Georg Schaltenbrand (1897-1979)

Georg Schaltenbrand (1897-1979)

1953-1954 Vorsitzender

Foto aus: Hopf HC (1980) Georges Schaltenbrand (1897-1979). J Neurol 223:153

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Studium der Medizin in Breslau, Göttingen, München sowie Hamburg (Promotion 1923), dort ab 1930 Oberarzt bei Max Nonne sowie a.o. Prof. in der Universitätsnervenklinik. Ab 1934 wirkte er an der Inneren und Nervenklinik der Universität Würzburg, wo er die neurologische Abteilung aufbaute, deren Leiter er 1935 wurde; 1937 erhielt er dort den Lehrstuhl für Neurologie. Im selben Jahr, nach Aufhebung des Aufnahmestopps, trat Schaltenbrand in die NSDAP ein und wurde Mitglied im NS-Ärztebund.

Wie andere Forscher seiner Zeit hielt Schaltenbrand die Multiple Sklerose (MS) für eine Infektionskrankheit. Um diese These, die er nie verwerfen sollte, experimentell zu beweisen, übertrug er Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit von MS-Kranken auf Affen. Er glaubte, bei den Affen eine Form von MS erzeugt zu haben, und injizierte 1940 Patienten der fränkischen Heil- und Pflegeanstalt Werneck den Liquor der Affen. Dabei handelte es sich um auch zu seiner Zeit aus moralischen Gründen höchst fragwürdige Menschenversuche.

Die Richtlinien des Reichsinnenministers vom 28.02.1931 zur Forschung am Menschen waren während der NS-Zeit nicht aufgehoben. Nach diesen Richtlinien verstieß Schaltenbrand schon gegen das Prinzip der Verhältnismäßigkeit zwischen wissenschaftlichem Nutzen der Experimente und Gefährdung der Probanden. Weder bei den Patienten noch bei Angehörigen hatte er eine Einwilligung eingeholt, die schon damals geforderte Freiwilligkeit der Versuchsteilnahme war damit nicht gewährleistet. Zur Auswahl seiner Versuchspersonen äußerte sich Schaltenbrand 1943 in seinem Werk „Die Multiple Sklerose des Menschen“: „Trotzdem kann man natürlich nicht einem gesunden Menschen oder auch einem kranken einen derartigen Versuch zumuten. Ich glaube aber doch, die Verantwortung tragen zu können, derartige Versuche an Menschen zu machen, die an einer unheilbaren vollkommenen Verblödung leiden.“

Seine Experimente wurden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Die Herkunft der Patienten ist aus den erfolgten Publikationen nicht ersichtlich. Im Nürnberger Ärzteprozess wurden Schaltenbrands Humanexperimente – obwohl bekannt – nicht verhandelt. 1947 kam es allerdings zu einem Ermittlungsverfahren am Würzburger Landgericht. Zum Obergutachter wurde Victor von Weizsäcker bestellt, der zu einem für Schaltenbrand positiven Urteil kam: Die Versuchspersonen seien durch das Experiment nicht an MS erkrankt, und das geringe Risiko des Versuchs sei durch den Nutzen für die Allgemeinheit weit aufgewogen gewesen.

Die Menschenversuche hatten nach Kriegsende keine negativen Konsequenzen für Schaltenbrand und auch keine negativen Auswirkungen auf seine weitere Karriere. Erst als Michael et al.1 über die MS-Versuche berichteten, wurden seine Versuche einem breiteren medizinischen Fachpublikum bekannt.

Schaltenbrand erhielt 1954 die Wilhelm Erb-Gedenkmünze; 1953/1954 wurde er Vorsitzender, 1967 bis 1979 Ehrenvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. 1953 übernahm er den Vorsitz des Ärztlichen Beirats der „Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft“.

1Michael I, Evans, Bradley K (1994) The “Schaltenbrand experiment”. Scientific, historical and ethical perspectives. Neurology 44:350–356

Literatur

  • Collmann H (2008) Georges Schaltenbrand (26.11.1897–24.10.1979). Würzburger Medizinhistorische Mitteilungen 27:63–92
  • Gerabek W (2005) Schaltenbrand, Georg(es). Neue Dtsch Biogr 22:555–556