Prof. Dr. Heinz Wiendl, Münster, gehört zu den führenden Vertretern der Neuroimmunologie und der MS-Forschung. Der Botschafter der DGN-Kampagne Wir sind Neurologie. hat u. a. mit dem Aufbau des Klinischen Kompetenznetzwerkes für Multiple Sklerose (KKNMS) entscheidenden Anteil an der Schaffung neuer Wissenschaftsstrukturen. (c) Tedeskino/DGN

30. Mai 2018 – Als Wissenschaftler beschäftigt sich Prof. Heinz Wiendl mit den zwei komplexesten Systemen des menschlichen Körpers: dem Nervensystem und dem Immunsystem. „Diesen Zusammenhang zu entschlüsseln und neue Therapien zu entwickeln treibt mich ebenso an wie die Vision, dass MS in einigen Jahren heilbar sein kann“, begründet er seine Faszination für die Neurologie.

Wenn jemand vor 25 Jahren vorhergesagt hätte, dass die Erforschung und Therapie der Multiplen Sklerose (MS) zu einer der Erfolgsgeschichten der Neurologie werden würde, hätte man ihn wohl für verrückt erklärt. Zur Myasthenia gravis gab es viele präzise Erkenntnisse, das Guillain-Barré-Syndrom war ein Forschungsfeld mit Zukunft. Mit beiden Erkrankungen glaubte man sowohl bei den experimentellen Modellen als auch in der klinischen Anwendung entscheidende Paradigmen der Neuroimmunologie geknackt zu haben. Wer sich mit MS befasste, war eher zum Scheitern verurteilt und hatte sich eine der frustrierendsten Erkrankungen der Neurologie ausgesucht …

Multiple Sklerose steht im Rampenlicht der Forschung

Und heute? Im Jahr 2018 haben Ärzte die Wahl zwischen 15 Präparaten für die MS-Therapie. Wir können die Krankheit dank neuester Kriterien und Biomarker besser diagnostizieren, früher und effektiver behandeln denn je. Das ehemalige Nachtschattengewächs steht auf einmal im Rampenlicht der Forschung. Es ist ein Modell, das den diagnostischen und therapeutischen Fortschritt des Fachs Neurologie eindrücklich illustriert.

Welche Faktoren haben die Wende eingeleitet? Sicherlich zum großen Teil die Entwicklung von Therapieoptionen und die sich damit entwickelnde Studien- und Forschungskultur. Therapiekonzepte und -ziele haben sich dramatisch verändert. Damit einher gehen ein vertieftes und neues Verständnis der Pathogenese und eine Verfeinerung von Diagnosemöglichkeiten. Ohne die Hilfe von Surrogatmarkern wie der Kernspintomografie wäre all dies nicht denkbar gewesen.

Die MS ist eine „Querschnittserkrankung“, die einen Katalog hochspannender Fragen der Forschung und Krankenversorgung zur Neurobiologie, Neurodegeneration, (Auto-)Immunologie, zu entzündlichen Erkrankungen des Nervensystems und zur Blut-Hirn-Schranke verbindet. Ausdruck des gewachsenen Interesses in Deutschland sind Verbundstrukturen wie das Kompetenznetzwerk Multiple Sklerose (KKNMS) oder der interdisziplinäre Sonderforschungsbereich (SFB) Transregio 128 „Multiple Sklerose“ sowie eine Reihe von EU-Förderprojekten mit deutscher Beteiligung. Verschiedene Universitäten richteten spezielle Lehrstühle ein oder besetzten Leitungspositionen mit Experten für MS und Neuroimmunologie. Parallel dazu haben sich hochdifferenzierte Strukturen in der Krankenversorgung gebildet: Als Beispiel seien hier MS-Schwerpunktpraxen genannt. Auch neue Berufsbilder wie die MS-Nurse oder der MS-Studienkoordinator sind entstanden. Die MS wird als holistische Erkrankung von einer Reihe nicht ärztlicher Berufsgruppen mitbehandelt, als Beispiele seien nur Physiotherapeuten, Neuropsychologen und Ergotherapeuten genannt.

Inzwischen hat die Multiple Sklerose sogar so etwas wie „Luxusprobleme“: die Risikoeinschätzung und das Management ihrer Therapien. Dazu gehören schwere Infektionen (wie z. B. die PML), die durch die Eingriffe in das Immunsystem entstehen können. Moderne Medikamente, insbesondere monoklonale Antikörper, sind heute so wirksam, dass ca. 80 Prozent der Patienten mit entzündlich aktiven Formen der MS ihre Krankheit kontrollieren können. Bei einigen verbessert sich der Zustand sogar. Epidemiologische Daten und Therapiestudien zeigen inzwischen, dass aus einer vor mehr als 20 Jahren de facto nicht therapierbaren Erkrankung eine Diagnose geworden ist, mit der Patienten oft ein fast normales Leben führen können. Die rasante Erfolgsgeschichte der MS-Forschung schlägt sich in Leitlinien und Ratgebern von Fachverbänden nieder.

Die Regeneration und Reparatur geschädigter Nervenzellen ist die Aufgabe der nächsten Jahre

Angesichts der genannten Erfolge werden die offenen Fragen der MS und die sogenannten unmet medical needs immer wichtiger. Sie werden von zwei Kernthemen dominiert: 1. Optimales Management der frühen aktiven MS und 2. Verständnis und Management der progredienten MS. Wie hängen Progression und Entzündungsprozesse im zentralen Nervensystem zusammen? Welche Bedeutung hat die Degeneration, die oft unabhängig von der Entzündung verläuft, für das Fortschreiten der MS? Die Mechanismen, nach denen die Autoimmunerkrankung fortschreitet, stellen für Forscher noch eine Black Box dar. Zumindest anfänglich treibt die Entzündung offenbar den Krankheitsfortschritt an, zeigen Forschungsergebnisse der Progressive MS Alliance, eines international besetzten Wissenschaftlerkonsortiums. Sie zu verstehen, zu therapieren, zu verhindern und bestenfalls die Regeneration und Reparatur geschädigter Nervenzellen zu fördern ist unsere Aufgabe für die nächsten Jahre. Während sich die Erforschung der schubförmigen MS als Erfolgsstory erzählen lässt, waren die Entwicklungen im Bereich der progredienten MS-Formen bisher deutlich weniger erfolgreich. Doch seit Kurzem gibt es erste Anzeichen, dass wir auch das ändern können. Vor wenigen Monaten wurde ein erstes Medikament zur Therapie der primär progredienten MS zugelassen: der B-Zellen depletierende Antikörper Ocrelizumab. Derzeit befassen sich weltweit mehr als 180 Studien mit der MS, einige davon widmen sich dezidiert der progredienten MS.

Die wahrscheinlich größte Erfolgsstory der Neurologie der letzten 20 Jahre

Aus meiner Sicht ist die Multiple-Sklerose-Forschung die wahrscheinlich größte Erfolgsstory der Neurologie in den letzten zwei Jahrzehnten. In ihrem Sog haben sich neue Versorgungsstrukturen und -formen, Spezialisierungen, Forschungsfelder, Fragestellungen und Karriereoptionen entwickelt. Dank translationaler neurologischer Wissenschaftsprojekte können wir eine chronische, vormals nicht therapierbare Erkrankung jetzt immer häufiger gut managen.

Ist die „Heilung“ der MS in greifbare Nähe gerückt? Diese Frage zu stellen ist heute angemessen. Produzent dieser Entwicklung ist die Neurologie! Sie ist in den vergangenen 30 Jahren vom reinen Diagnose- zum aktiven Therapiefach geworden, weil Neurologinnen und Neurologen in Studien gezeigt haben, dass sie Krankheiten wie MS gezielt beeinflussen können.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass diese Entwicklungen ohne von der Industrie finanzierte Medikamentenstudien nicht möglich gewesen wären. Diese Abhängigkeit von der Industrie, die die therapeutische Medizin generell prägt, wird zu Recht kritisch hinterfragt. Sind staatlich finanzierte Therapie- und Interventionsstudien eine Alternative? Nein, es gibt aus öffentlicher Hand keine Möglichkeit, Therapie- und Interventionsstudien auf dem von den Zulassungsbehörden geforderten Niveau durchzuführen. Was ist echte Innovation, was ist reine Evolution der Therapielandschaft?

Die Neurologenschaft und die DGN gehen mit dieser Frage sensibel um. Schon 2014 hat die Fachgesellschaft Handlungsrichtlinien im Umgang mit ökonomischen Interessen veröffentlicht. Das muss auch so sein, will sie ihre Glaubwürdigkeit gegenüber Patienten, Kollegen, Kostenträgern, Gesundheitssystem und Gesellschaft bewahren.

Das Themenfeld MS stellt innerhalb der Neuroimmunologie auch im Jahr 2018 ein faszinierendes und hochdynamisches Gebiet dar, das als eines der Flaggschiffe für die Attraktivität der Neurologie noch lange nicht den Zielhafen erreicht hat!

Heinz Wiendl, Münster