Kapitel: Schlafstörungen

Restless-Legs-Syndrom (RLS) und Periodic Limb Movement Disorder (PLMD)

Entwicklungsstufe: S1
Stand: September 2012
AWMF-Registernummer: 030/081
Federführend
Prof. Dr. Claudia Trenkwalder; Kassel


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Clinical Pathway
COI-Erklärung

Inhaltsverzeichnis

Was gibt es Neues?

Diagnose/Zusatzuntersuchungen

Genetik

Im Rahmen genomweiter Assoziationsstudien wurden genetische Risikovarianten in genomischen Regionen identifiziert, in denen die Gene MEIS1, BTBD9, SCOR1/MAP2K5, PTPRD und TOX3 annotiert sind. Die genaue Funktion dieser Gene im Zusammenhang mit dem RLS ist bisher nicht bekannt. Es handelt sich um häufige genetische Varianten mit Allelfrequenzen > 10 % in der Allgemeinbevölkerung.

Therapie

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick

  1. einen Bewegungsdrang der Beine, meist assoziiert mit sensiblen Störungen unterschiedlicher Qualität oder Schmerzen,
  2. der ausschließlich in Ruhe und Entspannung auftritt und
  3. durch Bewegung gebessert wird oder sistiert.
  4. Eine zirkadiane Rhythmik mit Überwiegen der Symptome am Abend und in der Nacht ist Teil der Erkrankung.

Definition und Klassifikation

Begriffsdefinition

Das Restless-Legs-Syndrom (RLS) zählt mit einer altersabhängigen Prävalenz von
3–10 % der kaukasischen Bevölkerung zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen (Berger u. Kurth 2007). Der Schweregrad kann sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Das RLS ist charakterisiert durch einen erheblichen Bewegungsdrang der Beine, seltener auch der Arme, der ausschließlich in Ruhesituationen auftritt, durch Bewegung gebessert oder beseitigt wird und abends bzw. nachts besonders ausgeprägt ist. Unter Bewegungsdrang wird ein unangenehmes bis qualvolles Unruhe-, Spannungs- oder/und Druckgefühl der Beine verstanden (meist in der Tiefe lokalisiert), das den Betroffenen zur Bewegung nötigt, um Linderung zu erfahren. Ist eine Linderung durch Bewegung nicht möglich, werden Bewegungsdrang und Missempfindungen immer unerträglicher und/oder schmerzhafter, bis die Betroffenen diese nicht aushalten können und sich besonders in länger erzwungenen Ruhesituationen (z. B. bei der Dialyse, im Theater, bei Busreisen etc.) bewegen oder umhergehen müssen. Bei der Mehrzahl der RLS-Patienten (88 % in der REST-Studie, Hening et al. 2004, Allen et al. 2005) ist der Bewegungsdrang der Beine (und ggf. Arme) verbunden mit unterschiedlichen unangenehmen Empfindungen tief im Inneren der Beine; so werden Parästhesien wie Kribbeln, Ziehen, Stechen bis hin zu krampfartigen Beschwerden und Schmerzen geklagt. Oft haben die Patienten Probleme, diese Missempfindungen zu beschreiben. Diese sensorischen Erscheinungen müssen nicht zwingend vorhanden sein, wenn sie aber beschrieben werden, müssen sie mit dem Bewegungsdrang assoziiert sein. Bei ca. 80 % der RLS-Patienten lassen sich polysomnografisch oder aktimetrisch eine erhöhte Anzahl von periodischen Beinbewegungen (Periodic Limb Movement, PLM) im Schlaf (PLMS s. u.) und im Wachzustand (PLMW) nachweisen.

Schwer betroffene RLS- Patienten vermeiden deshalb grundsätzlich Situationen, die ein langes Stillsitzen erfordern. Besonders unangenehme Situationen können für RLS-Patienten Theaterbesuche, lange Bus- oder Flugreisen, Versammlungen oder Sitzungen sein; bei sehr ausgeprägten Symptomen wird ruhiges Sitzen, Liegen oder Schlafen fast unmöglich.

Insgesamt werden die Belastungen durch das RLS von Betroffenen nicht nur durch den Bewegungsdrang und die Parästhesien der Beine (und ggf. Arme), sondern auch durch die Folgeerscheinungen wie Schlafstörungen, fehlende Entspannungsmöglichkeiten und Leistungsinsuffizienz am Tage erlebt. Bei Patienten mit RLS wurden vermehrt schwerwiegende Funktionsstörungen mit erhöhtem Unfallrisiko im Haushalt oder Verkehr sowie Einbußen der Arbeitsproduktivität oder Verlust des Arbeitsplatzes bei einer erheblich eingeschränkten Lebensqualität beschrieben (Berger u. Kurth 2007).

Ein RLS kann bereits bei Kindern und Jugendlichen auftreten (Picchietti et al. 2007), wobei die RLS-Symptomatik in dieser Altersgruppe auch als „Hyperaktivitätssyndrom“ oder „Wachstumsschmerzen“ verkannt werden kann.

Klassifikation

Siehe Diagnosekriterien.

Aspekte, die diese Leitlinie nicht behandelt

Diese Leitlinie behandelt keine ursächlichen und pathophysiologischen Aspekte, ebenso keine tierexperimentellen Studien zu RLS. Die Pathophysiologie wird nur einführend am Rande genannt.

Pathophysiologie

Die Pathophysiologie des RLS ist bisher noch unbekannt, jedoch haben neurophysiologische, zirkadiane, pharmakologische und bildgebende Studien zum Verständnis der Erkrankung beigetragen.

Aufgrund der guten therapeutischen Wirksamkeit von dopaminergen und opioidergen Substanzen geht man von einer Beteiligung der entsprechenden Neurotransmittersysteme aus. Beim idiopathischen RLS wurden bisher keine strukturellen Veränderungen des zentralen Nervensystems beschrieben. In bildgebenden Untersuchungen mittels SPECT sowie PET-Technik fanden sich vereinzelt grenzwertig erniedrigte dopaminerge striatale Rezeptorbindungen, die auf eine Funktionsstörung im striatalen dopaminergen System hinweisen, sich aber teilweise widersprechen. Sonografische, laborchemische und einzelne neuropathologische Untersuchungen sind auch mit einem verminderten Eisenspeicher im Gehirn von RLS-Patienten vereinbar. Neurophysiologische Befunde sprechen für eine Disinhibition bzw. Sensibilisierung/Übererregbarkeit spinaler Bahnen mit Beteiligung des nozizeptiven Systems und peripherer Nerven. Untersuchungen der mechanischen Schmerzschwelle konnten bei RLS-Patienten eine ausgeprägte Pinprick-Hyperalgesie nachweisen.

Über 50 % der Patienten mit einem idiopathischen RLS haben eine positive Familienanamnese. Beim RLS handelt es sich um eine komplexe genetische Erkrankung. Im Rahmen von genomweiten Assoziationsstudien sind genetische Risikovarianten in 6 genomischen Regionen identifiziert worden, in denen die Gene MEIS1, BTBD9, SCOR1/MAP2K4, PTPRD und TOX3 annotiert sind (Winkelmann et al. 2007). MEIS 1 und SCOR1 haben eine wichtige Funktion in der embryonalen Entwicklung des zentralen Nervensystems, die Rolle dieser Gene im Zusammenhang mit dem RLS ist noch nicht bekannt.

Kardiovaskuläre Risiken: Mehrere epidemiologische und auch polysomnografische Studien zeigten eine Assoziation des RLS und der PLMS zu Hypertonie und kardiovaskulären Ereignissen(Walters u. Rye 2009). Die Assoziation zur arteriellen Hypertonie ist jedoch inkonsistent und kardiovaskuläre Erkrankungen werden in den jeweiligen epidemiologischen Studien oft nicht näher bezeichnet, sodass man derzeit keinen eindeutigen Rückschluss auf gemeinsame oder überlappende pathologische Mechanismen ziehen kann.

Diagnostik

Einen Überblick über das diagnostische Procedere gibt das Flussdiagramm in ▶ Abb. 6.1.

Abb. 6.1 Flussdiagramm zum diagnostischen Procedere bei RLS.

Abb.-6.1

Diagnosekriterien

Das RLS ist eine klinische Diagnose, die vorwiegend auf den subjektiven Aussagen des Patienten beruht. Basis der Diagnostik ist eine ausführliche und gezielte Anamnese.
Obwohl klar definierte essenzielle Diagnosekriterien (▶ Tab. 6.1) vorliegen, gibt es noch immer Probleme in der Anwendung dieser Kriterien. Gründe dafür sind:

  1. Die Symptome sind in erster Linie subjektiv, beruhen fast ausschließlich auf Patientenangaben, wobei Patienten Schwierigkeiten haben, die unangenehmen Empfindungen, die mit dem Bewegungsdrang einhergehen, angemessen zu beschreiben. Dieser Bewegungsdrang ist mit kaum einer anderen lästigen oder unangenehmen Störung vergleichbar, somit fehlen den Patienten meist auch beschreibende Analogien. Ein Charakteristikum des Bewegungsdranges ist zudem, dass die Patienten ihre Beschwerden nicht als Symptome einer Erkrankung wahrnehmen. Seitens ihrer Umwelt wird der Bewegungsdrang manchmal als individuelle Besonderheit (wie z. B. auch Übergewicht oder allgemeine Nervosität) denn als Symptom einer für die Betroffenen belastenden Erkrankung mit Einschränkung der Lebensqualität eingeschätzt. Walters hat die Situation von RLS-Patienten treffend als „nightwalkers" beschrieben: Die Patienten erleiden ihre Symptome weitgehend unbemerkt von ihrem sozialen Umfeld. Nicht über das RLS informierte Patienten beschreiben im ärztlichen Gespräch eher Folgen des Bewegungsdrangs, in erster Linie Schlafstörungen.
  2. Parästhesien werden gelegentlich gleichwertig oder sogar als bedeutender eingeschätzt als der Bewegungsdrang. Muskelkrämpfe oder Schmerzen in den Beinen sind häufig Anlass für Fehlinterpretationen im Sinne eines RLS, insbesondere wenn sie in Ruhe oder nachts auftreten. Hening hat dafür den Begriff „RLS mimics" eingeführt.
  3. Weiterführende häufige Symptome oder auch Konsequenzen obiger Symptome können die Folgenden sein: Schlafstörungen, psychische Symptome (Depression, Angst), Tagesmüdigkeit und -schläfrigkeit.

Tab.-6.1

Diese kurze Darstellung von Problemen bei der Identifizierung von RLS-Symptomen und deren Abgrenzung gegen Differenzialdiagnosen präzisiert die diagnostische Aufgabe beim RLS: Es geht darum, sowohl ein Überdiagnostizieren („falsch positive“ Diagnosen) wie auch ein Unterdiagnostizieren („falsch negative“ Diagnosen) zu vermeiden.

Unterstützende Kriterien beinhalten

Der wichtigste Unterschied zu den essenziellen Kriterien ist, dass die unterstützenden Kriterien nicht zwingend bei jedem RLS-Patienten auftreten müssen. Eine positive Familienanamnese wurde für bis zu 2 Drittel der Betroffenen berichtet.

Zur Evaluierung eines Ansprechens auf dopaminerge Behandlung wurde der L-Dopa-Test eingeführt, der eine hohe Sensitivität (80–88 %) und eine 100%ige Spezifität zeigt. Nahezu alle RLS-Patienten zeigen einen zumindest initial positiven therapeutischen Effekt nach Gabe von L-Dopa oder niedrigen Dosen von Dopaminagonisten. Der initiale Effekt bleibt jedoch nicht immer konstant.

Zusätzliche Kriterien („associated features“) wie ein unauffälliger neurologischer Befund, ein bisher nicht eindeutig charakterisierter klinischer Verlauf (keine Studien verfügbar) und Schlafstörungen können die Diagnose erhärten. Der Verlauf der Erkrankung kann erheblich variieren. Der durchschnittliche Beginn der Beschwerden wird bei Patienten mit familiärem RLS vor dem 30. Lebensjahr angegeben, die Beschwerden können schon in der Kindheit oder im Jugendalter beginnen. Das RLS verläuft in der Regel chronisch-progredient, kann jedoch (besonders zu Beginn der Erkrankung) nur mild ausgeprägt und von wochen- bis monatelangen weitgehend symptomfreien Intervallen unterbrochen sein. Meist werden die Patienten zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr therapiebedürftig.

Zur Durchführung einer polysomnografischen Diagnostik ▶ siehe dort.

Periodic Limb Movements (PLM)

Bei einer Schlafableitung (Polysomnografie) können periodische Bewegungen der Beine im Schlaf (PLMS) oder im Wachen (PLMW) auch ohne die typische RLS-Symptomatik (insbesondere Bewegungsdrang) registriert werden (zur Übersicht siehe Hornyak et al. 2006). Sie stellen ein zwar sehr häufig mit der RLS-Symptomatik assoziiertes, jedoch unspezifisches Phänomen dar.

Inwieweit PLM eine pathogenetische Bedeutung beim RLS haben bzw. auf einen gemeinsamen ätiologischen Zusammenhang hindeuten, ist bislang noch ungeklärt. PLMS ohne klinisches RLS (oder ohne eine andere Erkrankung als Ursache für die periodischen Beinbewegungen wie z. B. obstruktive Schlafapnoe) werden mit gleichzeitig bestehenden Schlafstörungen und/oder Tagesmüdigkeit in der International Classification of Sleep Disorders (ICSD-2, 2005) als eigenständiges Syndrom „Periodic Limb Movement Disorder“ (PLMD) definiert. Es gibt Hinweise dafür, dass PLMD (ohne die typischen sensorischen Symptome eines RLS) möglicherweise eine Vorstufe eines RLS darstellen bzw. ein Endophänotyp eines RLS-Genotyps sind. Da insbesondere keine relevanten neuen Therapiestudien zur isolierten PLMD publiziert wurden, wird hier nur kurz auf die neuen Definitionskriterien eingegangen (▶ Tab. 6.2).

Tab.-6.2

Während die Häufigkeit von PLM mit dem Alter zunimmt und bei ca. 30 % der über 50-Jährigen beobachtet werden kann, wird die diagnostische Bedeutung bzw. klinische Relevanz und gegebenenfalls vorhandene Therapiebedürftigkeit dieser Phänomene ausschließlich durch die klinischen Beschwerden bestimmt. Dabei können betroffene Patienten über unterschiedlich stark ausgeprägte Schlafstörungen bzw. Tagesschläfrigkeit klagen; zwischen der Anzahl der PLMS und dem Auftreten klinisch relevanter Schlafstörungen scheint allerdings keine direkte Korrelation zu bestehen. Dem Auftreten von PLMS ohne weitere klinische Beschwerden wird keine pathologische Wertigkeit zugeschrieben. PLM in den Wachphasen (PLMW) sind bisher nur bei RLS-Patienten beschrieben worden, ob sie diagnosespezifisch sind, ist fraglich. Es existieren keine Normwerte für PLM, PLMS oder PLMW für verschiedene Altersgruppen. In verschiedenen Studien werden Werte eines PLMI (Periodic Limb Movement Index) von bis zu 5/h als normal angegeben, derzeit werden jedoch Werte von über 10/h als pathologisch angesehen und als Einschlusskriterien für Studien verwendet. Ein erhöhter PLMS-Index wurde bei einer Reihe von internistischen und schlafmedizinischen Erkrankungen, mit zunehmendem Alter und als Nebenwirkung von Medikamenten, z. B. (serotonergen) Antidepressiva, beschrieben. PLMS wurden zudem mit erhöhter Herzfrequenzvariabilität und nächtlicher Blutdruckerhöhung in Zusammenhang gebracht. Bei Dialyse-Patienten ist eine PLMD mit erhöhter Mortalität assoziiert.

Klinische Untersuchung

Der neurologische Befund ist beim idiopathischen RLS in der Regel unauffällig. Im Hinblick auf die sekundären RLS-Formen bzw. aus differenzialdiagnostischen Überlegungen sollte sorgfältig nach einer Polyneuropathie und nach Radikulopathien gesucht werden.

Der psychopathologische Befund ist bei Patienten mit einem RLS meistens unauffällig. Es sind jedoch Studien publiziert, die von einem erhöhten Neurotizismus-Score bei RLS-Patienten berichten, ebenso von vermehrter Ängstlichkeit und Depression. Ob dies Symptome des RLS sind, oder die Folgen chronischer Schlafstörungen, kann derzeit nicht entschieden werden.

Die Lebensqualität von behandlungsbedürftigen RLS-Patienten ist deutlich vermindert.

Restless-Legs-Diagnose-Index

Der Restless-Legs-Diagnose-Index (Benes u. Kohnen 2009) (▶ Abb. 6.2) eignet sich, um die Diagnose eines RLS zu stellen und um generell „Mimics“ bzw. Differenzialdiagnosen auszuschließen. Der RLS-DI beruht auf einer Befragung der Patienten im Hinblick auf die essenziellen Diagnosekriterien sowie Schlafstörungen und familiärer Belastung. Als objektivere Informationen beinhaltet das 10-Item umfassende Verfahren das Ansprechen auf dopaminerge Therapien (entweder aufgrund von Vorbehandlungen oder einem L-Dopa-Test), das Vorliegen einer klinisch relevanten Anzahl von PLMS in einer Schlaflabor­untersuchung sowie Befunde einer neurologischen Untersuchung zum Ausschluss anderer Erkrankungen.

Abb. 6.2 Restless-Legs-Diagnose-Index (RLS-DI) (Benes u. Kohnen 2009).

Abb.-6.2a

Abb.-6.2b

Die Schwere der Ausprägung des RLS (eine korrekte Diagnose vorausgesetzt) kann anhand einer von der Internationalen Restless Legs Syndrome Study Group validierten Schweregradskala (IRLS) quantifiziert werden (▶ Abb. 6.3). Es sind weitere Schweregradskalen (RLS-6) und auch Messverfahren zur Messung der Lebensqualität von RLS-Patienten (QoL-RLS) entwickelt worden.

Abb. 6.3 International RLS Severity Scale (IRLS). Der Beurteilungsbogen zum Schweregrad des RLS kann in verschiedenen Sprachen bezogen werden bei MAPI-Research Trust, .

Abb.-6.3a

 Abb.-6.3b

Zusatzuntersuchungen

Elektromyografie und Elektroneurografie

Die Elektromyografie und die Elektroneurografie sollten bei entsprechenden klinischen Hinweisen zur differenzialdiagnostischen Abgrenzung von Polyneuropathien durchgeführt werden. Eine Polyneuropathie ist gehäuft assoziiert mit einem RLS, kann aber andererseits auch RLS-ähnliche Symptome imitieren (RLS-Mimics), am häufigsten wohl beim Diabetes mellitus. Angaben zur Häufigkeit in epidemiologischen Studien sind hierzu nicht verfügbar.

Laboruntersuchungen

Zum Ausschluss sekundärer RLS-Formen sollten folgende Werte bestimmt werden:

Relevante Laboruntersuchungen bei Erkrankungen, die häufig mit RLS assoziiert sind:

Polysomnografie

Die Durchführung einer Polysomnografie (PSG) kann bei einigen Patienten erforderlich sein (siehe Konsensus der Arbeitsgruppe „ Motorik und Schlaf" der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, Hornyak et al. 2001). Dies sind:

  1. Patienten mit einem „atypischen" RLS (z. B. kein Ansprechen auf dopaminerge Therapie) oder anhaltender Schlafstörung unter Therapie
  2. Patienten mit Tagesmüdigkeit als Leitsymptom und gering ausgeprägter RLS-Symptomatik
  3. junge Patienten mit einem schweren RLS vor Beginn einer Dauertherapie mit dopaminergen Substanzen oder Opiaten
  4. Patienten mit RLS und zusätzlichem Verdacht auf schlafbezogene Atmungsstörungen
  5. Patienten, bei denen eine gutachterliche Stellungnahme erfolgen soll (Happe et al. 2006)

Die polysomnografische Untersuchung kann die Ausprägung der Schlafstörung feststellen und weitere schlafbezogene Erkrankungen ausschließen, die Tagesschläfrigkeit verursachen können, vor allem ein Schlafapnoesyndrom oder zahlreiche PLM mit assoziierten Arousal-Reaktionen. Eine RLS-spezifische PSG-Befundkonstellation zeigt ein fragmentiertes Schlafprofil mit häufigen Stadienwechseln, häufigen Wachphasen, vermehrtem Anteil an Stadium 1 und verlängerter Schlaflatenz.

Der Nachweis von PLMS trägt zur Unterstützung der Diagnose bei, insbesondere wenn ein Bezug zu Arousals ersichtlich wird. PLM-assoziierte Arousals und Weckreaktionen führen häufig zur Schlaffragmentierung und können für den nicht erholsamen Schlaf der schwer betroffenen RLS-Patienten verantwortlich sein (Montplaisier et al. 1997). PLMS sind aber nicht obligat, da ca. 20 % der RLS-Patienten PLMS-Werte im Normbereich aufweisen. PLMS sind nicht spezifisch, weil sie auch ohne RLS auftreten können.

Aktigrafie und Immobilisationstests

Als Alternativen zu dem technisch aufwendigen Verfahren der Polysomnografie kann eine Fuß-Aktigrafie durchgeführt werden. Nachteil dieses Verfahrens ist, dass es den Bezug der Beinbewegungen zu den Schlafstadien sowie zu Arousals nicht erfasst. Eine andere Alternative zur Polysomnografie sind die Immobilisationstests (Erfassung der Ausprägung der sensiblen Symptome und PLM-Messung im Wachzustand).

L-Dopa-Test

Das Ansprechen auf L-Dopa wird in der klinischen Praxis gelegentlich zum diagnostischen Nachweis eines RLS verwendet, insbesondere wenn eine dopaminerge Therapie bisher nicht erfolgte bzw. der initiale Therapieeffekt nicht eindeutig eruierbar ist.

Eine einmalige Gabe von 100 mg L-Dopa wird nach Einsetzen der Beschwerden verabreicht, danach das Ansprechen anhand von Schweregradskalen bestimmt. Durch den Test kann bei bisher unbehandelten Patienten in 90 % die vermutete Diagnose eines RLS pharmakologisch unterstützt werden (Sensitivität 88 %, Spezifität 100 % bei einer Verbesserung um > 50 % auf der Schweregradskala). Eine fehlende Besserung (d. h. < 50 % Besserung mit L-Dopa) schließt ein RLS jedoch nicht sicher aus.

Differenzialdiagnosen

Die häufigste und wichtigste Differenzialdiagnose des RLS ist die Polyneuropathie (PNP). Erschwerend kann bei der Abgrenzung sein, dass einige Patienten sowohl eine PNP als auch eine eindeutige RLS-Symptomatik aufweisen.

Restless-Legs-Syndrome bei Komorbiditäten

Für die tägliche Praxis sind folgende Krankheitsbilder und eine Reihe von Medikamenten hervorzuheben, die mit einer erhöhten Inzidenz eines RLS einhergehen (▶ Tab. 6.3):

Tab.-6.3

Eisenmangel: Der Zusammenhang zwischen Eisenmangel und dem Auftreten eines RLS ist ausreichend belegt Als Indikator für den peripheren Eisenspeicher, der proportional dem zerebralen Eisenspeicher ist, wird der Ferritinspiegel im Blut verwendet. Ferritin ist allerdings ein akute Phase-Protein, d. h., es steigt auch bei Entzündungen an und kann falsch hohe Werte signalisieren. Daher wird häufig die Transferrinsättigung als alternativer Parameter vorgeschlagen. Eine positive Korrelation zwischen dem Liquor-Ferritinspiegel und dem Serum-Ferritinspiegel bei RLS-Patienten und Kontrollen konnte gezeigt werden, wobei RLS-Patienten insgesamt niedrigere Ferritinspiegel im Liquor aufweisen (Earley et al. 2000).

Urämie: Fortgeschrittene Nierenerkrankungen, insbesondere das Endstadium einer renalen Erkrankung mit Dialysepflicht, Zunahme des RLS bei steigendem Kreatininwert.

Periphere Neuropathien: Neuropathien können – bei einer insgesamt begrenzten Datenlage – ebenfalls mit einem RLS-Syndrom verbunden sein. Möglicherweise besteht auch eine erhöhte Komorbidität von RLS und Neuropathie bei ähnlicher klinischer Symptomatik. Eine RLS-Symptomatik wurde berichtet bei axonaler Neuropathie, bei der kryoglobulinämischen Neuropathie, der familiären Amyloid-Neuropathie, der Small-Fiber-Neuropathie und der Charcot-Marie-Tooth-Krankheit Typ 2. Einschränkend ist anzuführen, dass die Prävalenz des RLS bei peripherer Polyneuropathie mit Angaben zwischen 5,2 % und 40 % stark variiert. Eine neuere Studie zeigt, dass nur bei den genetisch bedingten Neuropathie-Formen ein erhöhter Prozentsatz von RLS auftritt. Erworbene Neuropathien unterscheiden sich hinsichtlich der RLS-Häufigkeit nicht von Kontrollen. Bei RLS-Patienten mit Small-Fiber-Neuropathie fand sich im Unterschied zu Patienten mit idiopathischem RLS neben einer mechanischen Hyperalgesie auch eine verminderte Empfindung für Temperatur bei den entsprechenden Testverfahren.

Neurodegenerative Erkrankungen, Parkinson-Krankheit: In der Pathophysiologie des RLS wird eine Dysfunktion des dopaminergen Systems angenommen. Es wird daher diskutiert, inwieweit das RLS und die Parkinson-Krankheit ätiopathologisch zusammenhängen oder eine Komorbidität beider Entitäten vorliegt. RLS ist mit einer Prävalenz von bis zu 10 % eine häufige Krankheit, im Vergleich dazu ist die Parkinson-Krankheit mit einer Prävalenz von 0,1 % selten. Die Prävalenz des RLS bei Parkinson-Patienten liegt in Studien mit ausreichender methodologischer Qualität bei etwa 5–10 % und damit im Bereich der Prävalenz der allgemeinen Bevölkerung (Iranzo et al. 2007).

Derzeit liegen keine sicheren Daten vor, dass ein Patient mit RLS ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Parkinson-Krankheit besitzt. Möglicherweise begünstigt die pulsatile Gabe von L-Dopa bei Parkinson-Patienten mit einer Disposition für ein RLS das Auftreten einer RLS-Symptomatik. Nachvollziehbar ist, dass die Symptome des RLS insbesondere beim Abklingen des Dopaminspiegels („wearing off“) auftreten (Peralta et al. 2009).

Psychische Erkrankungen: Abschließend ist zu betonen, dass bei RLS Patienten vermehrt auch Angststörungen und/oder Depressionen diagnostiziert werden. Ob es sich hierbei um eine Assoziation oder einen kausalen Zusammenhang handelt, ist derzeit nicht klar.

Medikamentös induziertes RLS: Siehe ▶ Tab. 6.4.

Tab.-6.4 thumb

RLS versus Neuroleptika-induzierte Akathisie

Akathisie bedeutet wörtlich: „Unmöglichkeit, sitzen zu bleiben“. Patienten mit Neuroleptika-induzierter Akathisie leiden meist nicht an Schlafstörungen. Klinisch ist die Akathisie durch eine Kombination aus Bewegungsunruhe – insbesondere der Beine – in Verbindung mit innerer Unruhe definiert. Letztere differenziert die Neuroleptika-induzierte Akathisie neben anderen Kriterien vom Restless-Legs-Syndrom. Betroffene Patienten haben Schwierigkeiten, eine ruhige Position im Sitzen und im Stehen beizubehalten, und müssen entweder aufstehen, herumgehen, ständig das Standbein wechseln oder im Sitzen ständig die Beine bewegen (überkreuzen, vor-/zurückziehen oder auf- und abtreten) oder den Oberkörper im Sitzen nach vorne und hinten schaukeln („body rocking“). Auch repetitive Bewegungen der Hände oder Hecheln können vorkommen. Im Gegensatz zum RLS bestehen dabei keine Missempfindungen. Eine zirkadiane Rhythmik fehlt.

Therapie

Allgemeine Empfehlungen

Bei der medikamentösen Therapie handelt es sich um eine rein symptomatische Therapie. Die Indikation zur Therapie stellt sich aus dem subjektiven Leidensdruck, insbesondere dem Ausmaß des Bewegungsdrangs und der Schlafstörungen. Anamnestisch ist zuvor zu klären, ob Substanzen eingenommen werden, die ein RLS verstärken oder auslösen können (▶ Tab. 6.4); diese sind nach Möglichkeit abzusetzen. Einschränkend muss angemerkt werden, dass die meisten in der Tabelle genannten Substanzen auf Einzelfallberichten beruhen und viele davon auch vor 1995, d. h. vor der Publikation erster einheitlicher Diagnosekriterien für RLS, berichtet wurden. Vor allem bei Patienten unter Antidepressiva wird ein Absetzen nur dann empfohlen, wenn die Behandlung nicht mehr nötig oder ein zeitlicher Zusammenhang der antidepressiven Therapie mit dem Auftreten oder einer Verschlechterung des RLS gesichert ist.

Bei symptomatischem RLS kann die Behandlung einer zugrunde liegenden oder assoziierten Erkrankung zu einer Beschwerdereduktion führen (z. B. Eisensubstitution bei Eisenmangel oder bei niedrig normalen Ferritinwerten, Nierentransplantation bei urämischem RLS).

Für jede Behandlung gilt generell: Die Einstellung der Dosis ist für jeden Patienten individuell zu optimieren. In Deutschland sind L-Dopa in Kombination mit Benserazid (Restex und Restex retard) in der Standard- und Retardform sowie die nicht ergolinen Dopaminagonisten Pramipexol (Sifrol) und Ropinirol (Adartrel) sowie Rotigotin (Neupro) als Pflaster für die Indikation RLS zugelassen. Darüber hinaus liegen placebokontrollierte klinische Studien mit dem Ergot-Dopaminagonisten Cabergolin vor (▶ Tab. 6.5), der teilweise noch off-label verabreicht wird, wenn Patienten langjährig eine gute Wirkung berichten und das Medikament in Abstimmung mit ihrem Arzt nicht absetzen möchten. Bei unzureichendem Ansprechen auf Dopaminergika oder Komplikationen können Opioide oder Antikonvulsiva ggf. in Kombinationstherapie versucht werden. Für Opioide liegen kontrollierte Erfahrungen bisher nur mit Oxycodon und Tramadol vor. Obwohl Opioide in der Praxis bei RLS häufig verwendet werden und insbesondere zur Therapie der Augmentation eine Behandlungsalternative zu Dopaminergika darstellen, sind nur wenige Daten verfügbar. Unter den Antikonvulsiva sind Pregabalin und Gabapentin-Enacarbil (XP13512, ein Prodrug von Gabapentin in retardierter Form) in kontrollierten Studien bisher am besten untersucht (▶ Tab. 6.5). Gabapentin Enacarbil wurde im April 2011 von der FDA unter dem Handelsnamen Horizant in den USA zugelassen. In Deutschland steht diese Substanz nicht zur Verfügung.

Tab.-6.5 Teil-1

 Tab.-6.5 Teil-2

Tab.-6.5 Teil-3

Aus theoretischen Überlegungen und eigenen Erfahrungen könnten Opioide oder Antikonvulsiva bei schmerzhaftem RLS oder bei RLS-Patienten mit begleitender Polyneuropathie besonders geeignet sein. Kurz- bis mittellang wirksame Benzodiazepinrezeptoragonisten können in Einzelfällen bei Insomnie in Kombinationstherapie kurzzeitig indiziert sein. In einer Umstellungsstudie konnte gezeigt werden, dass Pramipexol jedoch wirksamer ist als Benzodiazepine (Shinno et al. 2010). Kombinationen von Medikamenten aus verschiedenen Wirkstoffklassen sind bislang wissenschaftlich nicht untersucht.

Spezielle Empfehlungen für die Behandlung unterschiedlicher Schweregrade

RLS mit intermittierenden Beschwerden oder leichtes RLS (IRLS < 15)

Für diese Gruppe von RLS-Patienten liegen keine extra ausgewiesenen Therapiestudien vor. Die bedarfsgerechte Therapie mit L-Dopa/Benserazid ist jedoch – ausschließlich bei entsprechendem Leidensdruck des Patienten – möglich. Im Gegensatz zu den zugelassenen Dopaminagonisten, die nur für das mittelgradig bis schwer ausgeprägte RLS (gemessen anhand der IRLS-Skala) zugelassen sind, existieren für L-Dopa/Benserazid keine Zulassungseinschränkungen. Die frühen L-Dopa-Studien haben die Patientenpopulation nicht nach Schweregrad, sondern nach Art der Symptomatik eingeschlossen.

Cave

Die Tagesdosis von L-Dopa sollte 200–300 mg nicht überschreiten, da sonst ein höheres Risiko für Augmentation besteht (Garcia-Borreguero et al. 2007a).

Mittelgradig bis schwer ausgeprägtes RLS (IRLS ≥ 15)

Für die Therapie des RLS mit IRLS ≥ 15 sind die Non-Ergot-Dopaminagonisten Pramipexol (Sifrol), Ropinirol (Adartrel) und Rotigotin-Pflaster (Neupro) zugelassen.

Die empfohlenen Dosen bei RLS sind deutlich niedriger als bei der Parkinson-Therapie. Schon mit geringen Dosierungen kann bereits eine Wirksamkeit erzielt werden. Deshalb empfiehlt sich, immer die Wirksamkeit der niedrigst möglichen Dosis abzuwarten und nach dem in der Fachinformation enthaltenen Aufdosierungsschema vorzugehen (z. B. Therapiebeginn mit 0,25 mg Ropinirol, 0,088 mg Pramipexol oder 1 mg/24 h Rotigotin). Die klinische Erfahrung zeigt, dass bei Patienten mit abendlichen Symptomen auch eine Aufteilung der Dosis mit Einnahme der oralen Medikation um 18.00 Uhr und kurz vor dem Zubettgehen sinnvoll und wirksam ist. Bei ausgeprägtem RLS mit Symptomen tagsüber kann aufgrund der kontinuierlichen Wirkstoffabgabe die Pflasterapplikation von Vorteil sein.

Therapie mit L-Dopa/DDCI

In einer aktuell erschienenen Cochrane-Metaanalyse wurden 6 placebokontrollierte und 3 aktiv kontrollierte randomisierte Studien analysiert (Scholz et al. 2011b). L-Dopa zeigte in diesen Studien eine Wirksamkeit von –1,34 Punkten auf der 11-Punkte-Lickert-Skala (2 Studien), eine Reduktion des PLMS-Index von 26,3/h und eine deutliche Besserung der Schlafqualität (standardized mean difference 0.92). Im Vergleich zu den Dopaminagonisten Cabergolin und Pramipexol war L-Dopa in jeweils einer Vergleichsstudie weniger effektiv (Scholz et al. 2011b). Während L-Dopa nicht aufdosiert werden muss und wenig Nebenwirkungen zeigt, besteht eine kürzere Wirkdauer als bei Dopaminagonisten sowie ein höheres Risiko, eine Augmentation zu entwickeln (siehe Augmentation, ▶ siehe dort).

Therapie mit Dopaminagonisten

Dosierung

Die empfohlene Initialdosis von Pramipexol (Sifrol) beträgt eine halbe Tablette Sifrol 0,18 mg einmal täglich (abends). Bei nicht ausreichender Wirkung kann die Dosis auf eine ganze Tablette Sifrol 0,18 mg und in Abständen von 4 Tagen weiter bis auf eine maximale Tagesdosis von 0,54 mg erhöht werden.

Die empfohlene Initialdosis von Ropinirol (Adartrel) beträgt 0,25 mg abends. Die Dosis wird laut Empfehlung aus den Studien am Tag 3 auf 0,5 mg, ab der 2. Woche auf 1 mg, ab der 3. Woche auf 1,5 mg und ab der 4. Woche auf 2 mg gesteigert. Um eine optimale Wirkung zu erzielen, kann eine weitere Dosiserhöhung (z. B. ab Woche 5: 2,5 mg, ab Woche 6: 3 mg, ab Woche 7: 4 mg) notwendig werden. Dosierungen über 4 mg wurden in den Zulassungsstudien für RLS nicht untersucht.

Die jeweiligen Retardpräparate von Pramipexol und Ropinirol sind für die RLS-Behandlung nicht untersucht und nicht zugelassen und werden von der Leitliniengruppe nicht zur RLS-Therapie empfohlen.

Die empfohlene Initialdosis von Rotigotin-Pflaster (Neupro) beträgt 1 mg/24 h. Die Dosis kann wöchentlich um 1 mg/24 h bis auf eine maximale Tagesdosis von 3 mg/24 h erhöht werden. Der Pflasterwechsel erfolgt täglich. Eine höhere Dosis wird nicht empfohlen.

Kontrollierte Studien

▶ Tab. 6.5 gibt eine Übersicht über placebokontrollierte, randomisierte Studien mit einer ausreichend großen Fallzahl, bei denen entweder objektive polysomnografische Parameter erfasst wurden oder die IRLS Anwendung fand. Es sind alle kontrollierten Studien aufgeführt, die bis einschließlich 01.05.2011 in PubMed gelistet waren.

Die Mehrzahl der Daten für Ropinirol, Pramipexol und Rotigotin stammen aus den Zulassungsstudien der Industrie. Neben den in ▶ Tab. 6.5 aufgezeigten Studien konnten auch in Studien mit einem sog. kontrollierten Abbruch der Behandlung („withdrawal design“) die effiziente Behandlung der RLS-Symptome mit Pramipexol und Ropinirol nachgewiesen werden.

Die 2011 erschienene, nach Richtlinien der Cochrane Collaboration durchgeführte Metaanalyse der bis 2009 online oder in wissenschaftlichen Journalen publizierten randomisierten kontrollierten Studien zeigt die ausreichende, insgesamt jedoch moderate Wirksamkeit von Dopaminagonisten in der Behandlung des RLS mit einer Reduktion der IRLS von –5,7 Punkten (95% KI –6,7 bis –4,7) verglichen mit Placebo, einer Reduktion des PLMS-Index um –22,4/h (95% KI –27,8 bis –16,9) verglichen mit Placebo sowie einer leichten bis moderaten Besserung der selbst berichteten Schlafqualität und der RLS-bezogenen Lebensqualität versus Placebo (Scholz et al. 2011a). Anzumerken ist jedoch, dass eine große Variabilität in der Effizienzstärke der einzelnen Studien besteht.

Eine anhaltende Wirksamkeit der Therapie wurde in offenen Langzeitstudien für Ropinirol über 52 Wochen, für Pramipexol über 52 Wochen und für Rotigotin über 2 Jahre (Högl et al. 2010) und bis zu 5 Jahre (Oertel et al. 2011) beschrieben.

Für den Ergot-Dopaminagonisten Cabergolin liegen ebenfalls kontrollierte Studien mit nachgewiesener Wirksamkeit bei RLS vor. Wegen der möglichen fibrotischen Nebenwirkungen an Herzklappen besteht derzeit keine Indikation zur Therapie bei RLS, weiterhin liegt auch keine Zulassung für diese Indikation vor. Einige Patienten, die bereits vor der Zulassung der Non-Ergot-Agonisten erfolgreich mit Cabergolin behandelt wurden, nehmen das Präparat unter regelmäßiger echokardiografischer Kontrolle der Herzklappen weiter ein.

Zusammenfassend muss bei der Therapie mit Dopaminagonisten bei RLS betont werden, dass eine individuelle Titration und Dosisanpassung und ggf. auch zeitliches Splitting der Dosis notwendig sein können, um eine optimale Beschwerdelinderung zu erreichen. Ein derartig individuell differenziertes Therapieregime bildet sich in den derzeitigen Therapiestudien nicht ab.

Eine Kombinationstherapie wird in der Praxis häufig durchgeführt, wenn eine Monotherapie mit einer Substanz keine ausreichende Wirkung oder Nebenwirkungen zeigt. Studien hierzu liegen nicht vor. Die häufigsten Kombinationen bestehen aus Dopaminagonisten und opiathaltigen Substanzen, alternativ werden auch Dopamin­agonisten und Gabapentin oder Dopaminagonisten und Pregabalin verabreicht. Eine konkrete Empfehlung für eine Kombinationsmöglichkeit oder Dosis kann hier nicht gegeben werden.

Nebenwirkungen

Beim klinischen Einsatz ist neben der Wirkung auf die RLS-Beschwerden auch das Nebenwirkungsprofil zu berücksichtigen und es gilt natürlich auch zu prüfen, auf welche Datenbasis sich die erhobenen Ergebnisse stützen.

Die Nebenwirkungen sämtlicher Dopaminagonisten – insbesondere in den ersten 4 Wochen der Behandlung – umfassen überwiegend Übelkeit, Benommenheit und orthostatische Dysregulation. Bei manchen Patienten persistieren diese Nebenwirkungen, sodass entweder eine zusätzliche Gabe von Domperidon erfolgen sollte oder der Dopaminagonist abgesetzt werden muss. Eine häufige Nebenwirkung der Pflastertherapie sind Hautreaktionen an der Applikationsstelle.

Störungen der Impulskontrolle wie z. B. Kauf-, Spiel- oder Esssucht, Libidosteigerung oder Verhaltensveränderungen in diesen Bereichen stellen eine seltene, aber ernst zu nehmende Nebenwirkung aller Dopaminagonisten dar. Gegebenenfalls ist der Dopaminagonist abzusetzen.

Spezifische Nebenwirkung bei der RLS-Therapie: Augmentation

Die Augmentation gilt als wichtigste Komplikation insbesondere dopaminerger Therapien. Sie wurde für L-Dopa, aber auch für Dopaminagonisten beschrieben. Neuere Diagnosekriterien wurden 2007 publiziert (Garcia-Borreguero et al. 2007a). Augmentation bezeichnet einen früheren Beginn der Symptomatik im 24-Stunden-Verlauf, ein schnelleres Einsetzen der Beschwerden, wenn sich die Patienten in Ruhe befinden und/oder ein Ausdehnen der Beschwerden auf andere Körperbereiche unter stabiler Therapie. Eine Wiederzunahme der Intensität der Beschwerden gilt als weiteres Symptom der Augmentation, kann aber auch ein Nachlassen der Wirksamkeit der aktuellen Dosierung des verabreichten Medikaments sein (Toleranz). Die frühen Berichte erlauben keinen Vergleich der Häufigkeit von Augmentation unter verschiedenen Substanzen, da ihnen sehr unterschiedliche Formen der Erfassung und unterschiedliche Definitionen von Augmentation zugrunde lagen. Auch die sehr niedrigen Zahlen, die in Studien berichtet wurden, die Augmentation nur dann erfassten, wenn sie als Nebenwirkung vom Untersucher selbst benannt wurde, erlauben keinen Rückschluss auf die wahre Häufigkeit. Erst seit wenigen Jahren werden Studien durchgeführt, die die Augmentation nach gängigen Definitionskriterien mit geeigneten Instrumenten und möglichst auch prospektiv erfassen. In einer prospektiven Studie der Europäischen RLS-Studiengruppe betrug die Augmentationsrate bei Therapie des RLS mit L-Dopa 60 % über 6 Monate, wobei die mittlere Dosis mit 311 mg/d und die maximale Dosis mit 500 mg/d sehr hoch waren (Garcia-Borreguero et al. 2007b, Högl et al. 2010).

Neben der L-Dopa-Dosis ist ein niedriger Ferritinwert als hinreichend gesicherter Risikofaktor für die Entwicklung der Augmentation anzusehen. Um die Entwicklung einer Augmentation möglichst zu verhindern, ist es erforderlich, die Dosis des verwendeten Dopaminagonisten so niedrig wie möglich zu halten und darauf zu achten, dass die Eisenspeicher nicht depletiert sind (Ferritin > 50 µg/l wurde für die RLS-Therapie empfohlen, es gibt aber keine Erkenntnis, ob zur Verhinderung der Augmentation höhere Grenzwerte besser wären). Bei relevanter Augmentation ist eine Umstellung der Therapie die Methode der Wahl. Bei Augmentation unter L-Dopa sollte man auf Dopaminagonisten, evtl. auch in niedrigeren Dosierungen mit Dose Splitting, umstellen. Unter Pramipexol betrug die Augmentationsrate in einer placebokontrollierten Studie während einer 6-monatigen Behandlung 3,2 % (Högl et al. 2011), unter einer bis zu 5-jährigen Behandlung mit Rotigotin 3 mg betrug die Augmentation 5 % (Oertel et al. 2011) (unter den jeweils zugelassenen Dosierungen).

Bei Augmentation unter Dopaminagonisten sollte man auf Opiate, Gabapentin oder Pregabalin umstellen. Die Therapie mit Opiaten, Gabapentin sowie Pregabalin ist in Deutschland nicht zugelassen, wenn sie auch oft eine gute therapeutische Option darstellt und häufig angewandt wird. Studien hierzu sind noch nicht verfügbar.

Therapie mit nicht dopaminergen Substanzen

Nicht dopaminerge Substanzen sind in Deutschland für die RLS-Therapie bisher nicht zugelassen. Bei unzureichendem Ansprechen auf Dopaminergika können Opioide angewandt werden. Kontrollierte Erfahrungen in einer einzigen Studie mit wenigen Patienten liegen bisher nur mit Oxycodon vor (Walters et al. 1993).

Alternativ können Gabapentin (bis 1800 mg) oder Pregabalin (bis 450 mg) (Allen et al. 2010, Garcia-Borreguero et al. 2010) verabreicht werden.

Kurz wirksame Benzodiazepine oder strukturverwandte Substanzen können in Einzelfällen in einer Kombinationstherapie indiziert sein, wenn unter dopaminerger Therapie vermehrte nächtliche Wachphasen oder Einschlafstörungen auftreten. Diese oder andere Kombinationen von Medikamenten aus verschiedenen Wirkstoffklassen sind bislang wissenschaftlich nicht untersucht.

Die Wirksamkeit einer i. v. Gabe von 1000 mg Eisensucrose (aufgeteilt in 5 Einzeldosen à 200 mg in Woche 1–3) wurde erstmalig in einer placebokontrollierten Studie bei RLS-Patienten mit einem Ferritinwert < 45 μg/l untersucht. 11 Wochen nach Behandlungsbeginn konnte jedoch trotz Erhöhung des Ferritinwertes im Mittel von 20,1 auf 118,4 μg/l kein statistisch signifikanter Effekt gezeigt werden. Eine IRLS-Verbesserung um ≥ 50 % hatten jedoch 65 % der mit Eisen behandelten Patienten gegenüber 35 % in der Placebogruppe (Grote et al. 2009).

Eine weitere Studie bestätigt die Wirksamkeit von oraler Eisensubstitution bei RLS mit Ferritinwerten von < 45 μg/l. Eine Eisensubstitutionsbehandlung bei RLS-Patienten mit höheren Ferritinwerten ist nicht systematisch untersucht und scheint zu keiner relevanten Wirkung zu führen.

Anmerkungen für Österreich

In Österreich sind L-Dopa, Pramipexol und Rotigotin spezifisch für die Behandlung des RLS zugelassen. L-Dopa (Restex Tabletten und Retardkapseln) wurde als erstes Medikament zugelassen zur Therapie des idiopathischen und des symptomatischen RLS bei dialysepflichtiger Niereninsuffizienz, wobei die Tagesdosis von L-Dopa 200–300 mg plus 50–75 mg Benserazidanteil nicht überschreiten sollte. Pramipexol (Sifrol Tabletten) sowie Rotigotin (Neupro transdermales Pflaster) wurden aufgrund der zugrunde liegenden Studien zur Behandlung des mittelschweren bis schweren RLS zugelassen, wobei die zugelassene Tageshöchstdosis bei Pramipexol 0,54 mg beträgt. Beim Rotigotin Pflaster beinhaltet die Zulassung Dosierungen von 1–3 mg pro 24 Stunden, wobei die 1-mg-Dosierung nur beim RLS und nicht bei der Parkinson-Krankheit zugelassen ist. Ropinirol (Requip) ist frei verschreibbar und erstattungsfähig, der Einsatz beim RLS ist jedoch off-label. Adartrel steht in Österreich nicht zur Verfügung. Retardformen von Pramipexol und Ropinirol sowie andere, ergoline Dopaminagonisten sind erhältlich, jedoch nicht zugelassen für die Therapie des RLS.

Anmerkungen für die Schweiz

In der Schweiz sind für die Behandlung des RLS Madopar, Madopar DR (ein Kombinationspräparat aus Standard- und Slow-Release-Madopar), Madopar LIQ, Sifrol und Adartrel offiziell kassenzulässig. Das Neupro Pflaster ist kassenzulässig bei mittelschweren und schweren Formen, wobei der Therapieeffekt mindestens alle 6 Monate überprüft werden muss. Die Retardformen Sifrol-ER bzw. Requip-Modutab oder weitere Dopaminagonisten, Antiepileptika oder Opiate sind für die Therapie des RLS nicht zugelassen.

Therapieempfehlung: Bei den L-Dopa-Präparaten sollte bei leichten (nur abendlichen Beschwerden) oder intermittierenden RLS-Formen die DR-Form wegen ihrer längeren Halbwertsdauer bevorzugt werden, wobei die Dosis 250 mg pro Tag nicht überschreiten sollte. Die Dopaminagonisten sollen wegen den relativ häufigen Nebenwirkungen sehr langsam aufdosiert werden mit dem Ziel, die kleinste wirksame Dosis zu finden. Als Antiemetikum gegen Übelkeit und Erbrechen soll ausschließlich Domperidon (Motilium) eingesetzt werden; die empfohlene Dosierung beträgt 3 × 10 mg.

Vor Beginn einer rein medikamentösen Therapie sollte der Patient nicht nur über allfällige Nebenwirkungen aufgeklärt werden, sondern auch darüber, dass der Einsatz des Medikaments nach heutigem Wissensstand den Krankheitsprozess nicht aufhält. Viele Patienten profitieren auch vom Kontakt mit den lokalen Patientenvereinigungen.

Versorgungskoordination

Die Versorgungskoordination wurde beim Restless-Legs-Syndrom bisher nicht untersucht.

Selbsthilfegruppen

Redaktionskomitee

PD Dr. Heike Beneš (DGSM, BDVN, IRLSG, DGNP), Niedergelassene Neurologin und Schlafmedizinerin, Institut für Schlafmedizin „Somnibene“, Schwerin
Dr. Heiner Buschmann, Vertreter der Allgemeinmediziner, Übach-Palenberg
Prof. Dr. Magdolna Hornyak (DGPPN, DGSM, DGSS), Interdisziplinäres Schmerzzentrum, Universitätsklinikum, Freiburg
Prof. Dr. Dr. h. c. Wolfgang H. Oertel (Präsident der DGN), Vertreter der Neurologischen Universitätskliniken, Vertreter zur Abstimmung mit dem DGN-Vorstand, Neurologische Klinik, Universität Marburg
Prof. Dr. Karin Stiasny-Kolster (DGN, DGSM), Vertreterin der niedergelassenen Neurologen und Somnologen, Somnomar, Institut für Medizinische Forschung und Schlafmedizin
Prof. Dr. Claudia Trenkwalder (DGN, DGSM, WASM, MDS), Vertreterin der Fachkliniken und stationären Somnologie, Paracelsus-Elena-Klinik, Kassel, und Universität Göttingen
Prof. Dr. Juliane Winkelmann (DGN), Vertreterin der Neurologie an Universitäten, Technische Universität München, Klinikum rechts der Isar

Für Österreich:
Prof. Dr. Birgit Högl (DGSM, ÖGN, ÖGSM/ASRA), Univ.-Klinik für Neurologie, Medizinische Universität Innsbruck

Für die Schweiz:
Prof. Dr. Johannes Mathis (Präsident der SGSSC), Neurologische Klinik, Universität Bern

Federführend: Prof. Dr. Claudia Trenkwalder, Paracelsus-Elena-Klinik, Klinikstraße 16, 34128 Kassel, E-Mail:

Entwicklungsstufe der Leitlinie: S1

Finanzierung der Leitlinie

Die einzelnen Mitglieder haben unentgeltlich die Arbeit an der Leitlinie durchführt, die Koordination und Sekretariatsarbeiten wurden von Frau Sabine Panier durch-geführt und werden der DGN in Rechnung gestellt.

Methodik der Leitlinienentwicklung

Zusammensetzung der Leitliniengruppe, Beteiligung von Interessensgruppen

s. Redaktionskomitee

Recherche und Auswahl der wissenschaftlichen Belege

Die Recherche der wissenschaftlichen Belege wurde von den einzelnen Mitgliedern der Leitliniengruppe über die PubMed und über deutsche verfügbare Publikationen durchgeführt.

Verfahren zur Konsensusfindung

Eine erste Abstimmung über die Vorgehensweise erfolgte per Email an alle Beteiligten mit der Frage nach einer Telefonkonferenz. Diese wurde am 23.02.2011 mit fast allen Beteiligten durchgeführt. Während der Telefonkonferenz wurden die Vorgehensweisen, Abstimmungsmodus und die Art der Literaturrecherche bestimmt. Es wurde festgelegt, welches Mitglied jeweils für die einzelnen Paragraphen federführend verantwortlich ist und bis wann die einzelnen Abschnitte in einer ersten Fassung vorliegen mussten. Man einigte sich darauf, dass bis Mitte April eine erste Gesamtfassung vorliegen sollte, die dann per E-Mail an alle verschickt wird und kommentiert werden kann. Die Literaturrecherche sollte in PubMed und deutschsprachigen Zeitschriften erfolgen, insbesondere sollte der inzwischen vorliegende Cochrane Review zu RLS und Dopaminagonisten mit herangezogen werden. Nach Erstellung eines ersten Entwurfes erfolgte vor allem eine Abgleichung der einzelnen Paragraphen, die überwiegend von Claudia Trenkwalder und Karin Stiasny-Kolster erfolgte. Mehrfache E-Mail-basierte Korrekturen sämtlicher Mitglieder der Expertengruppe führten zu einer finalen Fassung, die auch dem Vorstand der DGPPN und der DGN-LL Kommission zugeführt wurde. Nach den Kommentaren der DGN-LL Kommission erfolgte die Erstellung einer finalen Version, die an alle Experten wieder verteilt wurde.

Literatur

Aus: Hans-Christoph Diener, Christian Weimar (Hrsg.): Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie, Herausgegeben von der Kommission "Leitlinien" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Thieme Verlag, Stuttgart, September 2012