Kapitel: Rehabilitation

Neurogene Dysphagien

Entwicklungsstufe: S1
Veröffentlicht: September 2012
Ergänzung: August 2014
Online seit: 12.Januar 2015
Gültig bis: 31.Dezember 2016

AWMF-Registernummer: 030/111
Federführend
Dr. med. Mario Prosiegel, München


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COI-Erklärung

Inhaltsverzeichnis

Bitte beachten Sie:

Die Kapitel "Was gibt es Neues" und "Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick" sind in dieser Online-Version ergänzt worden.

Was gibt es Neues?

 

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick

  1. erfolglose funktionell orientierte Schlucktherapie,
  2. radiomanometrischer Nachweis einer Öffnungs- und Relaxationsstörung des oÖS,
  3. suffiziente Hyoid-Larynx-Exkursion,
  4. kein Reflux.

Einführung

Bei neurogenen Dysphagien ist die orale und/oder pharyngeale (selten die ösophageale) Phase betroffen. Wichtige Folgen sind: Malnutrition (Body-Mass-Index < 18,5 kg/m2, bei älteren Menschen < 20 kg/m2), Dehy­dratation, Penetration/Aspiration, Aspirationspneumonie, Abhängigkeit von Sondenernährung und/oder von Trachealkanülen, hohe Kosten für das Gesundheitssystem, eingeschränkte Lebensqualität und Tod.

Definition und Klassifikation

Begriffsdefinitionen

Klassifikation

Zur Schweregradeinteilung der neurogenen Dysphagien und zu den Störungsmustern siehe Kap. „Screening“ (▶ siehe dort) und Kap. „Funktionell orientierte Schlucktherapie“ (▶ siehe dort).

Diagnostik

Das diagnostische Vorgehen bei ätiologisch unklarer Dysphagie umfasst Eigen- und Familien-Anamnese, klinische sowie apparative Untersuchungen.

Spezielle neurologische Diagnostik

Eigen- und fremdanamnestisch ist unter anderem nach folgenden Zeichen/Symptomen zu fragen:

Eine Arzneimittelanamnese ist wichtig, da medikamenteninduzierte Myopathien (Kortison, Statine, Fibrate etc.) mit Dysphagien einhergehen können (Finsterer 2006). Zur speziellen neurologischen Untersuchung siehe Hughes und Wiles (1998) sowie Prosiegel und Weber (2010).

Screening, klinische Schluckunter­suchung und apparative Verfahren

Besteht Unklarheit bezüglich des Vorliegens einer neurogenen Dysphagie bzw. von Aspirationen, soll zunächst ein standardisiertes Screeningverfahren durchgeführt werden, wobei eine Sensitivität und Spezifität von jeweils > 70 % gefordert wird.

Folgende Screeningverfahren werden von uns empfohlen:

Bei (Verdacht auf) Vorliegen einer Dysphagie soll eine umfassende klinische Schluckuntersuchung (KSU) durch Sprachtherapeuten/Logopäden erfolgen (Anamnese, Untersuchung der am Schlucken beteiligten Strukturen einschließlich Hirnnervenstatus, Schluckversuche). Zahlreiche KSU-Protokolle wurden bisher publiziert, es existiert jedoch kein Goldstandard.

Die beiden wichtigsten apparativen Methoden zur Erfassung von Ursache, Art und Schweregrad einer neurogenen Dysphagie, zur Erstellung eines Therapieplanes sowie zur Kontrolle der Therapieeffizienz sind die Videofluoroskopie (Videofluoroscopic Swallowing Study, VFSS) und die Videoendoskopie des Schluckens (Flexible Endoscopic Evaluation of Swallowing, FEES) (Übersichten: Wuttge-Hannig u. Hannig 2010, Schröter-Morasch 2010a). Die Videodokumentation erlaubt eine Bild-zu-Bild-Analyse, die Beurteilung durch mehrere Untersucher und ist hilfreich bei der Aufklärung der Patienten/Angehörigen/Pflegepersonen über die notwendigen Therapie­maßnahmen. Der betreuende Therapeut sollte jeweils anwesend sein.

Bei der Videofluoroskopie (VFSS) werden Symptome und deren zugrunde liegende Pathophysiologie erfasst (u.a. muskuläre Schwächen/Seitendifferenzen, gestörter Zungenbasis-Rachen-Kontakt, Einschränkung der hyolaryngealen Exkursion oder der Pharynxkontraktion, Öffnungsstörung des oÖS). Außerdem wird die Wirksamkeit verschiedener Konsistenzen, Applikationsarten und von Haltungsänderungen/Schlucktechniken untersucht. Zur Verbesserung der Inter- und Intraraterreliabilität empfiehlt sich ein standardisiertes Untersuchungsprotokoll, wobei unter den publizierten bisher keines validiert ist. Zur Schweregradeinteilung von Penetrationen bzw. Aspirationen ist die Penetrations-Aspirations-Skala (PAS) von Rosenbek et al. (1996) (▶ Tab. 1) zu empfehlen. Im Falle eines Aspirationsverdachts ist statt Bariumsulfat das isoosmolare Kontrastmittel Iotrolan zu empfehlen, da auch bei erheblicher Aspiration keine pulmonalen Proble1me auftreten (Gmeinwieser et al. 1988).

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Die Videoendoskopie (FEES) wird transnasal mit dem flexiblen Endoskop durchgeführt (Langmore et al. 1988, Warnecke et al. 2009), erlaubt die direkte Beobachtung prä- und postdeglutitiver Vorgänge (intradeglutitiv wird die Sicht versperrt; „white out“) und soll in standardisierter Vorgehensweise erfolgen:

Die PAS-Differenzierung zwischen Aspiration und Penetration ist mittels FEES ebenso reliabel wie mittels VFSS; Penetrationen können mit der FEES, das Aspirationsausmaß mit der VFSS besser beurteilt werden (Colodny 2002).
VFSS und FEES ergänzen sich aufgrund jeweiliger Vorteile:

Therapie

Allgemeine Empfehlungen zur Therapie

Therapeutische Interventionen bei neurogenen Dysphagien sollten in einem interdisziplinären Team abgesprochen und koordiniert werden; sie setzen eine entsprechende Expertise voraus. Es können pharmakologische, chirurgische und schlucktherapeutische Maßnahmen zum Einsatz kommen.

Pharmakotherapie und chirurgische ­Interventionen

Im Vordergrund steht die Therapie der Grunderkrankung. Beim IPS sprechen Dysphagien allerdings nur schlecht auf dopaminerge Medikamente an, die tiefe Hirnstimulation ist unwirksam.

Pharmakotherapie

Was die Prophylaxe von Aspirationspneumonien betrifft, so wurden in einer randomisierten Studie von 163 Schlaganfall-Patienten 80 mit Amantadin (100 mg/d) behandelt und mit 83 unbehandelten Kontrollen nach 3 Jahren verglichen (Nakagawa et al. 1999). In der mit Amantadin behandelten Gruppe traten signifikant weniger Pneumonien auf als bei den Kontrollen. Daher kann Amantadin bei Schlaganfall-Patienten mit Dysphagie im Einzelfall empfohlen werden. Schlechte hygienische Verhältnisse im oralen Bereich erhöhen die Auftretenswahrscheinlichkeit von Aspirationspneumonien (Langmore et al. 1998). Optimale Mundhygiene des Patienten und Händedesinfektion der Kontaktpersonen scheinen das Pneumonierisiko zu senken (Yamaya et al. 2001) und sollen daher durchgeführt werden.

Aufgrund der guten Erfolge beim idiopathischen Schluckauf empfehlen wir auch beim schweren symptomatischen Singultus die Kombination aus Domperidon, Baclofen und einem Protonenpumpenhemmer. Gabapentin kann alleine oder im Sinne einer Add-on-Therapie ebenfalls wirksam sein; alternativ können Antipsychotika wie z. B. Promethazin eingesetzt werden (Übersichten: Petroianu et al. 1997, Petroianu et al. 2000, Becker 2010). Reflux sollte mit Protonenpumpenhemmern behandelt werden, unter anderem, weil er eine Dysphagie verstärken kann. Da ausgeprägte Sialorrhö in der Regel gut auf Anticholinergika anspricht, empfehlen wir 72 Stunden wirkendes transkutanes Scopolamin-Pflaster oder Medikamente mit anticholinergen (Neben-)Wirkungen als Therapieversuch über wenige Tage, der bei guter Verträglichkeit fortgesetzt werden kann. Alternativ können Injektionen von Botulinum-Neurotoxin (BoNT) in die Parotiden, evtl. zusätzlich in die Submandibulardrüsen, erfolgen (beste Datenlage für Patienten mit IPS und ALS; Stone u. O’Leary 2009); zu Nebenwirkungen siehe Hagenah et al. (2005). Bei ausgeprägter Xerostomie sind Pilocarpinhydrochlorid-Tabletten wirksam, sofern noch eine Restspeichelproduktion vorliegt (Haddad u. Karimi 2002).

Botulinum-Neurotoxin

Bei krikopharyngealer Dysfunktion (CPD) wurden BoNT-A-Injektionen in den M. cricopharyngeus – transkutan oder endoskopisch – durchgeführt (Übersicht: Chiu et al. 2004). Alfonsi et al. (2010) berichteten an der bisher größten Population (34 Patienten mit verschiedenen neurologischen Erkrankungen) über eine „Erfolgsquote“ von 50 %. Für die Indikation von BoNT-Injektionen bei CPD gelten dieselben Voraussetzungen wie für die krikopharyngeale Myotomie (CPM), die Datenlage ist aber schlechter. Mögliche Nebenwirkungen sind insbesondere die Verstärkung der neurogenen Dysphagie und Stimmbandparesen. Die Öffnung des oÖS setzt eine intakte Sphinkterrelaxation und eine Aufweitung des am Krikoid inserierenden M. cricopharyngeus voraus. Letztere wird einerseits durch eine suffiziente anterior-superiore hyolaryngeale Exkursion, andererseits durch einen ausreichend hohen Anschluckdruck bewirkt (Kelly 2000, Mason et al. 1998). Öffnungsstörungen des oÖS sind meist (sekundäre) Folge einer eingeschränkten hyolaryngealen Exkursion bzw. eines geringen Anschluckdrucks. Eine CPD als (primäre) Folge einer Relaxationsstörung des oÖS ist seltener, am häufigsten bei Hirnstammläsionen, bei IPS sowie bei Myositiden (Williams et al. 2002, Oh et al. 2007).

Krikopharyngeale Myotomie (CPM)

Wann bei CPD eine externe CPM indiziert ist, wird bis heute mangels entsprechender randomisiert-kontrollierter Studien (RCT) kontrovers diskutiert (Singh u. Hamdy 2005). Es liegen aber die Ergebnisse zahlreicher großer Fallstudien vor. So profitierten etwa in der Studie von Mason et al. (1998) 77 % der 31 operierten Patienten vom Eingriff. Warum Patienten mit Myositis besonders häufig gut ansprechen, ist bislang unklar (Oh et al. 2007). Eine CPM ist nach derzeitigem Kenntnisstand bei folgenden Voraussetzungen indiziert (Übersichten: Kelly 2000, Carrau u. Murry 2000, Kos et al. 2010):

Die schwierige Indikationsstellung zur CPM soll nur im interdisziplinären Spezialistenteam erfolgen. Sowohl nach CPM als auch nach BoNT-Injektion in den M. cricopharyngeus ist eine Schlucktherapie bis zum Erreichen einer optimalen oÖS-Öffnung fortzuführen.

Enterale Ernährung

Patienten, die wegen Aspiration von Nahrung/Flüssigkeit auch nach etwa einer Woche nicht oral ernährt werden können, sollten eine enterale Ernährungstherapie erhalten. Sonden stellen die Nahrungs- und/oder Flüssigkeitszufuhr sicher, können aber Pneumonien nicht verhindern. Wegen der Nachteile einer nasogastralen Sonde (NGS) – unter anderem Irritation der Schleimhäute, Behinderung der Nasenatmung/Nasennebenhöhleninfektionen – besteht bei einer längerfristigen enteralen Ernährung (> 28 Tage) die Indikation zur PEG-Anlage. Eine NGS führt zu keiner Verschlechterung der Dysphagie (Dziewas et al. 2008), weshalb die Entfernung einer NGS während der Schlucktherapie nicht erfolgen soll. Bei Patienten mit amyotropher Lateralsklerose soll die PEG-Anlage erfolgen, bevor die forcierte Vitalkapazität < 50 % beträgt, da sonst die Mortalitäts- und Morbiditätsrate ansteigt (Miller et al. 1999). Zu speziellen Fragen der enteralen Ernährung über PEG bzw. spezieller Ernährungsprobleme geriatrischer Patienten empfehlen wir die entsprechenden ESPEN-Guidelines (Löser et al. 2005, Volkert et al. 2006).

Tracheotomie

Liegt neben der Aspiration von Nahrung und Flüssigkeit auch eine relevante Aspiration von Speichel vor, muss eine Dilatationstracheotomie bzw. eine plastisch angelegte Tracheotomie mit Einsetzen einer geblockten Trachealkanüle (TK) erwogen werden. Ist mit einer längerfristigen TK-Versorgung zu rechnen, soll bei stationären Patienten vor Entlassung ein Dilatations- in ein plastisches Tracheostoma umgewandelt werden, da der TK-Wechsel sonst nicht nur schwierig, sondern auch gefährlich sein kann. Eine geblockte TK (Cuff-Druck: 20–25 mmHg) kann ein Eindringen von Aspirat in die tiefen Luftwege vermindern, allerdings nie ganz verhindern (Winklmaier et al. 2006).Wir empfehlen TK mit Niederdruck-Cuff, da sie trachealwandschonend sind. Im intensivmedizinischen Setting wurde nachgewiesen, dass TK mit subglottischer Absaugvorrichtung die Beatmungsdauer und die Inzidenz beatmungsassoziierter Pneumonien reduzieren (Übersicht: Dezfulian et al. 2005); dies trifft wahrscheinlich auch für das Reha-Setting zu. Zur Abschätzung des Aspirationsrisikos bei Tracheotomierten sollte der modifizierte Evan’s Blue Dye Test verwendet werden, bei dem mit blauer Lebensmittelfarbe gefärbte Substanzen geschluckt werden sollen (Donzelli et al. 2001).

Richtlinien zum optimalen Zeitpunkt eines TK-Wechsels gibt es bisher nicht. Wir empfehlen, eine TK je nach Sekret- und Borkenbildung zu wechseln: TK ohne Innenseele in der Regel wöchentlich, mit Innenseele in der Regel 2–4-wöchig. Um die Indikation für eine bestimmte TK zu stellen, ist eine Kenntnis der zahlreichen Modelle erforderlich (Hess 2005, Schlaegel 2009, Schröter-Morasch 2010b). Eine passagere Dekanülierung im Rahmen der Therapie hat keine Vorteile (Donzelli et al. 2005, Terk et al. 2007). Daher soll bei der Schluckendoskopie die Kanüle nicht entfernt werden, es sein denn, man will transstomatal endoskopieren. Frühzeitig sollte durch kurzzeitiges Entblocken und Verschließen der TK-Öffnung die Mund-Nasen-Atmung beübt werden. Bei zunehmender Verringerung der Speichelaspiration werden die Entblockungszeiten schrittweise gesteigert. Wird die Entblockung über 24–48 Stunden ohne tracheales Absaugen bzw. ohne pulmonale Komplikationen toleriert und liegen eine sichere Mund-Nasen-Atmung sowie ein effizienter Hustenstoß vor, kann unter pulsoximetrischem Monitoring (besonders nachts) in der Regel die Dekanülierung erfolgen (der genannte Zeitraum kann in Abhängigkeit von der individuellen Konstellation sowohl unter- als auch überschritten werden). Dilatativ angelegte Tracheostomata verschließen sich meist spontan. Plastisch angelegte Tracheostomata werden für ca. 10–14 Tage abgeklebt, um eine Verkleinerung abzuwarten. Danach erfolgt in der Regel ein chirurgischer Verschluss. Zu Details über Tracheotomien und TK siehe Hess (2005) und Schröter-Morasch (2010b).

Funktionell orientierte Schlucktherapie

Die funktionell orientierte Schlucktherapie fällt in den Zuständigkeitsbereich speziell ausgebildeter Sprachtherapeuten/Logopäden. Die Komplexität neurogener Dysphagien und ihre vielfältigen Störungsursachen erfordern eine enge Kooperation zwischen verschiedenen ärztlichen und therapeutischen Fachdisziplinen. Bei Patienten mit guter Rückbildung von Dysphagien nach einseitigen Großhirninfarkten findet eine Vergrößerung des Repräsentationsareals des Schluckkortex der intakten Hemisphäre statt, was durch elektrische Pharynxstimulation oder repetitive transkranielle Magnetstimulation (TMS) beschleunigt werden kann (Übersicht: Barritt u. Smithard 2009).

Wirksamkeit

Ziel der funktionell orientierten Schlucktherapie ist es, die in der Einleitung genannten Folgen neurogener Dysphagien zu minimieren. Zur Outcome-Messung empfehlen wir spezielle ADL-Skalen, z. B. den Bogenhausener Dysphagie-Score (BODS) (Bartolome 2010) oder die Schluckbeeinträchtigungsskala (SBS) (Prosiegel et al. 2002). Zusätzlich können Surrogatparameter der VFSS bzw. der FEES sinnvoll sein. Ein speziell für Schluckgestörte entwickelter Lebensqualitätsfragebogen – SWAL-QOL/SWAL-CARE (McHorney et al. 2002) – ist ebenfalls verfügbar und wird in zunehmendem Maße als (zusätzliches) Outcome-Instrument verwendet.

Neben einer RCT zur Wirksamkeit der Schlucktherapie in der akuten Schlaganfallphase (Carnaby et al. 2006) und 2 RCTs zur Wirkung verschiedener Konsistenzen bzw. der Kopfanteflexion bei flüssigkeitsaspirierenden Patienten mit IPS und/oder Demenz (siehe Abschnitt „Was gibt es Neues“) ist der Wirksamkeitsnachweis durch RCTs bislang nur für ein Verfahren der Schlucktherapie (Kopfhebe-Übungen) erbracht worden (▶ Tab. 2). Allerdings werden zurzeit mehrere RCTs zur Wirksamkeit spezieller Schlucktherapieverfahren durchgeführt (www.clinicaltrials.gov). Einige Beobachtungsstudien zeigten, dass es nach abgelaufener Spontanremission (> 6 Monate) zu signifikanten Veränderungen durch Schlucktherapie kommt (Neumann et al. 1995, Prosiegel et al. 2002).

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Methoden

Restituierende Verfahren umfassen das Bewegungstraining von am Schlucken beteiligten Muskeln. Darüber hinaus soll durch Training bestimmter Teilfunktionen das Gelingen kompensatorischer Schlucktechniken gewährleistet werden
(▶ Tab. 2).

Kompensatorische Verfahren umfassen Modifikationen des Schluckvorgangs durch Haltungsänderungen oder Schlucktechniken. Ziel ist es, trotz bestehender Funktionseinbußen das Schlucken zu verbessern (▶ Tab.3).

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Adaptive Verfahren umfassen die diätetische Anpassung sowie spezielle Ess- und Trinkhilfen. An 190 dysphagischen Patienten wurde eine Studie zur Konsistenzanpassung der Nahrung (dünnflüssig, dick, ultradick) und zur Art der Darreichungsform (Löffel, Tasse) durchgeführt (Kuhlemeier et al. 2001). Es zeigte sich, dass mithilfe der VFSS in 95 % eine Konsistenz oder Applikationsform gefunden werden kann, mit der aspirationsfreies Schlucken möglich ist. Wir empfehlen deshalb, vor der Entscheidung über eine orale Nahrungs- bzw. Flüssigkeitszufuhr mittels VFSS oder FEES zu überprüfen, bei welcher Konsistenz bzw. Applikationsart aspirationsfreies Schlucken möglich ist.

Interventionen beim akuten Schlaganfall

Dysphagien treten in der Akutphase des Schlaganfalls bei über 60 %, Aspirationen in über 20 % der Patienten auf (Mann et al. 2000). Innerhalb von ca. 2 Wochen versterben etwa 25 % der dysphagischen Schlaganfallpatienten, weitere 25 % erholen sich in der gleichen Zeit spontan (Cochrane-Übersicht: Bath et al. 2002). Die Häufigkeit von Aspirationspneumonien in der akuten Schlaganfallphase kann durch ein systematisches Screening von 5,4 % auf 2,4 % reduziert werden (Hinchey et al. 2005). Ein Screening sollte innerhalb der ersten 72 Stunden erfolgen. Hierfür empfehlen wir das für die Durchführung von Pflegepersonen entwickelte Standardized Swallowing Assessment (SSA; Sensitivität 97 %, Spezifität 90 %) (Perry 2001a, 2001b). Alternativ kann von Pflegepersonen das Gugging Dysphagia Bedside Screening durchgeführt werden (Trapl et al. 2007) (Sensitivität 100 %, Spezifität 69 %). Beim durch Sprachtherapeuten/Logopäden durchzuführenden „Daniels-Test“ (Goldstandard: VFSS) ist eine Aspiration wahrscheinlich (Sensitivität 92,3 %, Spezifität 66,7 %), wenn 2 der folgenden 6 Variablen positiv sind: Dysarthrie, Dysphonie, abgeschwächter/fehlender Würg­reflex, vermindertes willkürliches Husten, Husten oder Stimmänderung (Phonation von /a:/) innerhalb einer Minute nach Wasserschluck (je 2 × 5 ml, 10 ml und 20 ml aus Tasse oder mit Strohhalm in sitzender Position; Abbruch des Wassertests, wenn Husten oder Stimmänderung unmittelbar nach einem Wasserschluck auftreten) (Daniels et al. 1997): Testbezeichnug „2 aus 6“.

Eine RCT an 306 dysphagischen Schlaganfallpatienten zeigte, dass bereits in der Akutphase des Schlaganfalls mit Schlucktherapie (3–5-mal werktäglich pro Woche) begonnen werden soll (Carnaby et al. 2006). Bei Notwendigkeit einer enteralen Ernährung in der akuten Schlaganfallphase soll primär eine NGS gelegt werden; bei absehbarer längerfristiger enteraler Ernährung (> 28 Tage) soll eine PEG-Anlage bei nicht bewusstlosen/nicht beatmeten Patienten frühestens nach 2 Wochen erfolgen. Eine frühere Anlage geht mit einem signifikant schlechteren Outcome (Tod oder schwere Behinderung nach 6 Monaten) einher (Dennis et al. and the FOOD Trial Collaboration 2005). Zu speziellen Fragen der enteralen Ernährung bei Patienten mit Schlaganfall siehe die entsprechende Leitlinie „Enterale Ernährung bei Patienten mit Schlaganfall“ (AWMF-Register-Nr.073/017; www.awmf.org/leitlinien).

Versorgungssituation

In schweren Fällen (z. B. bei mit geblockten TK versorgten oder beaufsichtigungspflichtigen Patienten) muss eine stationäre (Früh-)Rehabilitation erfolgen. Neben störungsspezifischer Therapie sollen Patienten dabei entsprechend ihrer Kooperationsfähigkeit ein individuell angepasstes Eigenübungsprogramm mehrmals täglich selbstständig durchführen. Auch (zusätzliche) Gruppentherapien und/oder die Anleitung von Angehörigen als Co-Therapeuten sollen erfolgen. Bei positivem Behandlungsverlauf kann die Therapie mit geringerer Frequenz fortgesetzt werden. Stehen die Aufrechterhaltung der erreichten Leistungen bzw. die Überprüfung der Transferleistungen auf die Alltagssituation im Mittelpunkt, kann sich die Behandlung auf eine Stunde pro Woche reduzieren. Gegebenenfalls ist nach einer Therapiepause eine (teil-)stationäre Wiederaufnahme zur erneuten Statuserhebung und intensiven Schlucktherapie sinnvoll („Intervalltherapie“).

Auch bei leichteren neurogenen Dysphagien muss oft eine (teil-)stationäre Rehabilitation durchgeführt werden, da in Deutschland vielerorts niedergelassene Sprachtherapeuten/Logopäden (noch) eine mangelnde Expertise besitzen, was wirksame Verfahren der Schlucktherapie betrifft.

Im Akutbereich – z. B. auf Stroke Units – wird die Bedeutung eines frühen Screenings und evtl. Schlucktherapiebeginns zunehmend erkannt und umgesetzt (siehe dort).

Redaktionskomitee

Für die DGN:
Dr. M. Prosiegel, Abteilung für Neurologie, m&i Fachklinik Bad Heilbrunn
Prof. Dr. A. Riecker, Klinik und Poliklinik, Universität Ulm

Für die DGNKN:
Dr. M. Prosiegel, Bad Heilbrunn

Für die DGNR:
Christian Ledl, Schön Klinik, Bad Aibling
Dr. M. Prosiegel, Bad Heilbrunn
Dr. W. Schlaegel, Schluckzentrum, Therapiezentrum Burgau

Für den Deutschen Bundesverband der akademischen Sprachtherapeuten (dbs):
Dr. G. Bartolome, Kompetenznetz Dysphagie, Klinikum Bogenhausen, Städtisches Klinikum München GmbH

Für den Deutschen Bundesverband für Logopädie (dbl):
U. Witte, MSLT, Institut für Logopädie, Universitätsspital Basel

Für die Deutsche Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie (DGPP):
Dr. H. Schröter-Morasch, Entwicklungsgruppe Klinische Neuropsychologie, Klinikum Bogenhausen, Städtisches Klinikum München GmbH

Für die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (DSG):
Prof. Dr. R. Dziewas, Klinik und Poliklink für Neurologie, Universitätsklinikum Münster
PD Dr. G. Ickenstein, Klinik für Neurologie & Stroke Unit, HELIOS Klinikum Aue

Für die Deutsche Gesellschaft für Verdauung und Stoffwechsel (DGVS):
Prof. Dr. H. Allescher, Zentrum Innere Medizin, Klinikum Garmisch-Partenkirchen

Für die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV):
Prof. Dr. K. Ott, Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie, Universitätsklinik Heidelberg

Für die Deutsche Gesellschaft für Radiologie (DGR):
Dr. W. Flatz, Institut für Klinische Radiologie, Klinikum der Universität München (LMU), Standort Großhadern

Für die Deutsche Gesellschaft für Endoskopie-Assistenzpersonal (DEGEA), European Society of Gastroenterology and Endoscopy Nurses and Associates (ESGENA):
U. Beilenhoff, Endoskopiefachkrankenschwester, Ulm

Für Österreich:
Dr. K. Fheodoroff (ÖGN, ÖGNR, ÖDBAG), Gailtal-Klinik, Hermagor,
U. Saltuari (ÖGNR), Akut Neuro Reha, Hochzirl

Für die Schweiz:
Dr. K. Schweikert, Schluckzentrum REHAB Basel

Federführend: Dr. med. Mario Prosiegel, Abt. für Neurologie, m&i Fachklinik Bad Heilbrunn, Wörnerweg 30, 83670 Bad Heilbrunn, E-Mail: ,

Entwicklungsstufe der Leitlinie: S1

Finanzierung der Leitlinie

Diese Leitlinie entstand ohne Einflussnahme oder Unterstützung durch die Industrie.

Methodik der Leitlinienentwicklung

Zusammensetzung der Leitliniengruppe, Beteiligung von Interessengruppen

Siehe Redaktionskomitee

Recherche und Auswahl der wissenschaftlichen Belege

Es wurden, wann immer möglich, die Ergebnisse von RKS sowie von (systematischen) Übersichtsarbeiten bzw. Cochrane-Übersichten berücksichtigt.

Verfahren zur Konsensfindung

Es fanden zwei Treffen der Vertreter zahlreicher Fachgesellschaften statt, am 25.10.2010 und am 09.05.2011, wobei beim letzten Treffen im Konsens der Text erstellt wurde (von „kann" als niedrigste über „sollte" bis „soll" als höchste Empfehlungsstärke). Die Endversion wurde vom federführenden Autor am 24.07.2011 nach Review-Prozessen der DGN entsprechend modifiziert.

Literatur

Aus: Hans-Christoph Diener, Christian Weimar (Hrsg.): Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie, Herausgegeben von der Kommission "Leitlinien" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Thieme Verlag, Stuttgart, September 2012