören in die Pflegeschulen, damit den Pflegeschülern die hoch spannende und differenzierte interdisziplinäre Arbeit in der Neurologie nahegebracht wird.

Da sind wir schon beim Thema Erhöhung der Schlagkraft, das Sie angesprochen haben. Sie verwiesen in Ihrer Rede gleichzeitig auf Günther Deuschl, Präsident der European Academy of Neurology, der nicht müde wird zu betonen, dass keine europäische Fachgesellschaft so professionell arbeite wie die DGN.

In der Tat, wir haben in mittlerweile jahrzehntelanger erfolgreicher Arbeit schon sehr viel erreicht. Europaweit ist die Neurologie in keinem anderen Land so gut aufgestellt wie in Deutschland. Und dies auch zahlenmäßig: Jeder vierte Neurologe Europas arbeitet in Deutschland! Dennoch, der soziodemografische Wandel unserer Gesellschaft und die sich stetig verschärfenden ökonomischen Zwänge in der Medizin führen zu einer weiteren Zunahme des Drucks auf die Krankenhausmedizin, genauso wie auf die ambulante Versorgung. Politisch gewollt, verschärft sich der Kampf um die Ressourcen immer weiter. Und damit meine ich nicht nur die finanziellen Ressourcen. Wenn wir unsere Bedürfnisse zu den Themen wie Ärztemangel, Notfallversorgung, neurologische Intensivmedizin, Musterweiterbildungsordnung und digitale Neurologie durchsetzen möchten, dann muss die DGN, muss die gesamte Neurologie weiter an Stärke und Durchschlagkraft gewinnen.

Wo wollen Sie da den Hebel ansetzen?

Im Zeitalter von Vollbeschäftigung und Fachkräftemangel geht es zukünftig ganz wesentlich um das Personal: Den Pflegekräftemangel habe ich schon angesprochen, aber natürlich geht es auch um den ärztlichen Nachwuchs. Nicht ohne Grund fördert die DGN seit vielen Jahren intensiv die Jungen Neurologen, und ich bin allen sehr dankbar, die sich hier einbringen und engagieren. Hier hilft auch die Kampagne Wir sind Neurologie. Ihr erstes Ziel ist, das Wir-Gefühl in der deutschen Neurologie zu stärken, die nachhaltige Entwicklung der DGN als gesundheitspolitisches Schwergewicht voranzutreiben und die Neurologie als Schlüsseldisziplin in unserer immer älter werdenden Gesellschaft sowohl in der Öffentlichkeit als auch bei den Medizinstudierenden zu positionieren. Und natürlich bedeutet eine große, lebhafte Fachgesellschaft mit vielen aktiven Mitgliedern auch mehr politisches Gewicht. Insofern wollen wir auch neue Mitglieder für die DGN gewinnen. Es ist immer wieder erstaunlich, wer alles noch nicht Mitglied der DGN ist.

In Ihrer Rede erwähnen Sie auch die integrative Kraft der DGN.

Als größte neurologische Vereinigung sehen wir eine wichtige Aufgabe darin, die Einheit des Faches zu erhalten. Wie in jedem großen Fachgebiet der Medizin gibt es auch in der Neurologie Tendenzen zur Spezialisierung. Aber nur ein gemeinsames Verständnis für die Neurologie ist Garant dafür, dass wir die flächendeckende neurologische Versorgung sicherstellen können. Darum betont unsere Kampagne auch die Einheit des Faches. Wir versuchen deswegen, der zunehmenden Komplexität unseres Versorgungsalltags in der neuen Musterweiterbildungsordnung gerecht zu werden …

… die nun nach vielen Jahren der Konsentierung bald verabschiedet wird?

Ich hoffe, 2018, spätestens 2019 wird es so weit sein. Inhaltlich ist dabei wichtig: Die Weiterzubildenden sollen selbst entscheiden dürfen, wo und wie sie ihre Kompetenzen erwerben und wie viel Zeit sie zum Beispiel im Rahmen ihrer Weiterbildung in der Inneren Medizin, der Kardiologie, der Geriatrie oder in der Psychiatrie verbringen. Psychiatrische Kompetenzen sind wichtige Weiterbildungsinhalte der Neurologie, für viele Neurologen ist es im heutigen Versorgungsalltag mindestens genauso wichtig, umfassende und vertiefte Kenntnisse der Inneren Medizin zu haben. Im Interesse der nachwachsenden Neurologengeneration werden wir unter diesen Vorzeichen die Modernisierung der Musterweiterbildungsordnung konsequent weiterverfolgen und hoffen hier doch noch auf eine konstruktive Lösung, sowohl mit der DGPPN wie auch mit den Berufsverbänden BVDN und BDN.

Die Mitgliederversammlung der DGN ist einen Tag nach Ihrer Rede dem Vorschlag gefolgt, eine Stiftung zu gründen. Wofür benötigt die Neurologie eine eigene Stiftung?

Die Stiftung ist ein wichtiger Baustein, um unsere Unabhängigkeit von Dritten voranzutreiben. Mit der „Stiftung Deutsche Gesellschaft für Neurologie“, deren Einlagen aus Rücklagen der DGN und potenziellen Zustiftungen gebildet werden, fördern wir langfristig und nachhaltig DGN-satzungskonform die Ziele der DGN. Wir alle wissen: Obwohl die Politik die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Industrie fordert und fördert, obwohl diese Zusammenarbeit auch im Interesse der Patienten ist, damit neue Behandlungsmethoden und Therapien entwickelt werden, steht diese Zusammenarbeit dennoch immer wieder in der öffentlichen Kritik.

Damit spielen Sie auf die latenten Vorwürfe an, die Ärzteschaft sei abhängig von der medizinischen Industrie?

Als Fachgesellschaft tun wir alles Mögliche, um uns unabhängig aufzustellen und unseren Mitgliedern unabhängige Informationen und Service zu bieten. Die Stiftung ist hier eine wichtige, aber nur eine von mehreren Maßnahmen. So haben wir ein striktes Regelwerk für unsere Leitlinien erarbeitet, das beispielgebend den Umgang mit möglichen Interessenkonflikten regelt. Wir bauen unser Kongressformat um: Ab 2018 ist die Teilnahme an den Kursen der DGN-Fortbildungsakademie im Rahmen der moderat angehobenen Kongressgebühr kostenfrei möglich. Wir achten bei der Programmgestaltung darauf, dass Neurologinnen und Neurologen alle wichtigen klinischen Themen mit erstklassigen Referenten im Kongress der DGN und nicht nur in Industriesymposien abgebildet finden. Sie haben dann als Kongressteilnehmer ein weites Spektrum an Möglichkeiten und die freie Wahl, wo, von wem und wie Sie sich informieren bzw. zertifiziert fortbilden lassen wollen!

In der Mitgliederversammlung war die Beteiligung der Industrie am DGN-Kongress ein Thema. Es soll jetzt eine Arbeitsgruppe dazu eingerichtet werden.

Ja, es gab den Antrag, einen industriefreien Kongress zu veranstalten. Wir müssen aber zur Kenntnis nehmen, was Umfragen unter den Kongressteilnehmen sowie Teilnehmerzahlen belegen: Viele Kongressgäste sehen die Fachausstellung und auch die Industriesymposien als Bereicherung. Umgekehrt wollen wir als DGN sicherstellen, dass Fort- und Weiterbildung von Produktinteressen unabhängig sind. Wie schon ausgeführt: Kongressformat und -programm sind mittlerweile so angepasst, dass Fachausstellung und Industriesymposien keinen Einfluss auf die Unabhängigkeit des DGN-Kongressprogramms haben und dass alle wichtigen Themen entweder im Rahmen des wissenschaftlichen Teils des Kongresses oder in der Fortbildungsakademie verankert sind.

Lassen Sie mich an dieser Stelle aber auch das noch einmal deutlich sagen: Die Interaktion mit der Industrie ist bedeutsam für den Fortschritt in unserem Fach und von Politik und Gesellschaft gewollt. Es ist deswegen wichtig, dass wir unsere Industriekontakte nicht diskriminieren. Interessenkonflikte drohen nicht ausschließlich durch Kontakte mit der Industrie, sondern auch durch Umgang mit Patientenverbänden oder durch Budget- und Honorarfragen. Das heißt, wir sollten einen transparenten Umgang mit der Industrie genauso wie mit anderen Interessenvertretungen einfordern und pflegen. Dies gilt auch für unsere Leitlinien, die von rund 500 Experten erarbeitet werden. Deren Mitarbeit ist von unschätzbarem Wert, damit wir hier auch weiterhin eine Vorreiterrolle in der deutschen Medizin einnehmen und damit diagnostische und therapeutische Fortschritte flächendeckend und schnell bei den Patienten ankommen.

Interview von Frank Miltner

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