Kapitel: Rehabilitation

Diagnostik und Therapie von Gedächtnisstörungen bei neurologischen Erkrankungen

Herausgegeben von der Kommission Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Gesellschaft für Neuropsychologie (GNP)

Entwicklungsstufe:
S2e
Stand: 26. Februar 2020
Online seit: 26. März 2020
Gültig bis: 25. Februar 2025
AWMF-Registernummer: 030/124
Federführend:
Dr. Angelika Thöne-Otto, Leipzig


PDF-Download der Leitlinie
Evidenzreport (PDF)
Tabelle Erklärung von Interessen (PDF)

Zitierhinweis:
Thöne-Otto, A. et al., Diagnostik und Therapie von Gedächtnisstörungen bei neurologischen Erkrankungen, S2e-Leitlinie, 2020, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien (abgerufen am TT.MM.JJJJ)

Bitte beachten Sie: Die Langversion der Leitlinie finden Sie als PDF zum Download im grauen Kasten oben.


Was gibt es Neues?

Die Evidenz für die Wirksamkeit des übenden Funktionstrainings konnte für Patienten mit leichten bis mittelschweren Gedächtnisstörungen in einer Reihe randomisierter Kontrollgruppenstudien erhärtet werden.

Assistive Technologien (elektronische Gedächtnishilfen) sind durch die weite Verbreitung von Smartphones für die Patienten inzwischen leicht verfügbar. Sie stellen wichtige Hilfsmittel dar, um die Auswirkungen von Gedächtnisstörungen im Alltag zu kompensieren und die Teilhabe zu verbessern. Der Einsatz als Gedächtnishilfe bei Patienten mit Gedächtnisstörungen unterscheidet sich jedoch von der Smartphone-Nutzung eines gesunden Menschen. Daher soll die Anwendung in der Therapie thematisiert und geübt werden. Datensicherheit und Datenschutz sind beim Einsatz von Technologien von großer Relevanz.

Die Wirksamkeit des fehlerfreien Lernens (Errorless Learning) bei Menschen mit schwerer Amnesie wird weiterhin intensiv diskutiert. Ein aktiver Abruf in zunächst kurzen, dann größer werdenden Intervallen (Spaced Retrieval) scheint für den Lernprozess wichtiger als die vollständige Vermeidung von Fehlern. Eine fehlerarme Lernmethode, die einen erfolgreichen Abruf ermöglicht, wird daher empfohlen.

Diagnostik und Therapieverfahren werden zunehmend unter Nutzung von virtueller Realität angeboten. Insbesondere für die Untersuchung und das Training visuell-räumlicher Gedächtnisstörungen wird hier großes Potenzial gesehen, auch wenn zum aktuellen Zeitpunkt die Daten zum klinischen Einsatz für eine Empfehlung noch nicht ausreichen.


Die wichtigsten Empfehlungen auf einen Blick

Diagnostik

Therapie

Therapieziele und Methodenauswahl richten sich nach der Schwere der Gedächtnisstörung. Als schwer amnestisch gelten Patienten, bei denen beim Abruf nach einem Intervall keine oder kaum eine Behaltensleistung nachweisbar ist.

Empfehlungen für Patienten mit leichten bis mittelschweren Gedächtnisstörungen

  • Patienten mit Gedächtnisstörungen sollen ein spezifisches funktions- oder strategieorientiertes kognitives Training erhalten (z. B. bildhafte Vorstellungen) (Evidenzlevel Ib; Empfehlungsgrad A). Die Wirksamkeit der Methode hängt von der Trainingshäufigkeit ab (mindestens 10 Sitzungen gelten als gute klinische Praxis) (Evidenzlevel Ib; Empfehlungsgrad C).
  • Elektronische Erinnerungshilfen (z. B. Smartphone-Kalender) sollen als Kompensationsstrategie in die Therapie von Patienten mit Gedächtnisstörungen einbezogen werden (Evidenzlevel II–III; Empfehlungsgrad A), sofern die Patienten dazu bereit und interessiert sind.

Empfehlungen für Patienten mit schwerer Amnesie

  • Für Patienten mit schwerer globaler Amnesie kann aufgrund fehlender Wirksamkeitsnachweise keine Empfehlung für ein funktionsorientiertes Gedächtnistraining ausgesprochen werden.
  • Bei Patienten mit schweren Gedächtnisstörungen sollte der Fokus der Therapie auf dem Erlernen von Kompensationsstrategien liegen, mit dem Ziel der Verbesserung von Aktivitäten und Teilhabe (Expertenkonsens).
  • Elektronische Erinnerungshilfen (z. B. Smartphone-Kalender) sollen als Kompensationsstrategie auch in die Therapie von Patienten mit schweren Gedächtnisstörungen einbezogen werden (Evidenzlevel II–III; Empfehlungsgrad A), sofern die Patienten dazu bereit und interessiert sind.
  • Patienten mit schwerer Amnesie können domänenspezifisches Wissen und Alltagsroutinen lernen. Dabei sollten Fehler durch eindeutige Hinweise möglichst vermieden werden (fehlerarmes Lernen) und ein aktiver Abruf angeregt werden, indem das Abrufintervall zunächst kurz, im weiteren Verlauf länger gestaltet wird (Spaced Retrieval) (Evidenzlevel II–III; Empfehlungsgrad B).

Bitte beachten Sie: Die Langversion der Leitlinie finden Sie als PDF zum Download im grauen Kasten oben.