Richard Dodel erster Neurologe in Deutschland auf Lehrstuhl für Geriatrie

31. August 2016 – Als Lehrstuhlinhaber an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen und als neuer Chefarzt im Geriatrie-Zentrum Haus Berge, Essen, will Richard Dodel Forschung, Lehre und klinische Versorgung verbinden und neue neurogeriatrische Schwerpunkte setzen.

Herr Professor Dodel, Sie haben als erster Neurologe in Deutschland zum 1. Juni 2016 einen Lehrstuhl für Geriatrie übernommen. Was bedeutet das für die deutsche Neurologie?

Das ist ein ganz wichtiges Statement für die Deutsche Gesellschaft für Neurologie und die deutsche Neurologie insgesamt. Die 11 Lehrstühle für Geriatrie in Deutschland sind bisher ja ausschließlich mit Internisten besetzt worden. Dabei sind mehr als die Hälfte der Erkrankungen, die im geriatrischen Bereich anfallen, neurologischer Art – wie zum Beispiel Schlaganfall, Demenz, Epilepsie und Parkinson. Diese Erkrankungen spielen in der Geriatrie eine wichtige Rolle, sind aber bislang an deutschen Geriatrie-Lehrstühlen nicht abgebildet. Die Berufung eines Neurologen auf den nun neu geschaffenen 12. Lehrstuhl für Geriatrie in Essen sehen wir als Motor für den Input, den die Neurologie in der Geriatrie geben kann.

Sie haben Anfang Juni außerdem die ärztliche Leitung im Geriatrie-Zentrum Haus Berge, einem Standort des Lehrkrankenhauses St. Elisabeth Essen, übernommen. Diese teilen Sie sich mit dem Internisten und Geriater PD Dr. Ulrich Thiem. Inwiefern geht Haus Berge damit neue Wege in der klinischen Versorgung älterer Patienten?

Diese neurologisch-internistische Doppelspitze ist ebenfalls einzigartig in Deutschland. Haus Berge hält mit der Memory Klinik, der Tagesklinik, der Demenz-Schwerpunktstation und dem Seniorenstift ein umfassendes Angebot zur Diagnostik und Versorgung von Menschen mit kognitiven Einschränkungen vor. Dr. Thiem und ich werden das geriatrische Leistungsangebot in Haus Berge gemeinschaftlich verantworten und medizinisch-inhaltlich weiterentwickeln. Ich als Experte auf dem Gebiet der Neurodegeneration – und speziell der Alzheimer-Demenz sowie der Parkinson- Krankheit – werde das neurologische Angebot ausbauen. Für ältere Patienten ist aber außerdem die geriatrietypische Multimorbiditaät kennzeichnend. Diesen internistischen Bereich verantwortet Dr. Thiem, der sich vor allem mit den Aspekten der medikamentoösen Therapie bei Multimorbidität und der Mobilitätsstörung im Alter beschäftigt. Unser gemeinsames Ziel ist es, durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit – auch mit weiteren Medizinern, der Pflege und den Therapeuten – die richtige und für den Patienten angemessene individuelle Therapie zu konzipieren.

Neu ist auch eine weitere Besonderheit in Essen: die künftige Kooperation zwischen dem Geriatrie-Zentrum Haus Berge, dem Universitätsklinikum Essen und der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen. Sie als Inhaber des Lehrstuhls für Geriatrie und Chefarzt im Haus Berge übernehmen dabei maßgeblich die Aufbauarbeit. Welche Pläne und Ziele verfolgen Sie?

Die Kooperation zwischen diesen Institutionen der Forschung, der Lehre und der klinischen Versorgung soll die wissenschaftliche, evidenzbasierte Versorgung geriatrischer Patienten vorantreiben. Wir möchten Haus Berge als Schwerpunktklinik der Neurogeriatrie mit Spezialisierung auf Demenz und neurodegenerative Erkrankungen ausbauen. Die klinische Versorgung ist ja schon vorhanden, aber wir wollen noch den wissenschaftlichen Teil und die Lehre hinzufügen.
Ganz konkret soll die Klinik in den nächsten zwei Jahren von 100 auf 160 Betten erweitert werden. Ältere Patienten, die nach einer Operation in der Universitätsklinik noch mit einer Komplexbehandlung versorgt werden müssen, können dann schnell ins Haus Berge übernommen werden. Die Ergebnisse unserer Forschung am Lehrstuhl werden in die Versorgung geriatrischer Menschen in der Memory-Klinik einfließen. Aktuell interessieren wir uns besonders für inflammatorische Mechanismen: Welche Rolle spielt das Immunsystem bei der Entwicklung sowohl der Alzheimer- als auch der Parkinson-Erkrankung? Wir planen, eine neue Phase-III-Studie bei Personen durchzuführen, die sich im Frühstadium der Erkrankung befinden.

Zur Forschung gehört auch die Lehre: Wie wollen Sie diese künftig gestalten?

Weil man die Innere Medizin und die Neurologie in Bezug auf ältere Menschen einfach nicht trennen kann, wollen Dr. Thiem und ich künftig einen „Allround- Geriater“ ausbilden, der beide Disziplinen beherrscht und sein Feld adäquat abdeckt. Der neue Lehrplan, der die neurologisch-internistische Ausrichtung widerspiegeln soll, steht bereits in Grundzügen. Momentan versucht die Universität Duisburg-Essen noch, eine Professorenstelle für einen Internisten einzurichten. Die Assistenten, die wir in Haus Berge ausbilden, sollen ebenfalls in beiden Fächern geschult werden: Wir haben gemeinsame Frühbesprechungen, wir haben gemeinsame Fortbildungen. Assistenten, die unser Haus verlassen, werden bereits über ein sehr, sehr breites Wissen auf beiden Feldern, der Inneren Medizin und der Neurologie, verfügen.

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