17. September 2015

Wer sich ungerechtfertigt angegriffen fühlt, der ärgert sich – das verstehen wir gut und Hans-Christoph Diener hat es mit “Ich habe fertig“ prägnant auf den Punkt gebracht. Unsere Initiative NeurologyFirst zielt auf einen angemessenen Umgang mit Interessenkonflikten und verzichtet bewusst auf persönliche Angriffe. Das vom Medizinethiker Dennis Thompson begründete Konzept der Interessenkonflikte1 spart individuelles Fehlverhalten und korruptive Aspekte aus, da es Interessenkonflikte als Risikofaktoren für ein verzerrtes Urteil ansieht, mit denen präventiv umzugehen ist. Ein Interessenkonflikt muss dabei gar nicht moralisch anrüchig sein. Häufig geht es vielmehr um einen Rollenkonflikt. So kann ein Richter selbstverständlich Vater sein. Nur kann er nicht über seinen eigenen Sohn zu Gericht sitzen, selbst wenn er glaubt, er könne das.

Die Entwicklung der DGN-Leitlinien auf der Grundlage der evidenzbasierten Medizin ist eine herausragende Leistung der deutschen Neurologie, für die Hans-Christoph Diener der treibende Motor war und ist. Das zugrundeliegende Regelwerk der AWMF hat sich stetig weiterentwickelt. Ebenso ist die internationale Diskussion zur Regulierung von Interessenkonflikten bei Leitlinien fortgeschritten, etwa durch die Vorschläge des Institute of Medicine und des Council of Medical Specialty Societies (CMSS) in den USA.2,3 Inzwischen geht es um die Frage, wie sich nicht nur die fachliche Qualität von Leitlinien sichern lässt, sondern auch ihre fachliche Unabhängigkeit. Die vorgeschlagenen Regeln zielen nicht darauf ab, gegen „korrupte Interessenvertreter der pharmazeutischen Industrie“ vorzugehen. Es wäre abwegig zu unterstellen, dass ein ärztlicher Autor mit Industrieverbindungen wie ein finsterer Geheimagent die Pläne bestimmter Firmen umsetzt – selbst wenn es umgekehrt keinen Zweifel daran gibt, dass die Industrie die Zusammenarbeit mit ärztlichen Meinungsbildnern nicht nur aus wissenschaftlichen, sondern auch aus kommerziellen Gründen sucht. Ob es tatsächlich zu einer Beeinflussung kommt, bleibt im Einzelfall ungewiss; und wenn, dann vollzieht sie sich weitgehend unbewusst, wofür der Begriff des „Bias blind spot“ geprägt wurde.4 (Diesen Balken im eigenen Auge gibt es natürlich auch bei Kritikern der Pharmaindustrie).

Unser an die AWMF und die deutschen Fachgesellschaften gerichteter Appell für unabhängige Leitlinien, den wir gemeinsam mit Mezis und Transparency Deutschland im Mai gestartet haben, wurde inzwischen von fast 1200 Ärzten aller Fachrichtungen unterzeichnet (www.neurologyfirst.de/appell/). Darunter finden sich knapp 300 Neurologen und etliche Leitlinienautoren. Inzwischen haben sich auch einige Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie angeschlossen. Unsere Vorschläge orientieren sich an den Richtlinien des Institute of Medicine.2

Die DGN ist nach der Verabschiedung ihrer Handlungsrichtlinien zum Umgang mit wirtschaftlichen Interessen für diese Diskussion gut gerüstet, da sie bereits beschlossen hat, den Anteil von Autoren mit Interessenkonflikten auf 50% zu begrenzen und bei Abstimmungen die Enthaltung bei Befangenheit zu praktizieren.5 Damit ist sie weiter als die meisten anderen deutschen Fachgesellschaften. Eine notwendige Ergänzung wäre aus unserer Sicht, dass federführende Autoren keine Interessenkonflikte haben sollten. Nun geht es darum, diese Beschlüsse umzusetzen. Dafür müssen viele Ärztinnen und Ärzte für die Leitlinienarbeit gewonnen werden, wozu die DGN aktiv aufrufen sollte und wofür wir bei unseren Unterstützern gerne werben wollen. Auch gegenüber Journalisten können wir mit dem Diskussionsstand unserer Fachgesellschaft punkten. Es liegt nicht in unserer Hand, ob ausgewogen über die Leistungen unseres Fachs berichtet wird, wohl aber, ob wir auch auf kritische Fragen überzeugende Antworten haben. Wir unterstützen und würdigen das erfolgreiche Leitlinienprojekt der DGN. Gleichzeitig wollen wir die offene ärztliche Diskussion zum Umgang mit Interessenkonflikten fortsetzen.

Thomas Lempert
RWC Janzen
Matthias Hoheisel
Michael von Brevern
Christian Wilke
Johannes Jörg
Enrico Völzke

 

  1. Thompson DF. Understanding conflict of interest. NEJM 1993; 329: 573-6.
  2. http://www.iom.edu/~/media/Files/Report%20Files/2011/Clinical-Practice-Guidelines-We-Can-Trust/Clinical%20Practice%20Guidelines%202011%20Insert.pdf
  3. http://www.cmss.org/codeforinteractions.aspx
  4. Felser G, Klemperer D. Psychologische Aspekte von Interessenkonflikten. In: Lieb K, Klemperer D, Ludwig WD. Interessenkonflikte in der Medizin. Springer, Berlin 2011; 27-45
  5. http://www.dgn.org/images/red_dgn/pdf/handlungsrichtlinien_2014_forumneurologicum.pdf