Kapitel: Rehabilitation

Diagnostik und Therapie von exekutiven Dysfunktionen bei neurologischen Erkrankungen

Entwicklungsstufe: S2e
Stand: September 2012
Verlängert: Juli 2015
Gültig bis: Dezember 2016
AWMF-Registernummer: 030/125
Federführend
Prof. Dr. Sandra-Verena Müller, Wolfenbüttel


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COI-Erklärung

Inhaltsverzeichnis

Was gibt es Neues?

Grundsätzlich hat sich die methodische Qualität der Studien in den letzten 10 Jahren deutlich verbessert. Hinzugekommen sind Evaluationsstudien von integrativen Therapieansätzen, bei denen beispielsweise Methoden des Verhaltensmanagements mit kognitiv übenden Verfahren kombiniert werden. Intensiv untersucht wurden Effekte von Arbeitsgedächtnistrainingsverfahren, von Problemlöseverfahren und Zielmanagement-Trainingsverfahren.

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick

Diagnostik

Therapie

Einführung

Die vorliegende Leitlinie soll zur Verbreitung des Kenntnisstandes über evidenzbasierte Methoden in der Behandlung exekutiver Defizite beitragen und Entscheidungshilfen bei der Versorgung (Diagnostik, Therapie) dysexekutiver Patienten geben. Durch die Empfehlungen soll die Qualität der Behandlung und Betreuung von Erkrankten und Angehörigen verbessert werden (Qualitätssicherung). Die Anwendung wirksamer und hilfreicher Verfahren soll gestärkt werden.

Definition und Klassifikation

Begriffsdefinition

Exekutive Funktionen (EF) ist ein aus dem Englischen entliehener Begriff, der in der Regel mit Steuerungs- oder Leitungsfunktionen übersetzt wird. Als exekutive Funktionen werden metakognitive Prozesse bezeichnet, die zum Erreichen eines definierten Zieles die flexible Koordination mehrerer Subprozesse steuern bzw. ohne Vorliegen eines definierten Zieles bei der Zielerarbeitung beteiligt sind. Diese höheren kognitiven Leistungen stellen eine sehr heterogene Gruppe von Prozessen dar. In der Literatur finden sich mannigfaltige Formen der Untergliederung von Komponenten exekutiver Funktionen und Dysfunktionen auf unterschiedlichem Differenzierungsniveau (z. B. Smith u. Jonides 1999, Müller 2005, Mattes-von Cramon 2006). Zum Teil wird auch anstelle einer Definition eine Aufzählung der dazugehörigen Funktionsbereiche gegeben. Um der Weite des (Ober-)Begriffs gerecht zu werden, ist eine Untergliederung und Operationalisierung notwendig, die unterschiedlich weit ausdifferenziert werden kann. Stuss und Alexander (2007) schlagen z. B. eine Unterteilung der EF in 3 Prozesse vor: 1. energization, 2. task setting und 3. monitoring. Ebenfalls 3 Komponenten unterscheiden Miyake und Mitarbeiter (2000) aufgrund einer Pfadanalyse. Nach Müller et al. (Müller et al. 2004, Müller u. Münte 2008) lassen sich die meisten Schwierigkeiten der Patienten mit dysexekutivem Syndrom durch Störungen a) des Arbeitsgedächtnisses und Monitorings, b) der kognitiven Flexibilität und Flüssigkeit und c) des planerischen und problemlösendes Denkens beschreiben. Mit Symptomen exekutiver Dysfunktion sind häufig Persönlichkeitsveränderungen und Verhaltensauffälligkeiten assoziiert.

Klassifikation

Exekutive Dysfunktionen sind bei verschiedenen Krankheiten beschrieben worden, die im Allgemeinen auf strukturelle oder funktionelle Pathomechanismen des Frontalkortex – aber auch des Parietal- und Temporalkortex – zurückgeführt werden können.

Das dysexekutive Syndrom ist ein Oberbegriff, der die Fehlfunktion verschiedenartiger kognitiver Funktionen beschreibt. Um Unschärfen und Missverständnisse zu vermeiden, sollte er im klinischen Kontext durch Spezifizierungen konkretisiert werden.

Insbesondere für die Erlangung der Selbstständigkeit im Alltag und bei einer beruflichen Wiedereingliederung spielen die Exekutivfunktionen eine zentrale Rolle (Kreutzer et al. 1999, Wehmann et al. 1995, Dawson et al. 2009b).

Neurologische Erkrankungen, die häufig von Störungen der exekutiven ­Funktionen begleitet werden

Schädel-Hirn-Trauma

Exekutive Dysfunktionen sind häufige Folgen einer traumatischen Hirnschädigung (McDowell et al. 1998). Das Schädel-Hirn-Trauma (SHT) ist gewissermaßen der Prototyp einer Mehrfachläsion des „exekutiven Netzwerks“. Unter Umständen führen fokale Gewebeschädigungen zu geringeren funktionellen Auswirkungen als die selbst mit moderner Bildgebung schwierig zu erfassenden diffusen Gewebeschäden (Fontaine et al. 1999). Schädigungsmechanismen sind fokale Kontusion und diffuse axonale Schädigung. Laut Wallesch (2002) zeigen sich nach SHT Störungen der Interferenzkontrolle, der Wortflüssigkeit und der Konzeptbildung in der Postakutphase. Auch in der chronischen Phase werden die eben genannten Störungen sowohl für Patienten mit als auch ohne fokalen frontalen Kontusionsherd berichtet.

Zerebrovaskuläre Schädigungen

Infarkte im Versorgungsgebiet der A. cerebri anterior und der frontalen Äste der A. cerebri media können zu exekutiven Dysfunktionen führen. Ausgeprägte dysexekutive Syndrome treten nach bilateralen Infarkten auf, die im Prinzip eher selten sind, bzw. nach großen Anterior- oder Mediainfarkten.

Im Einzelnen führen Infarkte der A. praefrontalis zu Defiziten in der Handlungsplanung, in der Strategieentwicklung für Problemlösungen sowie zu einer Störung des Arbeitsgedächtnisses (Diehl 2002). Infarkte der A. callosomarginalis resultieren neben einer beinbetonten Hemiparese in Antriebsminderung, Verlangsamung und mangelnder Initiative. Bei unilateralem Infarkt kommt es zu einer Abulie, bei bilateraler Schädigung zu akinetischem Mutismus. Infarkte der A. frontopolaris führen je nach betroffenem Territorium zum mesialfrontalen bzw. orbitalfrontalen Syndrom. Infarkte der A. orbitofrontalis können mangelnde Inhibition und Handlungsanpassung nach sich ziehen. Für eine deutliche klinische Symptomatik ist auch hier eine bilaterale Schädigung notwendig. Über die restlichen Arterien des frontalen Kortex liegen keine eigenständigen Untersuchungen vor.

Nach Subarachnoidalblutungenaus einem rupturierten Aneurysma der A. communicans anterior findet sich u.U. eine gestörte Impulskontrolle, die auf die begleitende Hirnblutung oder eine sekundäre Ischämie bei Gefäßspasmen zurückgeführt werden kann. Viele Patienten zeigen mangelnde Fehlerkontrolle und fehlende Krankheitseinsicht. Die Patienten können nicht mehr aus ihren Fehlern lernen, was ein berufliches und soziales Scheitern nach sich ziehen kann (Bechara et al. 2003). Darüber hinaus erscheinen diese Patienten häufig distanzgemindert, taktlos, sexuell enthemmt, oft auch cholerisch und aggressiv.

Auch wenn keine direkte Schädigung des Frontalhirns vorliegt, können aufgrund einer Störung frontosubkortikaler Verschaltungen exekutive Funktionsstörungen auftreten. Insbesondere die Basalganglien bilden integrative Netzwerke mit dem präfrontalen Kortex, die an der Vermittlung exekutiver Kontroll- und Steuerungsfunktionen beteiligt sind (Alexander et al. 1990, Taylor u. Saint-Cyr 1995). Für das Zerebellum wird Entsprechendes diskutiert (Schmahmann 2004, Schweizer et al. 2008).

Extrapyramidale Erkrankungen

Patienten mit Morbus Parkinson (MP) zeigen häufig Defizite in der Wortflüssigkeit, bei Entscheidungsprozessen, in der kognitiven Flexibilität und beim planerischen Denken. Entsprechende Defizite treten bei der Erstdiagnose des MP bereits mit einer Häufigkeit von 18 % auf, wie eine gemeindebasierte Studie gezeigt hat (Foltynie et al. 2004). Als gesichert gilt, dass Patienten bei Wortflüssigkeitsaufgaben mit alternierenden Bedingungen („set shifting“) Defizite zeigen (Downes et al. 1993). MP-Patienten zeigen deutliche Einschränkungen im Wisconsin Card Sorting Test (WCST), da sie nicht in der Lage sind, effiziente Strategien zu bilden. Dabei zeigen sie auch die typische „knowing-doing-dissociation“. Hinsichtlich der Defizite in der formallexikalischen und der semantischen Wortflüssigkeit sind die in der Literatur berichteten Befunde inkonsistent (van Spaendonck et al. 1996).

Patienten mit progressiver supranukleärer Lähmung(PSP; auch Steele-Richardson-Olszewski-Syndrom) weisen ein ähnliches exekutives Störungsprofil mit Schwerpunkt auf dem planerischen Denken, im Set-Shifting und im nonverbalen Arbeitsgedächtnis auf. Patienten mit kortikobasaler Degeneration(CBD) zeigen ein ähnliches Profil exekutiver Dysfunktion wie PSP-Patienten, wobei zusätzlich auch eine Apraxie und das Alien-Limb-Syndrom auftreten können. Auch Patienten mit Multisystematrophie (MSA) können, allerdings deutlich seltener, ähnliche exekutive Beeinträchtigungen aufweisen (je nach MSA-Typ).

Bei Chorea-Huntington-Patienten werden kognitive Ausfälle und Beeinträchtigungen beschrieben, die denen präfrontaler Läsionen (Müller et al. 2002), z. B. mit Defiziten im planerischen Denken (Montoya et al. 2006), ähneln.

Entzündliche Erkrankungen

Bei Patienten mit Multipler Sklerose (MS) finden sich exekutive Defizite verschiedener Komponenten (Mattioli et al. 2010, O’Brien et al. 2008). Foong et al. (1997) konnten Defizite im räumlichen Arbeitsgedächtnis und in der ­Stroop-Aufgabe nachweisen. In vielen Studien ist besonders das planerische Denken betroffen. So fanden z. B. Arnett et al. (1997) Defizite im Turm-von-Hanoi und d’Esposito (1996) im Wisconsin Card Sorting Test (WCST). Bezüglich der Defizite in der semantischen und formallexikalischen Wortflüssigkeit existieren uneinheitliche Ergebnisse (Hildebrandt et al. 2003, Wachowius et al. 2005).

Auch nach Meningoenzephalitiden kann es in Abhängigkeit von den betroffenen Hirnarealen zu exekutiven Dysfunktionen kommen. Dies gilt vor allem für die Herpes-Enzephalitis.

Aspekte, die die Leitlinie nicht behandelt

Weiterhin finden sich Störungen der Exekutivfunktionen auch bei vielen psychiatrischen Krankheitsbildern, wie beispielsweise der Schizophrenie (Shad et al. 2006, Quee et al. 2011, Hu et al. 2011) (hier sei auf die S3-Leitlinie Schizophrenie verwiesen, AWMF 038-009), dem Korsakoff-Syndrom und langjährigem Alkoholabusus (Hildebrandt et al. 2004) oder dem Gilles-de-la-Tourette-Syndrom (Müller et al. 2003, Eddy et al. 2009), die an dieser Stelle nicht behandelt werden. Exekutive Defizite im Rahmen von demenziellen Prozessen einschließlich Mild Cognitive Impairment (MCI) sind nicht eingeschlossen; hier sei auf die S3-Leitlinie Demenz (AWMF 053-021) verwiesen.

Ausgeschlossen sind ebenfalls exekutive Defizite im Rahmen von Entwicklungsstörungen sowie bei hirngeschädigten Kindern. Die Leitlinie macht weiterhin keine Aussagen zu pharmakotherapeutischen Behandlungs-Ansätzen, von denen nicht ausreichend viele in entsprechender Qualität vorliegen.

Diagnostik

Da die verschiedenen Teilaspekte der EF bei Patienten unterschiedlich gestört sein können („fractionated“) (Burgess 1997, Stuss 2006) und häufig auch Persönlichkeitsveränderungen und Veränderungen in der Motivation resultieren, weisen Patienten mit dysexekutivem Syndrom ein breites und heterogenes kognitives Störungsmuster auf (Eslinger u. Geder 2000, Stuss u. Alexander 2007). Diese Tatsache macht den Einsatz mehrerer neuropsychologischer Testverfahren (Kopp et al. 2008), möglichst in Kombination mit Verhaltensbeobachtung, Informationen von Angehörigen und dem Einsatz von Fragebögen, notwendig (Mattes-von Cramon 2006). Die eingesetzten Testverfahren sollten folgende Komponenten der Exekutivfunktionen erfassen:

  1. Arbeitsgedächtnis
  2. Monitoring (Überwachung ablaufender Prozesse)
  3. Planen und Durchführen komplexer Handlungen
  4. problemlösendes Denken
  5. kognitive Flüssigkeit und Flexibilität
  6. Selbstbewusstheit (Self-Awareness)

Statt vieler einzelner Testverfahren kommen zum Teil auch Testbatterien wie z. B. das Behavioral Assessment of the Dysexecutive Syndrome (BADS), der Frontallappen-Score (FLS) und das Delis-Kaplan Executive Function Systems (D-KEFS) zum Einsatz. Darüber hinaus enthält die ebenfalls englischsprachige Cambridge Neuropsychological Test Automated Battery (CANTAB) mehrere Untertests, die Exekutivfunktionen, Arbeitsgedächtnis und planerisches Denken erfassen. Für schwer beeinträchtigte Patienten gibt es alternativ das Burgauer Bedside Screening (Peschke 2000). Die alleinige Durchführung des BADS ist jedoch nicht ausreichend, da das BADS keinen Untertest zur Erfassung von Arbeitsgedächtnisfunktionen vorhält und die anderen genannten Batterien zum Teil nur leichtere, d.h. wenig sensitivere Teilaufgaben für die genannten Aspekte der EF enthalten.

Bei der Interpretation der testpsychologischen Ergebnisse sollte berücksichtigt werden, dass die Testsituation jeweils sehr stark strukturiert ist, somit das selbst initiierte Handeln und das Priorisieren von Handlungsoptionen als wesentliche exekutive Funktion nicht getestet wird (Burgess et al. 2006). Einige Patienten mit unauffälligen Testergebnissen zeigen daher im unstrukturierten Alltag große Defizite. Dem versuchen Lamberts et al. (2010) mit der Konzeption des Secretarial Task als realitätsnahem und ökologisch validem Test, in dem beispielsweise selbstständig zwischen Aufgaben gewechselt werden muss, Rechnung zu tragen (vgl. Dawson et al. 2009a). Im deutschsprachigen Raum sind 2 Testverfahren zur Erfassung der Planungsfähigkeit im Alltag „Handlungsorganisation und Tagesplanung (HOTAP)“ und „Organisation und Planung eines Ausflugs (O-P-A)“ neu erschienen, die ebenfalls den Anspruch haben, ökologisch valide Aufgaben zu präsentieren.

Darüber hinaus sollten alle zur Verfügung stehenden Informationsquellen genutzt werden. Die systematische Verhaltensbeobachtung in Alltag, Testsituation und Therapie spielt dabei eine besondere Rolle. Bei einer Beschränkung der Auswertung auf den reinen Testwert gingen ansonsten wertvolle Informationen verloren. Um die individuellen Fähigkeiten und Grenzen eines Patienten auszuloten, kann es im Einzelfall sinnvoll sein, über die standardisierte Testdurchführung hinaus in einem zweiten Anlauf gestufte Hilfen zu geben. Dieses Vorgehen liefert oft wichtige Informationen, setzt aber klinische Erfahrung und neuropsychologische Kompetenz voraus.

Eine weiterführende neuropsychologische Diagnostik sollte erfolgen, wenn Patienten die Fähigkeit verloren haben, in neuen unerwarteten Situationen adäquat zu reagieren, oder inflexibles, stereotypes und situationsinadäquates Verhalten sowie Perseverationen zeigen. Darüber hinaus sollten Patienten genauer untersucht werden, die auffällig interesselos und gleichgültig wirken, nicht mehr abschätzen können, mithilfe welcher Teilschritte ein übergeordnetes Ziel erreicht werden kann, oder die bereits eingeschlagene Handlungsmuster aufgrund eingetretener Veränderungen nicht modifizieren können. Ihnen fehlt häufig die Fähigkeit zum „multi-tasking“.

Ein typisches Verhaltensmuster von Patienten mit exekutiver Dysfunktion ist ein Missachten von Aufgabeninstruktionen („rule-breaking“). Weiterhin fallen diese Patienten häufig durch eine Dissoziation vom Wissen über erforderliches Verhalten und der Fähigkeit, dieses tatsächlich umzusetzen („knowing-doing-dissociation“), auf. Ebenso zeigen sie häufig unorganisiertes und wenig zielgerichtetes Verhalten und eine mangelnde Antizipation. Patienten mit exekutiven Dysfunktionen haben nicht selten eine Anosognosie und zeigen trotz offensichtlicher Schwierigkeiten im Alltag wenig oder keine Krankheitseinsicht.

Basisdiagnostik

Der eingehenden diagnostischen Untersuchung der EF als zentrale Steuerungsfunktion kommt insbesondere im Hinblick auf die berufliche Wiedereingliederung und Selbstständigkeit im Alltag eine besondere Bedeutung zu. Bei geplanter Wiederaufnahme einer Berufstätigkeit und bei neuropsychologischen Gutachten sollten bei entsprechenden Hinweisen alle Komponenten der Exekutivfunktionen untersucht werden. Grundsätzlich sollte jede Untersuchung auf exekutive Dysfunktion mindestens je ein Verfahren zum Arbeitsgedächtnis und Monitoring (z. B. Untertest Arbeitsgedächtnis aus der Testbatterie zur Aufmerksamkeitsprüfung [TAP], Stroop-Test oder Trail Making Test [TMT]), zum planerischen und problemlösenden Denken (z. B. Wisconsin Card Sorting Test [WCST], Tower of London [TOL], Standardisierte Linksche Probe [SLP] oder Handlungsorganisation und Tagesplanung [HOTAP]) und zur kognitiven Flexibilität und Flüssigkeit (z. B. Regensburger Wortflüssigkeitstest [RWT] oder Ruff Figural Fluency Test [RFFT]) sowie ein Verfahren zur Erfassung der Handlungsflexibilität (z. B. Untertest Reaktionswechsel aus der TAP) umfassen.

Sofern die Verhaltensbeobachtung Hinweise auf Verhaltensauffälligkeiten, emotionale oder soziale Störungen liefert, sollten entsprechende Fragebögen wie die deutsche Übersetzung der Neurobehavioral Rating Scale (NBRS), der Fragebogen zur Erfassung von Aggressionsfaktoren (FAF) oder die Apathie-Evaluationsskala hinzugezogen werden. Die Auswahl der einzelnen Fragebögen sollte auf der Verhaltensbeobachtung und den Informationen des Angehörigengesprächs basieren.

Daneben werden in der Praxis Testverfahren hinzugezogen, deren Konzeption die Erfassung anderer kognitiver Funktionsbereiche vorsieht, bei deren Lösung aber exekutive Funktionen eine wichtige Rolle spielen. Zu nennen wären hier insbesondere die Zahlenspanne rückwärts und der Mosaiktest (MT) aus dem Wechsler-Intelligenztest für Erwachsene (WIE). Diese Verfahren sind jedoch nicht gemäß ihrer vorgegebenen Normierung zu bewerten (z. B. beim MT Bearbeitung ohne Zeitlimit), stattdessen liefert hier die Verhaltensbeobachtung wertvolle Hinweise. Häufig sind für die Differenzialdiagnostik noch weitere Verfahren hinzuzuziehen. Alternativ oder ergänzend können Testbatterien genutzt werden. Weiterhin ist hier der „Faux pas Test“ zu nennen (Stone et al. 1998), der die Fähigkeit erfasst, soziale Situationen zu verstehen und sich in andere Personen hineinzuversetzen und ihre Intention zu verstehen (vgl. Lee et al. 2010). Bisher liegen jedoch keine deutschen Normdaten vor.

Die Validität psychometrischer Befunde sollte stets durch die Verhaltensbeobachtung, eine kritische Betrachtung der Konsistenz des Störungsprofils über verschiedene Verfahren sowie ggf. durch gezielte Beschwerdevalidierungsverfahren geprüft werden (Merten 2011). Eine umfassende Übersicht über neuropsychologische Testverfahren und Fragebögen mit ihren Einsatzgebieten und Testgütekriterien findet sich bei Schellig et al. (2009).

Weiterführende Diagnostik

Bei der Erfassung von Exekutivfunktionen kommt der Selbst- und Fremdanamnese eine besondere Bedeutung zu. Etwaige Diskrepanzen zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung lassen sich durch Fragebögen erfassen, die diese gegenüberstellen. Im deutschsprachigen Raum sind der Fragebogen zum dysexekutiven Syndrom (DEX) aus der BADS oder die Marburger Kompetenz-Skala (MKS) verbreitet. Im englischsprachigen Raum sind weitere Skalen im Einsatz: das Behavior Rating Inventory of Executive Functions (BRIEF), das Frontal Behavior Inventory (FBI), die Frontal Systems Behavior Scale (FrSBe), die Iowa Rating Scales of Personality Change (IRSPC) und das Neuropsychiatric Inventory (NPI). Das BRIEF und die FrSBe gelten als valide und ausreichend normiert. Zusätzlich kann eine alltagsbezogene Verhaltensbeobachtung durch Ergotherapeuten sinnvoll sein.

Da Patienten mit dysexekutivem Syndrom häufig über eine reduzierte Introspektionsfähigkeit bzw. mangelndes Störungsbewusstsein (Awareness) verfügen, kommt den Informationen von Angehörigen oder anderen Bezugspersonen eine besondere Rolle zu. Die Schilderung konkreter Anforderungen im Beruf, bei Hobbys und des sozialen Hintergrundes liefert wichtige Informationen. Auf dieser Basis kann die Einschätzung erfolgen, in welchem Umfang Eigeninitiative, Flexibilität sowie eigenständiges Planen und Problemlösen im prämorbiden Vergleich defizitär sind. Außerdem sollten Methoden der Verhaltensanalyse, ein zentrales Element der Verhaltenstherapie, im diagnostischen Prozess eingesetzt werden.

Diagnostik exekutiver Dysfunktionen bei Fahreignungsuntersuchungen

Exekutive Dysfunktionen sollten in der Fahreignungsdiagnostik besondere Beachtung finden, insbesondere bei Patienten mit mangelndem Störungsbewusstsein. Darüber hinaus sollten neben den Reaktionszeiten besonders die Fehlreaktionen und Auslassungen berücksichtigt werden (Schale u. Küst 2009). Eine Testbatterie, die exekutive Funktionen explizit im Hinblick auf die Fahreignung untersucht, existiert derzeit nicht. Es sollten jedoch Testverfahren eingesetzt werden, bei denen die Teilfunktionen Flexibilität, Zeiteinteilung, Kategorisierung, Arbeitsgedächtnis und Planungsfähigkeit untersucht werden (Golz et al. 2004).

Weitere Untersuchungsfragen

Um die exekutiven Funktionen in verschiedenen Tests angemessen interpretieren und Therapieansätze ableiten zu können, sind darüber hinaus folgende Gesichtspunkte zu berücksichtigen:

Therapie

Allgemeine Empfehlungen zur Therapie

Die Therapiezielstellung sowie die auszuwählenden Therapiemethoden richten sich nach Art und Schwere der exekutiven Dysfunktion und danach, ob weitere kognitive Funktionen beeinträchtigt sind, sowie nach dem Ausmaß der Krankheitseinsicht (Awareness) bezüglich der eigenen Störung. Daraus folgt die Notwendigkeit unterschiedlicher Interventionsformen und Therapieansätze, die sich entweder auf die Veränderung des Verhaltens oder auf eine Verbesserung der kognitiven Defizite konzentrieren. Zudem spielen die individuellen Alltagsanforderungen eine wesentliche Rolle.

Die Therapieansätze können in 3 methodisch unterschiedliche Therapieansätze untergliedert werden:

▶ Abb. 95.1 zeigt in einem Flussdiagramm die allgemeine Vorgehensweise bei der neuropsychologischen Diagnostik und der Therapie.

Abb. 95.1 Flussdiagramm zur Darstellung der Diagnostik und Therapieoptionen bei Defiziten der exekutiven Funktionen (EF).

Abb.-95.1

Spezielle Therapieansätze

Kognitive Therapieansätze

Bei den kognitiven Therapieansätzen spielt die Verbesserung der Problemlösefähigkeit, der kognitiven Flüssigkeit und Flexibilität sowie der Arbeitsgedächtnisleistung eine zentrale Rolle. Sie sind besonders für Patienten mit kognitiven Defiziten bei nur geringen Verhaltensauffälligkeiten geeignet. Bei diesen Therapieansätzen ist die Art der Intervention gut strukturierbar und sie sind sowohl in Gruppen- als auch Einzelsitzungen durchführbar. Beispielsweise werden Patienten Techniken vermittelt, komplexe Probleme in handhabbare Schritte zu untergliedern und sukzessive eine Lösung zu finden.

Für kognitive Therapieansätze können 7 Klasse-Ib-Studien (z. B. Rath et al. 2003, Man et al. 2006, Westerberg et al. 2007), mehrere Klasse-II-Studien (z. B. Miotto et al. 2009, Constantinidou et al. 2007) und mehrere Klasse-III-Studien (z. B. Marshall et al. 2004, Walker et al. 2005, Schweizer et al. 2008) identifiziert werden. Als wirksam haben sich das Training mit Dual-Task-Aufgaben (Stablum et al. 2000), das Arbeitsgedächtnistraining (Vallat et al. 2005, Lundquist et al. 2010) und das Problemlösetraining (Rath et al. 2003, Fong et al. 2009) erwiesen. Eine größere Anzahl von Studien untersuchte kognitive Therapieprogramme, die mehrere Funktionsbereiche trainierten (Ehlhardt et al. 2005, Vogt et al. 2008). Der Einsatz von kombinierten Programmen soll bei SHT-Patienten erfolgen, da die meisten Studien an dieser Patientengruppe durchgeführt wurden. Ebenfalls sollten diese kombinierten Programme bei Patienten mit einem Aneurysma, mit zerebrovaskulären Erkrankungen, mit entzündlichen Erkrankungen und mit Tumoren zum Einsatz kommen. Sammer et al. (2006) konnten die Wirksamkeit kognitiver Therapie bei Parkinson Patienten nachweisen. Dabei sollten Verfahren zur Verbesserung der Problemlösefähigkeit und der Arbeitsgedächtnisleistung eingesetzt werden.

Die vorliegenden Studien über die Effektivität kognitiver Therapieansätze erreichen ein hohes Evidenzniveau. Isolierte kognitive Defizite, wie Arbeitsgedächtnisstörungen oder Defizite im planerischen Denken, sollen repetitiv übend unter Einsatz von Strategien behandelt werden.

Evaluierte computergestützte und im Handel erhältliche Therapieverfahren liegen zur Behandlung exekutiver Dysfunktion bisher nicht vor.

Verhaltensmanagement

Die Therapieansätze des Verhaltensmanagements umfassen den Einsatz von Selbstinstruktionstechniken, Selbstbeobachtungstechniken (Self-monitoring) und Ziel-Management-Techniken. Dies erfordert ein individuell abgestimmtes Vorgehen sowie eine intensive und hochfrequente Therapeut-Patient-Interaktion. Während die aus der Verhaltenstherapie adaptierten Selbstbeobachtungs- und Selbstinstruktionstechniken besonders geeignet sind für Patienten mit Verhaltensauffälligkeiten, eignen sich die Ziel-Management-Techniken sowohl für Patienten mit kognitiven Defiziten als auch für solche mit Verhaltensdefiziten.

Eine größere Anzahl an Studien zur Behandlung von Exekutivfunktionsstörungen untersucht Therapieansätze des Verhaltensmanagements. Es liegen 3 Klasse-Ib-Studien (Fasotti et al. 2000, Goverover et al. 2007, Fong et al. 2009), 2 Klasse-II-Studien (Levine et al. 2007, Levine et al. 2011) sowie einige Klasse-III-Studien vor. Erwiesen wurde die Wirksamkeit von Selbstinstruktionstechniken (z. B. Cheng u. Man 2006), von Selbstbeobachtungstechniken (Self-monitoring) und Selbstbewusstheit (z. B. Goverover et al. 2007). Ebenfalls wirksam ist die Technik des Ziel-Managements (z. B. Levine et al. 2000, Levine et al. 2007, Levine et al. 2011). Die Wirksamkeit bei SHT-Patienten wurde in zahlreichen Studien nachgewiesen. Einzelne Studien belegen die Wirksamkeit für Patienten nach Apoplex, entzündlichen Erkrankungen, mit Zustand nach Subarachnoidalblutung oder nach intrazerebralen Blutungen.

Verhaltensmanagement-Therapieansätze erfordern ein aufwendiges und individuell abgestimmtes Vorgehen sowie eine intensive und hochfrequente Therapeut-Patient-Interaktion. Aufgrund der vorliegenden Studien soll das Ziel-Management-Training oder Self-Awareness-Training eingesetzt werden. Neben der Evidenzlage spricht auch die Tatsache dafür, dass sie problemlos in den Alltag übertragbar sind. Die Evidenzlage ist mittlerweile als befriedigend anzusehen; der Einsatz von Ziel-Management-Training soll empfohlen werden.

Manipulation oder Modifikation der Umwelt

Systematische Therapieansätze, bei denen eine Manipulation oder Modifikation der Umwelt im Zentrum steht, wurden für schwer beeinträchtigten Patienten entwickelt, bei denen weder eine kognitive Verbesserung noch eine Verhaltensänderung erwartet wird, sondern eine bessere Bewältigung des Alltags und eine gewisse Selbstständigkeit erzielt werden soll.

Es liegen mittlerweile mehrere Gruppenstudien (Wilson et al. 2005, Fish et al. 2008) und Einzelfallstudien vor (z. B. Manly et al. 2002, Fish et al. 2008), die ihre Wirksamkeit belegen (für Patienten mit SHT, Subarachnoidalblutung und Hirninfarkt).

Durch den Einsatz von Therapieansätzen zur Manipulation oder Modifikation der Umwelt wird die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Handlungen initiiert oder beendet werden und somit die alltägliche Routine erfolgreich bewältigt wird.

Darüber hinaus belegt eine Studie den positiven Einfluss von Physiotherapie auf die Leistung der Exekutivfunktionen bei älteren Parkinson-Patienten (Tanaka et al. 2009).

Für die Akutphase der Erkrankung liegen keine sicheren Studienergebnisse vor. Allerdings gibt es eine gewisse Evidenz für die Effektivität von gezielter Therapie bei Apraxie (van Heugen et al. 1998).

▶ Tab. 95.1 fasst die Therapieansätze zur Behandlung exekutiver Dysfunktion und die Evidenzklassen der vorliegenden Studien zusammen.

Tab.-95.1

Rahmenbedingungen und Angehörige

Versorgungskoordination: Behandlung kognitiver ­Störungen in multidisziplinärem und integriertem Kontext

Bei vielen Patienten stellt die in dieser Leitlinie behandelte kognitive Störung nur einen Teilaspekt der multiplen Folgen der Hirnschädigung dar. Die Patienten erfahren dann eine multidisziplinäre Behandlung (Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Neuropsychologie). Eine randomisierte kontrollierte Studie für MS-Patienten zeigt, dass eine solche multidisziplinäre Behandlung, in der die Neuropsychologie ein Element darstellt, effektiv die multiplen Folgen der Hirnschädigung lindert und zwar sowohl im motorischen wie im kognitiven Bereich (Khan et al. 2008).

Bei chronischen Patienten kann die in dieser Leitlinie behandelte kognitive Störung assoziiert sein mit einer reduzierten Lebensqualität bzw. andauernden Problemen in der Krankheitsbewältigung. In einer Studie zu Patienten mit chronischem Schädel-Hirn-Trauma und komplexen neuropsychologischen Störungen konnte gezeigt werden, dass die Kombination von kognitiven, psychotherapeutischen und beratenden Interventionen das Ausmaß der psychosozialen Integration erhöht (Cicerone et al. 2004).

Bei diesen Studien lässt sich aber nicht feststellen, welche Behandlungskomponenten im Einzelnen zu der Verbesserung geführt haben.

Redaktionskomitee

Dr. Thomas Benke (ÖGN), Medizinische Universitätsklinik für Neurologie, Innsbruck
PD Dr. Stephan Bohlhalter (SNG), Luzerner Kantonsspital
Prof. Dr. P. Frommelt (DGNR), Asklepios-Klinik Schaufling
Sabine George (DVE), Deutscher Verband der Ergotherapeuten e.V., Karlsbad
Prof. Dr. Helmut Hildebrandt (DGNR + GNP), Klinikum Bremen-Ost, Zentrum für Neurologie, und Institut für Psychologie, Universität Oldenburg
Prof. Dr. Thomas F. Münte (DGN), Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Klinik für Neurologie, Lübeck
PD Dr. Karsten Schwerdtfeger (DGNC), Klinik für Neurochirurgie, Universitätsklinikum Homburg/Saar
Dr. Karin Schoof-Tams (GNP), Neurologische Klinik Westend, Bad Wildungen
Prof. Dr. Dr. Paul Walter Schönle (DGNR), Maternusklinik, Bad Oeynhausen
Dr. Angelika Thöne-Otto (GNP), Medizinische Fakultät, Universität Leipzig
PD Dr. Hans-Jürgen von Giesen (BV ANR, BDN und BVDN), Alexianer Krefeld GmbH
Prof. Dr. Claus-Werner Wallesch (DGN), BDH-Klinik, Elzach

Federführend: Prof. Dr. Sandra-Verena Müller (GNP und DGNKN), Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, Fakultät Soziale Arbeit, Salzdahlumer Straße 46/48, 38302 Wolfenbüttel, Tel. 05331/939-37270, E-Mail:

Entwicklungsstufe der Leitlinie: S2e

Finanzierung der Leitlinie

Diese Leitlinie entstand ohne Einflussnahme oder Unterstützung durch die Industrie, mit Unterstützung der Gesellschaft für Neuropsychologie (GNP), die eine studentische Hilfskraft zur Unterstützung bei der Recherche und der Bestellung von Fernleihen finanzierte.

Methodik der Leitlinienentwicklung

Zusammensetzung der Leitliniengruppe, Beteiligung von Interessengruppen

Die Expertengruppe setzte sich aus Vertretern aller relevanten Berufsgruppen zusammen, insbesondere waren dabei die Neuropsychologie, die Neurologie sowie die Ergotherapie vertreten. Auch wurden die Vertreter verschiedener deutschsprachiger Länder, d.h. deutscher, österreichischer und Schweizer Berufsgruppen, einbezogen.

Eine Einbeziehung von Patientengruppen ist für eine Überarbeitung der Leitlinien geplant.

Recherche und Auswahl der wissenschaftlichen Belege

a) Formulierung von Schlüsselfragen

Die Recherche diente der Untersuchung folgender Fragestellung:
Welche Verfahren haben sich in der Diagnostik organisch bedingter exekutiver Defizite zur Beschreibung und Quantifizierung der unterschiedlichen Störungen exekutiver Funktionen bewährt?
Welche Therapieverfahren zeigen in Untersuchungen von entsprechender methodischer Qualität bei welchen Patientengruppen und für welche Outcomemaße eine Wirksamkeit?

b) Verwendung existierender Leitlinien zum Thema

Eine enge Abstimmung erfolgte mit den LL Diagnostik und Therapie von Aufmerksamkeitsstörungen bei neurologischen Erkrankungen (AWMF 030/135) und Diagnostik und Therapie von Gedächtnisstörungen (AWMF 030/124). Darüber hinaus wurde die AWMF Leitlinie Demenz (AWMF 038/013), die AWMF LL Schädelhirntrauma (AWMF 008/001) sowie die AWMF-Leitlinie Multiprofessionelle Rehabilitation (AWMF 030/122) berücksichtigt.

c) Systematische Literaturrecherche

Es handelt sich um eine Weiterentwicklung der Leitlinie der DGN 2005 (Müller und die Kommission Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie 2005; AWMF 030/125). Bei der hier vorliegenden Überarbeitung der Leitlinie wurden die Jahrgänge 2000 bis 2011 der einschlägigen internationalen Fachzeitschriften, der Recherche in den Datenbanken Medline und PsyLit und Metaanalysen der Cochrane Library einbezogen.
Die in den systematischen Reviews und Meta-Analysen gefundenen Studien der Evidenzklassen I und II wurden als Originalarbeit untersucht und nach den definierten Kriterien (s.u.) hinsichtlich ihrer Evidenzklasse bewertet. Von den Reviewartikeln abweichende Bewertungen ergaben sich hierbei nicht. Soweit sich aus der aktuellen Literaturrecherche Änderungen der Empfehlungen gegenüber der Vorgängerleitlinie ergeben, sind diese unter der Überschrift „Was gibt es Neues?" explizit benannt und begründet.

d) Auswahl der Evidenz

Die in den gefundenen Review-Artikeln erwähnten Originalstudien wurden, soweit sie den Recherchezeitraum betreffen, ebenfalls in die Sammlung aufgenommen. Des Weiteren wurden Studien aussortiert, wenn:

e) Bewertung der Evidenz

Die Bewertung der Evidenzgraduierung bezieht sich auf Studien zu therapeutischen Interventionen. Eine Evidenzgraduierung für diagnostische Verfahren trifft aufgrund des Standes der Literatur nicht zu. Evidenz-Härtegrade zur Bewertung von Studien nach ÄZQ (Das Leitlinien-Manual ÄZQ. S. 41). Auf Basis der Evidenzbewertung wurden Evidenztabellen erstellt.

Verfahren zur Konsensfindung

Ein erster Entwurf der Leitlinie mit den entsprechenden Empfehlungen und Bewertungen der Studien wurde allen Mitgliedern der Leitlinienkommission als E-Mail-Anhang zugesandt. Auf Nachfrage waren die Systematischen Reviews und Meta-Analysen sowie die verwendeten Studien als Abstracts verfügbar. Die Experten gaben ihre Rückmeldungen zu den erstellten Empfehlungen und diese wurden über den E-Mail-Verteiler auch allen anderen Experten der Kommission kenntlich gemacht. Aus diesen Rückmeldungen wurde eine überarbeitete und adaptierte Version der Leitlinie erstellt und in einem zweiten Reviewprozess den Experten zur Verfügung gestellt. Hieraus wurde schließlich die Endversion der Leitlinie erstellt.

Die Leitlinie wurde in einer Vorversion dem Wissenschaftlichen Beirat der Gesellschaft für Neuropsychologie am 22.September 2011 anlässlich der Jahrestagung der Gesellschaft für Neuropsychologie vorgelegt und von diesem konsentiert. Auch die Mitglieder der Gesellschaft für Neuropsychologie konnten sich im Rahmen der Jahrestagung am 24. September 2011 über den Stand der Leitlinien informieren. Darüber hinaus waren die verschiedenen oben genannten Fachorganisationen durch von den jeweiligen Vorständen autorisierte Vertreter in der Expertengruppe an der Leitlinienfindung beteiligt.

Literatur

Die in der Literaturrecherche gefundenen Studien wurden nach den in ▶ Tab. 95.2 gelisteten Kriterien den Evidenzhärtegraden zugeordnet.

Tab.-95.2

Evidenzgrad Ia

Evidenzgrad Ib

Evidenzgrad IIa

Evidenzgrad IIb

Evidenzgrad III

Ergänzende Literatur

Aus: Hans-Christoph Diener, Christian Weimar (Hrsg.): Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie, Herausgegeben von der Kommission "Leitlinien" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Thieme Verlag, Stuttgart, September 2012