Kapitel: Extrapyramidalmotorische Störungen

Chorea (Morbus Huntington)

Entwicklungsstufe: S1
Stand: September 2012
AWMF-Registernummer: 030/028
Federführend
PD Dr. Carsten Saft, Bochum


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COI-Erklärung

Inhaltsverzeichnis

Was gibt es Neues?

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick

Diagnostik

Die molekulargenetische Untersuchung wird empfohlen bei typischem klinischem Bild, sofern die Familienanamnese positiv ist, aber auch bei negativer Familienanamnese, sofern keine strukturelle Läsion in der Bildgebung nachgewiesen wurde oder die Symptomatik nicht anders erklärt werden kann. Die Untersuchung darf nur nach einer ausführlichen Beratung und mit Einverständnis des Betroffenen durchgeführt werden (GenDG; Harbo et al. 2009).
(Interpretation: CAG-Blockexpansion >39 im Huntingtin-Gen bestätigt die Diagnose; bei Befund zwischen 36 und 39 liegt eingeschränkte Penetranz vor, autosomal-dominanter Erbgang; 50%iges Vererbungsrisiko bei Mutationsträgern, Antizipation mit weiterer CAG-Block-Verlängerung wird selten beobachtet, insbesondere jedoch bei paternaler Weitergabe).

Wenn nach dem molekulargenetischen Testergebnis keine Huntington-Mutation vorliegt, weitere differenzialdiagnostische Abklärung wie unten ausgeführt.

Therapie

Bislang ist keine neuroprotektive Therapie für die Huntington-Erkrankung zugelassen. Empfehlungen zur symptomatischen Therapie beruhen zumeist auf offenen Studien, Kasuistiken und Expertenwissen. Allerdings gibt es inzwischen ein erstes zugelassenes Medikament mit Klasse-Ib-Evidenz (Tetrabenazin).

Einführung

Die Differenzialdiagnose einer Chorea kann komplex sein. Hier wollen die Autoren Hilfestellungen geben für das Prozedere. Bei der Behandlung der Huntington-Erkrankung sind Nebenwirkungen und geeignete Dosierungen der Medikation zu beachten. Die Behandlung sollte symptomorientiert erfolgen. Die Behandlungsvorschläge beruhen größtenteils auf Erfahrungen von Experten, da die Datenlage aus Studien bei der Huntington-Erkrankung sehr begrenzt ist.

Definition und Klassifikation

Begriffsdefinition

Choreatische Bewegungsstörungen sind charakterisiert durch unwillkürliche, plötzliche, rasche, unregelmäßige und nicht vorhersehbare Bewegungen der Extremitäten, des Gesichts, des Halses und des Rumpfes. Die Bewegungen können sowohl in Ruhe als auch während willkürlicher Bewegungen auftreten. Sie nehmen in der Regel an Intensität durch Stress und körperliche Aktivität zu und sistieren weitgehend in tiefen Schlafstadien. Choreatische Hyperkinesen treten häufig zusammen mit dystonen Fehlhaltungen der Extremitäten oder des Rumpfes auf.

Klassifikation

Unterschieden werden kann in hereditäre (erbliche) und nicht hereditäre (nicht erbliche) Formen der Chorea; daher ist die Familienanamnese maßgeblich. Unauffällige Familienanamnesen schließen eine hereditäre Form jedoch keinesfalls sicher aus (z. B. wegen Spontanmutationen im Huntingtin-Gen in den pathogenen Längenbereich hinein bei CAG-Blockexpansion zwischen 27 und 35 in der Elterngeneration möglich [Antizipation]; Unsicherheit in biologischen Verwandtschaftsverhältnissen).

Diagnostik

Viele Patienten nehmen erste Bewegungsstörungen selbst nicht wahr, sodass zur sicheren Festlegung des Erkrankungsbeginns auch immer eine Fremdanamnese erfolgen sollte. Dieses Nicht-Wahrnehmen von Symptomen scheint bei der Huntington-Erkrankung immanent zu sein und ist in den meisten Fällen nicht durch das Verdrängen von Symptomen bedingt. Die choreatische Bewegungsstörung ist zunächst als Symptom zu betrachten, das verschiedene Ursachen haben kann. Den motorischen Störungen können kognitive und/oder psychiatrische Störungen (z. B. Depression) um Jahre vorausgehen.

Differenzialdiagnostische Abklärung bei Verdacht auf das Vorliegen einer hereditären Erkrankung

Differenzialdiagnostische Abklärung bei fehlendem Hinweis auf das Vorliegen einer hereditären Erkrankung

Autoimmun und paraneoplastisch bedingte choreatische Syndrome:

Infektiöse Ursachen:

Strukturelle Läsionen der Basalganglien:

Metabolische, endokrine und toxische Ursachen:

Medikamenten- und drogeninduzierte Chorea:

Andere Ursachen:

 Notwendige Untersuchungen

Im Einzelfall weiterführende Untersuchungen

Prädiktive, pränatale und Präimplantations-Diagnostik

Bei klinisch asymptomatischen Risikopersonen sind die Aufklärungsrichtlinien der International Huntington Association unbedingt zu berücksichtigen (IHA u. WFN Research Group 1994). Seit dem 1. Februar 2010 ist in Deutschland das neue Gendiagnostikgesetz in Kraft. Dieses Gesetz beinhaltet erweiterte Anforderungen an Patientenaufklärung, Einwilligung und Datenschutz. Die genetische Beratung ist verpflichtend durch einen dafür qualifizierten Arzt vor und nach jeder prädiktiven genetischen Untersuchung durchzuführen.

Pränatale Diagnostik auf spät manifestierende Erkrankungen (wie Huntington-Krankheit) ist in Deutschland demnach verboten (§15 Abs. 2), in Österreich und der Schweiz weiterhin wie zuvor möglich. Unklar bleibt derzeit die Situation in Deutschland bei möglicher Frühmanifestation.

Am 7. Juli 2011 stimmte der deutsche Bundestag einem Gesetzesentwurf zu, der die Präimplantations-Diagnostik (PID) im Grundsatz verbietet, sie aber in engen Grenzen zulässt, wenn aufgrund der genetischen Disposition der Eltern oder eines Elternteils eine schwerwiegende Erbkrankheit beim Kind wahrscheinlich ist. Gefordert sind u. a. eine medizinische und psychosoziale Beratung von fachlich geschulten Ärzten und das positive Votum einer interdisziplinär zusammengesetzten Ethikkommission; die PID darf nur in lizenzierten Zentren vorgenommen werden (http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/054/1705451.pdf). In Österreich und in der Schweiz ist die PID verboten, in der Schweiz wird das Verbot jedoch derzeit diskutiert.

Hinweise zum molekulargenetischen Untersuchungsbefund: Die Ergebnisse genetischer Untersuchungen dürfen nur der untersuchten Person persönlich und nur durch den untersuchenden bzw. beratenden Arzt mitgeteilt werden. Eine spätere Weitergabe der Befunde an Dritte darf nur mit schriftlicher Einwilligung des Patienten erfolgen. Arbeitgebern und Versicherungsunternehmen ist der Zugang zu genetischen Befunden grundsätzlich verwehrt. Dies gilt auch wenn eine pauschale Entbindung von der Schweigepflicht vorliegt. Nach einer Aufbewahrungsfrist von 10 Jahren müssen genetische Untersuchungsbefunde vernichtet werden. Falls jedoch mit der Vernichtung auch schutzwürdige Interessen der untersuchten Person beeinträchtigt sein könnten, müssen die Untersuchungsergebnisse gesperrt werden. Zum letzten Punkt steht eine genaue Regelung noch aus. Auch in der Schweiz (Bundesgesetz über genetische Untersuchungen beim Menschen [GUMG]) darf niemand wegen seines Erbguts diskriminiert werden, Versicherungseinrichtungen dürfen jedoch in Ausnahmefällen die Offenlegung von Ergebnissen verlangen.

Therapie

Allgemeine Empfehlungen

Die symptomatische Therapie sollte sich an der Ausprägung und Art der Befunde des einzelnen Patienten orientieren und muss im Krankheitsverlauf häufig angepasst werden (ggf. auch Dosisreduktion). Bei akuten Verschlechterungen nach Stürzen sollte auch immer ein Subduralhämatom bedacht werden. Neuropsychologische Defizite und die Demenz sind bislang pharmakologisch nicht behandelbar (Bonelli u. Wenning 2006, Bonelli u. Hofmann 2007, Mestre et al. 2009a, Mestre et al. 2009b).

Pharmakotherapie bei symptomatischer Chorea

Behandlung der Grunderkrankung, zusätzlich können Tiaprid oder Tetrabenazin zum Einsatz kommen.

Bei Chorea minor (Sydenham) können neben Dopaminantagonisten weiterhin Valproat und Carbamazepin hilfreich sein, in vereinzelten Fällen muss eine Immuntherapie mit Kortikosteroiden, ivIG oder Plasmapherese erwogen werden. Ferner wird eine prophylaktische Antibiotikatherapie aufgrund einer möglichen subklinisch aktiven Valvulitis diskutiert.

Valproat kann auch bei anderen symptomatischen Choreaformen wie bei Kernikterus, bei posthypoxischer Chorea oder bei vaskulärer Chorea hilfreich sein; Carbamazepin, Phenytoin und Clonazepam bei PKD und PNKD; Topiramat und Levetiracetam bei symptomatischer (vaskulärer) Chorea; Clonazepam und eventuell Tetrabenazin bei tardiven Dyskinesien.

Neuroprotektion bei Huntington-Erkrankung

Zurzeit ist keine Substanz zur neuroprotektiven Therapie zugelassen (Mestre et al. 2009a).

Derzeitige Studienlage

Für Coenzym Q10 (600 mg/d) zeigte sich ein positiver, jedoch nicht signifikanter Trend in einer Studie über 30 Monate (Huntington Study Group 2001). In 2 Folge-Studien wird daher derzeit Coenzym Q10 weiter untersucht.

Eine erste Pilotstudie zu Kreatin hat keinen positiven Effekt nachweisen können (Verbessem et al. 2003), auch Kreatin wird weiter untersucht.

Valide negative Studienergebnisse liegen vor für Riluzol, Baclofen, Idebenone, Lamotrigin, Remacemid, Ethyl-EPA (ungesättigte Fettsäuren) und Alpha-Tocopherol (Vitamin E) (Bonelli u. Wenning 2006, Mestre et al. 2009a, Mestre et al. 2009b). Auch Minocyclin kann nicht empfohlen werden (Huntington Study Group 2010).

Therapieverfahren, wie z. B. die stereotaktische Implantation von Stammzellen, sind weiterhin experimentell und werden in Studien evaluiert. In einer dieser Studien konnte bei 3 von 5 Probanden eine kurze Stabilisierung beobachtet werden, bevor es zur Verschlechterung kam (Bachoud-Lévi 2009).

Ein früherer Erkrankungsbeginn scheint mit einem eher passiven Lebensstil einherzugehen, andererseits schien aber auch ein passiver Lebensstil einen früheren Erkrankungsbeginn zu begünstigen (Trembath et al. 2010). Gesicherte Empfehlungen zu Lebensführung oder Ernährung können derzeit nicht gegeben werden.

Eine Vielzahl von Substanzen werden derzeit untersucht (u. a. Allel-spezifische-siRNA oder sog. Antisense-Oligonukleotide; siehe auch: www.hdlighthouse.org, http://hdbuzz.net) (Johnson u. Davidson 2010, Zuccato et al. 2010).

Symptomatische Therapie

Hyperkinesen

Zur Behandlung von choreatischen Hyperkinesen sind Tiaprid (D2/D3-Dopamin-Rezeptor-Antagonist) und Tetrabenazin (Monoamin-depletierend und schwacher Dopaminrezeptorantagonist) zugelassen. Vergleichende Studien liegen nicht vor. Die Qualität der Daten aus Studien zur antichoreatischen Behandlung ist für Tetrabenazin derzeit am besten (Bonelli u. Wenning 2006, Huntington Study Group 2006, Bonelli u. Hofmann 2007, Mestre et al. 2009a, Mestre et al. 2009b).

Die Kombination der beiden antidopaminerg wirkenden Präparate Tiaprid und Tetrabenazin kann unter Umständen sinnvoll sein, um eine Dosisreduktion der Einzelsubstanzen zur Verringerung von Nebenwirkungen zu erzielen. Studien hierzu liegen nicht vor (▶ Tab. 10.1).

Tab.-10.1 thumb

Alternativ können atypische Antipsychotika eingesetzt werden. Olanzapin (bis 30 mg/d) zeigte einen günstigen Effekt in 2 von 3 kleinen offenen Studien. Für Quetiapin, Zotepin, Ziprasidon und Aripiprazol liegen nur kleinere Studien und Fallberichte vor, die einen positiven Effekt auf die motorische Funktion beschreiben. Für Risperidon wurde in 5 Fällen ein positiver Effekt auf motorische und psychische Funktionen nach Einsatz eines Depot-Präparates beschrieben (Bonelli u. Wenning 2006, Bonelli u. Hofmann 2007, Brusa et al. 2009, Ciammola et al. 2009, Mestre et al. 2009a, Mestre et al. 2009b, Johnston 2011) Der positive Effekt wäre unter Umständen auch durch Besserung einer psychomotorischen Unruhe erklärbar, die sich dann günstig auf die Hyperkinesen auswirkt. Clozapin zeigte zur Behandlung von Hyperkinesen unbefriedigende Effekte.

Viele andere Studien mit klassischen Dopaminrezeptor­antagonisten (Trifluperidol, Thioproperazin, Phenothiazin, Trifluoperazin, Perphenazin, Chlorpromazine, Melperon) sind bezüglich des antichoreatischen Effekts nicht eindeutig, diese Substanzen sollten daher eher nicht eingesetzt werden (Leonard et al. 1975, Bonelli u. Wenning 2006).

Wegen ungünstiger Effekte auf eine häufig gleichzeitig bestehende Bradykinese sollten alle Antihyperkinetika immer nur sparsam bei subjektiv behindernden Hyperkinesen eingesetzt werden (ggf. also auch nur halbe Tabletten verordnen). Der vollständige Therapieerfolg zeigt sich möglicherweise erst nach einer Behandlungsdauer von 4–6 Wochen (siehe Anwendungsbeschreibung Tiaprid). Daher sollte eine Aufdosierung, aber auch eine Dosisreduktion, immer nur vorsichtig und schrittweise erfolgen. Aufgrund der häufig sedierenden Nebenwirkungen der Medikation, mit im Extremfall Umkehr des Tag-Nacht-Rhythmus, kann es hilfreich sein, den Schwerpunkt der Dosis auf eine vierte Gabe zur Nacht zu verlagern. Im weiteren Krankheitsverlauf mit Entwicklung eines hypokinetisch-rigiden Krankheitsbildes oder bei Parkinsonoid ist häufig eine Dosisreduktion der antidopaminergen Medikation oder der Wechsel auf Präparate mit geringerem Risiko extrapyramidaler Nebenwirkungen hilfreich. Häufig können Schluckstörungen durch eine Dosisreduktion etwas verbessert werden.

Ein vermehrter Speichelfluss kann ebenfalls eine Nebenwirkung der antidopaminergen Therapie sein und bei gleichzeitig bestehender Dysphagie unter Umständen ursächlich für die Entwicklung einer Pneumonie sein. Hilfreich kann niedrig dosiert ein trizyklisches Antidepressivum (z. B. Amitryptilin oder Imipramin), Pirenzepin oder ein Scopolamin-Pflaster sein. Auch Parasympatholytika wie z. B. nur wenige Atropintropfen lokal im Mund (z. B. Belladonnysat Tropfen) können hilfreich sein. Der Einsatz von Anticholinergika sollte mit Vorsicht erfolgen, auf mögliche kognitive/psychiatrische Nebenwirkungen ist zu achten.

Ethyl-EPA zeigte nach sechsmonatiger Therapie keine Besserung der motorischen Symptome der Patienten. Eine bisher nicht publizierte europäische Phase-III-Studie bestätigt dieses negative Ergebnis.

Die Datenlage zu Amantadin ist teilweise widersprüchlich, Amantadin scheint aber antichoreatisch wirken zu können. Auch Levetiracetam wurde als hilfreich beschrieben (Bonelli u. Wenning 2006).

Dystonie

Die Behandlung von Dystonien bei der Huntington-Erkrankung ist schwierig. Versucht werden können Tetrabenazin niedrigdosiert (Kenney et al. 2007), Amantadin, Baclofen, Clonazepam. Keine ausreichenden Erfahrungen liegen zu Botox-Injektionen oder tiefer Hirnstimulation vor. Der Einsatz von Anticholinergika sollte mit Vorsicht erfolgen, auf mögliche kognitive/psychiatrische Nebenwirkungen ist zu achten.

Depressionen, Apathie

Depressionen sind bei der Huntington-Erkrankung häufig und schwerwiegend. Hervorzuheben ist die hohe Suizidrate. Antriebsarmut kann Symptom einer Depression sein oder auch eigenständig als Apathie auftreten mit zunehmender Prävalenz im Krankheitsverlauf. Auch bezüglich der Behandlung psychischer Beschwerden gibt es kaum wissenschaftlich abgesicherte Daten. Die Empfehlungen basieren daher überwiegend auf Expertenmeinung. Die Therapie erfolgt im Wesentlichen nach den Grundsätzen der üblichen psychiatrischen Therapie, wobei MAO-Hemmer gemieden werden sollten (Kontraindikation bei Tetrabenazin).

Die antidepressive Behandlung kann mit Sulpirid (Dogmatil 400–600 mg/d) erfolgen, einem nahezu selektiven D2-Antagonisten, der daher auch die Hyperkinesen bessert. Der Einsatz von SSRIs und insbesondere von Venlafaxin (Holl et al. 2010) scheint effektiver bei schweren Depressionen zu sein. Bei gleichzeitigen Schlafstörungen kann Mirtazapin gegeben werden. Der Einsatz von trizyklischen Antidepressiva sollte vermieden werden oder nur niedrig dosiert erfolgen, da diese aufgrund des anticholinergen Wirkprofils die Hyperkinesen und potenziell auch die Kognition verschlechtern. Zur antidepressiven Therapie der Huntington-Erkrankung und auch zur Behandlung von Apathie gibt es bisher keine adäquaten Studien. In Einzelfällen wurden Bupropion und Modafinil zur Behandlung von Apathie bei Huntington-Erkrankten eingesetzt.

Zwangsartige Störungen

Es handelt sich bei diesen häufigen psychischen Störungen im Rahmen der Huntington-Erkrankung in der Regel nicht um Zwänge im klassischen Sinn der ICD-10-Definition. Bislang gibt es keine Therapiestudien, sodass Behandlungsversuche mit SSRI, atypischen Neuroleptika, Clomipramin sowie psychotherapeutische oder verhaltenstherapeutische Maßnahmen im Einzelfall in Erwägung gezogen werden können.

Angst, Unruhe, Schlafstörungen

Bei leichteren Formen können pflanzliche Mittel, Anxiolytika wie Buspiron, Hydroxyzin, nicht trizyklische Antidepressiva (z. B. Mirtazapin) und sedierende Antipsychotika mit geringem anticholinergen Nebenwirkungsprofil eingesetzt werden. Beim im Rahmen einer Nutzen-Risiko-Abwägung therapeutisch gerechtfertigten Einsatz von Benzodiazepinen oder Benzodiazepinrezeptor-Agonisten (Zolpidem, Zopiclon) kann deren Abhängigkeitsrisiko bei der chronisch-progredient verlaufenden Huntington-Erkrankung vernachlässigt werden, allerdings ist eine Toleranzentwicklung zu berücksichtigen.

Reizbarkeit, Aggressivität

Reizbarkeit und Aggressivität sind häufig ein Problem in der Versorgung von Patienten, die an der Huntington-Erkrankung leiden. Verbesserungen wurden in Einzelfällen unter Quetiapin, Risperidon, Olanzapin, Valproat, Benzodiazepinen und Betablockern, SSRI sowie Buspiron berichtet (Bonelli u. Wenning 2006, van Duijn 2010). In schweren Fällen können unter Umständen Zuclopenthixol und Haloperidol hilfreich sein (Leonard et al. 1975, Hässler u. Reis 2010). Adäquate Studien hierzu liegen nicht vor. Sehr selten auftretender Exhibitionismus wurde in einem Fall erfolgreich mit Leuprorelin, Hypersexualität mit Medroxyprogesteron behandelt (Bonelli u. Wenning 2006).

Psychosen

Psychosen sollten mit atypischen Antipsychotika behandelt werden. Aussagekräftige Studien zur Psychosebehandlung fehlen bislang. Erfahrungen liegen vor zu Olanzapin, Aripiprazol, Risperidon, Quetiapine, Clozapin und Amisulprid. Insbesondere unter Amisulprid und Risperidon (hochdosiert) sind jedoch auch extrapyramidalmotorische Nebenwirkungen zu beobachten. Clozapin kann bei schweren Psychosen aufgrund der fehlenden extrapyramidalmotorischen Nebenwirkungen hilfreich sein, allerdings sollte dann eine regelmäßige Blutbildkontrolle gewährleistet sein.

Bradykinese, Rigidität

Einzelne Fallberichte berichten über eine Verbesserung unter L-Dopa, Amantadin oder dem Dopaminagonisten Pramipexol. Diese Medikamente sollten bei der juvenilen Westphal-Variante vorwiegend zum Einsatz kommen. Als mögliche Nebenwirkung sind aber Psychosen zu beachten.

Demenz

Bislang sind keine ausreichend validen Therapieempfehlungen möglich. Es gibt für die Anwendung von Memantin keine Evidenz. Cholinesterase-Inhibitoren waren nicht wirksam (Bonelli u. Wenning 2006, Bonelli u. Hofmann 2007, Mestre et al. 2009a, Mestre et al. 2009b) In der kürzlich durchgeführten HORIZON-Studie konnte auch mithilfe des Wirkstoffs Latrepirdin (Dimebon) keine Besserung der Kognition oder Funktion erreicht werden (Pressemitteilung vom 11.04.2011).

Inkontinenz

Gelegentlich kommt es bei Patienten mit der Huntington-Erkrankung zum Auftreten von sog. „precipitate micturitions“, d. h. zu einem plötzlichen Urinabgang ohne Vorwarnung und einer Unfähigkeit, die Blasenentleerung zu stoppen, bevor die Blase völlig entleert ist. Anticholinergika sind hier unwirksam, Carbamazepin (200 mg/d) hingegen ist häufig wirksam (Bonelli u. Wenning 2006).

Nicht medikamentöse Therapieformen

Tiefe Hirnstimulation/DBS

Verfahren der tiefen Hirnstimulation bei der Huntington-Erkrankung werden zurzeit in kleineren Pilot-Studien erprobt und stellen bisher ein experimentelles Verfahren dar.

Gewichtsverlust

Patienten mit Huntington-Erkrankung sind katabol und bedürfen daher einer hochkalorischen Kost, ggf. bis zu 6–8 Mahlzeiten pro Tag und/oder hochkalorischer Nahrungsergänzung. Bei Schluckstörungen kann ein Andicken von Flüssigkeiten hilfreich sein (Quick & Dick, Nutilis o. a.). Unter Umständen kann eine frühzeitige PEG-Anlage sinnvoll sein.

Psychosoziale Betreuung

Die symptomatische Behandlung sollte neben der Pharmakotherapie auch psychologische, psychosoziale, krankengymnastische, ergotherapeutische und logopädische Maßnahmen beinhalten.

Auf Selbsthilfegruppen sollte verwiesen werden (Deutsche Huntington Hilfe: www.dhh-ev.de; Schweizerische Huntington Vereinigung: www.shv.ch; Österreichische Selbsthilfegruppen: www.huntington.at).

Nicht medikamentöse Hilfen

Huntington-Sessel (Halesworth Chair, ggf. bei Selbsthilfegruppen nachfragen), Sturzhelm, Nestbau (Kontakt zu „Bettrolle“ im Rücken kann Unruhe lindern), basale Stimulation (beruhigende Ganzkörperwaschung, atemstimulierende Einreibung), Zahnpflege frühzeitig beachten.

Versorgungskoordination

Aufgrund der schwerwiegenden Implikationen sollte die Diagnosestellung der Huntington-Erkrankung in einem Spezialzentrum erfolgen. In Deutschland, Österreich und der Schweiz bestehen inzwischen mehrere spezialisierte Zentren. Zur medikamentösen Einstellung bei komplexeren Krankheitsverläufen oder zur differenzialdiagnostischen Abklärung ist unter Umständen eine mehrwöchige stationäre Behandlung notwendig. Informationen finden sich auf den Internetseiten des European Huntington’s Disease Netzwerks (www.euro-hd.net) und der Deutschen Huntington Hilfe, e. V. (www.dhh-ev.de).

Teilnahme an klinischen Studien

Das European Huntington’s Disease Network (EHDN) koordiniert klinische Studien zu neuen Medikamenten in Deutschland und Europa und bietet die Registrierung von Patienten in klinischen Beobachtungsstudien zur Verbesserung der Diagnostik und Therapie der Huntington-Erkrankung an (www.euro-hd.net, Zentren unter: www.euro-hd.net/html/network/locations).

Redaktionskomitee

Prof. Dr. Karl-Jürgen Bär, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Klinik für Psychiatrie (stellv. Vertreter DGPPN)
Univ.-Doz. Dr. Dr. Raphael M. Bonelli, Forschungsgruppe Neuropsychiatrie, Sigmund Freud Universität, Wien
Prof. Dr. Jean-Marc Burgunder, Neurologische Klinik, Universität Bern
Prof. Dr. Matthias Dose, Huntington-Zentrum Süd, Isar-Amper-Klinikum, Klinik Taufkirchen (Vertreter DGPPN und für den wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Huntington-Hilfe)
Prof. Dr. Jörg T. Epplen, HZ NRW, Humangenetik, Ruhr-Universität Bochum (Vertreter GfH)
Prof. Dr. Hans H. Jung, Klinik für Neurologie, Universitätsspital Zürich
Prof. Dr. Christoph Kosinski, Medizinisches Zentrum ­Aachen GmbH, Klinik für Neurologie, Würselen
Prof. Dr. Bernhard Landwehrmeyer, Neurologische Universitätsklinik Ulm
Prof. Dr. Josef Priller, Abteilung für Neuropsychiatrie, Charité, Berlin
Dr. Ralf Reilmann, Huntington-Zentrum Münster, Klinik und Poliklinik für Neurologie, Universitätsklinikum Münster
PD Dr. Carsten Saft, Huntington-Zentrum NRW, Neurologische Klinik der Ruhr-Universität Bochum, St. Josef-Hospital, Bochum
Prof. Dr. Klaus Seppi, Universitätsklinik für Neurologie, Medizinische Universität Innsbruck
Prof. Dr. Rudolf Töpper, Neurologische Abteilung, Asklepios-Klinik Harburg

Federführend: PD Dr. Carsten Saft, Huntington-­Zentrum NRW, Neurologische Klinik der Ruhr-Universität ­Bochum, St. Josef-Hospital, Gudrunstraße 56, 44791 Bochum, E-Mail:

Entwicklungsstufe der Leitlinie: S1

Interessenkonflikte

Keiner der Leitlinienautoren sieht Interessenskonflikte.

Finanzierung der Leitlinie

keine

Methodik der Leitlinienentwicklung

Zusammensetzung der Leitliniengruppen, Beteiligung von Interessensgruppen

Als Fachgesellschaften bei der Erstellung der Leitlinien waren beteiligt die „Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN)", die „Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN)" und die „Gesellschaft für Humangenetik (GfH)". Beratend war beteiligt Herr H.-Jürgen Brosig, als Vorsitzender der Deutsche Huntington Hilfe e.V.

Recherche und Auswahl der wissenschaftlichen Belege

Der Leitlinientext der vorherigen Auflage wurde aktualisiert, als Quellen systematisch aufbereiteter Evidenz (Systematic Reviews) wurden die Arbeiten von Bonelli und Wenning, 2006 und Bonelli und Hofmann, 2007, sowie Mestre et al., 2009a und b (Cochrane Library gelistet; Suchbegriff „huntington" und „chorea") herangezogen. Ferner erfolgte eine Pubmed – Recherche unter dem Stichwort „huntington's disease treatment" zurückreichend bis Januar 2009. Es existieren keine Berichte des Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) zu den Themen: „Chorea", „Huntington" oder „Hyperkinesie".

Verfahren zur Konsensfindung

Der Leitlinientext der vorherigen Auflage wurde aktualisiert und an die Expertengruppe verteilt. Die von den Autoren vorgenommenen Änderungen und Ergänzungen wurden in mehreren Durchgängen wiederum mit der Möglichkeit des Feedbacks an die Expertengruppe und zuletzt an den Vertreter der Selbsthilfegruppe versandt. Letzte Veränderungen wurden in einer telefonischen Konferenz der Autoren am 18.05.2011 im nominalen Gruppenprozess besprochen und abgestimmt. Eine abschließende Korrektur erfolgte durch die Kommission Leitlinien der DGN.

Literatur

Aus: Hans-Christoph Diener, Christian Weimar (Hrsg.): Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie, Herausgegeben von der Kommission "Leitlinien" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Thieme Verlag, Stuttgart, September 2012