Kapitel: Rehabilitation

Diagnostik und Therapie von Gedächtnisstörungen

Entwicklungsstufe: S2e
Stand: September 2012
Verlängert: Februar 2015
Gültig bis: 29. September 2017
AWMF-Registernummer: 030/124
Federführend
Dr. Angelika Thöne-Otto, Leipzig


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COI-Erklärung

Inhaltsverzeichnis

Was gibt es Neues?

Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick

Diagnostik

Therapie

Definition und Klassifikation

Begriffsdefinition

Der Begriff „Amnesie“ bedeutet eine isolierte, schwere Störung des Lernens und Behaltens, während andere kognitive Funktionen wie z. B. Sprache oder Intelligenzfunktionen weitgehend erhalten sind.

Man unterscheidet die „anterograde“ von der „retrograden“ Amnesie, eine Unterscheidung, die sich auf den Zeitpunkt der Hirnschädigung bezieht. Anterograde Amnesie beschreibt die Unfähigkeit, Informationen und Erlebnisse, die nach einer Hirnschädigung gelernt bzw. erfahren werden, zu behalten, während retrograde Amnesie die Unfähigkeit beschreibt, Erinnerungen wieder abzurufen, die vor der Hirnschädigung ins Gedächtnis gelangten. Die meisten amnestischen Patienten, insbesondere nach Schädel-Hirn-Trauma, haben eine ausgeprägte anterograde Amnesie, ihre retrograde Amnesie weist hingegen häufig einen zeitlichen Gradienten auf und umfasst vor allem die Gedächtnisinhalte, die kurz vor dem hirnschädigenden Ereignis erworben wurden, während länger zurückliegende Ereignisse unbeeinträchtigt abgerufen werden können. Es finden sich jedoch auch Patienten, die bei erhaltenem Neugedächtniserwerb nahezu ausschließlich retrograde Gedächtnisstörungen aufweisen (Kopelman 2002a, Staniloiu et al. 2010).

Ein allgemeinerer Begriff ist der der „Gedächtnisstörung“. Er kann als Oberbegriff für alle Einbußen des Lernens, Behaltens und des Abrufs gelernter Information angesehen werden. Dieser Terminus sagt weder etwas über die Ursache dieser Störung aus noch darüber, ob sie isoliert oder in Kombination mit anderen kognitiven Störungen auftritt.

Schließlich bezeichnet der Begriff „Demenz“ ein Krankheitsbild, bei dem es zu einer schweren Beeinträchtigung verschiedener kognitiver Funktionen kommt, wobei die Gedächtnisstörung in der Regel das Leitsymptom darstellt. Meist assoziiert der Begriff eine progrediente Neurodegeneration, im Prinzip kann die Demenz aber auch Ergebnis anderer nicht progredienter Erkrankungen des Gehirns sein (z. B. Demenz nach Schädel-Hirn-Trauma).

Nach unterschiedlichen Modellen und Theorien lassen sich verschiedene Gedächtnissysteme unterscheiden, die unabhängig voneinander gestört sein können (z. B. Thöne-Otto 2009):

Untergliederung des Gedächtnisses nach Zeitaspekten

Inhaltliche Untergliederung des ­Langzeitgedächtnisses

Untergliederung verschiedener ­Gedächtnisprozesse

Im Lernprozess werden die Phasen der Enkodierung, der Konsolidierung oder Speicherung sowie des Abrufs unterschieden. Dabei findet sich häufig eine enge Konfundierung von gestörten Aufmerksamkeits- oder Exekutivfunktionen und unzureichender Enkodierung. In diesen Fällen können Informationen, die hinreichend enkodiert wurden, oft auch nach Intervall annähernd vollständig abgerufen werden. Im Gegensatz dazu zeigt sich eine gestörte Konsolidierung, wenn auch verschiedene Abrufhilfen den Informationsabruf nach Intervall nicht verbessern. Auch bei gelungener Konsolidierung oder Speicherung kann der Informationsabruf vielfältig beeinträchtigt sein. Zur Untersuchung bietet sich der Abruf mit verschiedenen gestuften Hilfen (z. B. freier Abruf, Abruf mit Hinweisreizen, Wiedererkennen) an.

Klassifikation

Gedächtnisstörungen können eine große Vielfalt von Ursachen haben. Die Spannbreite reicht von Gedächtnisstörungen im Rahmen eines allgemeinen und schleichend progredienten intellektuellen Leistungsverlusts, wie bei Demenzen, über umgrenzte verbale und/oder figurale Neu- oder Altgedächtnisstörungen nach fokalen Hirnschädigungen bis hin zu psychisch bedingten Erinnerungsausfällen im Rahmen der funktionellen oder dissoziativen Amnesie. Auch verschiedene internistische (z. B. Schilddrüsenerkrankungen) und psychiatrische Erkrankungen (z. B. Schizophrenie und Depression) können mit Gedächtnisstörungen assoziiert sein. Da sich die Leitlinie auf die neurologischen Erkrankungen beschränkt, sollen im Folgenden nur die häufigsten neurologischen Erkrankungen erwähnt werden, die mit Gedächtnisstörungen einhergehen.

Schädel-Hirn-Trauma

Besonders häufig sind Gedächtnisstörungen Folge einer traumatischen Hirnschädigung. Dabei liegen häufig traumatische Gewebeläsionen in gedächtnisrelevanten Strukturen vor. Aktuelle Studien zeigen jedoch, dass auch ohne bildmorphologisch nachweisbare strukturelle Veränderungen Schädel-Hirn-Traumen zu kognitiven, emotionalen und Verhaltensänderungen führen können (Scheid et al. 2010). Die Dauer der posttraumatischen Amnesie, also die Zeit nach Aufwachen aus dem Koma, bis ein Tag-zu-Tag-Gedächtnis eruierbar ist, wird weiterhin als Indikator für die Schwere der zugrunde liegenden diffusen axonalen Schädigung genommen (Kopelman 2002b). Nach Schädel-Hirn-Trauma sind Gedächtnisstörungen sehr häufig mit Störungen der Aufmerksamkeit sowie der Exekutivfunktionen konfundiert.

Zerebrovaskuläre Erkrankungen

Akute zerebrovaskuläre Erkrankungen (ZVE) sind häufige Ursachen schwerer und anhaltender Gedächtnisstörungen, insbesondere eines amnestischen Syndroms. Zu den wichtigsten ZVEs, die eine Gedächtnisstörung verursachen können, gehören ischämische Infarkte, Hämatome (intrazerebrales, subdurales Hämatom), eine Subarachnoidalblutung aus einer Gefäßmissbildung und Vaskulitiden. Läsionsorte bei den ZVE, die häufig mit einer Gedächtnisstörung einhergehen, sind das hippokampale System (z. B. Infarkte der A. cerebri posterior), der Thalamus und Strukturen des basalen Stirnhirns.

Eine besondere Form der ZVE stelltdie transiente globale Amnesie(TGA) dar. Hierunter versteht man eine kurzzeitige schwere anterograde und retrograde Gedächtnisstörung. Häufig bestehen währen der TGA auch Störungen der örtlich-geografischen und der zeitlich-kalendarischen Orientierung, die zu eindringlichen und wiederholten Fragen führen. Die personale Orientierung ist in der Regel erhalten. Meist ist die TGA spontan nach einigen Stunden rückläufig, wobei bleibende Gedächtnis­einbußen in der Literatur beschrieben sind (Kopelman 2002b). Die Ätiologie ist unklar. Neuere MRT-Befunde zeigen bei TGA-Patienten Diffusionsstörungen sowie häufiger als bei Kontrollen kleine Läsionen im Bereich des Hippokampus (Nakada et al. 2005; siehe auch AWMF-Leitlinie 030-083). Sie ist zu unterscheiden von der epileptischen Amnesie.

Entzündliche Erkrankungen

Eine Reihe von Studien belegen, dass kognitive Defizite bei Patienten mit Multipler Sklerose in allen Stadien und in allen Subtypen der Erkrankung häufig sind (Chiaravalloti u. DeLuca 2008). Obwohl das kognitive Leistungsprofil sehr unterschiedlich sein kann, werden Veränderungen der Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit, Gedächtnisdefizite und Einschränkungen der Arbeitsgedächtniskapazität besonders häufig berichtet (Langdon 2011). Bei der Untersuchung der kognitiven Leistungen sind Konfundierungen mit einer bestehenden Fatigue oder Depression zu berücksichtigen (Langdon 2011).

Herpes-simplex-Enzephalitis

Da bei der Herpes-simplex-Enzephalitis Strukturen des medialen Temporallappens sowie des inferioren Frontallappens oft besonders betroffen sind, finden sich häufig mnestische Veränderungen. Insbesondere bei bilateralen Verläufen kann es dabei zu schweren Gedächtnisstörungen kommen (Hokkanen u. Launes 2000).

Alkoholinduziertes amnestisches Syndrom

Chronischer Alkoholmissbrauch kann mit einem zunehmenden Gedächtnisverlust einhergehen. Je nach Schwere der Gedächtnisstörungen kann es bei Abstinenz zu Remission kommen (Scheurich u. Brokate 2009). Besonders schwer und irreversibel sind Gedächtnisstörungen beim Korsakow-Syndrom. Bei diesen Patienten fallen neben den Gedächtnisstörungen häufig Konfabulationen auf. Auch Persönlichkeitsänderungen, häufig mit Apathie und Initiativeverlust, sowie eine mangelnde Krankheitseinsicht (Anosognosie) können vorhanden sein und die Therapie erschweren.

Neurodegenerative Erkrankungen

Gedächtnisstörungen bilden das Kernsymptom fast aller demenziellen Erkrankungen, insbesondere bei der Alzheimer-Erkrankung treten sie bereits in der Frühphase auf. Hierzu existiert angesichts der Komplexität der Thematik eine eigene S3-Leitlinie (AWMF 038-013), auf die an dieser Stelle verwiesen sei. Auch bei Parkinson-Erkrankungen treten Gedächtnisstörungen bereits in frühen Phasen der Erkrankung auf und sollten bei der Behandlung nicht übersehen werden.

Epilepsien

Epilepsien gehen häufig mit kognitiven, behavioralen und emotionalen Veränderungen einher (für eine Übersicht siehe Mayer 2011). Gedächtnisstörungen spielen dabei eine besondere Rolle, da strukturelle Veränderungen, die für die Anfallsgenerierung verantwortlich sind, häufig im medialen Temporallappen und damit in gedächtnisrelevanten Strukturen zu finden sind. Daneben können die Anfälle selbst die kognitive Leistungsfähigkeit verändern, sodass vor allem bei langer Krankheitsdauer mit zunehmenden Gedächtnisdefiziten zu rechnen ist (Kent et al. 2006). Nicht zuletzt spielt das kognitive Nebenwirkungsprofil der erforderlichen Pharmakotherapie eine nicht unerhebliche Rolle.

Diagnostik

Die Diagnose von Gedächtnisstörungen setzt den Einsatz ausreichend spezifischer und sensibler Testverfahren voraus. Durch die vielfältigen Facetten der Gedächtnisstörungen und aufgrund der Tatsache, dass die Gedächtnisleistungen häufig mit anderen Defiziten (insbesondere Störungen von Aufmerksamkeit und Exekutivfunktionen) einhergehen und mit diesen konfundiert sind, ist häufig eine differenzialdiagnostische Abgrenzung notwendig. Daher sollte die Untersuchung der Gedächtnisleistung stets in eine ausführlichere neuropsychologische Testung auch anderer kognitiver Leistungsparameter eingebunden sein (siehe Leitlinie „Aufmerksamkeit und Exekutivfunktionen“, AWMF 030-125).

Die eingehende diagnostische Untersuchung der unterschiedlichen Gedächtnisfunktionen ist Aufgabe des qualifizierten Neuropsychologen, da nur eine genaue Kenntnis der psychologischen und neuropsychologischen Theorien und der Paradigmen, die den Untersuchungsverfahren zugrunde liegen, sowie der funktionellen Netzwerke, die Gedächtnisleistungen kontrollieren, eine kompetente Diagnoseerstellung gewährleisten. Screening-Verfahren können in Einzelfällen zum Ausschluss gravierender Defizite eingesetzt werden. Insbesondere bei Patienten mit überdurchschnittlichem prämorbidem Bildungsniveau ist das Risiko, in solchen Verfahren unauffällige Werte zu erhalten und damit tatsächlich bestehende Defizite zu übersehen, jedoch groß. Geben Screening-Verfahren Hinweise auf kognitive Defizite, sollte in jedem Fall eine ausführlichere Diagnostik erfolgen, um diese genauer zu differenzieren und ggf. Behandlungsempfehlungen abzuleiten.

Empfehlungen

Klinische Symptome von Gedächtnis­störungen, bei denen Patienten einer ausführlichen Diagnostik ­unterzogen werden sollten, auch wenn keine ­entsprechende akute Ursache zu ­erkennen ist

Typische Klagen von Patienten mit vermuteten Gedächtnisdefiziten beziehen sich auf Vergesslichkeit im Alltag, Dinge werden verlegt, Termine nicht zuverlässig eingehalten oder zu Terminen werden relevante Unterlagen nicht mitgenommen. Auch beim Lesen stellen Patienten häufig ein Nachlassen der Gedächtnisleistung fest. Informationen können nicht hinreichend aufgenommen werden oder gehen schnell wieder verloren. Ein weiteres häufig berichtetes Symptom ist das Erinnern vertrauter Namen, wobei dieses Symptom sehr unspezifisch zu sein scheint und nicht notwendig mit einer klinisch relevanten Gedächtnisstörung einhergeht.

Nicht immer beklagen die Patienten selbst die Gedächtnisstörung. Teilweise ist eine eingeschränkte Selbstwahrnehmung Teil des Störungsbildes. In diesen Fällen sind es eher die Angehörigen, die Gedächtnisprobleme berichten, z. B. dass die Patienten sich in einer eigentlich bekannten Umgebung verlaufen oder bereits nach kurzer Zeit Gesprächsinhalte nicht mehr erinnern. Es können auch Konfabulationen auftreten oder die Patienten erinnern zwar richtige Inhalte, ordnen sie aber zeitlich oder inhaltlich in den falschen Kontext ein.

Screening

Typische, für den Ausschluss von Demenzen entwickelte Screeningverfahren (z. B. MMST oder Demtect) reichen zum Ausschluss von Gedächtnisstörungen nicht aus, da leichte bis mittelschwere Gedächtnisstörungen hierdurch nicht detektiert werden (zu viele falsch negativ Urteile). Eine etwas ausführlichere Untersuchung erlaubt der MOCA-Test (Montreal Cognitive Assessment; www.mocatest.org). Die Untersuchung sollte in der Regel die kurz- und mittelfristige Reproduktionsleistung in verschiedenen Modalitäten untersuchen (z. B. CERAD oder RBMT).

Basisdiagnostik

Da Gedächtnis- und Behaltensleistungen abhängig von der Dauer des Behaltensintervalls (kurzfristige vs. längerfristige Behaltensleistung) und modalitätsspezifisch beeinträchtigt sein können, ist eine Untersuchung sowohl in verschiedenen zeitlichen Intervallen als auch mit unterschiedlichem Material (sprachlich, figural) erforderlich. Darüber hinaus können im Verlauf des Lernprozesses unterschiedliche Parameter (z. B. eine erhöhte Interferenzanfälligkeit, die Steigung der Lernkurve etc.) beobachtet werden, die vor allem für das Verständnis der Qualität der Gedächtnisstörung von Bedeutung sind und Hinweise dafür geben können, welche Kompensationsstrategien für den Patienten geeignet sind oder nicht (Thöne-Otto 2010). Am Anfang steht immer eine sorgfältige Anamnese der vorhandenen Beschwerden, ihres Verlaufs sowie bereits verwendeter Umgangsstrategien.

Aufgrund der Vielzahl verfügbarer psychometrischer Testsverfahren sind die hier angegebenen Verfahren stets als Beispiele zu verstehen. Werden Patienten wiederholt untersucht, sollte sorgfältig darauf geachtet werden, ob die Verfahren der vorbehandelnden Klinik erneut eingesetzt werden können, da Testwiederholungseffekte die Interpretierbarkeit der Testwerte beeinflussen können. Die Auswahl orientiert sich an den Testgütekriterien und an einer hinreichend vorhandenen Normstichprobe im relevanten Sprachraum (für einige Verfahren existieren nur englischsprachige Normen). Bei der Untersuchung älterer Patienten ist auf eine ausreichende Normierung für den relevanten Altersbereich zu achten. Teilweise liegen allerdings nur experimentelle oder vorläufige Testversionen vor, die für eine systematische Verhaltensbeobachtung und eine qualitative Abschätzung der Leistung eingesetzt werden können. Ergänzend sollte die funktionelle Relevanz der Gedächtnisstörungen durch Selbst- und Fremdeinschätzung der Alltagsleistung sowie durch die Verhaltensbeobachtung erhoben werden. Eine umfassende Übersicht über neuropsychologische Testverfahren und Fragebögen mit ihren Einsatzgebieten und Testgütekriterien findet sich bei Schellig et al. (2009).

Orientierung (insbesondere bei schwer betroffenen Patienten)

Kurzzeit-Arbeitsgedächtnis

Langzeitgedächtnis (Lern- und Behaltensleistung, Neugedächtnis)

Altgedächtnis (retrograde Amnesie)

Die vorliegenden standardisierten Verfahren, eignen sich zur Differenzierung von biografischen und semantischen Altgedächtnisstörungen. Zur Eingrenzung des zeitlichen Umfangs der retrograden Amnesie sind sie oft nicht geeignet, da in der Regel die letzten zurückliegenden Jahre vorrangig betroffen sind und es hierzu keine publizierten Vergleichsdaten (z. B. zum Wissen über öffentliche Ereignisse) gibt. Die Erinnerung an relevante biografische Ereignisse aus verschiedenen Lebensepochen des Patienten sollte daher am besten mithilfe der Angehörigen untersucht werden.

Weiterführende Diagnostik

Zusätzlich je nach Fragestellung und Beschwerden zu untersuchende Gedächtnisfunktionen:

Weitere Untersuchungsfragen

Um die Gedächtnisleistungen in verschiedenen Tests angemessen interpretieren und Therapieansätze ableiten zu können, sind darüber hinaus folgende Gesichtspunkte einzubeziehen:

Besondere Empfehlungen für einzelne Störungsbilder

Akutes Schädel-Hirn-Trauma

Obwohl der Dauer der posttraumatischen Amnesie (PTA) sowohl bei leichtem als auch bei schwerem Schädel-Hirn-Trauma eine wichtige prognostische Rolle zugesprochen wird, gibt es bislang kein akzeptiertes standardisiertes Verfahren zu ihrer Erfassung. Eine gegebene zeitliche und örtlich-geografische Orientierung ist nicht gleichbedeutend mit dem Ende der PTA. Drake et al. (2006) empfehlen die Erweiterung der Glasgow-Coma-Scale (Glasgow Coma Scale-Extended, GCS-E; Nell et al. 2000). Dabei werden für unterschiedliche Dauern der Amnesie (meist überprüft über das erste Ereignis nach dem Unfall, das der Patient angeben kann) Skalenwerte vergeben (▶ Tab. 94.1). Auch die Überprüfung der verzögerten Lernleistung für 3 Worte hat sich als Indikator für die Dauer der PTA bewährt (Andriessen et al. 2009). Die posttraumatische Amnesie sollte auf der Akutstation engmaschig und wiederholt erhoben werden, da Erhebungen im Nachhinein, z. B. bei Verlegung in die Rehabilitationsklinik, oft zu groben Verfälschungen führen.

Tab.-94.1 thumb

Multiple Sklerose

Bei der Multiplen Sklerose ist wegen der Progredienz des Verlaufes vor allem auf die Wiederholbarkeit der Untersuchungen zu achten. Eine Experten-Kommission hat daher 2 Batterien mit zum Teil überschneidenden Verfahren als besonders empfehlenswert erarbeitet (Langdon 2011):

Beschwerdevalidierung

Da fast alle psychometrischen Testleistungen von der Motivation und Mitarbeit der zu Untersuchenden abhängen, ist die Frage der ausreichenden Anstrengung im Rahmen der Diagnostik in den letzten Jahren zunehmend in den Aufmerksamkeitsfokus gerückt. Immer dann, wenn das Ausmaß der Beeinträchtigung für den Patienten mit finanziellen Anreizen verbunden ist (z. B. Berentung, Unfallversicherungsentschädigung etc.), sollte daher bei entsprechender Beeinträchtigung in Testverfahren die Validität der Befunde und die Anstrengungsbereitschaft mit standardisierten Verfahren überprüft werden. Einige Autoren empfehlen sogar, bei jeglicher psychometrischen Untersuchung ein standardisiertes Validierungsinstrument mit einzusetzen (z. B. Merten 2011). Eine sorgfältige Darstellung zur Durchführung und Interpretation von Beschwerdevalidierungsverfahren sowie eine Übersicht über geeignete Verfahren finden sich bei Merten (2011). Am häufigsten eingesetzt werden der Word Memory Test (Green 2003) sowie der Rey 15 Items Test (Reznek 2005). Im deutschen Sprachraum hat sich darüber hinaus die Testbatterie zur Forensischen Neuropsychologie (TBFN; Heubrock u. Petermann 2000) etabliert. Auch die Forced Choice Recognition Form des CVLT wurde zur Beschwerdevalidierung entwickelt (Moore u. Donders 2004). Die Beurteilung der Validität der Testleistung sollte jedoch nicht allein auf Basis dieser Verfahren eingeschätzt werden. Da diese Tests naturgemäß sehr einfach sind, ist mit einem „Bestehen“ dieser Aufgaben eine hinreichende Anstrengungsbereitschaft bei anspruchsvolleren Aufgaben noch nicht gewährleistet. Darüber hinaus können sich Patienten im Internet über diese Verfahren informieren und sich in den Testsituationen entsprechend gezielt auf diese Verfahren vorbereiten. Die Verhaltensbeobachtung während, vor und nach der Untersuchung sowie Diskrepanzen und Widersprüchlichkeiten im Testprofil oder zwischen Testleistung und Alltagsverhalten sind daher für die Einschätzung der Testvalidität mindestens ebenso wichtig. Zur Einschätzung können die sogenannten Slick-Kriterien herangezogen werden (Slick et al. 2004).

Therapie

Die Therapiezielstellung sowie die auszuwählenden Therapiemethoden richten sich nach der Schwere der Gedächtnisstörung, danach, ob weitere kognitive Funktionen beeinträchtigt sind, sowie nach dem Ausmaß der Krankheitseinsicht (Awareness) bezüglich der eigenen Störung. Darüber hinaus spielen die individuellen Alltagsanforderungen eine wesentliche Rolle.

▶ Abb. 94.1 gibt einen Überblick über die Entscheidungsalgorithmen zur Auswahl geeigneter Therapieverfahren.

Abb. 94.1 Flussdiagramm zur Auswahl geeigneter Therapiestrategien.

Abb.-94.1

Neuropsychologische Therapieansätze

Vermittlung von Lernstrategien

Ein intensives Training zur Vermittlung von Lernstrategien (z. B. bildhafter Vorstellungen [mental imagery], semantische Kategorisierungsstrategien, Elaborationsstrategien) kann bei Patienten mit leichten bis mittelschweren Gedächtnisstörungen die Gedächtnisleistungen verbessern. Dies wurde für verschiedene Patientengruppen in 8 randomisiert kontrollierten Klasse-I-Studien bei Schädel-Hirn-Trauma-Patienten (Salazar et al. 2000), Schlaganfallpatienten, Patienten mit Multipler Sklerose (Chiaravalloti et al. 2005, Hildebrandt et al. 2007b), gemischten Patientengruppen (Hildebrandt et al. 2006, Kaschel et al. 2002) sowie in systematischen Reviews bzw. Metaanalysen (Rees et al. 2007, O’Brien et al. 2008, Rohling et al. 2009, Cicerone et al. 2011) nachgewiesen (▶ Tab. 94.2). Die Evidenz wird zusätzlich erhärtet durch 8 Klasse-II- und 5 Klasse-III-Studien. Rees et al. (2007) und Cicerone et al. (2011) sehen aktuell keine Evidenz für die Vermittlung von Lernstrategien an schwer betroffene Patienten. Zwar konnte ein Cochrane Review von Nair und Lincoln (2007) für Schlaganfallpatienten aufgrund unzureichender Studienlage keine hinreichende Evidenz für eine Verbesserung der Gedächtnisleistungen nachweisen. Dies ist jedoch vor allem auf die strengen Auswahlkriterien für einbezogene Studien zurückzuführen und darauf, dass alle Studien, die nach September 2006 publiziert wurden, nicht in dem Review enthalten sind. Ein Großteil der Therapiestudien wurde mit gemischten Patientenkollektiven durchgeführt, ohne dass die Ergebnisse ätiologiespezifisch ausgewertet wurden, damit wurden sie jedoch in den Cochrane Review nicht einbezogen. Dies ist jedoch kein Anlass, an der Wirksamkeit der Verfahren, die für andere Patientengruppen gezeigt wurde, für Schlaganfallpatienten zu zweifeln.

Tab.-94.2-Teil-1

 

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Bezüglich möglicher Erfolgsparameter findet sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Anzahl der Trainingssitzungen und dem Therapieerfolg (Hux et al. 2000, Hildebrandt et al. 2007a). Auch wenn eindeutige Befunde zur genauen Häufigkeit und Intensität noch fehlen, gilt es als gute klinische Praxis, die Therapie über mindestens 10 Sitzungen und 2–5-mal wöchentlich stattfinden zu lassen.

Das eingesetzte Strategietraining sollte gedächtnisspezifisch sein (Rohling et al. 2000, Spahn et al. 2010), eine sichere Überlegenheit einer Lernstrategie gegenüber einer anderen konnte jedoch nicht nachgewiesen werden (Tam u. Man 2004, Hildebrandt et al. 2006, Hildebrandt et al. 2007a; Spahn et al. 2010). Auch wird die Therapie einzeln, in der Gruppe oder PC-gestützt angeboten, ohne dass bislang Effizienzunterschiede nachgewiesen wären. Einflussvariablen wie Alter und Zeit seit der Hirnschädigung sind häufig mit der Ätiologie konfundiert (junge Schädel-Hirn-Trauma-Patienten werden eher im chronischen Stadium, ältere Schlaganfallpatienten eher postakut behandelt) (Rohling et al. 2009). Eindeutig können jedoch auch im chronischen Stadium Behandlungserfolge nachgewiesen werden (Cicerone et al. 2011) und trotz der Progredienz der Erkrankung bei MS durch die Vermittlung von Lernstrategien verbesserte Gedächtnisleistungen nachgewiesen werden (O’Brien et al. 2008).

Externe Gedächtnishilfen

Der Einsatz externer Gedächtnishilfen sollte stets wichtiger Bestandteil der Therapie zur Kompensation von Gedächtnisstörungen sein. Alle Studien, in denen externe Gedächtnishilfen untersucht wurden, zeigten eine verbesserte Aufgabenbearbeitung (Sohlberg et al. 2007; 3 systematische Reviews, 2 randomisiert-kontrollierte Studien, 3 Klasse-II-Studien und 12 Klasse-III-Studien) (▶ Tab. 94.2). Auch hier sollte der Einsatz jedoch nach Schweregrad der Gedächtnisstörung und dem Vorliegen anderer kognitiver und Verhaltensdefizite (insbesondere Exekutivfunktionen und Antrieb) unterschieden werden. Bei leicht betroffenen Patienten, sollte die Therapie darauf abzielen, Gedächtnishilfen selbstständig auch zur Planung des Alltags sowie von Terminen und Erledigungen einzusetzen. Bei schwerer betroffene Patienten gilt es, in der Therapie zu trainieren, auf Gedächtnishilfen, die andere für sie führen (z. B. die Angehörigen), adäquat zu reagieren (Wilson et al. 2001, Sohlberg et al. 2007).

In der überwiegenden Zahl der Studien wird der Effekt der Gedächtnishilfe im Sinne einer kognitiven Prothese nur während der Verwendung der Gedächtnishilfe untersucht. Während einige Arbeiten zeigen konnten, dass durch die Gedächtnishilfe Alltagsroutinen etabliert werden, die auch nach Absetzen des Gerätes erhalten blieben (Wilson et al. 2001, Kirsch et al. 2004), war dies in anderen Studien (Fish et al. 2008) nicht der Fall.

Es können keine klaren Empfehlungen hinsichtlich der Art der Gedächtnishilfe gegeben werden (klassisches Gedächtnisbuch vs. Smartphone). Die Auswahl richtet sich daher nach den persönlichen Vorlieben und Vorerfahrungen des Patienten. Ergebnisse früherer Studien, dass die Bedienung kommerziell verfügbarer elektronischer Gedächtnishilfen für schwerer beeinträchtigte Patienten aufgrund der Komplexität der Bedienoberfläche kaum erlernbar sei (Evans et al. 2003), können angesichts der Entwicklung von immer anwenderfreundlicheren Geräten auf dem Mobilfunkmarkt heute eher in Frage gestellt werden. Auch können viele Patienten heutzutage auf Erfahrungen vor der Hirnschädigung zurückgreifen, sodass Geräte eingesetzt werden können, deren Nutzung den Patienten bereits vertraut ist. Dies hat sich in den letzten 10 Jahren merklich geändert, sytematische neuere Studien hierzu fehlen allerdings.

Nicht alle Studien beschreiben, ob und wie ein Training für die Anpassung der Gedächtnishilfe erfolgte. In aller Regel sollte jedoch eine individuelle Anpassung an die Alltagsanforderungen der Patienten erfolgen und dabei sorgfältig festgelegt werden, für welche Aufgaben und zu welchen Zeiten im Verlauf des Tages die Gedächtnishilfe genutzt werden soll. Zum Aufbau von Routinen bietet es sich an, die regelmäßige Nutzung der Gedächtnishilfe an die Mahlzeiten zu koppeln. Im Einzelfall kann ein intensives und individuelles Training erforderlich sein, um die Nutzung an den Alltag der Patienten anzupassen (Sohlberg et al. 2007). Den Patienten den Einsatz nur zu empfehlen, reicht häufig nicht aus, insbesondere wenn sie bereits negative Erfahrungen mit Gedächtnishilfen gemacht haben. In diesem Fall sollte genau analysiert werden, woran der Einsatz der Gedächtnishilfe gescheitert ist, um darauf die Anwendung und die weitere Therapie abstimmen zu können.

Eine Studie fand einen Zusammenhang zwischen dem Einsatz elektronischer Gedächtnishilfen in der Therapie und der Erfahrung mit solchen Geräten bei den Therapeuten (Hart et al. 2003). Daher empfiehlt es sich, dass Therapeuten offen für Entwicklungen im Bereich elektronischer Gedächtnishilfen sind und Kliniken ein Budget für die Anschaffung derartiger Geräte zur Verfügung stellen, damit Patienten deren Einsatz ausprobieren können.

Vermittlung domänenspezifischen Wissens mit fehlerfreiem Lernen (Errorless Learning)

Eine quantitative Metaanalyse von Kessels und de Haan (2003) sowie eine Klasse-I-Studie (Dou et al. 2006) weisen die Wirksamkeit von fehlerfreiem Lernen zur Vermittlung domänenspezifischen Wissens bei schwer amnestischen Patienten nach. Die Evidenz wird weiter erhärtet durch ein weiteres systematisches Review (Clare u. Jones 2008) sowie eine Klasse-II- und 6 Klasse-III-Studien. Dabei kann es sich sowohl um persönlich relevante Informationen (z. B. die Namen der Pfleger) als auch um Fertigkeiten wie die Handhabung einer elektronischen Gedächtnishilfe handeln. Ob ein Transfer der Kenntnisse auf andere Aufgaben möglich ist oder eine allgemeine Verbesserung der Gedächtnisleistung erzielt werden kann, ist hingegen eher fraglich (Cicerone et al. 2011). Fehler werden beim Lernen vermieden, indem den Patienten die richtige Antwort zunächst vorgegeben und sie in folgenden Lerndurchgängen mit immer weniger Abrufhilfen dargeboten wird (Backward Chaining bzw. Vanishing Cues). Weitere Möglichkeiten sind das langsame Vergrößern der Abrufintervalle (Spaced Retrieval) oder die Vorgabe einer Checkliste für einen Handlungsablauf. Möglicherweise kann der Effekt der Methode durch Förderung mentaler Anstrengung (z. B. durch Vorgabe eindeutiger semantischer Abrufhilfen statt der richtigen Antwort) gesteigert werden. Unklar ist, ob auch leichter beeinträchtigte Patienten von der Methode profitieren (Clare u. Jones 2008). Auch scheint das Vorliegen schwerer Störungen der Exekutivfunktionen die Wirksamkeit einzuschränken (Pitel et al. 2006).

Pharmakotherapie

Gedächtnisfunktionen werden von verschiedenen Neurotransmittersystemen beeinflusst, außerdem sind Gedächtnisleistungen von Aufmerksamkeitsfunktionen abhängig. Insofern stellen die pharmakologische Modulation oder sogar ein Enhancement von Gedächtnisleistungen naheliegende Therapieoptionen dar. Allerdings lässt die schmale Datenbasis zur pharmakologischen Behandlung von Gedächtnisstörungen bei nicht demenziellen Erkrankungen noch kaum sichere Schlussfolgerungen zu, sodass es sich in jedem Fall um individuelle Behandlungsversuche handelt, deren Effekte auch im Einzelfall detailliert zu kontrollieren sind. Die bislang vorliegenden Studien befassen sich fast ausschließlich mit der Behandlung von Schädel-Hirn-Verletzten. Auch wenn die Behandlung schwerer Gedächtnisstörungen im Rahmen anderer Erkrankungen plausibel erscheinen mag, liegen hierzu keine Studien vor.

Eine Metaanalyse und Leitlinien für neuropsychologische Defizite nach Schädel-Hirn-Trauma wurden von der Neurobehavioural Guidelines Working Group der US NeuroTrauma Foundation (2006) vorgelegt. Bei sämtlichen genannten Optionen handelt es sich um Off-Label-Anwendungen. Die Leitlinie gibt zur Pharmakotherapie dieser Patientengruppe folgende Empfehlung:

Daten zur Verbesserung von Gedächtnisleistungen aus einer kontrollierten Studie, die allerdings methodische Probleme aufweist, liegen außerdem vor für Physostigmin (2–4 mg 3 × täglich) bei Patienten mit schweren Gedächtnisstörungen nach SHT (Cardenas et al. 1994).

Nach Abschluss der Metaanalyse der Neurobehavioural Guidelines Working Group konnte in einer prospektiven, randomisierten, placebokontrollierten Doppelblindstudie auch für Rivastigmin ein positiver Effekt bei Patienten mit mittelschweren bis schweren Gedächtnisdefiziten mehr als 12 Wochen nach SHT gezeigt werden (Silver et al. 2006).

Hinweise, dass CDP-Cholin (Citicolin) als Vorläufer für Phosphatidylcholin mnestische Defizite bessern könnte, ließen sich in einer Cochrane-Analyse nicht bestätigen (Fioravanti u. Yanagi 2005).

Außer für SHT liegen kontrollierte randomisierte Studien vor für Cholinesterasehemmer bei Alzheimer-Demenz, vaskulärer Demenz, Parkinson-Demenz (siehe Leitlinie zu Demenzerkrankungen) und bei Multipler Sklerose sowie für Methylphenidat bei Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom vor, die hier nicht berücksichtigt werden.

Behandlung kognitiver ­Störungen in interdisziplinärem und integriertem Kontext

Bei vielen Patienten stellen die in dieser Leitlinie behandelten kognitiven Störungen nur einen Teilaspekt der multiplen Folgen der Hirnschädigung dar. Die Patienten erfahren dann eine interdisziplinäre Behandlung (Ergotherapie, Logopädie, Medizin, Neuropsychologie, Physiotherapie und Sozialtherapie). Eine randomisierte kontrollierte Studie für MS-Patienten zeigt, dass eine solche interdisziplinären Behandlung effektiv die multiplen Folgen der Hirnschädigung lindert, und zwar sowohl im motorischen wie im kognitiven Bereich (Khan et al. 2007). Damit die verschiedenen Berufsgruppen ihre Therapieansätze für einen Patienten aufeinander abstimmen können, ist die Möglichkeit zum Austausch erforderlich (klinischer Konsens).

Bei chronischen Patienten kann die in dieser Leitlinie behandelte kognitive Störung assoziiert sein mit einer reduzierten Lebensqualität bzw. andauernden Problemen in der Krankheitsbewältigung. In einer Studie bei Patienten mit chronischem Schädel-Hirn-Trauma und komplexen neuropsychologischen Störungen konnte gezeigt werden, dass die Kombination von kognitiven, psychotherapeutischen und beratenden Interventionen das Ausmaß der psychosozialen Integration erhöht (Cicerone et al. 2004).

Redaktionskomitee

Prof. Dr. Hermann Ackermann (DGNR), Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung der Universität Tübingen / Fachkliniken Hohenurach, Bad Urach
Prof. Dr. Thomas Benke Th (ÖGN), Universitätsklinik für Neurologie, Medizinische Universität Innsbruck
Sabine George (DVE), Deutscher Verband der Ergotherapeuthen e.V., Karlsbad
Prof. Dr. Helmut. Hildebrandt (DGNR + GNP), Klinikum Bremen-Ost, Zentrum für Neurologie, und Institut für Psychologie, Universität Oldenburg
Prof. Dr. Sandra-Verena Müller (GNP und DGNKN), Ostfalia – Hochschule für angewandte Wissenschaften, Fakultät Sozialwesen, Wolfenbüttel
Priv.-Doz. Dr. Thomas Nyffeler (SNG), Neurologische Klinik, Abt. für Kognitive und Restorative Neurologie, Inselspital Bern
Dr. Karin Schoof-Tams (GNP), Neurologische Klinik Westend, Bad Wildungen
Dr. Angelika Thöne-Otto (GNP, DGNKN,) Universitätsklinikum Leipzig, Tagesklinik für kognitive Neurologie
Prof. Dr. Claus-Werner Wallesch (DGN), BDH-Klinik, Elzach

Federführend: Dr. Angelika Thöne-Otto (GNP, DGNKN,) Universitätsklinikum Leipzig, Tagesklinik für kognitive Neurologie, Liebigstraße 16, 04103 Leipzig, E-Mail:

Entwicklungsstufe der Leitlinie: S2e

Finanzierung der Leitlinie

Die Gesellschaft für Neuropsychologie hat zur Unterstützung der Leitlinienerstellung Mittel für eine studentische Hilfskraft zur Verfügung gestellt. Eine darüber hinausgehende Finanzierung erfolgte nicht. Die Redaktionsmitglieder waren in ihrer Erstellung der Empfehlungen unabhängig.

Methodik der Leitlinienentwicklung

Zusammensetzung der Leitliniengruppe

Siehe Redaktionskomitee. Die Expertengruppe setzte sich aus Vertretern aller relevanten Berufsgruppen zusammen, insbesondere waren dabei die Neuropsychologie, die Neurologie sowie die Ergotherapie vertreten. Auch wurden die Vertreter verschiedener deutschsprachiger Länder, d.h. deutscher, österreichischer und Schweizer Berufsgruppen einbezogen.

Recherche, Auswahl und Bewertung wissenschaftlicher Belege

a) Formulierung von Schlüsselfragen

Die Recherche diente der Untersuchung folgender Fragestellung:
Welche Verfahren haben sich in der Diagnostik organisch bedingter Gedächtnisstörungen zur Beschreibung und Quantifizierung der unterschiedlichen Gedächtnisparamter bewährt?
Welche Therapieverfahren zeigen in Untersuchungen von entsprechender methodischer Qualität bei welchen Patientengruppen und für welche Outcomemaße eine Wirksamkeit?

b) Verwendung existierender Leitlinien zum Thema

Es handelt sich um eine Weiterentwicklung der Leitlinie der DGN 2005 (Thöne-Otto und die Kommission Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie 2005; AWMF 030/124). Eine enge Abstimmung erfolgte mit den Leitlinien Diagnostik und Therapie exekutiven Dysfunktionen (AWMF 030/125) und Diagnostik und Therapie von Aufmerksamkeitsstörungen (AWMF 030/135). Darüber hinaus wurden die AWMF-Leitlinie Demenz (AWMF 038/013), die AWMF-Leitlinie Schädelhirntrauma (AWMF 008/001) sowie die AWMF-Leitlinie Multiprofessionelle Rehabilitation (AWMF 030/122) berücksichtigt. Bezüglich internationaler Leitlinien lag eine Arbeit zu Gedächtnisstörungen nach Schlaganfall der Cochrane Library (Nair & Lincoln, 2007) vor.

c) Systematische Literaturrecherche

Bei der hier vorliegenden Überarbeitung der Leitlinie wurden die Jahrgänge 2000 bis 2010 der einschlägigen internationalen Fachzeitschriften, der Recherche in den Datenbanken Medline und PsyLit und Metaanalysen der Cochrane Library einbezogen.

Die in den systematischen Reviews und Meta-Analysen gefundenen Studien der Evidenzklassen I und II wurden als Originalarbeit untersucht und nach den definierten Kritierien (s.u.) hinsichtlich ihrer Evidenzklasse bewertet. Soweit sich dabei andere Bewertungen ergeben, als in den genannten Reviewartikeln, wird dies in der Evidenztabelle gekennzeichnet und begründet.
Soweit sich aus der aktuellen Literaturrecherche Änderungen der Empfehlungen gegenüber der Vorgängerleitlinie ergeben, sind diese unter der Überschrift „Was gibt es Neues?" explizit benannt und begründet.

Im Zeitraum vom 15.Januar bis 06. März 2011 wurde folgende Recherche durchgeführt (jeweils mit folgenden Limits: Zeitraum vom 01.01.2000 bis 31.12.2010, englische oder deutsche Studien, Studien mit Menschen, Begriffe sollen in Titel und/oder Abstract vorkommen, Ausschlusskriterien: NOT Alzheimer, MCI, Dementia):

"cognitive deficits" AND memory
"cognitive disorders" AND memory
"neurobehavioral disorders" and memory
"memory disorders"OR "memory deficits" AND treatment
"memory disorders"OR "memory deficits" AND assessment
"memory disorders"OR "memory deficits" AND therapy
"memory disorders"OR "memory deficits" AND rehabilitation
"memory disorders"OR "memory deficits" AND training
"memory disorders"OR "memory deficits" AND compensation
"memory disorders"OR "memory deficits" AND remediation
"memory disorders"OR "memory deficits" AND "errorless learning"
"memory disorders"OR "memory deficits" AND "external aids"
"memory disorders"OR "memory deficits" AND "psychological testing
"memory disorders"OR "memory deficits" AND "spaced retrieval"
"memory disorders"OR "memory deficits" AND "vanishing cues"

Zusätzlich wurde in den Literaturverzeichnissen (Zeitraum 01.01.2000 bis 31.12.2010) folgender Zeitschriften nach passenden Artikeln gesucht.
• Advances in clinical neuroscience and rehabilitation 
• American Journal of Physical Medicine and Rehabilitation
• Archives of Physical Medicine and Rehabilitation
• Brain Injury

d) Auswahl der Evidenz

Die in den gefundenen Review-Artikeln erwähnten Originalstudien wurden, soweit sie den Recherchezeitraum betreffen, ebenfalls in die Sammlung aufgenommen. Des Weiteren wurden Studien aussortiert, wenn:

e) Bewertung der Evidenz

Die Bewertung der Evidenzgraduierung bezieht sich auf Studien zu therapeutischen Interventionen. Eine Evidenzgraduierung für diagnostische Verfahren trifft aufgrund des Standes der Literatur nicht zu.

Verfahren zur Konsensfindung

Ein erster Entwurf der Leitlinie mit den entsprechenden Empfehlungen und Bewertungen der Studien wurde allen Mitgliedern der Leitlinienkommission als E-Mail-Anhang zugesandt. Auf Nachfrage waren die Systematischen Reviews und Meta-Analysen sowie die verwendeten Studien als Abstracts verfügbar. Die Experten gaben ihre Rückmeldungen zu den erstellten Empfehlungen und diese wurden über den E-Mail-Verteiler auch allen anderen Experten der Kommission kenntlich gemacht. Aus diesen Rückmeldungen wurde eine überarbeitete und adaptierte Version der Leitlinie erstellt und in einem zweiten Reviewprozess den Experten zur Verfügung gestellt. Hieraus wurde schließlich die Endversion der Leitlinie erstellt.

Die Leitlinie wurde in einer Vorversion dem Wissenschaftlichen Beirat der Gesellschaft für Neuropsychologie am 22.09.2011 anlässlich der Jahrestagung der Gesellschaft für Neuropsychologie vorgelegt und von diesem konsentiert. Auch die Mitglieder der Gesellschaft für Neuropsychologie konnten sich im Rahmen der Jahrestagung am 24.09.2011 über den Stand der Leitlinien informieren. Darüber hinaus waren die verschiedenen oben genannten Fachorganisationen durch von den jeweiligen Vorständen autorisierte Vertreter in der Expertengruppe an der Leitlinienfindung beteiligt.

Literatur

Die in der Literaturrecherche gefundenen Studien wurden nach den in ▶ Tab. 94.3 gelisteten Kriterien den Evidenzhärtegraden zugeordnet. Eine Evidenzgraduierung für diagnostische Verfahren trifft aufgrund des Standes der Literatur nicht zu.

Tab.-94.3 thumb

Evidenzgrad Ia

Evidenzgrad Ib

Evidenzgrad II

Evidenzgrad III

Ergänzende Literatur

Aus: Hans-Christoph Diener, Christian Weimar (Hrsg.): Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie, Herausgegeben von der Kommission "Leitlinien" der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, Thieme Verlag, Stuttgart, September 2012