Kapitel: Entzündliche und erregerbedingte Krankheiten

Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME)

Entwicklungsstufe: S1
Stand: 19.01.2016
Gültig bis: 18.01.2021
AWMF-Registernummer: 030/035
Federführend
Prof. Dr. Reinhard Kaiser, Pforzheim


PDF-Download der Leitlinie
Clinical Pathway

Zitierhinweis:
Kaiser R. et al. S1-Leitlinie Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME). 2016. In: Deutsche Gesellschaft für Neurologie, Hrsg. Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien (abgerufen am TT.MM.JJJJ)

Inhaltsverzeichnis

Klinischer Behandlungspfad

Diagnosestellung

Therapeutisches Procedere

Was gibt es Neues?

Vergessene Auffrischimpfungen sind kein Grund für eine neue Grundimmunisierung. Da jede Impfung zählt, bestimmt die Zahl vorausgegangener Impfungen die Anzahl weiterer notwendiger Impfungen zur Erlangung eines Impfschutzes vor FSME (Schosser R et al. 2014).

Die wichtigsten Empfehlung auf einen Blick

Da die FSME häufig schwerwiegend verläuft und bei mehr als einem Drittel der Erkrankten dauerhafte neurologische Schäden hinterlässt, ist die aktive FSME-Impfung aller Personen im Alter von über 3 Jahren mit wiederholtem Aufenthalt in Risikogebieten zu empfehlen.

Einführung: Geltungsbereich und Zweck der Leitlinie

Begründung der Notwendigkeit einer Leitlinie

Die FSME ist eine Erkrankung mit einem erhöhten Risiko von Folgeschäden, Invalidität und Tod. Sie ist durch eine Impfung vermeidbar, letztere ist jedoch nur gefährdeten Personen zu empfehlen. Die Leitlinie soll helfen, die individuelle Indikation für eine Impfung argumentativ zu unterstützen.

Ziele der Leitlinie

Die Leitlinie möchte informieren über das Infektionsrisiko, den Krankheitsverlauf der FSME, die Diagnostik, die Prognose, und die Möglichkeiten einer Erkrankungsvermeidung durch eine Impfung.

Patientenzielgruppe

Alle Personen, die beabsichtigen sich in einem FSME-Risikogebiet aufzuhalten.

Versorgungsbereich

Ambulante Versorgung im Bereich der Prävention und Diagnostik, stationäre Versorgung im Bereich der Diagnostik, Therapie, Nachsorge, Rehabilitation und Begutachtung.

Adressaten der Leitlinie

Niedergelassene Allgemeinmediziner, Internisten, Neurologen, Pädiater. Neurologen in Akutkliniken und Rehabilitationseinrichtungen, Gutachter, Impf-Interessierte.

Schlüsselwörter

FSME, Frühsommer-Meningoenzephalitis, Meningitis, Enzephalitis, Myelitis. ICD 10: A84.1.

Definition und Basis­informationen

Synonyme

Zeckenenzephalitis, Zentraleuropäische Enzephalitis (ZEE), Frühsommerenzephalitis, Kumling-Erkrankung, Russische Frühsommer-Enzephalitis, Tick-Borne Encephalitis (TBE)

Erreger

Die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) ist eine durch ein gleichnamiges Virus verursachte akute Entzündung des Gehirns, des Rückenmarks und der Hirnhäute. Das FSME-Virus enthält eine Plus-Strang RNA, die für drei Strukturproteine und 7 weitere Proteine codiert. Die RNA wird vom Capsidprotein und im Weiteren von einer Lipidhülle umhüllt, welche das Membranprotein M und das Envelopeprotein E enthält. Gegen dieses Glykoprotein E richtet sich die virusneutralisierende Immunantwort im Falle einer Infektion oder Immunisierung. Der Vergleich der drei Subtypen (westlich, östlich, fernöstlich) ergab für das Glykoprotein E eine Übereinstimmung von ca. 97%, was im Falle der Impfung mit dem westlichen Subtyp einen Schutz bei einer Infektion mit den beiden östlichen Subtypen bedeutet (Chiba 1999, Heinz 2012).

Übertragung

Hauptvirusreservoir für die FSME-Viren sind Kleintiernager des Waldes und der Wiesen und selten auch Ziegen. Die FSME-Viren werden hauptsächlich durch Zecken (in Westeuropa Ixodes ricinus, in Osteuropa, Russland und Asien I. persulcatus) übertragen, allerdings erinnern sich nur ca. 70% der Erkrankten an einen Zeckenstich (Kaiser 1999). Je nach Region sind 0,1–5% der Zecken mit dem Virus infiziert, in einzelnen südöstlichen deutschen Landkreisen wurden auch höhere Durchseuchungsraten gefunden (Suss 2003). Erwachsene Zecken halten sich in der Regel in der bodennahen Vegetation in einer Höhe von 30–60cm auf, seltener bis zu 1,5m; sie fallen nicht von den Bäumen. Sie können im Gebirge bis zu einer geographischen Höhe von ca. 1500m ü. M. vorkommen. Sie werden ab etwa 6°–8°C aktiv, wichtig ist außerdem eine lokale Luftfeuchtigkeit von >80%. Die Übertragung der FSME-Viren erfolgt innerhalb der ersten Stunden nach dem Zeckenstich. Selten ist auch eine Übertragung durch infizierte Ziegenmilch (Käse aus unpasteurisierter Milch) (Balogh et al. 2011, Klaus et al. 2012, Hudopisk et al. 2013).

Die meisten Infektionen erfolgen zwischen März und November mit einem Gipfel in den Hochsommermonaten. Je nach Witterung können Infektionen aber auch über das gesamte Jahr erfolgen.

Epidemologie

Epidemiologische Studien zeigen, dass >90% der Infektionen während der Freizeit erworben werden (Kaiser 1999). Die klinische Manifestationsrate der FSME-Virusinfektion liegt bei ca. 33%. Die variablen Krankheitsverläufe lassen sich sowohl durch Unterschiede im individuellen Abwehrverhalten als auch in der Virulenz und Anzahl der übertragenen Viren erklären (Gaumann et al. 2011; Poponnikova 2006).

In Deutschland wird ein Kreis als FSME-Risikogebiet definiert, wenn die Anzahl der übermittelten FSME-Erkrankungen im Kreis oder in der Kreisregion signifikant höher liegt als die bei einer Inzidenz von 1 Erkrankung pro 100000 Einwohner erwartete Fallzahl. Weder für Österreich noch für die Schweiz oder andere europäische Länder liegen entsprechende Definitionen von Risikogebieten vor. Hier spricht man allgemein von Verbreitungsgebieten.

FSME-Risikogebiete in Deutschland
https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/F/FSME/Karte_FSME.pdf?__blob=publicationFile

FSME-Verbreitungsgebiete in Österreich
http://www.zecken.de/de/fsme/fsme-europa

FSME-Verbreitungsgebiete (Naturherde, Endemiegebiete) in der Schweiz
https://map.geo.admin.ch/?layers=ch.bag.zecken-fsme-impfung&topic=ech&lang=de&bgLayer=ch.swisstopo.pixelkarte-farbe&layers_opacity=0.75

Zeckenencephalitis, Verbreitung der Endemiegebiete. Stand: 2015 (PDF)

Leitsymptome

Bei ca. 70% der Patienten manifestiert sich die FSME mit einem zweigipfligen Fieberverlauf. Nach einer Inkubationszeit von durchschnittlich 10 Tagen (5–28 Tage) kommt es zunächst zu einer ca. 1-wöchigen Prodromalphase mit allgemeinem Krankheitsgefühl, Kopfschmerzen, Fieber und gelegentlich auch Bauchschmerzen. Serologie und Liquor können zu diesem Zeitpunkt noch unauffällig sein. Nach vorübergehender Besserung markiert ein erneuter Fieberanstieg wenige Tage später den Beginn der zweiten Krankheitsphase. Diese manifestiert sich in ca. 50% der Fälle als isolierte Hirnhautentzündung (Meningitis), bei ca. 40% als zusätzliche Hirnentzündung (Meningoenzephalitis) und bei ca. 10% als zusätzliche Rückenmarksentzündung (Meningoenzephalomyelitis) (Kaiser 1999). In seltenen Fällen kann das Fieber einziges klinisches Merkmal der FSME sein (Meyer et al. 2009).

Die klinische Symptomatik bei der rein meningitischen Verlaufsform der FSME unterscheidet sich nicht wesentlich von anderen viralen Meningitiden, das Allgemeinbefinden ist häufig jedoch stärker beeinträchtigt, auch sind die Kopfschmerzen intensiver und das Fieber ist oft sehr ausgeprägt. Bei der Meningoenzephalitis stehen die Ataxie, die Bewusstseinsstörungen sowie Lähmungen von Extremitäten und Hirnnerven im Vordergrund. Die Meningoenzephalomyelitis manifestiert sich primär im Bereich der Vorderhörner und geht daher mit schlaffen Lähmungen der Extremitätenmuskulatur einher. Da sie sehr häufig in Assoziation mit einer Hirnstammenzephalitis auftritt, finden sich meist auch Schluck- und Sprechstörungen, Lähmungen der Gesichts- und Halsmuskulatur sowie Atemlähmungen. Das Auftreten einer isolierten Myelitis (Fauser et al. 2007, Zambito et al. 2011, Zambito et al. 2014, Racz et al. 2012) oder Radikulitis (Enzinger et al. 2009) und Verläufe mit anfänglichem Fehlen von Fieber oder einer Pleozytose (Poschl et al. 2009; Stupica et al. 2014) sind ebenso selten wie autonome Regulationsstörungen (Kleiter et al. 2006). Insgesamt verläuft die FSME mit zunehmendem Alter schwerwiegender und hinterlässt häufiger bleibende Defizite (Kaiser 1999).

Die FSME verläuft bei Kindern und Jugendlichen häufig unspezifisch mit den Symptomen eines grippalen Infektes und somit gutartiger (Hansson et al. 2011; Sundin et al. 2012). In den letzten Jahren häufen sich jedoch auch Berichte über langwierige neurologische Funktionsstörungen bei Kindern (Zenz et al. 2005; Grubbauer et al. 1992; Schmolck et al. 2005; Iff et al. 2005; Jones et al. 2007; Cizman et al. 1999; Arnez et al. 2003; Kaiser 2006; Kunze et al. 2004; Logar et al. 2006; Arnez et al. 2009; Meyer et al. 2009; Engman et al. 2012; Fowler et al. 2013). Das jüngste Kind mit einer FSME-Virusinfektion war 17 Tage alt (Jones et al. 2007). Klinisch imponierte zunächst ein Anfall mit nachfolgender Hemiparese, die sich nach 2 Monaten nicht zurückgebildet hatte. Das MRT des Gehirns zeigte zunächst ein Hirnödem der gesamten linken Hemisphäre und nach 2 Monaten eine Atrophie in diesem Bereich. Klinisch bot der Säugling fokale Anfälle, der weitere Verlauf ist nicht bekannt.

Über Doppelinfektionen mit dem FSME-Virus und Borrelia burgdorferi s.l. wurde selten berichtet, sie verliefen meist schwerwiegend (Logina et al. 2006; Oksi et al. 1993).

Typische Symptome der FSME

  • Zittern der Gesichtsmuskeln (Myokomien) und der Extremitäten

Diagnostik

Präambel

Die Diagnose der FSME basiert auf der Anamnese mit Aufenthalt in einem Risikogebiet, einem fakultativ erinnerlichen Zeckenstich, einer Prodromalphase mit grippeähnlichen Symptomen, einer typischen neurologischen Symptomatik mit Kopfschmerzen und Fieber, und dem Nachweis von entzündlichen Veränderungen in Blut und Liquor sowie von FSME-spezifischen IgM- und IgG-Antikörpern im Blut (Holzmann 2003).

Flussdiagramm

Klinische Verdachtsdiagnose → Serologie → Liquoranalyse

Diagnostik

Die Blutuntersuchung ergibt meist eine Leukozytose von mehr als 10000 (3000–40000) Zellen/µl, eine Beschleunigung der Blutsenkungsgeschwindigkeit (5–120 in der 1. Stunde) und/oder eine Erhöhung des C-reaktiven Proteins (1–60mg/dl) (Kaiser 1999).

Serologisch finden sich etwa 2–4 Wochen nach Zeckenstich zunächst FSME-spezifische IgM-Antikörper und etwa 1–2 Wochen später auch spezifische IgG-Antikörper. Nur der gleichzeitige Nachweis von IgM- und IgG-Antikörper gegen das FSME-Virus im Blut beweist bei entsprechender klinischer Symptomatik und nicht erfolgter Impfung gegen FSME die akute Infektion. Isoliert oder nur leicht erhöhte IgM-Antikörper (ohne IgG) finden sich auch als Kreuzreaktion gegen andere Flaviviren oder bei anderweitigen Immunstimulationen und sichern daher nicht die Diagnose (Venturi et al. 2009). Sind die Konzentrationen der FSME-spezifischen IgM-Antikörper zum Zeitpunkt der akuten Erkrankung jedoch signifikant erhöht, können sie als wertvoller diagnostischer Hinweis (nicht jedoch Beweis) für die entsprechende Infektion gewertet werden (Stiasny et al. 2012). In diesen Fällen sollte ca. 1–4 Wochen später eine erneute Bestimmung der IgG-Antikörper zur Diagnosesicherung erfolgen.

In seltenen Fällen (z.B. bei Immundefekten/-suppression, Impfversagen) lassen sich keine IgM-Antikörper nachweisen. In solchen Situationen können der signifikante Konzentrationsanstieg von IgG-Antikörpern nach >2  Wochen, die Bestimmung der intrathekalen Synthese FSME-spezifischer IgG-Antikörper im Liquor (Antikörper-Index), der FSME-RNA-Nachweis im Liquor mittels PCR oder die Bestimmung der Avidität von IgG-Antikörpern (Gassmann et al. 1997) zur Diagnosesicherung herangezogen werden (in der Reihenfolge der Praktikabilität) (Kaiser et al. 2000).

Das Laktat im Liquor ist meist normal oder gering erhöht (<3.5mmol/l) (Viallon 2011).

Weiterführende Diagnostik

Von den bildgebenden Verfahren ist vor allem das Kernspintomogramm für die anfänglich oft notwendige Differentialdiagnostik gegenüber einer Herpes-simplex Enzephalitis hilfreich. Im Unterschied zu dieser finden sich bei der FSME – bei ca. 20% der Patienten – Signalveränderungen vornehmlich im Thalamus und Corpus callosum (Kaiser 1999; Alkadhi et al. 2000; Vollmann et al. 2011). Gelegentlich, speziell bei Immundefekten/-suppression/-modulation, lassen sich auch in anderen Bereichen des Gehirns und Rückenmarks Entzündungsherde nachweisen (Pfefferkorn et al. 2007; Marjelund et al. 2004; Marjelund et al. 2006; Stich et al. 2007; Bender et al. 2005). Da keine Korrelation zwischen diesen Signalauffälligkeiten und der Schwere oder Prognose der Erkrankung nachweisbar ist, besteht keine zwingende Indikation zur Durchführung des Kernspintomogramms (Kaiser 1999).

Differentialdiagnose

Die Neuroborreliose geht nur selten mit hohem Fieber und einer der FSME vergleichbar schweren akuten Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens einher. Kopfschmerzen sind bei Erwachsenen mit Neuroborreliose eher selten (bei Kindern dagegen ebenfalls häufig), dafür stehen speziell beim Bannwarth-Syndrom die Schmerzen in den Extremitäten und gelegentlich auch im Rumpfbereich im Vordergrund. Sensible Störungen sind bei der FSME sehr selten, bei der Neuroborreliose dagegen häufig (Kaiser 2005).

Die differentialdiagnostische Abgrenzung gegenüber der Herpesenzephalitis (HSE) erfolgt über die Kernspintomographie des Gehirns mit Nachweis typischer Veränderungen im Temporalbereich bei der HSE sowie die positive PCR für HSV im Liquor. Bis zur Diagnosesicherung sollte vorsichtshalber antiviral gegen eine HSE behandelt werden.

Therapie

Allgemeine Empfehlungen zur Therapie

Für die FSME existiert keine kausale Therapie. Insbesondere auf eine Gabe von immunmodulierenden Medikamenten wie z.B. Glukokortikoide sollte wegen der Gefahr einer Verschlechterung der Immunabwehr verzichtet werden. Fieber, Kopfschmerzen und Anfälle werden symptomatisch behandelt. Eine generelle Fiebersenkung wird unter Abwehraspekten nicht empfohlen, erfolgt jedoch meist bei der Behandlung der Kopfschmerzen mit z.B. Paracetamol oder Metamizol. Bei hartnäckigen Kopfschmerzen können auch Antiphlogistika wie Diclofenac oder Ibuprofen und bei Erfolglosigkeit auch Opiate eingesetzt werden. Bei etwa 5% der Patienten ist wegen einer Atemlähmung oder schweren Bewusstseinsstörung eine Behandlung auf der Intensivstation notwendig. Bestimmte neurologische Funktionsstörungen erfordern krankengymnastische, ergotherapeutische und auch logopädische Behandlungsmaßnahmen.

Prognose

Bei etwa >40% der FSME-Patienten sind längerfristige Rehabilitationsmaßnahmen (Phase B–D) erforderlich (Karelis et al. 2011).

Dabei ist die Prognose der meningitischen Verlaufsform am besten, sie heilt in der Regel folgenlos aus. Patienten mit einer Meningoenzephalitis leiden häufig unter mehrere Wochen anhaltenden neurasthenischen Beschwerden (Kopfschmerzen, vermehrte Müdigkeit, verminderte Belastbarkeit, emotionale Labilität). Bei einem Teil der Patienten bestehen außerdem vorübergehend und zum Teil auch dauerhaft Störungen der Konzentrations- und Gedächtnisfunktion, der Koordination, der Sprache, des Hörens sowie Lähmungen. Insgesamt ist bei ca. 20% der Patienten mit Meningoenzephalitis mit einer Defektheilung zu rechnen (Haglund et al. 1996; Gunther et al. 1997; Kaiser et al. 1997; Kaiser 1999; Lammli et al. 2000; Misic et al. 2009; Bogovic et al. 2010; Schwanda et al. 2000; Mickiene et al. 2002; Karelis et al. 2011).

Die Enzephalomyelitis hat die schlechteste Prognose. Von 57 Patienten, die über 10 Jahre nachbeobachtet wurden, erholten sich nur 20% vollständig, bei 50% bestanden dauerhafte Defizite, 30% starben an den Folgen der Erkrankung (Kaiser 2011).

Bei Patienten mit einer enzephalitischen oder myelitischen Verlaufsform der FSME ist drei Jahre nach der akuten Erkrankung nicht mehr mit einer wesentlichen Besserung von Symptomen zu rechnen (Haglund et al. 1996; Kaiser et al. 1997; Kaiser 2011).

Die Prognose der FSME ist bei Kindern zwar häufig günstiger als bei Erwachsenen, neuropsychologische Testungen entdecken jedoch in bis zu einem Drittel der nachuntersuchten Kinder und Jugendlichen Defizite, die in früheren Erhebungen nicht beschrieben worden waren (Zenz et al. 2005; Grubbauer et al. 1992; Schmolck et al. 2005; Iff et al. 2005; Jones et al. 2007; Cizman et al. 1999; Arnez et al. 2003; Kaiser  2006; Kunze et al. 2004; Logar et al. 2006; Arnez et al. 2009; Meyer et al. 2009; Engman et al. 2012; Fowler et al. 2013).

Risikobeschreibung

Bei einer in Risikogebieten durchschnittlichen Befallsrate der Zecken mit dem FSME-Virus von ca. 1:50 und einer klinischen Manifestationsrate von etwa 1:3 beträgt das Risiko für eine Erkrankung an FSME ca. 1:150 und für schwere Folgeschäden etwa 1:500 Zeckenstiche.

Prophylaxe

Impfempfehlungen

Eine durchgemachte FSME (nachgewiesen durch signifikant erhöhte IgG-Antikörper im Serum) verleiht nach allen klinischen Erfahrungen (es gibt hierzu keine prospektiven Studien) eine lebenslange Immunität, die nicht durch Impfungen „aufgefrischt“ werden muss.

Gemäß der Ständigen Impfkommission (Stiko) gelten für die FSME-Impfung in Deutschland folgende Empfehlungen:

In Österreich wird die FSME-Impfung allen Personen, die in einem Endemiegebiet leben oder dorthin verreisen, ab dem 1. Lebensjahr empfohlen. Unter strenger Nutzen-Risikoabwägung kann die Impfung auch ab dem 6. Lebensmonat erwogen werden. Für die Auffrischintervalle gelten die gleichen Empfehlungen wie in Deutschland. Der für Österreich jeweils gültige Impfplan findet sich unter: http://www.bmg.gv.at

In der Schweiz empfiehlt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Impfung allen Erwachsenen und Kindern (im Allgemeinen ab 6 Jahren), die in einem Endemiegebiet wohnen oder sich zeitweise dort aufhalten (http://www.bag.admin.ch/themen/medizin/00682/00684/01069/index.html?lang=de). Nach einer Grundimmunisierung mit 3 Dosen wird eine Boosterimpfung nur noch alle 10 Jahre empfohlen (Bull BAG 2006; Nr. 13: 225-31.24.3.2006; und Bull BAG 2013; Nr. 18: 305-307. 30.04.2013).

Aktive Impfung

Die aktive Immunisierung gegen FSME schützt vor Erkrankungen durch alle drei Subtypen (Demicheli et al. 2009; Orlinger et al. 2011). Die komplette Grundimmunisierung schützt zunächst für die Dauer von mindestens drei Jahren. Die Grundimmunisierung umfasst drei Teilimmunisierungen, von denen die ersten beiden im Abstand von 1–3 Monaten und die dritte 9–12 Monate nach der zweiten appliziert werden sollten. Die erste Auffrischimpfung sollte nach 3 Jahren erfolgen, weitere Auffrischimpfungen sind bei unter 50-Jährigen (in Österreich unter 60-Jährige) spätestens nach 5 Jahren, bei über 50-Jährigen (bzw. in Österreich über 60-Jährige) nach 3 Jahren erforderlich. In einer kürzlich publizierten Studie mit Kindern und Jugendlichen bis zu einem Alter von 15 Jahren wurde für Encepur Kinder, nicht jedoch für FSME-Immun Junior gezeigt, dass das erste Auffrischintervall möglicherweise von 3 auf 5 Jahre verlängert werden kann (Wittermann et al. 2015).

In der Schweiz werden Booster-Impfungen nur alle 10 Jahre empfohlen. Die entsprechenden Impfstoffe können austauschbar eingesetzt werden (Ausnahme: Schnellimmunisierung) (Broker et al. 2006; Prymula et al. 2012; Wittermann et al. 2009).

Vergessene Auffrischimpfungen sind kein Grund für eine neue Grundimmunisierung, wenn Letztere lege artis durchgeführt worden war. Je nach Anzahl der zuvor durchgeführten Impfungen wird folgendes Vorgehen empfohlen (Schosser et al. 2014):

Kontraindikationen für die Impfung sind eine akute Erkrankung, eine anaphylaktische Reaktion auf eine frühere Impfung oder einen Impfstoffbestandteil. Während der Schwangerschaft ist eine sorgfältige Risikoabwägung vorzunehmen. Es liegen keine Erfahrungen zur Impfung von schwangeren Frauen vor.

Impfstoffe

2015 wurden die Impfstoffe Encepur Kinder und Encepur Erwachsene von Novartis an Glaxo Smith Kline verkauft und FSME-Immun Junior sowie FSME-Immun von Baxter an Pfizer verkauft. Die Namen der jeweiligen Präparate wurden beibehalten.

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Impfversagen und Impfreaktionen/-komplikationen

Das Risiko eines Impfversagens nach einer kompletten Grundimmunisierung wird auf ca. 1:800000 / Jahr geschätzt. In den meisten Fällen waren die Betroffenen >50 Jahre alt, was u.a. mit einer „Altersschwäche“ des Immunsystems erklärt wird (Andersson et al. 2010). In Einzelfällen ließ sich jedoch keine plausible Erklärung finden (Koppi et al. 2011). Da sich zudem in aktuellen Studien bei einem Teil der über 50-Jährigen auch bei den Antikörpermessungen als Surrogatmarker für einen Impferfolg Hinweise für einen unzureichenden Impfschutz fanden und sich Personen in dieser Altersgruppe zunehmend für die FSME-Impfung interessieren, erscheint die Prüfung eines modifizierten Impfschema erforderlich (Jilkova et al. 2009; Weinberger et al. 2010). Da sich der Impfschutz letztlich nur durch die Bestimmung der neutralisierenden Antikörper messen lässt und dies nur in wissenschaftlichen Studien möglich ist, kann derzeit nur eine regelmäßige Auffrischimpfung empfohlen werden.

Die Impfung ist im Allgemeinen gut verträglich. Wie bei allen intramuskulär injizierten Impfstoffen kann es zu lokalen Reaktionen am Injektionsort mit vorübergehenden Schmerzen, Rötung und Schwellung kommen (bis zu 10%). An systemischen Reaktionen werden allgemeines Unwohlsein, grippeähnliche Symptome und Fieber, vor allem nach der ersten Impfung beobachtet (bis zu 10%).

Das Risiko von neurologischen Impfkomplikationen beträgt nach Berechnungen basierend auf der Zahl der zwischen 2002 und 2009 verkauften Impfdosen (Herstellerangaben Baxter und Novartis) und der Zahl der in der gleichen Zeit vom Paul-Ehrlich-Institut begutachteten Verdachtsfälle (ein gesicherter und 66 wahrscheinliche Fälle, persönliche Mitteilung Frau Dr. Keller-Stanislawski) ca. 1,5 pro 1000000 Impfungen und liegt damit deutlich niedriger als bei der Tetanusimpfung (10 pro 1000000 Impfungen).

Verhalten nach einem Zeckenstich in ­einem FSME-Risikogebiet

Die passive Impfung, d.h. die postexpositionelle Gabe von spezifischem Hyperimmunglobulin, wird von Herstellerseite nicht mehr angeboten und ist daher nicht mehr möglich.

Eine aktive Immunisierung direkt nach einem Zeckenstich in einem Risikogebiet kann mangels klinischer, epidemiologischer und experimenteller Daten nicht generell empfohlen werden.

Bezüglich der diesbezüglichen Empfehlungen für Österreich siehe den jeweils aktuellen Impfplan unter: http://bmg.gv.at

Allgemeine Schutzmaßnahmen

Allgemeine Schutzmaßnahmen vor einer durch Zecken übertragenen Infektion beinhalten das Tragen gut abschließender Kleidung, das Meiden von Unterholz, die Anwendung von Repellentien, und das Absuchen des Körpers nach Zecken sowie deren rasches Entfernen. Allerdings schützen Repellentien nur bedingt und nur für wenige Stunden, ein sicherer Infektionsschutz ist durch die genannten Maßnahmen nicht zu erreichen.

Meldepflicht

Die Erkrankung an FSME ist als Berufskrankheit Nr. 3102 den entsprechenden Berufsgenossenschaften zu melden. Des Weiteren besteht für die diagnostizierenden Laboratorien eine Meldepflicht der Erkrankung an die zuständigen Gesundheitsämter.

Versorgungskoordination

Prävention: ambulant

Diagnostik und Therapie: Bei Verdacht auf FSME sollten die Patienten wegen des Risikos einer raschen dramatischen Verschlechterung (Ateminsuffizienz) immer stationär eingewiesen werden.

Redaktionskomitee

Prof. Dr. Juan-Jose Archelos-Garcia, Klinische Abteilung für allgemeine Neurologie, Universitätsklinik Graz
Prof. Dr. Wolfgang Jilg, Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene, Universität Regensburg
Prof. Dr. Reinhard Kaiser, Neurologische Klinik, Klinikum Pforzheim
Prof. Dr. Sebastian Rauer, Neurologische Klinik, Universität Freiburg
Prof. Dr. Mathias Sturzenegger, Neurologische Universitätsklinik, Inselspital, Bern

Federführend: Prof. Dr. Reinhard Kaiser, Neurologische Klinik, Klinikum Pforzheim GmbH, Kanzlerstraße 2–6, 75175 Pforzheim, Tel.: 07231/9692602, E-Mail:

Entwicklungsstufe der Leitlinie: S1

Finanzierung der Leitlinie

Die Autoren leisteten die Arbeit zur Erstellung der Leitlinie unentgeltlich.

Erklärung von Interessen

Die Interessenerklärungen aller Mitwirkenden der Leitliniengruppe wurden durch einen unabhängigen Interessenkonfliktbeauftragten der DGN auf thematisch relevante Interessenkonflikte geprüft: Seiner Einschätzung nach liegen keine die Objektivität der Beiträge einschränkende Interessenskonflikte vor: 

„Bei Wolfgang Jilg und insbesondere Sebastian Rauer lassen sich mehrere Industriebeziehungen in Form Berater- bzw. Gutachter- sowie Honorartätigkeiten mit teilweise nicht unerheblichen signifikanten Einnahmen finden. Diese Verbindungen stellen jedoch keine thematisch relevanten Interessenkonflikte für die Bearbeitung der Leitlinie dar, keine der angegebenen Pharmafirmen stellt FSME-Impfstoffe her. Die übrigen Autoren haben keinerlei Industriebeziehungen. Somit sind mehr als 50% des Redaktionskomitees frei von Interessenkonflikten. Durch die erwiesene Fachkompetenz der Autoren und die Zusammensetzung der Redaktion ist die Objektivität der Leitlinie gewahrt.“

Die ausführlichen Interessenerklärungen gemäß AWMF aller Mitwirkenden sind beim Koordinator hinterlegt und können bei berechtigtem Interesse angefordert werden.

Methodik der Leitlinienentwicklung

Zusammensetzung der Leitliniengruppe

Die Auswahl des federführenden Autors sowie der weiteren Mitglieder der Leitliniengruppe erfolgte durch die Leitlinienkommission der DGN.

Recherche und Auswahl der wissenschaftlichen Belege

Die Literaturauswahl erfolgte mittels PubMed mit den Suchbegriffen: Tick-borne encephalitis, TBE, diagnostic procedure, treatment, prevention, symptoms, follow-up, sequelae, vaccination. Die entsprechenden Publikationen wurden bezüglich ihrer Relevanz für praktizierende Ärzte, Kliniker und Impfinteressierte berücksichtigt.

Verfahren zur Konsensfindung

Die Leitlinie wurde mittels eines modifizierten Delphi-Verfahrens erstellt und korrigiert durch die Kommission Leitlinien der DGN.

Literatur