Drucken
Prof. Bernhard Hemmer (l.) und Prof. Frauke Zipp (r.)
29 neue MS-Genvarianten entdeckt – Multiple Sklerose ist eine Krankheit des Immunsystems

10. August 2011 – Ein internationales Forschungskonsortium hat neue genetische Varianten identifiziert, die mit der Krankheit Multiple Sklerose (MS) assoziiert sind. Viele der Gene gehören zum Immunsystem, das somit entscheidend ist in der Entwicklung der Krankheit. Von deutscher Seite waren unter anderem Neurologen vom Klinikum rechts der Isar der TU München, vom Institut für Neuroimmunologie und Klinische Multiple Sklerose Forschung (inims) in Hamburg sowie eine Forschergruppe der Klinik für Neurologie der Universitätsmedizin Mainz beteiligt. Die Studie wurde heute in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht, die Studienleitung lag bei den Universitäten Cambridge und Oxford.

Multiple Sklerose ist eine der häufigsten Erkrankungen des Nervensystems bei jungen Erwachsenen – in Deutschland sind derzeit mehr als 120.000 Menschen betroffen. Bei der Erkrankung wird die Myelinschicht der Nervenfasern im Gehirn und im Rückenmark geschädigt, sodass Erregungssignale nicht mehr weitergeleitet werden. Auch die Nervenfasern nehmen Schaden. Je nachdem welche Bereiche des Nervensystems angegriffen werden, sind die Folgen unter anderen Gehbehinderungen, Taubheitsempfindungen oder Sehstörungen. Die heute veröffentlichten Ergebnisse zeigen die grundlegende Rolle des Immunsystems bei der Zerstörung der Nervenzellen und helfen zu verstehen, wie genau der Immunangriff auf Gehirn und Rückenmark aussieht.

Im Rahmen der Studie untersuchten die Wissenschaftler die Erbsubstanz von 9.772 Personen mit MS und von 17.376 gesunden Kontrollpersonen. Das internationale Forscherteam konnte 23 bereits bekannte genetische Assoziationen bestätigen sowie 29 weitere neue genetische Varianten identifizieren, die mit der Entstehung von Multipler Sklerose zusammenhängen. Viele dieser Gene spielen eine grundlegende Rolle bei der Arbeit des Immunsystems: Sie sind besonders für die Funktion bestimmter Immunzellen, den so genannten T-Zellen, und die Aktivierung bestimmter Botenstoffe, der Interleukine, wichtig. T-Zellen sind eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen: Sie sind verantwortlich für die Vermittlung einer Immunantwort gegen körperfremde Substanzen, spielen aber auch bei Autoimmunerkrankungen eine Rolle. So ist ein Drittel der neu identifizierten Gene an den Autoimmunerkrankungen Morbus Crohn oder Typ 1 Diabetes beteiligt. Dies könnte bedeuten, dass in verschiedenen Autoimmunerkrankungen die gleichen grundlegenden Mechanismen ablaufen, so die Forscher.

Darüber hinaus hatten frühere Studien einen Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Mangel und einem erhöhten MS-Risiko nahe gelegt. Neben den zahlreichen identifizierten Genen, die eine direkte Rolle im Immunsystem spielen, konnten die Forscher auch zwei Gene ausmachen, die in den Vitamin-D-Stoffwechsel involviert sind. Dies wäre eine mögliche Verbindung zwischen genetischen und umweltbedingten Risikofaktoren der Multiplen Sklerose.

Prof. Bernhard Hemmer, der die Münchener Forschungsgruppe leitete, erklärt: „Nur die großen Zahl an MS-Patienten – 1.000 haben wir allein in München untersucht und in die Studie eingebracht – haben es möglich gemacht, so detaillierte Einblicke in die Genetik der MS zu gewinnen. Durch die Ergebnisse dieser Studie erhalten wir wichtige Hinweise, welche Immunmechanismen und Moleküle für die Entstehung der MS von Relevanz sind. Dies ist somit auch ein wichtiger Schritt für die Entwicklung neuer Therapien, auch wenn es noch ein weiter Weg sein mag, bis wir MS vielleicht einmal heilen können.“ Auch die Neurologin Prof. Frauke Zipp, Leiterin der Mainzer Forschungsgruppe betont die Bedeutung der Arbeit: „Nach vielen Jahren kleinerer genetischer Untersuchungen zur Multiplen Sklerose ist es nun in einem internationalen Ansatz gelungen, das gesamte Genom – unsere genetische Information – auf Faktoren hin zu untersuchen, die an der Entwicklung der Krankheit beteiligt sind“. Ähnlich äußert sich auch Prof. Roland Martin vom inmis in Hamburg, das als Teil des MS Genetic Consortium für die Studie mit über 700 Proben : "Einer der interessantesten Befunde der Arbeit ist die Tatsache, dass der Löwenanteil der nun identifizierten Risikogene (SNPs oder quantitativen Trait Loci) immunologische Funktion hat. Nachdem die MS das Zentralnervensystem betrifft, hätte man erwartet, dass nach und nach mehr ZNS-relevante Gene gefunden werden, was bisher nicht der Fall ist. Was dies funktionell bedeutet und ob die MS  Risikogene auf der Ebene des einzelnen Gens oder in Netzwerken nicht doch die Funktion von Myelin und/oder Axonen und Neuronen beeinflussen, werden wichtige zukünftige Fragen sein."

An der Studie beteiligten sich mehr als 250 Wissenschaftler in 23 Forschergruppen aus 15 Ländern, die im „International Multiple Sclerosis Genetics Consortium“ unter der Leitung von Prof. Alastair Compston, Universität Cambridge, und im „Wellcome Trust Case Control Consortium“ unter der Leitung von Prof. Peter Donnelly zusammengeschlossen sind. Prof. Frauke Zipp und Prof. Bernhard Hemmer sind Mitglieder des Krankheitsbezogenen Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS), das die Studie im Rahmen seiner Förderung durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt hat. Weiterhin wurde die Studie durch den britischen „Wellcome Trust“ und der deutsche Anteil durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert.

Titel der Publikation: “Genetic risk and a primary role for cell-mediated immune mechanisms in multiple sclerosis” (DOI:10.1038/nature10251)

Download Pressemeldung der TU München
Download Pressemeldung der Universität Mainz

© Deutsche Gesellschaft für Neurologie