Bunthörnchen (c) Wikicommons/Patrick Gijsbers
Schwere Enzephalitis – Bunthörnchen übertragen neues Bornavirus auf Menschen

17. Juli 2015 – Ein neu entdecktes Bornavirus bei Bunthörnchen ist auch für den Menschen gefährlich. Bei drei Bunthörnchen-Züchtern aus Sachsen-Anhalt verlief eine Enzephalitis tödlich. Für den Verdachtsfall stehen nun verschiedene diagnostische Mittel bereit. Das neu entdeckte Bornavirus bei Bunthörnchen – eine von manchen Zoos und Züchtern gehaltene Eichhörnchen-Art aus Südamerika – ist auch auf den Menschen übertragbar. Dies bewiesen Wissenschaftler des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) und des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNITM).

Sie entschlüsselten das Erbgut und identifizierten und charakterisierten das neue Bornavirus (vorläufig: Variegated Squirrel 1 Bornavirus, VSBV-1). „Das neue Virus unterscheidet sich genetisch deutlich von den bisher bekannten Bornaviren. Mit den Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass Vertreter aus der Familie der Bornaviren auch Menschen infizieren können“, erklärt Dr. Dennis Tappe vom BNITM. Die Entdeckung der deutschen Seuchenexperten wurde gerade im New England Journal of Medicine veröffentlicht.

Bunthörnchen als Überträger

Zwischen 2011 und 2013 waren in Sachsen-Anhalt drei Züchter von Bunthörnchen (Sciurus variegatoides) an einer Gehirnentzündung (Enzephalitis) beziehungsweise einer kombinierten Gehirn- und Hirnhautentzündung (Meningoenzephalitis) erkrankt. Zwei bis vier Monate nach den ersten Symptomen starben sie trotz intensivmedizinischer Betreuung. Erst eine Metagenomanalyse von Gewebeproben der Tiere brachte Sequenzinformationen ans Licht, die auf ein neuartiges Bornavirus hindeuteten. Diese wurden schließlich auch in Gehirnproben der Patienten nachgewiesen, die molekularbiologisch und immunhistologisch nachuntersucht worden waren. Die Bunthörnchen hatten das neue Bornavirus sehr wahrscheinlich auf die drei Züchter übertragen.

Unbekannt ist bislang, ob es sich um Einzelfälle handelt und ob Vorerkrankungen der Patienten – alle waren über 60 Jahre alt – eine Infektion mit dem Virus begünstigt haben. Der Übertragungsweg des neuartigen Bornavirus auf den Menschen liegt noch im Dunkeln. Die Forscher vermuten aber, dass das Virus durch Biss- oder Kratzverletzungen auf den Menschen übertragen wird. Unklar ist auch, ob das Bornavirus mit bereits infizierten Bunthörnchen aus Lateinamerika importiert wurde oder ob sich die Hörnchen selbst bei anderen Tierarten angesteckt haben.

Diagnostisches Vorgehen im Verdachtsfall

Für Ärzte, die bei einem Patienten den Verdacht auf die neuartige Bunthörnchen-assoziierte Enzephalitis haben, empfiehlt das BNITM folgende diagnostische Schritte:

Bei akuten unklaren Enzephalitiden und wenn vorausgegangene Untersuchungen keinen Hinweis auf einen bekannten infektiösen Erreger erbracht haben, bietet das BNITM molekularbiologische Nachweismethoden aus Liquor und Hirngewebe an (www.bnitm.de/labordiagnostik). Eingesetzt werden Real-Time-PCRs auf das neuartige Bornavirus.
Für nicht akut erkrankte Personen bietet das BNITM einen serologischen Test an. So lässt sich feststellen, ob ein Mensch schon früher Kontakt zu dem neuen Bornavirus hatte. Dieser Test beschränkt sich auf folgende drei Personengruppen:

„Es ist sehr gut, dass es inzwischen diagnostische Mittel gibt, und Neurologen sollten den neuen Übertragungsweg kennen, aber ein Anlass zur Sorge stellt diese neue Erkenntnis nicht dar“, so Professor Hans-Christoph Diener von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.

Bis weitere Erkenntnisse vorliegen, sollten Menschen den direkten Kontakt zu Bunthörnchen vermeiden. Für lebende Bunthörnchen gibt es am FLI einen nicht-invasiven Lebendtest auf eine Infektion mit dem neuen Bornavirus. Bei kranken oder mit unklarer Ursache verstorbenen Bunthörnchen sollten Tierhalter ihren Tierarzt informieren.

Bornakrankheit bei Tieren

Verschiedene Bornaviren kommen im Tierreich vor. Die klassische Borna-Erkrankung der Einhufer (z.B. Pferde, Schafe) wird durch das Borna Disease Virus (BDV) ausgelöst. Die Viren befallen meist das zentrale Nervensystem und verursachen eine Enzephalitis. Etwa 90 Prozent der infizierten Tiere sterben. Auch Vögel können von Bornaviren infiziert werden.

Quellen

  • Hoffmann B et al: „A Variegated Squirrel Bornavirus Associated with Fatal Human Encephalitis“, N Engl J Med 2015; 373:154-162, July 9 2015, DOI: 10.1056/NEJMoa1415627
  • Friedrich-Loeffler-Institut (FLI): www.fli.bund.de
  • Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM): www.bnitm.de
  • Robert Koch-Institut: www.rki.de
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