Stammzelltransplantation bei MS: Ist ein „Reboot“ des Immunsystems eine Option?

04. März 2019Eine jüngst publizierte Studie [1] verglich die Wirksamkeit der Stammzelltransplantation mit der von medikamentösen verlaufsmodifizierenden Therapien bei 110 Patienten mit hochaktiver RRMS.

Sie wurden randomisiert (50:50) und einer Stammzelltransplantation unterzogen oder erhielten eine intensivierte verlaufsmodifizierende Therapie. Das konnten sowohl immunsuppressive Wirkstoffe wie Cyclophosphamid oder Antikörpertherapien wie Rituximab sein. Die Wirkstoffe Ocrelizumab und Alemtuzumab wurden in der Studie nicht eingesetzt – der erstere war zu Studienbeginn noch nicht zugelassen, der zweite war wegen des Nebenwirkungsprofils und möglicher statistischer Schwierigkeiten ausgeschlossen worden. Im Ergebnis zeigte sich, dass bei Patienten, die eine Stammzelltransplantation erhalten hatten, die Erkrankung deutlich weniger fortschritt als in der Gruppe, die medikamentös behandelt worden war. In der „Stammzellgruppe“ kam es nur bei drei Patienten zu einer Krankheitsprogression, bei der medikamentös behandelten Gruppe bei 34 Patienten. In dieser Gruppe dauerte es im Median sechs Monate, bis ein Patient einen neuen Schub erlitt. In der Transplantationsgruppe war die Fallzahl so gering, dass sich keine mediane Dauer berechnen ließ. In beiden Gruppen gab es keine Todesfälle.

„Es handelt sich um eine erste Studie mit einer Art Randomisierung, in der die Stammzelltransplantation mit anderen Therapiemöglichkeiten verglichen wurde. Allerdings ist die Patientenzahl insgesamt zu gering, um auf Basis dieser neuen Daten die bisherige Standardtherapie zu verändern“, erklärt Univ.-Prof. Prof. h.c. Dr. med. Heinz Wiendl, Direktor der Klinik für Neurologie mit Institut für Translationale Neurologie des Universitätsklinikums Münster. „Es muss außerdem bedacht werden, dass zwei potente Wirkstoffe, die heute als Therapien der ersten Wahl bei hochaktiven MS- Verlaufsformen eingesetzt werden, in der Studie nicht zum Einsatz kamen.“

Prof. Dr. Hans Christoph Diener, Essen, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft für Neurologie ergänzt: „In der vorliegenden Studie kam es zu keinen lebensbedrohlichen Nebenwirkungen der Stammzelltransplantation. Dies ist nicht selbstverständlich und wäre bei einem häufigeren therapeutischen Einsatz dieser Methode wahrscheinlich. Für den klinischen Alltag bedeuten die Ergebnisse, dass Patienten mit einer aggressiven MS zunächst die neueren hochwirksamen immunmodulatorischen Therapien erhalten sollten. Nur wenn diese entweder nicht ausreichend wirksam sind oder wegen unerwünschter Arzneimittelwirkungen beendet werden müssen, sollte eine Stammzelltransplantation in Betracht gezogen werden.“

Literatur

[1] Burt RK, Balabanov R, Burman J et al. Effect of Nonmyeloablative Hematopoietic Stem Cell Transplantation vs Continued Disease-Modifying Therapy on Disease Progression in Patients With Relapsing-Remitting Multiple Sclerosis: A Randomized Clinical Trial. JAMA. 2019 Jan 15; 321 (2): 165-174. doi: 10.1001/jama.2018.18743

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