loading...

Kapitel: Vaskuläre Erkrankungen

Zerebrale Vaskulitis

Entwicklungsstufe: S1
Stand: September 2012
Verängert: 11. September 2015
Gültig bis: September 2017
AWMF-Registernummer: 030/085
Federführend
Prof. Dr. Peter Berlit, Essen


PDF-Download der Leitlinie
COI-Erklärung

Inhaltsverzeichnis

 Was gibt es Neues?

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick

30.1 Primäre Angiitis des ZNS

Definition und Klassifikation

Die primäre Angiitis des ZNS (Synonyme: isolierte Angiitis des ZNS, primäre ZNS-Vaskulitis) (PACNS) ist ein seltenes, alle Altersgruppen betreffendes Krankheitsbild, das ohne bioptische Sicherung wahrscheinlich zu häufig diagnostiziert wird. Leitsymptome sind eine Enzephalopathie mit kognitiven und affektiven Auffälligkeiten, anhaltende Kopfschmerzen sowie multifokale Symptome bei rezidivierenden Ischämien oder vereinzelten Blutungen. Auch epileptische Anfälle können vorkommen. Das Rückenmark kann mitbetroffen sein (Salvarani et al. 2008b), selten isoliert (Goertz et al. 2010). Es handelt sich um eine idiopathische Entzündung der kleinen und mittleren Gefäße ausschließlich des Zentralnervensystems, wobei sich die Entzündung nur histologisch durch zelluläre Infiltrate der Gefäßwände und des Parenchyms nachweisen lässt.

Beschrieben wurden eine Small-Vessel-Variante (SV-PACNS) mit hohem Rezidivrisiko und meist schweren neurologischen Ausfällen und eine Medium-Vessel-Variante (MV-PACNS) mit besserer Prognose (MacLaren et al. 2005). Die SV-PACNS zeigte dabei öfter eine pathologische Akute-Phase-Serologie, keine Auffälligkeiten in der Angiografie, zum Teil jedoch positive Befunde in der Hirnbiopsie. Bei der MV-PACNS wurden angiografische Veränderungen als diagnostisch wegweisend beschrieben. Diese Veränderungen kommen allerdings häufig auch bei einer heterogenen Gruppe reversibler vasospastischer Syndrome vor (reversibles Vasokonstriktionssyndrom, RCVS) (Calabrese et al. 2007). Klinisch ist die Erkennung dieses Syndroms wichtig in der Abwägung der Notwendigkeit einer Hirnbiopsie und einer kombinierten immunsuppressiven Therapie.

Diagnostik

Da es sich in der Regel um ein subakut bis chronisch verlaufendes Krankheitsbild handelt und eine falsch-positive Diagnose einer PACNS fatale Folgen haben könnte, sollten stets differenzialdiagnostisch eine Beteiligung bei systemischer Vaskulitis, eine Vaskulitis bei anderer Grunderkrankung (z. B. Infektion) oder eine andersartige Erkrankung ausgeschlossen werden.

Anamnese und klinische Untersuchung

Eine gewissenhafte Anamnese und klinische Untersuchung können einen Großteil der Differenzialdiagnosen unwahrscheinlich machen. Die Anamnese sollte eine detaillierte Familienanamnese und die Frage nach triggernden Faktoren (u. a. Drogen) beinhalten. Bei der klinischen Untersuchung des entkleideten Patienten sollte auf rheumatologische und dermatologische Symptome wie z. B. eine Livedo racemosa (Kraemer et al. 2005) oder Angiokeratome (Wozniak et al. 2010), Hinweise auf Dysmorphien oder eine Bindegewebserkrankung oder Hyperlaxidität der Haut und Gelenke geachtet werden. Die Anwesenheit all dieser erfragten und untersuchten Symptome macht eine PACNS unwahrscheinlich. Fieber, Gewichtsverlust und Nachtschweiß werden nur selten beschrieben (Salvarani et al. 2007).

Magnetresonanztomografie

Eine isolierte Angiitis des ZNS ist bei unauffälligem MRT äußerst unwahrscheinlich (Birnbaum u. Hellmann 2009, Kraemer u. Berlit 2011). MR-tomografisch zeigen sich multifokale Läsionen in der weißen Substanz, die MR-Angiografie zeigt nicht immer Auffälligkeiten (47–59 %) (Salvarani et al. 2007, Kraemer u. Berlit 2011). Die PACNS kann in der MRT tumorähnlich imponieren (Lee et al. 2009, Tanei et al. 2011). Bei der MR-tomografischen Diagnostik der ZNS-Vaskulitis sollten auch diffusionsgewichtete Aufnahmen und ADC-Maps angefertigt werden, da unterschiedlich alte Veränderungen (Sener et al. 2003, White et al. 2007) und die ischämische Natur der Läsionen differenzialdiagnostisch verwertbar sind. Gradientenecho-Sequenzen können diagnostisch wichtige petechiale, klinisch stumme Hämorrhagien darstellen (Ay et al. 2002). Diffusionsgewichtete Aufnahmen und MR-Angiografie können im follow-up von Patienten mit ZNS-Vaskulitis hilfreich sein (Moritani et al. 2004, Krasnianski et al. 2004). Auch sollte die MR-Bildgebung eine Gadolinium-Gabe beinhalten, da Gadolinium aufnehmende Läsionen und auch ein leptomeningeales Enhancement (Birnbaum u. Hellmann 2009, Salvarani et al. 2008b, Kraemer u. Berlit 2011) beschrieben werden. Darüber hinaus könnte zukünftig die direkte Darstellung der Gefäßwand mit hochauflösenden kontrastmittelverstärkten fett- und blutunterdrückten, sogenannten Black-Blood-Sequenzen interessant sein, aktuell ist dies bei unklarer Spezifität allerdings noch wissenschaftlichen Fragestellungen vorbehalten und noch kein klinischer Standard (Küker et al. 2008, Saam et al. 2010, Pfefferkorn et al. 2010).

Serum- und Liquoranalyse

Im Serum sind allenfalls CRP und BSG pathologisch, diese jedoch bei weniger als einem Viertel der Patienten (Salvarani et al. 2007). Die sonstige serologische Labordiagnostik dient dem Ausschluss von Differenzialdiagnosen. Da der Liquor in 90 % eine pathologische lymphomonozytäre Pleozytose oder eine Eiweißerhöhung zeigt (Salvarani et al. 2007, Birnbaum u. Hellmann 2009, Kraemer u. Berlit 2011), macht ein regelrechter Liquorbefund eine PACNS unwahrscheinlich. Die Zellzahl- und Proteinerhöhungen sind nur moderat ausgeprägt, bei Pleozytose > 250/µl sollte an andere, vor allem infektiöse Erkrankungen gedacht werden (Birnbaum u. Hellmann 2009, Kraemer u. Berlit 2011). Entscheidend ist die Liquordiagnostik zum Nachweis oder Ausschluss von Infektionen. ZNS-Vaskulitiden selbst können durch zahlreiche Infektionen verursacht werden und müssen dann entsprechend antibiotisch oder antiviral behandelt werden. Mittels PCR und Antikörper-Indizes aus Liquor und Blut sollte eine VZV-Vaskulitis ausgeschlossen werden, die vor allem bei Kindern häufig auftritt (Braun et al. 2009).

Zerebrale Angiografie

Die konventionelle zerebrale Angiografie galt lange als diagnostischer Goldstandard, kann die Diagnose einer PACNS jedoch nur unterstützen. Die Sensitivität der konventionellen Angiografie ist jedoch deutlich höher als die der MR-Angiografie (Zuber 2008), sodass angesichts des geringen Risikos einer Angiografie diese ihren festen Stellenwert in der Diagnostik einnimmt. Bei der PACNS sind unterschiedliche Korrelationen zwischen MR-Angiografie und konventioneller Angiografie beschrieben (56 % versus 78 %) (Salvarani et al. 2007, Kraemer u. Berlit 2011). Die Angiografie kann negativ sein, wenn die kleinen Gefäße (z. B. < 500 µm) betroffen sind (Salvarani et al. 2008a, Kraemer u. Berlit 2011). Die Sensitivität der Angiografie wird zwischen 50 % und 90 % angegeben (Birnbaum u. Hellmann 2009). Zu beachten ist, dass gerade beim RCVS die angiografischen Veränderungen oft „Vaskulitis-typisch" imponieren. Mikroaneurysmen sollten eher an eine Polyarteriitis nodosa (Birnbaum u. Hellmann 2009), ausgesprochene bilaterale Kollateralnetze bei proximalen Stenosen eher an eine idiopathische Moyamoya-Erkrankung (Kraemer u. Berlit 2010) denken lassen.

Biopsie

Alle Patienten mit dem dringenden Verdacht auf eine PACNS sollten einer leptomenigealen und Hirnbiopsie unterzogen werden (Birnbaum u. Hellmann 2009). Stereotaktische Biopsien werden nur bei Massenläsionen empfohlen (Birnbaum u. Hellmann 2009). Die klinische Diagnose der PACNS unter Einsatz von MRT und konventioneller Angiografie, aber ohne Biopsie, führt zu häufigen Fehldiagnosen (Berlit 2010). Das Risiko einer falsch indizierten Langzeit-Immunsuppression wird im Allgemeinen als höher eingeschätzt als das Biopsie-Risiko (Berlit 2009a). Wichtig erscheint der bioptische Ausschluss anderer Differenzialdiagnosen, z. B. Infektionen, Abszesse und primärer ZNS-Lymphome. Die Entnahme einer leptomeningealen und parenchymatösen Biopsie sollte möglichst in einem MR-tomografisch oder angiografisch betroffenen Bezirk erfolgen. Bevorzugter Biopsie-Ort ist die nicht dominante Hemisphäre, nicht im Bereich eloquenter Areale. Falsch-negative Biopsien kommen jedoch vor und stellen ein besonderes diagnostisches Dilemma dar; die Sensitivität der Biopsie wird bei unter 50 % vermutet (Lie et al. 1992, Salvarani et al. 2007). Zu beachten ist, dass die Histologie nur die Vaskulitis als solche, nicht jedoch die Ätiologie nachweist. Eine Infektion z. B. muss durch zusätzliche mikrobiologische Diagnostik im Gewebe oder im Rahmen der Liquordiagnostik ausgeschlossen werden.

Diagnostische Kriterien

Mindestens 3 der 4 folgenden Kriterien sollten erfüllt sein; eine Biopsie wird vor Immunsuppressivagabe empfohlen (Moore 1989):

  1. klinische Symptome einer multifokalen oder diffusen ZNS-Erkrankung mit rezidivierendem oder progredientem Verlauf
  2. zerebrale Angiografie, Liquor und MRT mit Befunden, die die Diagnose einer Vaskulitis unterstützen
  3. Ausschluss einer zugrunde liegenden systemischen Infektion oder Entzündung (systemische Symptome und/oder BSG-/CRP-Erhöhung möglich)
  4. histologischer Nachweis einer leptomeningealen oder parenchymatösen Vaskulitis und Ausschluss einer Infektion, Neoplasie oder anderen primären Gefäßerkrankung

Differenzialdiagnostischer Ausschluss anderer Erkrankungen

Wichtigste Differenzialdiagnose bei Patienten mit „Vaskulitis-typischer" Angiografie ist das reversible Vasokontriktionssyndrom (Koopmann et al. 2007, Krämer u. Berlit 2011, Linn et al. 2011). Die Unterschiede zwischen PACNS und RCVS sind in ▶ Tab. 30.1 zusammengefasst. Bei älteren Patienten sollte an eine Amyloidangiopathie gedacht werden, vor allem bei Auftreten von Blutungen und Demenz. Die Amyloidangiopathie kann assoziiert mit einer ZNS-Vaskulitis verlaufen (Scolding et al. 2005) und auch ausgeprägte inflammatorische Syndrome verursachen. Bei klinischen und neuroradiologischen Hinweisen auf eine basale Inflammation sollte an Sarkoidose und Pilzinfektionen, bei Symptomen und serologischen Markern für eine systemische Inflammation an eine Infektion, ein Malignom und eine systemische Vaskulitis gedacht werden (Birnbaum u. Hellmann 2009). Insbesondere bei HIV, Diabetes, Alkoholabhängigkeit und anderen Zuständen einer Immunsuppression kann eine subakute bakterielle Endokarditis mit einer PACNS verwechselt werden (Birnbaum u. Hellmann 2009, Berlit 2009b). Wichtige Differenzialdiagnosen zur PACNS sind in ▶ Tab. 30.2 aufgeführt.

Tab.-30.1

Tab.-30.2

Therapie

Grundsätzlich sollte bei der Verdachtsdiagnose einer PACNS die „blinde" Behandlung mit Kortikosteroiden oder gar Immunsuppressiva vermieden werden. Die publizierten (empirischen) Kriterien verlangen zur Einleitung einer immunsuppressiven Therapie zumindest den histopathologischen Ausschluss einer anderen Erkrankung. Sowohl das klinische als auch das neuroradiologische und liquorchemische Bild können imitiert werden durch infektiöse Erkrankungen, z. B. eine Endokarditis mit rezidivierenden septischen Embolien oder erregerbedingte Vaskulitiden. In diesen Fällen kann die „blinde" Behandlung zum Tod des Patienten führen. Vor Einleitung der Behandlung sind deshalb die Hirnbiopsie und die infektiologische Untersuchung des Liquors klinischer Standard.

In einer retrospektiven Studie an 25 Kranken mit vermuteter ZNS-Vaskulitis und nicht diagnostischer Biopsie zeigten 6 von 10 immunsuppressiv behandelten und 8 von 15 unbehandelten Patienten eine günstige 1-Jahres-Prognose (Alreshaid u. Powers 2003). Die Studie erlaubt aufgrund methodischer Einschränkungen keine generellen Rückschlüsse auf den Nutzen einer immunsuppressiven Therapie bei negativer Biopsie. Die Entscheidung muss im Einzelfall von der Dynamik des Krankheitsgeschehens abhängig gemacht werden. Bei unklarer diagnostischer Konstellation (z. B. negative Biopsie bei ansonsten typischen Befunden) und klinisch stabiler Situation sollte eine kurzfristige Verlaufsuntersuchung (einschließlich MRT und Liquoranalyse, evtl. auch DSA) z. B. nach 3 Monaten erwogen werden. Je nach Dynamik der Gefäßveränderungen (z. B. reversibel bei RCVS, eher stabil bei Atherosklerose, eher zunehmend bei PACNS) kann dann fundierter über eine Immunsuppression entschieden werden.

Die Therapie der Wahl besteht aus der kombinierten Gabe von Kortikosteroiden (1 mg/kg KG Prednisolon) und pCYC. Bei alleiniger Steroidtherapie soll die Erfolgsquote geringer bzw. die Rezidivrate höher sein. Die notwendige Behandlungsdauer ist aufgrund der kleinen Fallzahlen unklar. Moore (1989) beschreibt im eigenen Kollektiv eine Rezidivrate von 30 % bei einer Behandlungsdauer von 6 Monaten nach klinischer Remission sowie von unter 10 % bei Behandlung über 1 Jahr. Aufgrund des Nebenwirkungsprofils von Cyclophosphamid versuchen einige Autoren nach unterschiedlich lang beschriebener Cyclophosphamid-Therapie zwischen 3 und 6 Monaten eine Erhaltungstherapie mit Azathioprin oder Methotrexat (Birnbaum u. Hellmann 2009). Das Behandlungsmonitoring erfolgt klinisch und mittels MRT, ggf. auch mittels Liquor und DSA.

30.2 ZNS- und PNS-Beteiligung bei systemischen Vaskuli­tiden

Definition und Klassifikation

Bei der Mehrzahl der systemischen Vaskulitiden handelt es sich um immunologisch bedingte Entzündungen der Gefäßwand, wobei Autoantikörper, zirkulierende Immunkomplexe und zellvermittelte Immunprozesse bei der Auslösung eine Rolle spielen. Eine Miteinbeziehung des zentralen Nervensystems führt zu Kopfschmerzen, multifokalen Symptomen und Enzephalopathie. Die Beteiligung des peripheren Nervensystems zeigt sich oft unter dem Bild der asymmetrischen schmerzhaften Mononeuritis multiplex. Die Diagnose stützt sich auf das klinische Verteilungsmuster, Laborbefunde sowie den bioptischen Nachweis der Gefäßwandentzündung.

Eine Übersicht über die verschiedenen Vaskulitiden unter Berücksichtigung der Größe betroffener Gefäße, histologischer Charakteristika und vermuteter pathogenetischer Mechanismen gibt ▶ Tab. 30.3.

Tab.-30.3

Differenzialdiagnose

Differenzialdiagnostisch muss insbesondere bei den Klein-Gefäß-Vaskulitiden das Auftreten im Rahmen von Infektionen (Retrovirus-assoziiert, bei chronischen Hepatitiden mit oder ohne Kryoglobulinämie und postinfektiös bei Borreliose, Varicella-Zoster-Virusinfektion oder Zytomegalie) gedacht werden. Angiitiden kommen auch im Rahmen lymphoproliferativer Erkrankungen oder paraneoplastisch bei Karzinomen vor. Wichtig ist, an die Möglichkeit einer medikamenten- oder drogeninduzierten Genese (Penicillamin, Propylthiouracil, Tacrolimus, Amphetamin, Heroin und Kokain) zu denken (Calabrese et al. 2007, Treadwell u. Robinson 2007).

Diagnostik

Typische Warnsymptome sind subfebrile Temperaturen, Gewichtsverlust, Nachtschweiß und Abgeschlagenheit, vor allem wenn diese Symptome im Rahmen eines rheumatischen Beschwerdekomplexes auftreten. Es gibt eine Reihe von systemischen Symptomen, die besonders verdächtig auf Vaskulitiden sind. Hierzu zählen ein blutiger Schnupfen, Deformierungen der Nase (Sattelnase), das rote Auge (Episkleritis), Proteinurie, Ödeme, Oligurie und neu aufgetretene arterielle Hypertonie als Hinweis auf eine Nierenbeteiligung, obstruktive Lungensymptome als Hinweis auf ein Asthma bronchiale sowie Veränderungen der Haut und ihrer Anhangsorgane (palpable Purpura, Erythema nodosum, Nagelfalznekrosen, Ulzerationen, Raynaud-Symptomatik).

Wenn sich bei der Kombination von neurologischen und systemischen Symptomen der begründete klinische Verdacht auf eine Vaskulitis ergibt, muss vor Einleiten einer immunsuppressiven Therapie – hierzu zählt auch die Gabe von Kortikosteroiden! – die Diagnose eingegrenzt werden. Hierzu ist in aller Regel in Zusammenarbeit mit einem Rheumatologen eine breite organbezogene und laborchemische Diagnostik erforderlich.

Serum- und Liquoranalyse

Laborchemisch finden sich typischerweise eine Erhöhung der Akute-Phase-Proteine (Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit [BSG], C-reaktives Protein [CRP]), ein Komplementverbrauch (bei Immunkomplexvaskulitiden), eine Leuko- und Thrombozytose sowie eine hypochrome Anämie.

Die sinnvolle Basisdiagnostik ist in ▶ Tab. 30.4 zusammengestellt. Neben der erweiterten Laborroutine mit Bestimmung der Komplementfaktoren und Immunglobuline ist die Analyse organbezogener Laborbefunde erforderlich. So kommt der differenzierten Untersuchung des Urins große Bedeutung zu. Die mikroskopische Urinsedimentuntersuchung mit Nachweis von dysmorph veränderten Erythrozyten (sog. Akanthozyten) oder Erythrozytenzylindern gibt starke Hinweise auf eine Nierenbeteiligung und kann auch im Verlauf der Erkrankung als Aktivitätsmarker gewertet werden. In Kombination mit der Mikroproteindifferenzierung und Quantifizierung kann dann die Indikation zur Nierenbiopsie gestellt werden, die nicht nur die Organbeteiligung sichern, sondern auch die Diagnose der Vaskulitisform stellen kann.

Stets gehört zur Labordiagnostik bei vermuteter neurologischer Beteiligung die genaue Liquoranalyse, die auch die isoelektrische Fokussierung zum Nachweis oligoklonaler Banden umfassen sollte.

Wenn die Basisdiagnostik mit einer Vaskulitis vereinbar ist, sollte in Abhängigkeit vom klinischen Befund gezielt weiter untersucht werden:

Tab.-30.4

Bildgebende Untersuchungen

In der zerebralen Bildgebung ist die Computertomografie (CT) nicht aussagekräftig genug; bei Verdacht auf eine Vaskulitis ist die Magnetresonanztomografie (MRT), sinnvollerweise mit und ohne Kontrastmittel sowie mit Durchführung einer MR-Angiografie indiziert. Dabei sind ADC-Maps, eine Diffusions- und Perfusionsmessung und Gradientenechosequenzen erforderlich. Gezielt werden ergänzend eine MR-Spektroskopie oder eine digitale Subtraktionsangiografie (DSA) durchgeführt.

30.3 Riesenzellarteriitis (Arteriitis temporalis)

Definition und Epidemiologie

Die Riesenzellarteriitis (Arteriitis temporalis Horton) (RZA) ist die häufigste primäre systemische Vaskulitis. Bei einer Prävalenz von 15–30/100.000 sind fast alle Patienten älter als 50 Jahre. Im Durchschnitt liegt der Krankheitsbeginn um das 70. Lebensjahr. Die RZA ist bei Frauen häufiger als bei Männern (F:M = 3:1) (Nordborg u. Bengtsson 1989, Nordborg u. Bengtsson 1990).

Histologisch findet sich eine granulomatöse Panarteriitis mittelgroßer und großer Arterien mit Riesenzellen, lymphomononukleärer Infiltration und Stenosierung des Lumens durch Intimaproliferation. Prädilektionsstellen liegen im Bereich der Carotis-externa-Äste (A. temporalis, seltener A. occipitalis). In 30 % der Fälle sind die A. ophthalmica und Aa. ciliares posteriores, bei 15–30 % der Aortenbogen und Aortenbogenäste befallen. Selten (< 1 %) sind intrakranielle Gefäße, Koronarien oder andere Organsysteme betroffen. Die Assoziation mit einer Polymyalgia rheumatica (PMR) liegt bei 50–70 % vor, wobei auch diese vaskulitischer Genese ist (Blockmans et al. 1999).

Es handelt sich um ein T-Zell-abhängiges Immungeschehen bei genetischer Prädisposition (immungenetische Assoziation mit HLA-DR4 bzw. DRB1*04-Allelen); als Auslöser wurden verschiedene infektiöse Agenzien diskutiert (VZV, Mycoplasma pneumoniae, Parvoviren, Chlamydien).

Klinisches Bild und neurologische Manifestationen

Leitsymptom sind in > 70 % neu aufgetretene Kopfschmerzen von bohrend-stechender Qualität, häufig unilateral, meist frontotemporal betont. Die Kopfschmerzen sind von starker Intensität, verstärken sich beim Husten und beim Kauen. Ein pathognomonisches Symptom ist die Claudicatio masticatoria (30 % der Fälle). Beim Kauen fester Speisen kommt es zu zunehmenden oder neu auftretenden Schmerzen im Bereich der Schläfe oder zum schmerzlosen Gefühl einer „Kiefersperre", sodass beim Essen Pausen eingelegt werden müssen. Dieses Symptom ist ein typischer klinischer Hinweis auf eine Beteiligung der die Massetermuskulatur versorgenden Äste der A. carotis externa. Häufig wird eine Empfindlichkeit der Kopfhaut angegeben (Gonzares-Gay et al. 2001, Gonzares-Gay et al. 2005a).

Den Kopfschmerzen gehen oft konstitutionelle Symptome voraus. Zu dieser „B-Symptomatik" gehören Inappetenz, Gewichtsabnahme, subfebrile Temperaturen, Abgeschlagenheit und allgemeines Krankheitsgefühl. Diese Patienten wirken oft wie Tumorkranke. Bei Patienten mit isolierter Aortitis kann Fieber das führende klinische Symptom darstellen.

Gefürchtet ist die Erblindung eines oder beider Augen durch Miteinbeziehung der Ziliararterien (30 %). Der (häufig irreversiblen) Erblindung durch eine anteriore ischämische Optikusneuropathie (AION) können flüchtige Sehstörungen unter dem Bild der Amaurosis fugax, als Flimmerskotom oder flüchtige partielle Gesichtsfeldausfälle vorausgehen. Der Befall der Augenmuskulatur führt zu Augenbewegungsschmerz, Doppelbildern und Ptose. Wesentlich seltener sind auch andere Hirnnerven betroffen.

In 30–70 % der Fälle treten die Arteriitis cranialis und eine Polymyalgia rheumatica assoziiert auf. Zu den diagnostischen Kriterien der Polymyalgia rheumatica gehören subakut auftretende Schmerzen im Bereich der Schulter-, Becken- und Nackenmuskulatur, die häufig symmetrisch sind, mit einer Morgensteifigkeit einhergehen und sich im Laufe des Tages bessern. Häufig besteht begleitend eine depressive Verstimmung.

Das zentrale Nervensystem wird durch zerebrale Ischämien bei Befall intrakranieller Gefäße (< 2 %) miteinbezogen. Der Befall von Aortenbogenästen führt zu Blutdruckseitendifferenz, abgeschwächten Handgelenkspulsen und einer Claudicatio-Symptomatik der Arme. Die thorakale Aortitis (3 %) tritt spät im Verlauf auf und geht mit einer deutlich erhöhten Inzidenz von Aortenaneurysmen und -dissektionen einher. Haut, Niere, Lunge und Herz (Befall von Koronararterien) sind seltene Organmanifestationen. Das periphere Nervensystem (14 %) kann in Form einer Mononeuritis multiplex (< 10 %) betroffen sein (Caselli et al. 1988a, b).

Diagnostik

ACR-Kriterien für die Diagnose der ­Arteriitis temporalis

Bei Erfüllen von 3 der 5 Kriterien wurde eine Sensitivität von 93,5 % und eine Spezifität von 91,2 % in der Abgrenzung von anderen systemischen Vaskulitiden errechnet (Rao et al. 1998). Der positiv prädiktive Wert der klinischen Kriterien in einer nicht selektierten Population liegt allerdings bei unter 50 %.

Bildgebende Untersuchungen

Die hochauflösende farbkodierte Duplexsonografie mit einer hochauflösenden Sonde (≥ 10 MHz) stellt eine Alternative zur Temporalisbiopsie dar, wobei das Halozeichen die Vaskulitis von arteriosklerotischen Veränderungen abgrenzt (mediane Spezifität 97 % in 13 Studien; Schmidt u. Blockmans 2005). Die bislang nur in einem Zentrum systematisch untersuchte Untersuchung der Gefäße mittels Gadolinium-gestützter hochauflösender 1,5- oder 3-Tesla-Magnetresonanztomografie (MRT) erlaubt den gleichzeitigen Nachweis der Entzündung auch in anderen Ästen der A. carotis externa (z. B. A. occipitalis und im Bereich des Aortenbogens) (Bley et al. 2005). Aktuell läuft eine multizentrische Diagnostikstudie zum Vergleich der Wertigkeit von Duplexsonografie, MRT und Histologie; es zeichnet sich ab, dass zukünftig nicht invasive Verfahren zur Diagnosesicherung und Verlaufskontrolle möglich werden könnten.

Die Untersuchung mittels 18F-Fluorodeoxyglucose-(FDG-)PET detektiert mit höherer Sensitivität als die MRT die erhöhte metabolische Aktivität in der entzündeten Gefäßwand bei der Riesenzellarteriitis und bei der Takayasu-Arteriitis. Besonders günstig ist das Auflösungsvermögen im Bereich der Aorta, ihrer abgehenden Hauptstämme, der A. femoralis und der A. pulmonalis, weniger günstig hingegen im Bereich der extrakraniellen Gefäße. Die PET-Untersuchung kann bei Patienten mit B-Symptomatik und entsprechenden Symptomen einer Groß-Gefäß-Vaskulitis, aber negativer Temporalis-Biopsie sinnvoll sein, auch zum gleichzeitigen Ausschluss eines okkulten Malignoms.

Biopsie

Die Biopsie erfolgt im günstigsten Fall aus einer klinisch oder sonografisch veränderten Temporalarterie. Falls keine Veränderung nachgewiesen wird, sollte ein mindestens 2 cm langes Biopsat entnommen werden. Bei negativem histologischem Ergebnis empfiehlt die EULAR (Mukhatyar 2009a) eine kontralaterale Biopsie, die auch nach Einleitung einer Glukokortikoidtherapie die entzündlichen Gefäßveränderungen nach mehr als 2 Wochen noch nachweisen kann (Achkar et al. 1994).

Obwohl die hochauflösende farbkodierte Duplexsonografie in der Hand des erfahrenen Untersuchers bei Nachweis eines Halozeichens eine hohe Spezifität hat, sollte die Biopsie grundsätzlich – bei nicht wegweisendem Befund immer – als obligat angesehen werden, da

  1. die Diagnose der RZA eine oft mehrjährige immunsuppressive Therapie nach sich zieht,
  2. die Therapie sich von der bei anderen systemischen Vaskulitiden unterscheidet und
  3. auch andere systemische Vaskulitiden mit Beteiligung der großen Gefäße inklusive der Äste der A. carotis externa verlaufen können.

Therapie

Zur Ersttherapie wird die Gabe von Prednisolon in einer Dosis von 1 mg/kg Körpergewicht empfohlen. Nach 4 Wochen sollte eine Tagesdosis von 30 mg erreicht werden (Nordborg u. Nordborg 2003), danach Reduktion um 2,5 mg alle 2 Wochen. Nach Erreichen einer täglichen Dosis von 15 mg wird die Dosis um 1 mg pro Monat verringert. Voraussetzungen für die Reduktion sind klinische Remission und CRP-Normalisierung (Berlit 1997). Wenn ein Rezidiv auftritt, ist die Erhöhung auf die letzte wirksame Dosis plus 10 mg Prednisolon erforderlich.

Eine Metaanalyse von 3 randomisierten Studien konnte nachweisen, dass Methotrexat (MTX) das Rezidivrisiko senkt und eine Einsparung von Glukokortikoiden ermöglicht (Mahr 2007 et al.). Aufgrund der hohen Rate von Glukokortikoid-assozierten Nebenwirkungen bei RZA wird nach den EULAR-Empfehlungen zur Gabe von MTX (20 mg parenteral einmal pro Woche plus 10 mg Folat 2 Tage nach MTX) additiv zu Glukokortikoiden als First-Line-Therapie geraten, vorausgesetzt Nieren- und Leberfunktion sind normal.

Zu den erforderlichen Supportivmaßnahmen zählen die Osteoporoseprophylaxe mit Kalzium und Vitamin D, der Magenschutz mit Protonenpumpenhemmer (da Kombination Prednisolon + ASS), die Prophylaxe ischämischer Gefäßkomplikationen mit ASS 100 mg sowie regelmäßige Blutzuckerkontrollen.

Bei drohender Erblindung oder anderen schwerwiegenden Symptomen Beginn mit i. v. Prednisolon 500–1.000 mg täglich über 3–5 Tage, danach Wechsel auf oral 1 mg/kg KG.

30.4 Takayasu-Arteriitis

Definition und Epidemiologie

Als Takayasu-Arteriitis bezeichnet man eine granulomatöse Aortitis mit Arteriitis der großen vom Aortenbogen abgehenden Gefäße (A. subclavia beidseits, Truncus brachiocephalicus und A. carotis communis links) bei jungen Patienten. Der Befall der A. subclavia beidseits führt zu nicht tastbaren Radialispulsen („pulseless disease") und zu einem nicht messbaren Blutdruck an den oberen Extremitäten. Die in der Regel gleichzeitig bestehende arterielle Hypertonie lässt sich indirekt an der Linksherzverbreiterung und am Fundus hypertonicus erkennen.

Frauen erkranken häufiger als Männer (F:M = 8:2), erste Symptome zeigen sich typischerweise vor dem 40. Lebensjahr. Im Kindesalter kann der Hypertonus einziges Symptom der Erkrankung sein. Während in asiatischen Ländern die Takayasu-Arteriitis eine der häufigsten Ursachen des renovaskulären Hochdrucks ist, ist das Krankheitsbild bei uns selten.

Diagnostik

ACR-Kriterien für die Diagnose der ­Takayasu-Arteriitis

Liegen 3 dieser 6 Kriterien vor, beträgt die Sensitivität 90,5 %, die Spezifität 97,8 %.

EULAR-Kriterien für die Diagnose der Takayasu-Arteriitis im Kindesalter

Angiografische Veränderungen der Aorta und ihrer Äste plus einer der folgenden Befunde:

Bildgebung und Laboruntersuchungen

Die MRT ist wertvoll in der Beurteilung der Wandbeschaffenheit der Aorta, ihrer Abgänge und anderer großer Arterien. Die MR-Angiografie kann bei der Bestimmung der Krankheitsausdehnung die in der Vergangenheit als Goldstandard geltende konventionelle Katheterangiografie häufig ersetzen. Durch die Anwendung von Inversion-Recovery-Gradientenecho-Sequenzen nach Gadoliniumgabe lässt sich ein verzögertes Enhancement in der Wand der Aorta bei dieser Form der Riesenzellarteriitis nachweisen (Desai et al. 2005).

Zu den typischen Entzündungsparametern zählen die beschleunigte BSG und das erhöhte C-reaktive Protein. Pathophysiologisch scheinen Autoantikörper gegen das Aortenendothel eine Rolle zu spielen (Arnaud et al. 2006, Chauhan et al. 2006).

Bei korrigierenden gefäßchirurgischen Eingriffen (z. B. Aneuryma-Resektion) sollte Arterienwand zur Biopsie entnommen werden, da hier oft eine laborchemisch nicht erkennbare Vaskulitis nachweisbar ist, die dann die Indikation zur weiteren immunsuppressiven Therapie darstellt. Mittels PET oder PET-CT kann das Ausmaß der Arteriitis bildgebend visualisiert werden (Arnaud 2009). Die publizierten Daten zur Korrelation des Traceruptakes im PET mit der klinischen Krankheitsaktivität der Takayasu-Arteriitis sind jedoch uneinheitlich (Henes et al. 2008, Arnaud 2009 et al.), sodass ein routinemäßiger Einsatz zum Follow-up noch nicht empfohlen werden kann.
Die Diagnose der Takayasu-Arteriitis kann auch ohne histologische Sicherung gestellt werden. Bei älteren Patienten kommt ein entsprechendes Bild allerdings auch bei fortgeschrittener Atherosklerose und im Rahmen der Riesenzellarteriitis der großen Gefäße vor.

Therapie

Zur Remissionsinduktion wird Prednisolon (initial 1 mg/kg) in Kombination mit MTX 20 mg/Woche eingesetzt (Mukthyar 2009a). Die Prednisolondosis wird in Analogie zur RZA (s. o.) stufenweise reduziert. Alternativen sind Azathioprin (Park 2005 et al.) und, vor allem bei refraktärem Verlauf und kritischer Extremitätenischämie, die Kombination von Prednisolon mit Bolus-Cyclophosphamid 500 mg/m2 KOF i. v. in 3- bis 4-wöchigem Intervall über 6–9 Zyklen oder die Gabe des monoklonalen Antikörpers Infliximab: 5 mg/kg i. v. an Tag 1, 14, 42, dann alle 6 Wochen (Tanaka et al. 2006, Molloy 2008). Auch Minocyclin und Doxycyclin werden als MMP-Inhibitoren in Kombination mit Prednisolon gegeben (Matsuyama et al. 2005). Supportiv können vor allem bei ischämischen Komplikationen niedermolekulares Heparin und/oder ASS empfohlen werden.

Endovaskuläre oder chirurgische Bypass-Verfahren können im Verlauf notwendig werden; die Ergebnisse revaskularisierender Verfahren sind besonders hinsichtlich der Restenoseraten uneinheitlich. Generelle Empfehlungen können hier nicht gegeben werden (Zusammenfassung bei Saadoun et al. 2012).

30.5 Klassische Polyarteriitis nodosa (cPAN)

Definition und Epidemiologie

Diese nekrotisierende systemische Vaskulitis wurde von Kussmaul und Mayer 1866 erstmals beschrieben. Sie betrifft mittelgroße Arterien und geht mit kardiovaskulären und neurologischen Symptomen einher; im Verlauf ist auch eine Nierenbeteiligung möglich. In einem relevanten Teil der Fälle besteht eine Assoziation mit einer Hepatitis-B- oder -C-Infektion. Die jährliche Inzidenz wird mit 1,6 Fällen pro Million, angegeben. Das mediane Erkrankungsalter liegt bei 46 Jahren (Selga et al. 2006).

Von dieser „klassischen" PAN (cPAN) ohne ANCA muss die häufigere mikroskopische Polyangiitis (MPA), eine ANCA-assoziierte Small-Vessel-Vaskulitis, abgegrenzt werden (Jennette et al. 1994, Watts et al. 1996). Neurologische Symptome treten bei beiden Formen, etwas häufiger aber bei der klassischen Form auf. Die cPAN sollte anhand der ACR-Kriterien erst diagnostiziert werden, wenn ein CSS, eine GPA und eine MPA ausgeschlossen wurden (Watts et al. 2006).

Nach den EULAR-Kriterien sind die cPAN mit und ohne Hepatitisnachweis 2 unterschiedliche Entitäten (Özen et al. 2006). Der Nachweis von HBV erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Mononeuritis multiplex und verschlechtert die Prognose. Die Häufigkeit der cPAN scheint abzunehmen, die der MPA bleibt hingegen konstant.

Klinik

In etwa 70 % der Fälle besteht eine subakute schmerzhafte und mit deutlichen Paresen einhergehende Mononeuritis multiplex, in 50 % findet sich eine Muskel- und Hautbeteiligung. Prognostisch relevant ist zudem die Beteiligung des Gastrointestinaltrakts. Typischerweise bestehen in diesem Stadium gleichzeitig Symptome der systemischen Erkrankung mit Gewichtsabnahme, Myalgien, Abgeschlagenheit und subfebrilen Temperaturen. In 20 % der Fälle Beteiligung des zentralen Nervensystems. Zu den ZNS-Symptomen zählen die variable Kombination von Kopfschmerzen (34 %), Retinopathie (32 %) und Enzephalopathie (23 %). Fokale Symptome wie Hemiparesen, Epilepsien und Hirnnervenausfälle sind mit jeweils bis zu 10 % seltener. Vereinzelt findet sich eine spinale Beteiligung. Die Prognose hängt deutlich von den Organmanifestationen ab (Five Factor Score, FFS). Die 5-Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeit sinkt von 90 % bei einem FFS von 0 auf 65 % bei einem FFS von ≥ 2 (Guillevin et al. 1996, Gayraud et al. 2001). 

▶ MERKE!

Five Factor Score der cPAN und des CSS:

Diagnostik

Laboruntersuchungen und Bildgebung

Laborchemisch finden sich eine BSG- und CRP-Erhöhung, gelegentlich ein Komplementverbrauch (C3 und C4 niedrig) und zirkulierende Immunkomplexe. Bei 40 % ist die HBV-Serologie positiv, seltener liegt eine Hepatitis-C- oder HIV-Infektion zugrunde.

Das angiografische Bild der Vaskulitis mit Aneurysmen zeigt sich im Bereich der Nieren-, Mesenterial- und hirnversorgenden Gefäße. Die angiografischen Befunde können die Diagnose stützen, sie muss jedoch histologisch gesichert werden (Niere, Haut, Nerv-Muskel).

ACR-Kriterien für die Diagnose der Polyarteriitis nodosa

Liegen 3 dieser 10 Kriterien vor, beträgt die Sensitivität 82,2 % und die Spezifität 86,6 %, wenn andere Ursachen für das klinische Bild ausgeschlossen wurden (Rao et al. 1998).

Therapie

Bei der Behandlung müssen unbedingt die Hepatitisserologie und das Vorliegen einer Kryoglobulinämie beachtet werden:

30.6 Granulomatose mit ­Polyangiitis, Churg-Strauss-Syndrom und mikroskopische Polyangiitis

Diese immunologisch mit antineutrophilen zytoplasmatischen Antikörpern (ANCA) assoziierten Vaskulitiden (AAV) weisen klinisch zahlreiche gemeinsame Merkmale auf. Dabei unterscheidet sich die ANCA-Spezifität bei den verschiedenen Vaskulitisformen und in unterschiedlichen ethnischen Gruppen (Watts et al. 2007). Myeloperoxidase-ANCA (p-ANCA) und Proteinase-3-ANCA (c-ANCA) scheinen auch pathogenetisch eine Rolle zu spielen. Häufig findet sich eine Nierenbeteiligung.

30.7 Granulomatose mit ­Polyangiitis (GPA)

Definition und Epidemiologie

Die früher Wegenersche Granulomatose genannte Erkrankung wird heute als Granulomatose mit Polyangiitis (GPA) bezeichnet (Falk 2011 et al.). Die GPA zeigt eine nekrotisierende granulomatöse Entzündung des Respirationstrakts mit einer Entzündung kleiner und mittelgroßer Gefäße (auch Venen) und häufig Ausbildung einer Glomerulonephritis im Verlauf. Der Nachweis von c-ANCA gegen den Plasmabestandteil Proteinase 3 (PR3-ANCA) ist bei Kaukasiern diagnostisch wegweisend; bei Asiaten dominieren MPO-ANCA (Watts et al. 2007).

Die Inzidenz beträgt 1 zu 1 Million. Die Erstmanifestation liegt meist in der 5. Lebensdekade. Männer sind häufiger betroffen als Frauen.

Klinik

Es lassen sich eine limitierte nekrotisierende Granulomatose mit Befall nur der oberen Luftwege und die generalisierte Vaskulitis mit Befall von oberen und unteren Luftwegen sowie Nieren unterscheiden. Typische Leitsymptome der HNO-Beteiligung sind eine blutig-borkige Rhinitis und eine Hypakusis. Bei der limitierten Form können durch destruierende Granulome im HNO-Bereich und an der Schädelbasis druckbedingte Symptome wie Ausfälle der Hirnnerven II, VI, VII, eine restriktive Okulomotorikstörung mit Exophthalmus, die Erblindung durch Optikuskompression sowie ein Diabetes insipidus oder eine sterile Meningitis auftreten. Diese Patienten haben häufig eine Sattelnase und ein rotes Auge (Episkleritis).

Wenn es im Verlauf zur systemischen Vaskulitis kommt, ist das Kapillarstrombett der Lungen und Nieren in Form einer rapid progressiven Glomerulonephritis betroffen. Diese kann unbehandelt innerhalb von Tagen bis Monaten zum irreversiblen oligurischem Nierenversagen führen. In dieser Phase treten ZNS-Symptome auf (Ischämien, Blutungen, Enzephalopathie und Kopfschmerzen). Frühsymptome der generalisierten oder systemischen Krankheitsphase sind zudem Arthralgien und Arthritiden sowie Allgemeinsymptome (Gewichtsverlust, Nachtschweiß).

Eine Beteiligung des ZNS und PNS findet sich in 10 % bzw. 30–50 % der Fälle (de Groot et al. 2001). Neben der lokal destruierenden Form sind die hypertrophe Pachymeningitis und eine Vaskulitis des ZNS-Parenchyms wichtigste ZNS-Manifestationen der GPA (Seror 2006).

Diagnostik

Richtungsweisend sind eine ausführliche Anamnese und eine interdisziplinäre klinische Diagnostik.

Bildgebung und Laboruntersuchungen

Wichtige bildgebende Verfahren sind die MRT der Nasennebenhöhlen und des ZNS, Röntgen und CT des Thorax. Laborparameter inklusive der Akutphasenproteine sind in der Frühphase oft nicht oder nur minimal verändert. Die Spezifität der c-ANCA/PR-3-Antikörper bei Kombination von Immunfluoreszenz und ELISA beträgt 95 % für die aktive generalisierte GPA. C-ANCA sind aber nur in ca. 50 % der limitierten Wegener-Fälle (Watts et al. 2007) nachweisbar.

Biopsie

Die Diagnose wird durch die histologische Untersuchung eines Biopsats aus dem betroffenen Bereich gestellt, wobei im HNO-Bereich bis zu 3 Biopsien nötig werden können; die erste Biopsie ist nur in 30 % der Fälle diagnostisch relevant. Daneben können Biopsate auch aus Muskel, Haut, N. suralis und vor allem der Niere bei geringem Risiko diagnosesichernd sein.

ACR-Kriterien für die Diagnose der GPA

Liegen 2 dieser 4 Kriterien vor, beträgt die Sensitivität 88 %, die Spezifität 92 %.

Therapie

Generelle Therapiestrategie

Grundsätzlich erfolgt bei aktiver Erkrankung zunächst eine höherpotente immunsuppressive Therapie, die mit hochdosierten Glukokortikoiden, in der Regel in Kombination mit Cyclophosphamid oder anderen Immunsuppressiva, durchgeführt wird. Während dieser Phase der Remissionsinduktion wird die Dosis der Glukokortikoide sukzessive reduziert. Nach Erreichen einer Remission und Reduktion der Glukokortikoiddosis in den Bereich der Cushing-Schwellendosis (7,5 mg Prednisolonäquivalent) kann die Cyclophosphamidtherapie beendet werden und es folgt eine Weiterbehandlung mit meist weniger aggressiven Substanzen.

Spezielle Therapie in Abhängigkeit von Krankheitsstadium und Aktivität

Gemäß den EULAR-Empfehlung zum Management der Vaskulitiden kleiner und mittelgroßer Gefäße bestimmen Krankheitsstadium (▶ Tab. 30.5) und -aktivität (▶ Tab. 30.6) die Art und Intensität der remissionsinduzierenden Therapie (Hellmich et al. 2007, Mukthyar et al. 2009b).

 Tab.-30.5

Tab.-30.6

Remissionsinduktion (▶ Tab. 30.7)

Tab.-30.7

Standardbehandlung der GPA im generalisierten Krankheitsstadium ist die kombinierte Gabe von Cyclophoshamid und Prednisolon. Die Ergebnisse einer randomisierten kontrollierten Studie an 149 Patienten mit ANCA-assozierter Vaskulitis sowie eine Metaanalyse von 3 kleineren randomisierten Studien haben gezeigt, dass die Pulsgabe von Cyclophoshamid (pCYC, 15 mg/kg) alle 2–3 Wochen im Vergleich zur oralen Applikation (oCYC) in der Remissionsinduktion gleich effektiv ist, aber weniger Leukopenien verursacht (de Groot et al. 2009). Zudem werden nur 50 % der Kumulativdosis benötigt. Die oCYC-Therapie (2 mg/kg) und Prednisolon (1 mg/kg ausschleichend auf < 20 mg Prednison/Tag innerhalb von 2 Monaten) nach dem „Fauci-Protokoll" (Fauci u. Wolff 1973) wurde wegen der doch erheblichen Toxizität mehrfach modifiziert. Zu den Nebenwirkungen gehören schwere Infektionen, das sehr große Risiko sekundärer Tumoren (Blasenkarzinom, Lymphom) und die Ovarialinsuffizienz. Seit durch die Ergebnisse der CYCAZAREM-Studie gezeigt werden konnte, dass nach Erreichen einer Remission die Therapie frühzeitig von Cyclophosphamid auf Azathioprin umgestellt werden kann, kann die Dauer der CYC-Exposition im Hinblick auf die erheblich Langzeittoxizität der Substanz in der Regel auf 3–6 Monate beschränkt werden, sodass das „Fauci-Schema" heute in modifizierter Form zur Anwendung kommt. Zu den supportiven Maßnahmen der pCYC-Behandlung zählen Antiemetika (z. B. Ondansetron), der Blasen- und Nierenschutz mit 2 Liter NaCl-Lösung nach der CYC-Infusion und die Gabe von Uromitexan sowie die Ovarialprotektion bei gebärfähigen Frauen mit GnRh-Analoga (z. B. Goserelin/Zoladex 1 × pro Monat). Einen wirklichen Standard zur Ovarialprotektion gibt es nicht, da die Studienergebnisse uneinheitlich sind. Alternative Methoden sind die Kryokonservierung von Eizellen und die Autotransplantation von ovariellem Gewebe.

Im früh-systemischen Krankheitsstadium, d. h. bei Fehlen einer Beteiligung vitaler Organe wie der Niere oder des ZNS, stellt Methotrexat eine gleichwertig effektive und sehr wahrscheinlich weniger toxische Alternative zur Induktionstherapie dar (de Groot et al. 2005), während eine Therapie mit Trimethoprim-Cotrimoxazol ausschließlich für Patienten mit GPA und isoliertem, nicht lokal-destruierendem Befall der HNO-Region geeignet ist.

Als Alternative in der Remissionsinduktion kann jetzt auch der monoklonale Anti-CD20-Antikörper Rituximab angesehen werden. Ergebnisse von zwei im Jahr 2010 publizierten Studien (RAVE: Stone et al. 2010, RITUXVAS: Jones et al. 2010) konnten eine vergleichbare Wirksamkeit von CYC und Rituximab nachweisen. Die prospektive RAVE-Studie verglich Rituximab (375 mg/m2 pro Woche für 4 Wochen) und oCYC (2 mg/kg täglich) bei 197 Patienten mit GPA (75 %) oder MPA (24 %). In 49 % handelte es sich um Neudiagnosen, in 51 % lag ein rezidivierender Verlauf vor. Alle Kranken erhielten Prednison (1 mg/kg täglich) nach initialer Bolustherapie (1 g für bis zu 3 Tage). Unter Rituximab wurde eine Remission innerhalb von 6 Monaten bei 64 % der Patienten erreicht (CYC 53 %). Ein signifikanter Vorteil für Rituximab zeigte sich bei den 100 Patienten mit rezidivierendem Verlauf (67 vs. 42 %). Bezüglich der Frequenz von Nebenwirkungen gab es keine Unterschiede. Nur ein Patient in der RAVE-Studie wies eine ZNS-Beteiligung auf, sodass die Wirksamkeit von Rituximab bei ZNS-Manifestation noch offen ist. In der RITUXVAS-Studie (Jones et al. 2010) wurden 44 Patienten mit neu diagnostizierter AAV und Glomerulonephritis im Verhältnis 3:1 randomisiert und erhielten entweder eine remissionsinduzierende Therapie mit Rituximab (4 × 375 mg/m2) oder Cyclophosphamid mit einem für beide Arme identischen Glukokortikoidschema. Im Gegensatz zur RAVE-Studie wurde Cyclophosphamid intravenös gegeben. Zudem erhielten auch die Patienten im Rituximab-Arm zunächst additiv 2 Zyklen Cyclophosphamid. Bezüglich der primären Endpunkte anhaltende Remission 12 Monate nach Therapiebeginn (Rituximab 76 %, Kontrollarm 82 %) und schwere unerwünschte Ereignisse (Rituximab 42 %, Kontrollarm 36 %) wurden keine Unterschiede zwischen den Therapiearmen beobachtet. Überraschenderweise starben 18 % der Patienten innerhalb des 12-monatigen Studienzeitraums (Rituximab 6/33, Kontrollarm 2/11; p = nicht signifikant). Allerdings waren die in die RITUXVAS-Studie eingeschlossenen Patienten mit obligater Nierenbeteiligung deutlich schwerer erkrankt (BVAS-Score) als die der RAVE-Kohorte. Nur 52 % der RAVE-Patienten wiesen Zeichen einer Glomerulonephritis auf, mit zudem bedeutend geringer ausgeprägter Nierenfunktionseinschränkung (errechnete glomeruläre Filtrationsrate [eGFR] ca. 60 ml/min) als in der RITUXVAS-Studie (eGFR ca. 20 ml/min).

Die ET-Studie zeigte, dass Etanercept bei GPA die Remissionserhaltung nicht verbessert, wenn es zunächst als Add-on und dann alleinige Therapie verwendet wird (The Wegenerʼs Granulomatosis Etanercept Trial Research Group 2005). Etanercept führte in Kombination mit „Standard-Fauci" außerdem zu mehr Infekten und mehr Malignomen. Unklar ist allerdings, ob gegenüber konventioneller Immunsuppression refraktäre Patienten von TNF-alpha-Antagonisten profitieren können. Zudem ist ihre Wirksamkeit bei der Remissionsinduktion und insbesondere der Effekt anderer Substanzen dieser Gruppe, z. B. von Infliximab, noch nicht abschließend beurteilbar. Mehrere unkontrollierte Studien zeigten einen positiven Effekt von Infliximab bei sonst therapierefraktären Patienten (Hellmich et al. 2006).

Plasmapheresen verbessern bei Patienten mit schwerer Nierenbeteiligung (Serumkreatinin > 500 mmol/l) das renale Outcome (Jayne 2007). Ob sie auch einen additiven Effekt bei der pulmonalen Hämorrhagie haben, ist Gegenstand der laufenden PEXIVAS-Studie.

Remissionserhaltung (▶ Tab. 30.8)

Tab.-30.8

Wird die immunsuppressive Therapie nach erfolgreicher Remissionsinduktion beendet, sind Rezidive die Regel, sodass eine immunsuppressive Therapie über mindesten 18–24 Monate fortgeführt werden sollte (Mukthyar 2009b). Wie die CYCAZAREM-Studie gezeigt hat (Jayne et al. 2003), ist nach erfolgreicher Induktion mit oCYC Azathioprin (AZA) so wirksam wie oCYC in der Remissionserhaltung. Alternativ können auch Leflunomid oder MTX eingesetzt werden. In vergleichenden Studien waren MTX und AZA gleich wirksam (Pagnoux et al. 2008), während sich Leflunomid in hoher Dosis (30–40 mg) im Vergleich zu MTX als etwas effektiver, aber auch toxischer erwies (Metzler 2007). Unter Mycophenolatmofetil (MMF) ist die Rezidivrate im Vergleich zu AZA erhöht, sodass MMF bei AAV nur als Substanz der 2. Wahl gelten kann (Hiemstra et al. 2010). Co-Trimoxazol (TMS 160/800 mg. p. o. 2 × tgl.), eingesetzt in der Initialphase beim limitierten GPA, ist für die Therapie neurologischer Manifestationen nicht geeignet (Reinhold-Keller et al. 1996).

Churg-Strauss-Syndrom (CSS)

Definition und Epidemiologie

Das Churg-Strauss-Syndrom – zunehmend eher „eosinophile Granulomatose mit Polyangiitis [EGP]" genannt – ist eine systemische nekrotisierende Vaskulitis kleiner bis mittelgroßer Gefäße (auch Venen) mit extravaskulärer eosinophiler granulomatöser Entzündung, besonders des Respirationstrakts.

Die jährliche Inzidenz beträgt zwischen 0,5 und 6,8 pro 1 Million, die Prävalenz in Europa wird mit 10,7–13 pro 1 Million beziffert (Harrold et al. 2005). Geschlechtsunterschiede bestehen nicht; das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 40 Jahren.

Klinik

Klinisch ist das CSS mit einem allergischen Asthma bronchiale und einer Bluteosinophilie assoziiert. Bei etwa 40 % der Patienten sind p-ANCA (MPO-ANCA) nachweisbar. In der Vorgeschichte findet sich meist eine allergische Diathese mit Rhinitis, asthmoider Bronchitis oder Asthma bronchiale. Zum Vollbild des CSS (Generalisationsstadium) gehört die Vaskulitis, die typischerweise mit Hypereosinophilie und extravaskulären Granulomen einhergeht. Röntgenologisch sichtbare wechselnde pulmonale Infiltrate (77 %), kutane Eruptionen (70 %), gastrointestinale Manifestationen (50 %), eine segmentale Glomerulonephritis (30–40 %) und eine kardiale Beteiligung (30–60 %) werden beschrieben.

Das Nervensystem ist vor allem in Form der Mononeuritis multiplex betroffen (50–78 %), gelegentlich mit Fazialisparese oder Hörverlust (Moore u. Richardson 1998). Die Mononeuritis multiplex tritt bevorzugt bei ANCA-positiven Varianten des CSS auf, wobei die p-ANCA in der Pathogenese wahrscheinlich eine Rolle spielen. Bei den ANCA-negativen Varianten des CSS zeigt sich häufiger eine symmetrische Polyneuropathie, die durch eine Gewebsinfiltration mit Eosinophilen hervorgerufen wird (Sinico et al. 2005) (▶ Tab. 30.9). 

Tab.-30.9

Das ZNS ist in bis zu 15 % der Fälle betroffen, wobei eine Enzephalopathie und ischämische Optikopathie häufiger sind als Hirninfarkte oder intrazerebrale Blutungen (Sable-Fourtassou et al. 2005). Auch für die Prognose des CSS gilt der Five Factor Score (▶ siehe  dort).

Diagnostik

Hilfreiche Laborbefunde sind die obligate Bluteosinophilie von > 10 %, allgemeine Entzündungsparameter, eine normochrome normozytäre Anämie, eine IgE-Erhöhung im Serum und der Nachweis von p-ANCA in 40 %. Wichtig sind außerdem EKG, Röntgen-Thorax und eventuell bronchoalveoläre Lavage. Diagnostischer Goldstandard ist die Histologie, wobei der Muskel-Nerv-Biopsie neben der Biopsie aus Nasenschleimhaut, Haut und Lunge eine wichtige Rolle zukommt. Eine neurologische Beteiligung wird als schwere Organmanifestation angesehen.

ACR-Kriterien zur Diagnose des Churg-Strauss-Syndroms (Masi et al. 1990)

Treffen 4 dieser 7 Kriterien zu, beträgt die Spezifität 99 %, die Sensitivität 85 %.

Therapie

Bei Fehlen schwerer Organbeteiligungen (FFS < 2) kann bei der Mehrzahl der Patienten (> 90 %) unter einer Kortikoidmonotherapie (1 mg/kg KG, danach reduzieren; evtl. Pulstherapie initial) eine Remission erreicht werden (Ribi et al. 2008). Da jedoch Rezidive unter einer Kortikoidmonotherapie häufig auftreten und der Glukokortikoidbedarf nicht selten hoch ist, sollte in Analogie zu anderen AAV bereits primär eine glukokortikoideinsparende additive Therapie begonnen werden, bei vermutlich guter Prognose z. B. mit MTX oder Azathioprin (Metzler et al. 2004, Hellmich et al. 2004).

Cyclophosphamid (6–12 Pulse) wird bei einem FFS von 2, aber auch bei jeder ZNS-Beteiligung empfohlen (Cohen et al. 2007). Eingesetzt werden nach Erreichen der Remission Azathioprin, MTX oder Interferon-α. Ergebnisse einer aktuellen Pilotstudie bei Patienten mit aktivem CSS trotz Standardtherapie zeigen zudem eine Wirksamkeit des monoklonalen Anti-IL-5-Antikörpers Mepolizumab (Moosig et al. 2011).

Mikroskopische Polyangiitis (MPA)

Die mikroskopische Polyangiitis ist eine nekrotisierende nicht granulomatöse Angiitis kleiner Gefäße ohne Immunkomplexablagerungen und häufig assoziiert mit nekrotisierender Glomerulonephritis und pulmonaler Kapillaritis (pulmorenales Syndrom). Die Häufigkeit ist mit 2–3 pro Million konstant. ANCA (meist p-ANCA/MPO-ANCA) finden sich bei über 90 % der Patienten. Eine neurologische Beteiligung, z. B. in Form einer hypertrophen Pachymeningitis, ist sehr selten (Furukawa et al. 2004).

Die klinischen Merkmale einer Klein-Gefäß-Vaskulitis bei der MPA entsprechen denen der GPA mit der Ausnahme, dass granulomatöse Manifestationen bei der MPA definitionsgemäß ausgeschlossen sind. Das therapeutische Procedere entspricht somit dem bei GPA.

30.8 Behçet-Syndrom

Definition und Epidemiologie

Beim Behçet-Syndrom handelt es sich um eine Small-Vessel-Vaskulitis der Venen. Es besteht eine Assoziation mit zirkulierenden Immunkomplexen und dem Gewebsantigen HLA-B5. Die Ätiopathogenese ist unbekannt. Diskutiert werden infektiöse Trigger, autoimmun vermittelte Prozesse, prothrombotische Anomalien des Gerinnungssystems und eine genetische Prädisposition.

Die jährliche Inzidenz liegt bei 1 pro 500.000 Einwohner in Deutschland, in der Türkei jedoch bei 300–500 pro 100.000, sodass bei türkischen Mitbürgern an das Krankheitsbild gedacht werden muss. Männer sind doppelt so häufig und schwerer betroffen als Frauen. Hauptmanifestationsalter ist das 20. bis 40. Lebensjahr.

Klinik und Diagnostik

Remittierende aphthöse Stomatitis mit oralen Ulzerationen, rezidivierende genitale Ulzerationen, Augenentzündungen (Uveitis) und Hautveränderungen sind Leitsymptome. Die oralen Ulzerationen liegen lediglich bei 3 % der Patienten nicht vor; sie treten typischerweise mindestens dreimal pro Jahr auf und heilen ohne Hinterlassung von Narben ab. Die genitalen Ulzerationen zeigen sich im Bereich von Skrotum oder Labien und hinterlassen Narben, nach denen im Intervall gesucht werden kann. Im Bereich der Augen finden sich eine anteriore oder posteriore Uveitis, Glaskörperinfiltrate oder eine retinale Vaskulitis. Zu den Hautveränderungen zählen das Erythema nodosum, Pseudofollikulitiden oder papulopustuläre Läsionen. Eine papulopustulöse nicht spezifische Reaktion 24–48 Stunden nach lokalem Nadelstich wird als positiver Pathergie-Test bezeichnet. Dabei ist die entstehende Pustel steril.

Grundsätzlich ist die Behçet-Krankheit eine Multisystemerkrankung vaskulitischer Genese, bei der neben Haut/Schleimhäuten und Augen die Gelenke (Mono- oder Oligoarthritis), der Magen-Darm-Trakt (Schleimhautulzerationen im Ileum oder Zökum), die Lunge (Pulmonalarterienarteriitis) und die Aorta bzw. Extremitätengefäße (Thrombophlebitis, Arteriitis mit Entwicklung von Pseudoaneurysmen) betroffen sein können.

Diagnosekriterien des Behçet-Syndroms

Bei Erfüllen folgender Kriterien wurden eine Sensitivität von 91 % und eine Spezifität von 96 % errechnet (International Study Group for Behçet's Disease 1990):

Neuro-Behçet

Eine neurologische Beteiligung liegt bei 10–40 % aller Behçet-Patienten vor (Farah et al. 1998, Akman-Demir et al. 1999, Kidd et al. 1999). Manifestation 5 Jahre nach Beginn der Schleimhaut-, Haut- und Augenmanifestationen in der 3. und 4. Lebensdekade. Nach dem Verteilungsmuster werden der vaskuläre und der parenchymatöse Neuro-Behçet unterschieden.

Obgleich eine Vaskulitis bei verschiedenen Läsionen (Haut, Genitale, Uveitis) das zentrale pathologische Merkmal darstellt und eine Vaskulitis der Vasa vasorum als Korrelat der Beteiligung großer Gefäße gesichert ist, findet sich eine Vaskulitis im ZNS nicht regelmäßig. Beschrieben wurden auch eine mild ausgeprägte chronische lymphozytäre oder neutrophile Meningoenzephalitis und multifokale Nekrosen in Hirnstamm und Basalganglien (Kidd et al. 1999).

Motorische Ausfälle mit spastischen Zeichen und Hirnstammsymptomen sowie mentale Auffälligkeiten in Form von Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsstörung sind Leitsymptome des parenchymatösen Neuro-Behçet (80 % aller Neuro-Behçet-Patienten). Der Symptombeginn ist in der Regel akut, der Verlauf schubförmig.

Die MRT zeigt typischerweise kontrastmittelaufnehmende ausgedehnte Läsionen, vorzugsweise in den Basalganglien oder im Hirnstamm und bis nach dienzephal reichend. Diese Läsionen halten sich nicht an Gefäßterritorien und führen im Verlauf zu einer Hirnstammatrophie (Al Kawi et al. 1991, Banna u. el-Ramahl 1991, Coban et al. 1999). Bei 10–20 % ist das Rückenmark mit betroffen. Seltener sind eine aseptische Meningitis und Patienten mit rein psychopathologischen Auffälligkeiten. Im Liquor zeigt mindestens die Hälfte der Patienten eine Pleozytose und Eiweißvermehrung. Meist findet sich eine lymphozytäre, seltener eine gemischtzellige oder vorwiegend granulozytäre Pleozytose (0–485, median 30/µl) oder isolierte Eiweißerhöhungen. Während in 70 % der Fälle ein pathologischer IgG-Index vorliegt, sind die oligoklonalen Banden oft nur vorübergehend positiv (Akman-Demir et al. 1999, Kidd et al. 1999).

Der vaskuläre Neuro-Behçet (20 % der Gesamtgruppe) zeigt als Leitsymptom eine intrakranielle Hypertension. Sinusvenenthrombosen werden in der MR-Angiografie, Gewebsläsionen in der MRT dargestellt. Hirninfarkte bei Übergreifen der Entzündung auf die Arterien sind selten (Akman-Demir et al. 1999, Kidd et al. 1999). Beim vaskulären Behçet-Syndrom ist der Liquor bis auf einen erhöhten Öffnungsdruck meist normal.

Therapie

Für das Behçet-Syndrom gibt es keine evidenzbasierte Standardtherapie (Farah et al. 1998). Die Gabe von Kortikosteroiden als intravenöse Pulstherapie (500–1000 mg Methylprednisolon) über 5–7 Tage gilt im akuten Erkrankungsschub als Therapie der Wahl; ein orales Ausschleichen über 2–3 Monate soll frühen Rezidiven vorbeugen. Manche Patienten mit einem Neuro-Behçet benötigen eine Dauerintervalltherapie mit niedrig dosierten Kortikoiden. Typischerweise wird diese Behandlung kombiniert mit einem steroidsparenden Immunsuppressivum, wobei in kleineren Studien Azathioprin, Chlorambucil, Cyclophosphamid und Methotrexat alleine oder in Kombination versucht wurden. Die Behandlung mit Immunsuppressiva hat jedoch keinen sicheren Einfluss in der Prävention einer neurologischen Beteiligung auf die Verhütung von ZNS-Rezidiven oder eine Progression. Von einer Therapie mit Ciclosporin A, das eine hohe Effektivität in der Behandlung okulärer Läsionen hat, wird in der Behandlung neurologischer Komplikationen abgeraten, da die darunter gelegentlich beobachteten ZNS-Nebenwirkungen nur schwer von den Symptomen der Grunderkrankung differenziert werden können. Sinus­thrombosen im Rahmen des Morbus Behçet werden antikoaguliert. IFN-alpha- und TNF-Antagonisten können in therapierefraktären Fällen in Erwägung gezogen werden. Kontrollierte Studien existieren dazu nicht.

30.9 Systemischer Lupus ­erythematodes (SLE)

Definition und Epidemiologie

Diese systemische Autoimmunerkrankung hat eine Inzidenz von ca. 7/100.000 (Ruiz-Irastorza et al. 2001). In Mitteleuropa ist die Prävalenz mit 10–60 pro 100.000 Einwohner und Jahr hoch, Frauen sind zehnmal häufiger betroffen als Männer, Hauptmanifestationsalter ist das 15.–30. Lebensjahr. Ursache ist eine Störung der Immunregulation, die zum Verlust der immunologischen Toleranz für nukleäre Autoantigene mit Bildung von Antikörpern führt und über die Perpetuierung dieses Prozesses eine zunehmende Ausweitung der Autoreaktivität gegenüber anderen Autoantigenen verursacht. Die Beteiligung des ZNS ist meist durch eine thrombotische Vasopathie bedingt. Die pathogenetische Wirkung von Autoantikörpern gegen Glutamatrezeptoren ist umstritten. Die selten auftretende, meist immunkomplexvermittelte Vaskulitis, betrifft vorwiegend die kleinen Gefäße (Kumar et al. 2007).

Klinik

Leitsymptome sind Haut- und Schleimhautveränderungen (Schmetterlingserythem im Gesicht, Photosensibilität), Arthritiden und Serositiden, die Nieren- und Muskelbeteiligung, pulmonale Symptome, die Karditis mit Klappenveränderungen und Koronaritis sowie die Leberbeteiligung.

Neurologische Begleitsymptome werden variabel in 14–75 % beschrieben (Appenzeller et al. 2006); dabei sind die Enzephalopathie (60 % aller Neurolupus-Fälle), epileptische Anfälle (60 %) und zerebrovaskuläre Syndrome (40 %) am häufigsten. Seltener sind Bewegungsstörungen wie choreatische Syndrome oder Ataxien (20 %) bzw. Polyneuropathien und Hirnnervenneuropathien (20 %). Myelopathien und die Beteiligung der neuromuskulären Synapse bei einer koexistenten Myasthenie sind mit jeweils 10 % selten. Der Verlauf ist chronisch progredient mit Schüben. Einen spezifischen Lupus-Kopfschmerz gibt es nicht (Mitsikostas et al. 2004).

Neurologische Symptome beim SLE sind pathogenetisch sehr heterogen (Berlit 2007). Neben womöglich direkt antikörperassoziierten Symptomen (Psychose, Epilepsie, extrapyramidales Syndrom) kommt es auch zu indirekt antikörperbedingten Symptomen (zerebrale Ischämien bei Anti-Phospholipd-Antikörper-Syndrom), vaskulopathisch bedingten Symptomen (Enzephalopathie, Migräne) und unspezifischen Begleitsymptomen (Depression, Angst, Affektlabilität, chronische Müdigkeit). Eine Enzephalopathie kann sekundär metabolisch bedingt sein. Hirninfarkte sind oft embolisch bedingt, z. B. bei Endokarditis Libman-Sacks oder sonstigen Klappenveränderungen. Eine Emboliedetektion kann dabei zielführend sein (Dahl et al. 2006). Eine immunkomplexvermittelte Vaskulitis ist sehr selten. Schließlich müssen in der Differenzialdiagnose stets Medikamentennebenwirkungen bedacht werden: So können hochdosierte Kortikosteroide zu psychopathologischen Auffälligkeiten führen, eine Chloroquin-Dauertherapie kann eine Polyneuropathie bedingen. Eine Klassifikation der neuropsychiatrischen Manifestationen des SLE liegt vor (Ad Hoc Committee on Neuropsychiatric Lupus Nomenclature 1999).

Diagnostik

Laboruntersuchungen

In über 95 % der Fälle liegen antinukleäre Antikörper vor. Die spezifischen Doppelstrang-DNA-Antikörper sind bei bis zu 80 % vorhanden. Ein isolierter Nachweis von Histon­antikörpern weist auf einen medikamentös induzierten Lupus hin. Weitere Autoantikörper können mit bestimmten Organmanifestationen assoziiert sein (ribosomale P-Antikörper → Psychose [Chapman 2005]; Jo-1-Antikörper → Polymyositis; Zellmembran-Antikörper → Thrombozytopenie, Anämie, Lymphopenie; Neuronen-Antikörper → Epilepsie, Enzephalopathie). Ein ­sekundäres Anti-Phospholipid-Syndrom (APS) liegt bei ca. 25 % aller SLE-Fälle vor. Typisch für ein APS ist die verlängerte aPTT. Zur weiteren Abklärung sollten Anti-Cardiolipin- und β2-Glykoprotein-Antikörper bestimmt werden.

Bildgebende Untersuchungen

Die entzündliche Vasopathie ist angiografisch nicht nachweisbar – eine zerebrale DSA ist für die Diagnosestellung eines Neuro-SLE nicht hilfreich. Obwohl in einzelnen Studien eine höhere Treffsicherheit für die Positronen-Emissionstomografie (PET) und SPECT beim SLE beschrieben wurde, reicht in der Regel für die Abklärung eines Patienten mit neuropsychiatrischem SLE die MRT in Verbindung mit Liquordiagnostik aus. Problematisch ist die geringe Spezifität der nuklearmedizinischen Methoden bei Fehlen eines Goldstandards (Sibbitt et al. 1999, Govoni et al. 2004). Hilfreicher sind neuere MR-Techniken wie MR-Spektroskopie, Diffusions- und Perfusionsmessungen, die den frühen Nachweis vaskulärer Läsionen erlauben (Castellino 2004).

Therapie

Prognostisch ungünstige Faktoren sind eine proliferative Lupusnephritis, Thrombozytopenie, sehr aktive Erkrankung zu Beginn, Lungenbeteiligung und Infektanfälligkeit. Diese Manifestationen und neurologische Komplikationen des SLE machen den kombinierten Einsatz von Kortikosteroiden und Immunsuppressiva erforderlich. Steroide werden in Form einer Pulstherapie mit je 1 g Methylprednisolon über 3 Tage mit anschließendem Ausschleichen gegeben. Die Auswahl des Immunsuppressivums wird nach dem Schweregrad der Organbeteiligung getroffen. Cyclophosphamid gilt als effektivste Substanz zur Behandlung neuropsychiatrischer Manifestationen (Ortmann u. Klippel 2000). Der kombinierte Einsatz von pCYC und Steroiden ist dem alleinigen längerfristigen Einsatz von Steroiden bei der Remissionsinduktion der Lupus-Nephritis auch langfristig überlegen (Illei et al. 2001, Takada et al. 2001).

Azathioprin wird nach Remissionsinduktion mit CYC gegeben (Mok et al. 2002); Alternativen sind Mycophenolatmofetil (Chan et al. 2000), Ciclosporin A oder IVIG, in ausgewählten Fällen auch Rituximab (375 mg/m2 2–4 × in wöchentlichen Abständen). Wenn keine neurologischen Manifestationen vorliegen, wird Chloroquin gegeben, das einen steroidsparenden Effekt hat. Bei einem sekundären Anti-Phospholipid-Syndrom wird zusätzlich zur immunsuppressiven Therapie ASS eingesetzt. Sind in der Vorgeschichte Thrombosen oder ein Abort aufgetreten, wird eine orale Antikoagulation empfohlen (Ruiz-Irastorza et al. 2001).

30.10 Sjögren-Syndrom (SS)

Die Erkrankung kann als primäres SS oder als sekundäres SS in Assoziation mit rheumatoider Arthritis oder anderen Kollagenosen auftreten. Frauen sind häufiger betroffen (F:M = 9:1).

Klinik

Leitsymptome sind die Sicca-Symptomatik der Augen (Xerophthalmie) und des Mundes (Xerostomie). Neurologische Symptome gibt es bei 30 %, am häufigsten als distal symmetrische, vorwiegend sensible PNP mit autonomen Symptomen (Adie-Pupillen, orthostatische Dysregulation), die bioptisch mit perivaskulären oder vaskulitischen Infiltraten einhergeht. Sehr charakteristisch ist die ataktische sensible Neuronopathie (Ganglionitis) mit Pseudoathetose, Gangataxie und Dysästhesien. Häufig tritt eine Beteiligung der Hirnnerven, insbesondere der Nn. trigeminus, facialis und statoacusticus auf, seltener eine Enzephalopathie mit multifokalen ZNS-Symptomen und Epilepsie.

Diagnostik

Die Keratoconjunctivitis sicca lässt sich bei der Spaltlampenuntersuchung mit Fluoreszin oder mittels Schirmer-Test nachweisen. Entzündliche Zellinfiltrate finden sich in der Feinnadelbiopsie aus den Speicheldrüsen. Neben positiven ANA und Rheumafaktoren (70 %) finden sich die spezifischeren Anti-Ro-Autoantikörper (SSA – positiv in 97 % der Fälle) bzw. Anti-La-Autoantikörper (SSB – in 78 % der Fälle).
Die MRT-Veränderungen des SS können denen der bei Multipler Sklerose ähneln. Da auch eine Pleozytose und positive oligoklonale Banden im Liquor nachweisbar sein können, ist die Differenzialdiagnose im Einzelfall schwierig. Der Liquor zeigt oft eine leichtgradige lymphomonozytäre Pleozytose, Eiweißerhöhung sowie oligoklonale Banden, die nach Steroidtherapie verschwinden können. Diese sind jedoch im Unterschied zur Multiplen Sklerose nicht nur im IgG-Bereich, sondern auch im IgA- und vor allem IgM-Band nachweisbar (Reske 2005).

Therapie

Die Behandlung erfolgt kombiniert mit Prednisolon und Azathioprin.

Redaktionskomitee

Dr. Martin Baumgärtel, 1. Medizinische Klinik, St.-Franziskus-Hospital Münster
Prof. Dr. Peter Berlit, Neurologie, Alfried-Krupp-Krankenhaus Essen
Prof. Dr. Bernhard Hellmich, Klinik für Rheumatologie, Plochingen
Dr. Markus Krämer, Neurologie, Alfried-Krupp-Krankenhaus Essen
Prof. Dr. Hans Hartmut Peter, Klinik für Rheumatologie, Universitätsklinikum Freiburg
PD Dr. Thomas Pfefferkorn, Neurologische Universitätsklinik München-Großhadern
Prof. Dr. Andreas Steinbrecher, Neurologische Klinik Erfurt

Für Österreich:
Prof. Dr. Maria Storch, Neurologische Universitätsklinik Graz

Für die Schweiz:
Prof. Dr. Marcel Arnold, Neurologische Universitätsklinik Bern

Federführend: Prof. Dr. Peter Berlit, Neurologie, Alfried-Krupp-Krankenhaus, 45117 Essen, Tel.: 0201/4342527
E-Mail:

Entwicklungsstufe der Leitlinie: S1

Interessenkonflikte:

keine

Finanzierung der Leitlinie

Es erfolgte keine finanzielle Unterstützung bei der Leitlinienerstellung.

Methodik der Leitlinienerstellung

Die Leitlinie entstand im modifizierten Delphi-Verfahren.

Beteiligte Fachgesellschaften: Deutsche Gesellschaft für Neurologie, Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie

Auswahl der wissenschaftlichen Belege anhand Medline-Recherche

Literatur

Aus: Hans-Christoph Diener, Christian Weimar (Hrsg.): Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie, Herausgegeben von der Kommission "Leitlinien" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Thieme Verlag, Stuttgart, September 2012