Kapitel: Kopfschmerzen und andere Schmerzen

Anhaltender idiopathischer Gesichtsschmerz

Entwicklungsstufe: S1
Stand: September 2012
Verlängert: 11. Februar 2014
Gültig bis: 29. September 2017
AWMF-Registernummer: 030/032
Federführend
Prof. Dr. Claudia Sommer; Würzburg


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COI-Erklärung

Inhaltsverzeichnis

Was gibt es Neues?

Epidemiologie

In einer populationsbasierten holländischen Studie lag die Inzidenz der persistierenden idiopathischen Gesichtsschmerzen bei 4,4/100.000 Personenjahre (Vergleich Trigeminusneuralgie: 21,7). Der Anteil unter allen Patienten mit Gesichtsschmerzen betrug 11 %, davon waren 90 % Frauen, das mittlere Alter bei Diagnosestellung lag bei 45,4 Jahren (Koopman et al. 2009).

Therapie

Hypnose führte in einer einfach blinden Studie nach 4 Wochen zu mehr Schmerzlinderung als Entspannungstraining (Abrahamsen et al. 2008).

 Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick

Definition

Anhaltender idiopathischer Gesichtsschmerz ist nach der Neuauflage der IHS-Klassifikation Headache (Classification Committee of the International Headache Society 2004) definiert als Gesichtsschmerz, der nicht die Charakteristika einer Neuralgie besitzt und nicht durch eine andere Erkrankung bedingt ist (▶ Tab. 53.1). Der Begriff löste die Bezeichnung „atypischer Gesichtsschmerz“ der ersten Auflage der Klassifikation ab.

Tab.-53.1

Bei der Diagnosestellung müssen die bekannten primären Gesichtsschmerzsyndrome sowie sekundäre Gesichtsschmerzen aufgrund fassbarer struktureller oder anderer spezifischer Ursachen ausgeschlossen werden. Nach den Diagnosekriterien der IHS (Headache Classification Committee of the International Headache Society 2004) ist der Schmerz täglich vorhanden, überwiegend kontinuierlich, einseitig und schlecht lokalisierbar. Sensibilitätsstörungen oder andere Ausfälle liegen nicht vor. Zusatzuntersuchungen inklusive Röntgendiagnostik von Gesicht und Kiefer sind unauffällig. Eine Verletzung oder Operation von Gesicht, Kiefer und Zähnen kann den Schmerz ausgelöst haben, aktuell darf jedoch kein pathologischer Lokalbefund zu erheben sein.

Diese Leitlinie behandelt nicht die Therapie der differenzialdiagnostisch zum anhaltenden idiopathischen Gesichtsschmerz zu betrachtenden Syndrome.

Diagnostik, Pathogenese und Epidemiologie

Die Diagnose stützt sich auf die Anamnese sowie einen unauffälligen Untersuchungsbefund. Charakteristisch ist ein überwiegend unilateraler Dauerschmerz, der schlecht lokalisierbar ist und typischerweise Auge, Nase, Wange, Schläfe und Kiefer betrifft. Die Oberkieferregion ist bevorzugt; ein Seitenwechsel und ein Auftreten an mehreren Stellen gleichzeitig sind möglich. Der Schmerz unterbricht den Schlaf nur selten und ist tagsüber kontinuierlich mit wechselnder Intensität vorhanden. Der Schmerz wird oft als tief und bohrend beschrieben. Manche Patienten benutzen affektive Deskriptoren wie „quälend“ oder „zermalmend“. Einschießende Sekundenschmerzen und Triggerzonen wie bei Trigeminusneuralgie sollen nach der IHS-Definition nicht auftreten. Sehr häufig wird jedoch von den Patienten eine Verschlimmerung der Schmerzen durch Kälteeinwirkung beschrieben. Sensible Ausfälle oder andere lokale pathologische Zeichen dürfen nicht vorhanden sein. In manchen Kollektiven werden jedoch auch attackenartig auftretende Schmerzen, Dysästhesien und oberflächlich empfundene Schmerzen bei Patienten beschrieben, die im Übrigen die früheren IHS-Kriterien für „atypischen Gesichtsschmerz“ erfüllten (Pfaffenrath et al. 1992).

Apparative Untersuchungen

Elektrophysiologische Untersuchungen werden von einigen Autoren empfohlen, um eine eventuelle neurogene Komponente bei einer Subgruppe von Patienten nachzuweisen (Jääskeläinen et al. 1999, Jääskeläinen 2004). Die klinische Bedeutung dieser Untersuchungen ist noch nicht gesichert.

Zum Ausschluss von behandelbaren Ursachen für Gesichtsschmerzen sind je nach Lokalisation augenärztliche, Hals-Nasen-Ohren-ärztliche oder zahnärztliche Untersuchungen mit entsprechender bildgebender Diagnostik erforderlich (▶ Tab. 53.2). Dabei ist aber stets kritisch zu überprüfen, ob ein pathologischer Untersuchungsbefund tatsächlich kausal mit dem Gesichtsschmerz in Zusammenhang steht.

Tab.-53.2 thumb

Differenzialdiagnose

Zur Differenzialdiagnose gehören alle primären Gesichtsschmerzsyndrome und Gesichtsneuralgien sowie alle symptomatischen Ursachen für Gesichtsschmerz (Zebenholzer et al. 2005) (▶ Tab. 53.2). Häufig als anhaltender idiopathischer Gesichtsschmerz fehldiagnostiziert werden die chronisch-paroxysmale Hemikranie (CPH, Therapieoption Indometacin!), Mikroläsionen im Bereich der Mundschleimhaut oder schmerzhafte Myoarthropathien des Kausystems/kraniomandibuläre Dysfunktionen (Türp et al. 2006) (▶ Tab. 53.2).

Ursachen

Die Pathogenese der anhaltenden idiopathischen Gesichtsschmerzen ist definitionsgemäß unbekannt. Wahrscheinlich verbergen sich hinter dieser Diagnose verschiedene Schmerzsyndrome, denen unterschiedliche Pathomechanismen zugrunde liegen. Manche Autoren nehmen eine psychogene Ursache an (Feinmann et al. 1984, Lascelles 1966), andere postulieren eine neurogene Ursache (Sardella et al. 2009). Viele der Patienten haben ein Trauma oder Operationen im HNO- oder Zahn-, Mund- und Kiefergebiet hinter sich. Bei diesen persistierenden postoperativen Schmerzen werden Verletzungen terminaler Nerven diskutiert. Allerdings war häufig ein Schmerz der Auslöser für die erste Operation, dessen ursprüngliche Ursache wiederum unklar ist. Der Gesichtsschmerz kann auch Teil eines generalisierten Schmerzsyndroms sein. Nach invasiven Eingriffen an Zähnen (z. B. Extraktion, Wurzelspitzenresektion, Wurzelkanalbehandlung) kann sich eine lokalisierte Form des Gesichtsschmerzes entwickeln, die sogenannte atypische Odontalgie, bei der ein dem Phantomschmerz vergleichbarer Pathomechanismus angenommen wird (Türp 2005).

Eine PET-Untersuchung zeigte erhöhten Blutfluss im anterioren Zingulum und reduzierten Blutfluss im präfrontalen Kortex, wobei unklar ist, ob dies Ursache oder Folge der chronischen Gesichtsschmerzen ist (Derbyshire et al. 1994). Eine weitere PET-Studie zeigte eine Vermehrung der Dopamin-D2-Rezeptor-Dichte im linken Putamen und eine Verminderung des D1/D2-Quotienten als Hinweis auf zentrale Veränderungen bei anhaltendem idiopathischem Gesichtsschmerz (Hagelberg et al. 2003).

Epidemiologie

Nach aktuellen Daten aus einer populationsbasierten Studie aus den Niederlanden lag die Inzidenz der persistierenden idiopathischen Gesichtsschmerzen bei 4,4/100.000 Personenjahre, in derselben Untersuchung lag die Inzidenz der Trigeminusneuralgie bei 21,7. Der Anteil unter allen Patienten mit Gesichtsschmerzen betrug 11 %, davon waren 90 % Frauen, das mittlere Alter bei Diagnosestellung betrug 45,4 Jahre (Koopman et al. 2009), was älteren Daten entspricht (Harness et al. 1990). In 50 % der Fälle treten symptomfreie Phasen entweder spontan oder unter Behandlung auf und halten Wochen bis Monate an (Harness et al. 1990, Feinmann 1993). Die meisten Patienten werden initial von Zahnärzten oder Hals-Nasen-Ohren-Ärzten behandelt. Zuweisungen zur Neurologie erfolgen oft erst nach umfassender Diagnostik und verschiedenen (oft unnötigen) Eingriffen wie Zahnextraktionen, Wurzelkanalbehandlungen, nach Versorgung mit intraoralen Okklusionsschienen und Kieferprothesen, nach Thermokoagulation des N. trigeminus und wiederholten Kieferhöhlen-Operationen (Pfaffenrath et al. 1993).

Bei einem Teil der Patienten liegen zusätzliche Schmerzsymptome vor, wie chronischer Rücken- oder Nackenschmerz, eine Myoarthropathie des Kausystems, Migräne, ein Colon irritabile oder eine Dysmenorrhö (Feinmann 1993). Es ist daher wichtig, im Anamnesegespräch nach entsprechenden Symptomen zu fragen. Psychische Erkrankungen sollen bei Patienten mit anhaltenden idiopathischen Gesichtsschmerzen gehäuft vorkommen. 16 % der Patienten leiden unter affektiven Störungen, 15 % unter somatoformen Störungen, 6 % erleiden eine Psychose, weitere 16 % andere psychische Störungen (Remick u. Blasberg 1985). Ähnliche Zahlen gibt es jedoch für viele chronische Schmerzsyndrome. Eine kausale Beziehung zwischen der psychischen Erkrankung und dem Gesichtsschmerz kann hierdurch nicht belegt werden.

Therapie

Wo immer möglich, sollte die zugrunde liegende Ursache behandelt werden (wobei es sich in diesem Fall definitionsgemäß nicht mehr um einen idiopathischen Gesichtsschmerz handelt, aber Patienten können mit dieser Zuweisungsdiagnose kommen). Ein ausführliches Aufklärungsgespräch stellt bei Patienten mit langer Vorgeschichte und frustranen diagnostischen Prozeduren bzw. ebenso frustranen Therapieversuchen (Antibiotika wegen „Sinusitis“, Extraktion gesunder Zähne) den ersten therapeutischen Schritt dar. Dabei muss klargestellt werden, dass beim anhaltenden idiopathischen Gesichtsschmerz eine organische Schmerzursache nicht fassbar ist, wiederholte apparative Untersuchungen nicht zweckmäßig sind und operative Eingriffe ohne eine klar fassbare schmerzassoziierte Läsion nicht durchgeführt werden dürfen, zumal sie die Beschwerden sogar unterhalten können.

Pharmakotherapie

Für die pharmakologische Behandlung kann keine auf hoher Evidenz basierende Empfehlung gegeben werden, da die einzigen systematisch untersuchten Medikamente mit mäßigem Erfolg, Phenelzin und Dothiepin (Antidepressiva), in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht zugelassen sind (▶ Tab. 53.3). Ein Therapieversuch mit einem trizyklischen Antidepressivum sollte analog zum Kopfschmerz vom Spannungstyp (s. entsprechende Leitlinie) und anderen chronischen Gesichtsschmerzen (Sharav et al. 1987) gemacht werden (Guler et al. 2005). Venlafaxin zeigte in einer kleinen kontrollierten Studie eine mäßige Wirkung bei der Behandlung des anhaltenden idiopathischen Gesichtsschmerz (Forssell et al. 2004). Alternativ kann Duloxetin verwendet werden, insbesondere bei komorbider Depression (Volpe 2008).

Tab.-53.3 thumb

Antikonvulsiva wie Carbamazepin, Oxcarbazepin, Gabapentin, Pregabalin oder Topiramat (Volcy et al. 2006) können ebenfalls versuchsweise eingesetzt werden, ggf. auch in Kombination mit einem Antidepressivum (▶ Tab. 53.4). Ein positiver Effekt von lokal aufgetragener Capsaicin-Salbe oder Clonidin-Creme ist lediglich in offenen Studien beschrieben (Sommer 2002).

Tab.-53.4

Invasive Maßnahmen

Die vorhandenen Daten zu invasiven Maßnahmen (ganglionäre lokale Opioidanalgesie [GLOA], CT-gesteuerte perkutane trigeminale Traktotomie-Nukleotomie, Radiofrequenz-Rhizotomie) reichen noch nicht aus, um diese Verfahren zu empfehlen (Kanpolat et al. 2005, Elsner et al. 2006, Teixeira et al. 2006).

Verhaltenstherapie, Hypnose

Verhaltenstherapeutische Maßnahmen werden empfohlen, um Ängste abzubauen und den Patienten zu einer realistischeren Schmerzeinschätzung und zur Schmerzbewältigung zu verhelfen (Paulus et al. 2002). Hypnose führte in einer einfach blinden Studie nach 4 Wochen zu mehr Schmerzlinderung als Entspannungstraining (Abrahamsen et al. 2008).

Versorgungskoordination

Die meisten Patienten können ambulant behandelt werden. Stationäre Aufnahmen können bei Schmerzexazerbationen die Ausnahme sein.

Redaktionskomitee

Für die DGN:
Prof. Dr. Claudia Sommer, Neurologische Klinik der ­Universität Würzburg

Für den BDN:
Dr. Volker Pfaffenrath, Neurologe, München

Für die DMKG:
PD Dr. Arne May, Institut für Systemische Neurowissenschaften, Universitätsklinik Hamburg (UKE)

Für die DGSS:
Prof. Dr. Jens C. Türp, Universitätskliniken für Zahn­medizin, Universität Basel

Für die Schweiz:
PD Dr. Stefan Engelter, Neurologische Klinik, Universitätsspital Basel

Für Österreich:
Univ.-Prof. Dr. Christian Wöber, Universitätsklinik für Neurologie Wien

Federführend: Prof. Dr. Claudia Sommer, Neurologische Klinik der Universität, Josef-Schneider-Straße 11, 97080 Würzburg, E-Mail:

Entwicklungsstufe der Leitlinie: S1

Finanzierung der Leitlinie

Diese Leitlinie entstand ohne Einflussnahme oder Unterstützung durch die Industrie.

Methodik

S1-Leitlinie

Es erfolgte eine PubMed Recherche für die Jahre 2007-2011 mit den Suchkriterien „idiopathic facial pain“ und „atypical facial pain“ und anschließender Sichtung durch die Autoren.

Literatur

Aus: Hans-Christoph Diener, Christian Weimar (Hrsg.): Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie, Herausgegeben von der Kommission "Leitlinien" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Thieme Verlag, Stuttgart, September 2012