Hirnforschung in der NS-Zeit: Ehrendoktorwürde entzogen

12. Mai 2017 – Die Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) hat dem NS-Hirnforscher Julius Hallervorden posthum die Ehrendoktorwürde entzogen. Die Gießener Klinik für Neurologie arbeitet derzeit ihre Nachkriegsgeschichte auf.

Hallervorden (1882–1965) war ab 1949 als Abteilungsleiter am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Gießen tätig. Wie sein MPI-Kollege Hugo Spatz auch war er ab 1939/40 in das „Euthanasie“-Programm der Nationalsozialisten eingebunden. Der damals 80-jährige Julius Hallervorden wurde 1962 mit der Ehrendoktorwürde des Fachbereichs ausgezeichnet. Schon damals war die NS-Vergangenheit beider Hirnforscher bekannt.

„Die JLU bekennt sich zu ihrer Verantwortung für die eigene Geschichte und wird auch in Zukunft zur Aufklärung der dunkleren Kapitel ihrer Vergangenheit beitragen“, erklärte Hochschulpräsident Joybrato Mukherjee. So ist geplant, Hugo Spatz die Ehrensenatorenwürde abzuerkennen.

Julius Hallervorden und Hugo Spatz nutzten während des Zweiten Weltkrieges am Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut für Hirnforschung das „Euthanasie“-Programm, um bei der Obduktion der Opfer Gehirne zu entnehmen und damit zu forschen. Später brachten sie die Proben von mindestens 700 Gehirnen mit ans Gießener Max-Planck-Institut für Hirnforschung und pflegten enge Kontakte zur Universität.

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) lässt seit 2014 die Rolle bedeutender Neurologen wie Julius Hallervorden in der NS- und Nachkriegszeit in einem medizinhistorischen Forschungsprojekt aufarbeiten. Erste Ergebnisse präsentierten die Medizinhistoriker auf den DGN-Kongressen 2015 und 2016 sowie in der „Nervenarzt“-Sonderpublikation „Neurologie und Neurologen in der NS-Zeit“. Auf dem 90. DGN-Kongress in Leipzig werden die DGN-Mitglieder das Thema im September weiter diskutieren.