Kapitel: Kopfschmerzen und andere Schmerzen 

Kopfschmerz bei Übergebrauch von Schmerz- und Migränemitteln

Entwicklungsstufe: S1
Stand: September 2012
Verlängert: 29. Oktober 2015
Gültig bis: September 2017
Federführend
Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen


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COI-Erklärung

Inhaltsverzeichnis

Was gibt es Neues?

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick

Definition

Der Kopfschmerz bei Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln ist ein chronischer (≥ 15 Tage pro Monat) Kopfschmerz, der infolge einer regelmäßigen (an 10–15 Tagen pro Monat, seit ≥ 3 Monaten) Schmerz- oder Migränemitteleinnahme entsteht bzw. sich entscheidend verschlechtert (▶ Tab. 57.1) (Olesen et al. 2006). Der Übergebrauch jeglicher Kopfschmerzmittel (Analgetika, Ergotamin, Triptane, Benzodiazepine, Opioide, Barbiturate) kann zur Entwicklung eines Kopfschmerzes bei Medikamentenübergebrauch führen (Horton u. Peters 1963, Dichgans et al. 1984, Kaube et al. 1994, Diener u. Limmroth 2004, Diener et al. 2010). Der kausale Zusammenhang zwischen Medikamenteneinnahme und Verschlechterung der Kopfschmerzen kann allerdings nur belegt werden, wenn sich die Kopfschmerzen nach erfolgtem Entzug bessern.

Tab.-57.1

Klassifikation

Bezüglich der Nomenklatur muss unterschieden werden zwischen Patienten mit häufiger Medikamenteneinnahme, bei denen sich der primäre Kopfschmerz langfristig nicht verschlechtert („medication overuse“), und Patienten, bei denen die häufige Einnahme von Medikamenten zur Behandlung akuter Kopfschmerzen zu einer Chronifizierung führt („medication overuse headache“). Bei der letzteren Form handelt es sich laut IHS um eine sekundäre Kopfschmerzform (Olesen et al. 2006). Viele Aspekte des Kopfschmerzes bei Übergebrauch von Schmerz- und Migränemitteln bis hin zu der Frage, ob es sich tatsächlich um eine eigene Entität oder doch eher um einen Risikofaktor für eine Chronifizierung bzw. eine Komplikation der Grunderkrankung handelt, werden noch kontrovers diskutiert (Sun-Edelstein et al. 2009).

Epidemiologie

Die genaue Prävalenz des Kopfschmerzes bei Medikamentenübergebrauch in der allgemeinen Bevölkerung ist nach wie vor unbekannt, da sie in klassischen epidemiologischen Querschnittsstudien nicht bestimmt werden kann. Nach der IHS-Klassifikation ist es nämlich für die Diagnose erforderlich, dass nach Absetzen der übergebrauchten Medikation der Kopfschmerz innerhalb von 2 Monaten abklingt oder zu seinem früheren Muster zurückkehrt. Auf Basis der vorliegenden Studien kann lediglich von einem wahrscheinlichen Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch ausgegangen werden, der sich allerdings nach bisherigen Daten nicht einmal in der Hälfte der Fälle dann auch als solcher bestätigt (Boe et al. 2009, Sances et al. 2010). In epidemiologischen Studien wird die Prävalenz in Deutschland auf 0,2–1 % geschätzt (Katsarava u. Diener 2008, Straube et al. 2010). In Norwegen wurde eine Inzidenz von 0,72 auf 1.000 Personenjahre ermittelt (Hagen et al. 2012). Studien speziell zum Triptanübergebrauch und triptaninduzierten Kopfschmerz gibt es nur wenige. In Dänemark wurde im Jahre 1995 im Verschreibungsregister eine Prävalenz der Sumatriptan-Einnahme in der dänischen Bevölkerung von 0,78 % festgestellt. Von diesen 0,78 % lag bei 5 % ein täglicher Sumatriptanübergebrauch vor (Gaist et al. 1998). Prospektive Verlaufsuntersuchungen konnten ferner zeigen, dass bis zu 14 % von Patienten einer Kohorte mit episodischen Kopfschmerzen innerhalb eines Jahres chronische Kopfschmerzen entwickeln, die bei gut 2 Drittel der Patienten auf einen Medikationsübergebrauch zurückzuführen sind (Katsarava et al. 2004). Allerdings handelte es sich dabei um Patienten eines spezialisierten Kopfschmerzzentrums, die nicht als repräsentativ für andere Patientengruppen anzusehen sind.

Klinik

Typischerweise entwickeln Patienten mit primären Kopfschmerzen wie Migräne oder einem Kopfschmerz vom Spannungstyp bei Medikamentenübergebrauch chronische Kopfschmerzen (Diener u. Limmroth 2004, Zeeberg et al. 2006b). Die überwiegende Mehrheit der Patienten leidet an einer Migräne als zugrunde liegendem primärem Kopfschmerz. Fallserien beschreiben Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch auch bei Patienten mit Cluster-Kopfschmerz (Paemeleire et al. 2008). Diese Patienten haben häufig zusätzlich zu ihrem Cluster-Kopfschmerz auch eine Migräne oder eine familiäre Belastung bezüglich Migräne. Patienten mit anderen Schmerzen (z. B. Rückenschmerzen, Arthritis) ohne primäre Kopfschmerzen entwickeln keine chronischen Kopfschmerzen, auch wenn sie regelmäßig Schmerzmittel einnehmen (Lance et al. 1988, Bahra et al. 2003). Kopfschmerzpatienten mit Analgetikaübergebrauch entwickeln meist einen diffusen holokraniellen, dumpf drückenden Kopfschmerz ohne vegetative Begleiterscheinungen. Migränepatienten mit Triptanübergebrauch entwickeln häufig zunächst eine Zunahme der Migränefrequenz und später einen pulsierenden klopfenden Kopfschmerz, teilweise in Verbindung mit Übelkeit. Die für die Entwicklung des Kopfschmerzes bei Medikamentenübergebrauch kritischen Einnahmedauer und -frequenz sind am kürzesten und niedrigsten für Triptane und Mutterkornalkaloide und länger und höher für Analgetika (Evers et al. 1999, Limmroth et al. 2002). Diese Unterschiede finden sich in den neuesten Kriterien der IHS wieder. In einer populationsbezogenen Studie in den USA (Bigal et al. 2009) mit 24.000 Patienten mit Kopfschmerzen zeigte sich ein erhöhtes Risiko für eine Chronifizierung von Kopfschmerzen beim Übergebrauch von Barbituraten und Opioiden, nicht aber bei Triptanen (Bigal u. Lipton 2008).

Risikofaktoren

Auch wenn die meisten Querschnittsstudien eine signifikante Assoziation zwischen dem Medikamentenübergebrauch und chronischen Kopfschmerzen zeigen, begründet eine solche Assoziation noch keinen ursächlichen Zusammenhang (Haag 2010). Längsschnittstudien liegen kaum vor. Allerdings konnte jüngst in einer Längsschnittuntersuchung eine Inzidenz des Kopfschmerzes bei Medikamentenübergebrauch von 0,72 auf 1.000 Personenjahre ermittelt werden. Spezifische Risikofaktoren für den Kopfschmerz bei Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln (nicht aber für eine Kopfschmerzchronfizierung ohne Übergebrauch) waren die Einnahme von Tranquilizern, chronische muskuloskelettale oder gastrointestinale Beschwerden und ein HADS-Score von über 10 (Hagen et al. 2012). Weitere Risikofaktoren sind Übergewicht, niedriger sozialer Status und eine depressive Erkrankung (Bigal et al. 2005). In einer bevölkerungsbasierten Studie zeigte sich, dass mehr als die Hälfte (57 %) der Patienten mit chronischen Kopfschmerzen bei einer Nachbefragung nach 11 Monaten eine geringere Kopfschmerzhäufigkeit aufwiesen und nicht mehr den Kriterien für chronische Kopfschmerzen entsprachen und damit eine Remission zu beobachten war (Scher et al. 2003).

Diagnostik

Die Diagnose des Kopfschmerzes bei Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln wird klinisch gestellt und erfordert in der Regel keine Zusatzuntersuchungen. Im Einzelfall (Erstmanifestation des chronischen Kopfschmerzes im hohen Alter, untypischer Symptomatik oder auffälliger neurologischer Untersuchung) sollten zum Ausschluss des symptomatischen Kopfschmerzes ein MR des Schädels und bei Verdacht auf eine chronisch entzündliche Ursache oder eine Liquorzirkulationsstörung eine Liquoruntersuchung mit Druckmessung durchgeführt werden.

Therapie

Medikamentenentzug

Auch wenn sich der Begriff „Medikamentenentzug“ etabliert hat, sollte gegenüber Patienten deutlich werden, das es sich um eine „Medikamentenpause“ handelt und nicht um einen „Entzug“ im psychiatrischen Sinne, da Analgetika und Triptane zwar übergebraucht werden, aber mit Ausnahme der Opioide keine physische Abhängigkeit besteht. Bisher gibt es keinen Vergleich eines abrupten Absetzens der Schmerzmedikation verglichen mit einem langsamen Ausschleichen. Daher sollten Schmerzmittel und Triptane abrupt abgesetzt werden. Bei Patienten, die Opioide oder Tranquilizer einnehmen, ist ein graduelles Ausschleichen notwendig (Rossi et al. 2009).

Bei Patienten ohne wesentliche Komorbidität oder Missbrauch psychotroper Substanzen kann der Entzug ambulant oder tagesklinisch erfolgen. Ein stationärer Entzug bietet hier keine Vorteile (Rossi et al. 2006). Bei einem Teil der Patienten reicht es aus, wenn sie über den Mechanismus von medikamenteninduzierten Kopfschmerzen aufgeklärt werden. Diese Patienten schaffen es dann ohne weiter professionelle Hilfe, ihren Medikamentenkonsum einzuschränken (Rossi et al. 2006, Grande et al. 2011, Rossi et al. 2011).

Der Medikamentenentzug kann ambulant oder tagesklinisch durchgeführt werden, wenn die Patienten keine Barbiturate oder Tranquilizer einnehmen, hoch motiviert sind und eine gute familiäre Unterstützung zu erwarten ist. Ein stationärer Entzug ist notwendig, wenn der Medikamentenübergebrauchs-Kopfschmerz langjährig besteht, psychotrope Substanzen, multiple Substanzen oder Opioide gebraucht wurden, der Patient schon erfolglose Selbstentzüge versucht hat, eine Depression vorliegt oder sozialen Bindungen nicht ausreichend sind (▶ Tab. 57.2). Evidenzbasierte Daten für diese Empfehlung existieren allerdings nicht.

Tab.-57.2

Therapie der Entzugserscheinungen

In den ersten 2–6 Tagen erleiden die Patienten häufig Entzugssymptome wie verstärkten (Entzugs-)Kopfschmerz, Übelkeit, arterielle Hypotonie, Tachykardie, Schlafstörungen, Unruhe, Angst und Nervosität. In der Regel steigt die Intensität des Entzugskopfschmerzes in den ersten Tagen nach dem Entzugsbeginn an, um sich dann wieder zwischen dem 6. bis 8. Tag zu normalisieren (Katsarava et al. 2001). Patienten, die von einem triptaninduzierten Kopfschmerz entzogen werden, haben meist einen leichteren und kürzeren Entzug als die Patienten mit einem Analgetika- oder Ergotaminentzug (Katsarava et al. 2001). Eine randomisierte, placebokontrollierte Studie zeigte keine Überlegenheit einer 5-tägigen Behandlung mit Prednison zur Linderung der Entzugssymptome (Boe et al. 2007). Es gibt eine Vielzahl von offenen unkontrollierten Studien zum Einsatz von Analgetika, Triptanen, Sedativa, Neuroleptika, Valproinsäure, Tramadol und Amitriptylin. deren Qualität so schlecht ist, dass daraus keine Therapieempfehlungen abgeleitet werden können.

Im Rahmen der Entzugsbehandlung sollte eine medikamentöse Prophylaxe des primären Kopfschmerzes (Migräne oder Kopfschmerz vom Spannungstyp) eingeleitet werden (▶ Tab. 57.3). Eine Prophylaxe, die vor dem Entzug nicht hilfreich war, kann nach dem Entzug dennoch wirksam sein (Zeeberg et al. 2006a). Ob die Einleitung der medikamentösen Prophylaxe zeitgleich mit dem Entzug (Rossi et al. 2006) oder mit Zeitverzögerung von 2 Monaten erfolgt (Zeeberg et al. 2006b), scheint keinen wesentlichen Einfluss auf den Langzeitverlauf zu haben.

Tab.-57.3

Medikamentöse Prophylaxe

Topiramat

Topiramat ist in Deutschland zur Prophylaxe der Migräne bei Patienten zugelassen, bei denen ein Betablocker nicht wirksam war, nicht vertragen wurde oder wegen Kontraindikationen nicht gegeben werden kann. Zwei randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studien untersuchten den Einsatz von Topiramat bei Patienten mit chronischer Migräne mit und ohne Kopfschmerz durch Analgetika- oder Triptanübergebrauch. Die Studie in den Vereinigten Staaten schloss 306 Patienten ein, bei denen keine zusätzliche prophylaktische Therapie erlaubt war und bei denen kein Medikamentenübergebrauch vorliegen sollte (Silberstein et al. 2007). Dessen ungeachtet wurden aber in der Studie 38 % Patienten eingeschlossen, die die Kriterien eines Übergebrauchs von Schmerz- oder Migränemitteln erfüllten. In der europäischen Studie, in der 60 Patienten eingeschlossen wurden, betrieben 78 % der Patienten einen Medikamentenübergebrauch, überwiegend mit Triptanen (Diener et al. 2007). In der amerikanischen Studie kam es unter Topiramat zu einer Reduktion von durchschnittlich 6,4 Migränetagen während der Behandlungsphase gegenüber 4,7 Tagen unter Placebo. Dieser Unterschied war statistisch signifikant. In der europäischen Studie betrug die Reduktion der mittleren Zahl von Migränetagen 3,5 verglichen mit 0,2 unter Placebo. Dieser Unterschied war ebenfalls signifikant. In der europäischen Studie zeigte sich, dass Patienten mit Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln genauso gut auf Topiramat ansprachen wie Patienten ohne Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln. Am Ende der europäischen Studie bestand bei der Hälfte aller Patienten mit einem Medikamentenübergebrauchskopfschmerz dieser unter Therapie nicht mehr.

OnabotulinumtoxinA

Zwei große placebokontrollierte, randomisierte Studien untersuchten den Einsatz von OnabotulinumtoxinA bei chronischer Migräne. Das PREEMPT-Studienprogramm (Phase III Research Evaluation Migraine Prophylaxis Therapy) umfasste 2 Studien mit einem nahezu identischen Studiendesign, aber unterschiedlichen Endpunkten (Aurora et al. 2010, Diener et al. 2010). Es handelte sich jeweils um eine Studie über 24 Wochen, die im placebokontrollierten doppelblinden Parallelgruppen-Design durchgeführt wurde. In diesem Zeitintervall wurden die Patienten dreimal mit OnabotulinumtoxinA behandelt. Sie erhielten jeweils 155 I. E. OnabotulinumtoxinA, die an 31 Stellen im Bereich der Stirn, der Schläfe, des Nackens und der Schulter injiziert wurden. Patienten mit und ohne Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln konnten eingeschlossen werden. Erstere stellten dann auch mehr als die Hälfte der insgesamt 1.384 Studien-Patienten. Die gepoolte Analyse zeigte eine Reduktion der Kopfschmerztage um 8,4 unter OnabotulinumtoxinA und 6,6 unter Placebo (Dodick et al. 2010). Am eindrucksvollsten war der Effekt auf die kumulativen Kopfschmerzstunden in den letzten 28 Tagen verglichen mit der Baseline. Unter der Botulinum-Toxin-Behandlung, die im Abstand von jeweils 3 Monaten durchgeführt wurde, kam es zu einer signifikanten Reduktion der Einnahme von Triptanen, aber nicht von Analgetika. OnabotulinumA war bei Patienten mit und ohne Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln („medication overuse“) gleich wirksam (Diener 2011).

Die Ergebnisse der oben referierten Studien legen nahe, dass Patienten mit chronischer Migräne und Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln zunächst mit Topiramat oder Botulinum-Toxin A behandelt werden sollten. Die Patienten, die es nicht schaffen, innerhalb der nächsten 3 Monate ihren Medikamentenübergebrauch zu beenden, sollten dann einer gezielten Entzugstherapie zugeführt werden. Grundsätzlich ersetzt eine medikamentöse Behandlung jedoch nicht die Aufklärung, Edukation und Betreuung der Patienten mit Berücksichtigung der psychischen Komorbidität.

Verhaltenstherapie der Kopfschmerzen bei Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln

Psychologisches Entstehungsmodell

Die klinische Transformation von episodischen zu chronischen Kopfschmerzen mit Schmerzmittelübergebrauch geschieht nicht spontan und ist in der Regel reversibel. Aus bevölkerungsbezogenen Studien ist bekannt, dass psychosoziale Risikofaktoren die Inzidenz, Prävalenz und Prognose von chronischen Kopfschmerzen beeinflussen (Scher et al. 2008). Kritische Lebensereignisse – z. B. Wohnortwechsel, Heirat, Trennung, Arbeitsplatzverlust, etc. – werden mit dem Beginn der Chronifizierung der Migräne in Zusammenhang gebracht (Scher et al. 2008). Kopfschmerzpatienten, die solchen psychosozialen Dauerbelastungen ausgesetzt sind, können einen stetigen Anstieg ihrer Kopfschmerzfrequenz erfahren (Sauro u. Becker 2009). Im Fall der Migräne kann neben der Kopfschmerzfrequenz von den meisten Betroffenen auch die Kopfschmerzintensität als so stark erlebt werden, dass sie diese nicht ohne Medikamente ertragen können. Zudem können sich die Betroffenen durch die häufigen Kopfschmerzen in der Umsetzung ihrer Leistungsansprüche bedroht fühlen und dann antizipatorisch verstärkt Schmerzmittel einnehmen. Die Kopfschmerzen und die damit verbundene Angst vor Versagen werden bei bestimmten Patienten durch die Einnahme reduziert, das Einnahmeverhalten damit belohnt und in nachfolgenden Situationen demzufolge wiederholt. Der Patient nimmt so gegebenenfalls immer häufiger Schmerzmittel ein und befindet sich in einem „circulus vitiosus“ der sog. negativen Verstärkung. Wird die bisher nur empirisch bestimmte physiologisch bedeutsame Grenze von 10–15 Einnahmetagen pro Monat überschritten, kann es zu einer Faszilitation der Schmerzwahrnehmung, einer abgeschwächten Schmerzinhibition (Meng et al. 2011) und damit zur Häufung der Kopfschmerzen kommen.

Abhängigkeit

Einige Patienten mit chronischen Kopfschmerzen durch Übergebrauch von Schmerz- und Migränemitteln erfüllen die DSM-IV-Kriterien für ein Abhängigkeitssyndrom (Radat et al. 2008). Dennoch fällt eine Einordnung des Schmerzmittelabusus als abhängiges Verhalten schwer, da bei dem größten Teil der Patienten keine psychotropen Substanzen fehlgebraucht werden und die DSM- oder ICD-Kriterien (F10.2–F19.2) zu allgemein formuliert sind, sodass sie im Prinzip auf jeden Substanzfehlgebrauch zutreffen können. Bei einzelnen Patienten sind aber einen kontinuierliche Dosissteigerung und auch der Gebrauch von multiplen Substanzen zu beobachten (Bigal et al. 2004). Die beste ICD-Zuordnung sind die Verhaltensabhängigkeit (F63.x) oder der schädliche Gebrauch (F55.x).

Verhaltenstherapie

Die psychologische Betreuung von Entzugspatienten erfordert auch medizinische Maßnahmen wie Entzug und Prophylaxe des Primärkopfschmerzes und ein strukturiertes Nachsorgeprogramm. Auf der Basis von Metaanalysen ist es sehr schwierig, die Evidenz von Entzugsstudien einzuschätzen, da über die Studien hinweg die Entzugsstrategien und -interventionen zu unterschiedlich und unbehandelte Kontroll- oder Vergleichsgruppen nicht vorhanden sind. Aus Studien mit Migränepatienten mit Kopfschmerzen durch Übergebrauch von Schmerz- und Migränemitteln in stationären (Grazzi et al. 2002, Lake et al. 2009) und tagesklinischen Settings (Grazzi et al. 2009) ergeben sich Hinweise auf Vorteile durch eine multimodale Behandlung.

In Anlehnung an Lake (Lake 2006) sind für die Indikationsstellung einer psychologischen Behandlung operational Kriterien hilfreich (siehe ▶ Tab. 57.4). Allerdings beruhen diese Überlegungen lediglich auf klinischer Erfahrung und sind nicht evidenzbasiert. Ein „einfacher“ Patient ist nach diesem Modell prinzipiell bereit und fähig, seine Kopfschmerzerkrankung zu managen, und ist im Wesentlichen durch äußere Umstände oder Unwissen in den Übergebrauch geraten. Diese Patienten sind geeignet für einen ambulanten Entzug. Sie benötigen zwar auch eine verhaltenstherapeutische Begleitung (z. B. Selbstbeobachtung, Edukation, Verhaltensempfehlung), die aber nicht zwingend von einem Psychotherapeuten geleistet werden muss.

Tab.-57.4

Bei Patienten mit Kopfschmerzen durch Übergebrauch von Schmerz- und Migränemitteln, die die Kriterien in ▶ Tab. 57.4 erfüllen ist davon auszugehen, dass sie prinzipielle Probleme haben, mit Schmerzen oder Stress funktional umzugehen und demzufolge auch Medikamenteneinnahmeregeln einzuhalten. Diese Patienten sind Kandidaten für einen tagesklinischen oder stationären Entzug und benötigen einen direkten psychotherapeutischen Kontakt, in dem über das Ausmaß der psychologischen Interventionen entschieden wird. In Einzelfällen (z. B. bei Vorliegen einer schweren Depression, Angst- oder Persönlichkeitsstörung) kann die Überführung in ein engmaschiges psychotherapeutisches Setting nötig werden.

Interventionsbausteine einer psychologischen Behandlung von Patienten mit Übergebrauch von Schmerz- und Migränemitteln sind

Rückfälle

Die Datenbasis zur Beurteilung des Rückfallrisikos ist klein und beschränkt sich auf klinische Fallserien mit meist nur wenigen Dutzend Patienten und Nachbeobachtungszeiten zwischen 1 Monat und 6 Jahren. Die Rückfallraten variieren stark von 4 % bis zu 49 % (Evers u. Marziniak 2010). Der größere Anteil der Patienten wird bereits im ersten Jahr trotz einer erfolgreichen Entzugstherapie rückfällig. Weitere Studien mit längerer Betreuung der entzogenen Patienten bis zu einem Zeitraum von 6 Jahren zeigen Rückfallraten im Durchschnitt von etwa 32 % (Katsarava et al. 2005). In einer kleinen klinischen Fallserie zeigten die Patienten mit Triptanübergebrauch eine deutlich bessere Langzeitprognose im Vergleich zu Patienten mit einem Analgetika- bzw. Ergotaminübergebrauch (Katsarava et al. 2005), allerdings müssen diese Ergebnisse in weiteren größeren Studien bestätigt werden. Eine intensive Edukation der Patienten hinsichtlich des Gebrauchs von Akutmedikation und Anleitung zu nicht medikamentösen Prophylaxeverfahren sowie eine regelmäßige Nachbetreuung der Patienten konnten nach 12–18 Monaten Nachbeobachtungszeit zeigen, dass die Rückfallrate auf 9 % gesenkt werden kann (Gaul et al. 2011) Nach dem Entzug sollte der Patient ein Kopfschmerztagebuch führen und seine Medikamenteneinnahme kontrollieren. Die Einnahme von Schmerz- oder Migränemitteln sollte nur an maximal 10 Tagen erfolgen.

Besonderheiten für die Schweiz

Noch vor wenigen Jahren wurde bei einer geringen Anzahl schwerstbetroffener Kopfschmerz-Patienten mit Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln nach dem Akutentzug eine psychosomatische Rehabilitation durchgeführt. Seit 2005 hat sich für Patienten, die nach stationärem Entzug rückfällig geworden sind, eine Kopfschmerz-Neurorehabilitation als Standard etabliert und wird von den meisten Kassen sowie auch der Schweizerischen Unfall Versicherung (SUVA) bei Kopfschmerz-Patienten mit Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln nach Schädel-Hirn-Trauma unterstützt. Sie basiert auf einem Verständnis der Kopfschmerzen als neurobiologische Erkrankungen und besteht aus evidenzbasierten Modulen pharmakotherapeutischer und nicht pharmakologischer prophylaktischer Maßnahmen sowie Edukation. Eine wissenschaftliche Untersuchung der Wirksamkeit der Rehabilitation als Gesamtes wird aktuell durchgeführt.

Besonderheiten für Österreich

In der Entzugsbehandlung von chronischen Kopfschmerzen durch Übergebrauch an Schmerzmitteln wird (noch) die stationäre Entwöhnungstherapie zur Erreichung einer Medikamentenpause bevorzugt. Topiramat soll als primäres Prophylaktikum eingesetzt werden, OnabotulinumtoxinA wird bis dato nicht erstattet, ein Reformprozess ist derzeit im Gange.

Redaktionskomitee

Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Neurologische Klinik und Westdeutsches Kopfschmerzzentrum (WKZ), Universitätsklinikum Essen
Prof. Dr. Stefan Evers, Klinik und Poliklinik für Neurologie, Universitätsklinikum Münster und Krankenhaus Lindenbrunn, Coppenbrügge
Dr. Günther Fritsche, Psychologische Schmerztherapie und WKZ, Neurologische Universitätsklinik Essen (für die DGPSF)
Dr. Charly Gaul, Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein
Prof. Dr. Gunther Haag, Michael-Balint-Klinik, Königsfeld
Dr. Dagny Holle, Neurologische Klinik und Westdeutsches Kopfschmerzzentrum (WKZ), Universitätsklinikum Essen
Prof. Dr. Zaza Katsarava, Neurologische Klinik, Evangelisches Krankenhaus Unna
Prof. Dr. Peter Kropp, Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, Universität Rostock
Prof. Dr. Volker Limmroth, Neurologische Klinik, Krankenhaus Köln-Merheim
Dr. Martin Marziniak, Abteilung für entzündliche Erkrankungen des Nervensystems und Neuro-Onkologie, Universitätsklinikum Münster
Prof. Dr. Arne May, Klinik für Neurologie und Institut für Systemische Neurowissenschaften, Universitätsklinikum Eppendorf, Hamburg
Dr. Uwe Meier, Neurologe, Grevenbroich (für den BDN)

Für die Schweiz:
PD Dr. Peter Sandor, RehaClinic, Kantonsspital Baden AG, Baden
Dr. Andreas Gantenbein, Klinik für Neurologie, Universitätsspital Zürich

Für Österreich:
PD Dr. Christian Lampl, Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Linz

Federführend: Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Neurologische Klinik und Westdeutsches Kopfschmerzzentrum (WKZ), Universitätsklinikum Essen, Hufelandstraße 55, 45122 Essen, E-Mail:

Entwicklungsstufe der Leitlinie: S1

Es handelt sich um eine gemeinsame Leitlinie der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG), der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), des Berufsverbandes der Neurologen (BDN), der Deutschen Gesellschaft für Psychologische Schmerztherapie und -Forschung (DGPSF), der Österreichischen Kopfschmerzgesellschaft (ÖKSG) und der Schweizer Kopfwehgesellschaft (SKG).

Finanzierung der Leitlinie

Diese Leitlinie entstand ohne Finanzierung durch Dritte

Methodik der Leitlinienentwicklung

Recherche und Auswahl der wissenschaftlichen Belege

Die Leitlinie stützt sich auf eine systematische Literatur-Recherche in PubMed mit den Suchbegriffen chro-nic daily headache, medication overuse, medication overuse headache, chronic mig-raine. Diese Literatur-Recherche war im Rahmen der Erstellung einer Übersichtsar-beit für die Zeitschrift Nature Reviews Neurology durchgeführt worden.

Verfahren der Konsensfindung

Diese Leitlinie wurde durch die Beteiligten erarbeitet und in mehreren Zirkulations-zyklen und Telefonkonferenzen überarbeitet und abgestimmt. Die endgültige Abstimmung erfolgte bei einem face-to-face-meeting während des Dreiländer-Treffens Kopfschmerz in Pontresina am 30.03.2012

Literatur

Aus: Hans-Christoph Diener, Christian Weimar (Hrsg.): Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie, Herausgegeben von der Kommission "Leitlinien" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Thieme Verlag, Stuttgart, September 2012