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Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Oertel über den European Brain Council (EBC)

3. Juni 2016 – Anlässlich eines neuen EBC-Grundsatzpapiers, das sich als wegweisend für die Hirnforschung in Europa erweisen könnte, befragte die DGN Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang H. Oertel aus Marburg, der wichtige Funktionen im EBC innehat.

logo ebc 220Im März veröffentlichte der European Brain Council (EBC) mit dem „Consensus Document on Brain Research“ ein Grundsatzpapier, das sich als wegweisend für die Neurowissenschaften in ganz Europa erweisen könnte. Doch was ist der European Brain Council, welche Aufgaben erfüllt er, welche Einflussmöglichkeiten bietet er deutschen Neurologen und Neurowissenschaftlern? Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie befragte Hertie-Senior-Forschungsprofessor Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang H. Oertel aus Marburg, Chairman des ‚European Affairs Subcommittee‘ der European Academy of Neurology (EAN) im EBC sowie EBC-Schatzmeister. Er ist neuerdings auch Member des Scientific Panel of Health, eines Beratergremiums der Europäischen Kommission und des Europäischen Parlaments.

Herr Professor Oertel, derzeit steht für die Gehirnforschung in Europa viel auf dem Spiel: In früheren Förderprogrammen der EU für die Gehirnwissenschaften vorgesehene Forschungsgelder werden jetzt im Wettbewerb mit den anderen biomedizinischen Fachgebieten vergeben. Wie kam es dazu?

Hirnforscher konnten zwischen 2010 und 2014 Forschungsgelder aus EU-Förderprogrammen beantragen, die mehr oder wenig spezifisch für die Neurowissenschaften ausgeschrieben waren. Unter anderem, weil der European Brain Council (EBC) im Jahr 2010 erstmals die immensen Kosten dokumentiert hatte, die Gehirnerkrankungen der europäischen Wirtschaft und den nationalen Gesundheitssystemen jährlich verursachen: 800 Milliarden Euro, mehr als ein Drittel des jährlichen europäischen Gesundheitsbudgets – so viel wie für Krebs, kardiovaskuläre Krankheiten und Diabetes zusammen. Die EU beschloss daraufhin, die Hirnforschung in besonderer Weise zu fördern und voranzutreiben: Sie reservierte sozusagen einen Teil ihres Budgets für Medizinforschung für Grundlagen- und klinische Neurowissenschaften.
Im Jahr 2014 änderte die EU das Konzept der Fördermaßnahmen und startete stattdessen das Programm "Horizon 2020", das eher generische Themen für medizinische Forschungsprojekte ausschrieb. Die Neurowissenschaften sind jetzt in derselben Lage wie vor 2010: Wir müssen mit anderen Bereichen der Medizin wie der Onkologie und der Kardiologie um Forschungsgelder konkurrieren. Diese sind  aus historischen Gründen auf europäischer Ebene aber besser aufgestellt als die neuromedizinischen Fächer und generieren derzeit die meisten Fördermittel. Das liegt auch daran, daß die EAN als einzige Stimme für die Neurologie in Europa erst seit 2014 existiert. Wir machen zwar gute Fortschritte, müssen aber diesen Nachteil ausgleichen.

Und das European Brain Council kann die EU dazu bewegen, den Neurowissenschaften wieder mehr Fördermittel zur Verfügung zu stellen?

Der European Brain Council umfasst mit seinen Mitgliederverbänden die Patientenorganisationen für neurologische und psychiatrische Erkrankungen wie EFNA und GAMIAN, die großen Neurowissenschafts-Verbände wie ECNP und FENS, die wissenschaftlichen Gesellschaften wie die EAN oder die European Psychiatric Association EPA bis hin zu Vertretern der forschenden Industrie – Pharma-Industrie, Biotechnologie, Biomedizin. Der EBC versammelt damit alle wichtigen Akteure an einem Tisch. Er spricht im Interesse der gesamten europäischen Hirnforschung und Versorgung der Bürger mit Gehirnerkrankungen mit einer Stimme gegenüber den Gremien der EU. Er tritt als Verbindungsglied dafür auf und ein, dass Forschungsprojekte auf aktuelle Herausforderungen der klinischen Praxis und Bedürfnisse zugeschnitten sind und dass Ergebnisse der Grundlagenforschung in konkrete Anwendungen umgesetzt werden.
Aus dem im März vom ECB auf Anfrage der Europäischen Kommission vorgelegten Grundsatzpapier1  geht klar hervor, dass Gehirnforschung – selbstredend – komplizierter ist als die medizinische Forschung im Allgemeinen, dass Gehirnforschung einen längeren Atem benötigt als zum Beispiel die Erforschung von akuten Infektionserkrankungen, die oft die Presse dominieren. Denken Sie zum Beispiel an chronische Erkrankungen des Gehirns mit mehrere Dekaden dauernden prodromalen Phasen und ebenso langen manifesten Phasen. Der EBC fordert, dass in die Gehirnforschung trotz großer Fortschritte in den vergangenen Jahren massiv und intensiv investiert wird und dass für die Neurowissenschaften bereitgestellte Fördermittel deutlich erhöht werden müssen. Denn nur, wenn Gehirnerkrankungen rechtzeitig erkannt und verzögert, wenn nicht sogar verhindert werden können, wird es möglich sein, die finanzielle Last für die Gesellschaft zu mindern und darüber hinaus zu verhindern, dass eine gesellschaftliche Notlage entsteht. Im „Consensus Document on Brain Research“ fordert der EBC die EU-Kommission nachdrücklich auf, die koordinierte Zusammenarbeit aller EU-Mitgliedsstaaten auf dem Gebiet der Hirnforschung zu unterstützen und voranzutreiben. Die EU muss wieder deutlich mehr Fördergelder für die Hirnforschung bereitstellen, insbesondere, um die besten Wissenschaftler für die Neurowissenschaften zugewinnen.

Auf Basis der Daten von 2010? Oder gibt es neue Erhebungen?

Um unsere Forderungen zu untermauern, plant der EBC im nächsten Schritt eine Kostenanalyse für die wichtigsten neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen wie z.B. Demenz, Epilepsie, Kopfschmerzen, Multiple Sklerose, Parkinson-Krankheit, Restless Legs-Syndrom, Schizophrenie und Schlaganfall durchzuführen. Das Projekt „Value of Therapy/Cost of Non-Therapy“ geht demnach auch der Frage nach, wie viele Gelder der EU verlorengehen, wenn man diese Krankheiten nicht behandelt?

Der EBC ist also das Organ, das die Belange der Neurowissenschaften in der EU-Kommission, im Europäischen Parlament und gegenüber anderen internationalen Institutionen vertritt. Wer steht hinter dieser europäischen Non-Profit-Organisation?

Der European Brain Council versammelt seit 14 Jahren alle wichtigen Player der Gehirnforschung an einem Tisch: Paneuropäische wissenschaftliche Gesellschaften und Patientenorganisationen sowie namhafte Vertreter aus Politik und Industrie (s. unten EBC-Mitgliedsorganisationen). Mit dem EBC verbunden sind außerdem die fast 30 nationalen Brain Councils, in denen die nationalen Gesellschaften für die Thematik „Gehirnforschung und Hirnerkrankungen“ vereint sind und deren Vertreter im EBC nationale Angelegenheiten vorantreiben. Deutschland besitzt übrigens keinen nationalen Brain Council.

Welche Aufgaben hat der EBC außerdem?

Der European Brain Council fördert mit zahlreichen Events und Projekten die Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedsorganisationen und den Dialog zwischen Wissenschaftlern, Ärzten, Patienten, Industrievertretern und Entscheidungsträgern im Europäischen Parlament und der Europäischen Union. Neurologen aus Deutschland sind nicht zuletzt wegen ihres hohen Ausbildungsniveaus und als Vertreter der größten nationalen Fachgesellschaft für Neurologie in Europa in den Gremien des EBC gerne gesehen. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit, mehrfach im Jahr auf Veranstaltungen der europäischen Patientenorganisation EFNA in Brüssel, Luxemburg oder Straßburg das Wissen über neurologische Erkrankungen vorzutragen. Diese Aktivitäten dienen dem Ziel, europaweit das Wissen über das Gehirn zu vermehren. Zu diesem Zweck publiziert der EBC regelmäßig aktuelle Ergebnisse der Gehirnforschung und Aufklärungsmaterial über Gehirnerkrankungen für die Laienpresse.

Wie finanziert sich der EBC?

Als Non-Profit-Organisation finanziert sich der EBC aus wenigen Quellen: vornehmlich aus Beiträgen und Zuwendungen der Mitgliedsorganisationen. Hinzu kommen Subventionen der Europäischen Kommission und anderer Organisationen. Einige Zuschüsse werden nur für bestimmte Projekte bewilligt und dann von einem eigenen Konsortium verwaltet. Kein Geldgeber, auch nicht die Europäische Kommission, kontrolliert oder beeinflusst die Aktivitäten des EBC. Potenzielle Interessenskonflikte werden offen dargelegt.  Das gilt auch für die Beziehungen zu Vertretern der Pharma- und Medizintechnik-Industrie, mit denen sich der EBC auf politischer Ebene berät. Die Zusammenarbeit ist übrigens detailliert in unserem „Code of Practice“2  geregelt.

Was motiviert Sie persönlich, sich im EBC zu engagieren?

Die Möglichkeit, die Bedingungen für die Gehirnforschung in Europa zu verbessern. Mir liegt viel daran, durch mein Beispiel den jüngeren Neurologen zu verdeutlichen: Ihr solltet euch nicht nur im Labor oder in der Klinik wissenschaftlich oder ärztlich engagieren. Es ist sinnvoll und wichtig, früh in der Karriere auf europäischer Ebene in der Politik mitzuwirken, weil hier die Weichen für die Neurowissenschaften nicht nur für Europa, sondern auch für Deutschland gestellt werden. Es gibt aber noch einen weiteren Punkt: Ich wurde von der EAN ausgewählt und gebeten diese Aufgabe zu übernehmen und  betrachte es als Auszeichnung und Verpflichtung für die europäische Neurologie zu arbeiten.

Wie können deutsche Neurologen denn politisch Einfluss nehmen?

Im EBC sitzen alle wichtigen Organisationen, die mit Gehirnforschung zu tun haben, an einem Tisch. Daraus ergeben sich zahlreiche Möglichkeiten der Zusammenarbeit und der politischen Einflussnahme: Deutsche Neurologen können zum Beispiel in verschiedenen EBC-Projekten wie dem Projekt „Value of Therapy“ mitwirken und so indirekt Einfluss auf Entscheidungen der Europäischen Kommission über Fördergelder und Forschungsprogramme nehmen.

Außerdem gibt es noch den Weg über die DGN: Die DGN ist die mitgliederstärkste Gesellschaft in der European Academy of Neurology (EAN), der europäischen Neurologen-Organisation, die ein wichtiges Mitglied des European Brain Council ist. Ich bin als EAN-Vertreter beim EBC natürlich auch Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Es wäre wünschenswert, wenn sich weitere Mitglieder der DGN für Europäische Belange einsetzten, denn die persönliche Anwesenheit in Brüssel in den zahlreichen Gremiensitzungen  ist von entscheidender Bedeutung. Zusammen mit dem EAN-Präsidenten Professor Günther Deuschl suche ich ständig Persönlichkeiten in Europa und Deutschland, die an den zahlreichen Projekten mitarbeiten.

Was für ein Gremium sollten deutsche Neurowissenschaftler ihrer Meinung nach unbedingt gründen?

Deutschland braucht einen nationalen Brain Council, in dem alle an der Gehirnforschung beteiligten Parteien in Deutschland an einem Tisch sitzen und mit einer Stimme gegenüber der Bundesregierung und im EBC für deutsche Belange sprechen. Fast 30 Länder Europas haben bereits einen nationalen Brain Council gebildet oder sind dabei, einen zu gründen. So fand am 25. Mai eine Sitzung der nationalen Brain Councils in Brüssel statt – ohne Deutschland. Deutsche Qualitätsmerkmale, Interessen und Erfahrungen in der Hirnforschung und den klinischen Disziplinen konnten nicht vorgetragen werden und wurden entsprechend nicht berücksichtigt. Das sollte sich ändern, sonst spielen langfristig die deutschen Hirnforscher auf europäischer Ebene zumindest politisch nicht in der ersten Liga mit.

Interview: Monika Holthoff-Stenger

1 Consensus Document on Brain Research in Europe: http://www.braincouncil.eu/wp-content/uploads/2016/03/Consensus-Doc-pol-summary-Launch-2016-03-18-final.pdf

2 http://ebc-brussels.org/wp-content/uploads/2015/07/Code-of-Practice.pdf

Das Interview erscheint auch in der Juni-Ausgabe der Aktuellen Neurologie, die DGN-Mitgliedern kostenlos zur Verfügung steht.

Der European Brain Council (EBC) ist eine Non-Profit-Organisation, die Patientenorganisationen, wissenschaftliche Gesellschaften und Industrievertreter, die sich mit Neurowissenschaften befassen, unter einem Dach versammelt. Gegründet im Jahr 2002, zielt sie darauf ab, die Hirnforschung voranzutreiben, um die Lebensqualität von Patienten mit neurologisch-psychiatrischen Erkrankungen zu verbessern und die Kosten für Gehirnerkrankungen zu mindern. 165 Millionen Europäer sind von einer Gehirnerkrankung betroffen. Sie verursachen den nationalen Gesundheitssystemen insgesamt Kosten von mehr als 800 Milliarden Euro jährlich – mehr als jeder andere medizinische Bereich. Präsident des EBC ist David Nutt, Professor für Neuropharmakologie am Imperial College London.
www.braincouncil.eu

 

Mitgliedsorganisationen des EBC

Wissenschaftliche Mitglieder

 

logo ean 220European Academy of Neurology (EAN)

www.ean.org

Die EAN vertritt mit 45 nationalen neurologischen Gesellschaften europaweit 21.000 Neurologen. Sie ist damit Anlaufstelle für alle, die sich mit Neurologie und Neurowissenschaften befassen.



logo epa 220The European Psychiatric Association (EPA)

www.europsy.net

Die EPA ist die Hauptorganisation für Psychiatrie in Europa und richtet sich an Psychiater aller Karrierestufen in Lehre, Forschung und Praxis. Themenschwerpunkte: Verbesserung der Pflege geistig Kranker und der fachlichen Qualität.

 

logo feps 220Federation of European Physiological Societies (FEPS)

www.feps.org

Der FEPS fördert vor allem die Zusammenarbeit zwischen den 27 Mitglieds-Gesellschaften und den ihr angehörenden Physiologen.

 

logo fens 220Federation of European Neuroscientific Societies (FENS)

www.fens.org

Die FENS ist der Zusammenschluss von allen nationalen Gesellschaften für Neurowissenschaften und vertritt 22000 Grundlagenforscher, die in der Gehirnforschung in Europa tätig sind.

 

logo eans 220The European Association of Neurosurgical Societies (EANS)

www.eans.org

Der supranationalen Organisation gehören neurochirurgische Gesellschaften in Europa und Neurochirurgen aus der ganzen Welt an.

 

logo ecnp 220The European College of Neuropsychopharmacology (ECNP)

www.ecnp.eu

Das ECNP hat sich zum Ziel gesetzt, Fortschritte im Verständnis der Gehirnfunktionen für bessere Behandlungsmethoden nutzbar zu machen

 

logo ibro 220Pan European Regional Committee (PERC) of the International Brain Research Organization (IBRO)

http://ibro.info/

Als paneuropäisches Komitee unterstützt die IBRO-PERC die Arbeit der IBRO – eine globale Organisation neurowissenschaftlicher Gesellschaften, die Weiterbildung und gemeinsame Forschung fördert.

 

 Patientenorganisationen

 

logo efna 220European Federation of Neurological Associations (EFNA)

http://efna.net

Europäische Patientenvereinigungen arbeiten in der EFNA mit wissenschaftlichen Gesellschaften wie der European Federation of Neurological Societies (EFNS) zusammen, um die Lebensqualität von Patienten zu steigern.

 

logo gamian 220Global Alliance of Mental Illness Advocacy Networks-Europe (GAMIAN-Europe)

www.gamian.eu

Die paneuropäische Organisation versammelt 67 nationale Patientenorganisationen. Sie vertritt die Interessen von Patienten und setzt sich auch auf politischer Ebene für deren Rechte ein.

 

Assoziierte Mitglieder & Beobachter

 

logo eso 220European Stroke Organisation (ESO)

www.eso-stroke.org

Der Paneuropäische Gesellschaft der Schlaganfall-Forscher und -Ärzte gehören nationale und regionale Schlaganfall-Gesellschaften sowie Laienorganisationen an. Ihr Ziel: Die Zahl der Schlaganfälle zu reduzieren und Folgen zu minimieren.

 

logo ilae 220International League Against Epilepsy (ILAG)

www.ilae.org

Die mit 114 nationalen Verbänden größte Epilepsie-Gesellschaft Epilepsie-Kranken weltweit durch Aufklärung, Forschung, Ausbildung und verbesserte Behandlungsmethoden ein normales Leben ermöglichen.

 

logo eufami 220The European Federation of Associations of Families of People with Mental Illness (EUFAMI)

www.eufami.org

EUFAMI gehören 29 Familienorganisationen und fünf Gesellschaften für geistige Gesundheit an. Die Non-Profit-Organisation engagiert sich für bessere Pflege und für das Wohlergehen geistig Kranker.

 

logo esn 220Federation of the European Societies of Neuropsychology (ESN)

www.fesn.eu

Die 17 neuropsychologischen Gesellschaften der FESN fördern europäische Programme zur neuropsychologischen Forschung und Ausbildung und engagieren sich auch politisch.

 

logo b4b 220The Brains for Brain (B4B)

www.brains4brain.eu

Die Organisation konzentriert sich auf seltene neurologische Störungen im Kindesalter.

© Deutsche Gesellschaft für Neurologie