Nachruf Prof. Dr. med. Klaus Kunze

18. April 2019  – Am 2. Januar 2019 verstarb Prof. Dr. med. Klaus Kunze in Hamburg. Geboren 1933 in Bremen und aufgewachsen in Berlin und Hamburg war er zuletzt Ordinarius der Neurologischen Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf.

Auch darüber hinaus blieb er für die Neurologie weiter engagiert, u. a. in der vom ihm mit Dr. Leffmann begründeten externen Qualitätssicherung EQS, aus der das fort­bestehende nationale Schlaganfallregister ADSR hervorging.

Klaus Kunze war Arzt und Neurologe mit Leib und Seele, er liebte diesen Beruf. Leidenschaftlich suchte er nach dem wegweisenden neurologischen Befund und baute systematisch diagnostische und therapeutische Überlegungen auf. Er sah die Neurologie als intellektuelle Herausforderung, als Fach der wohlüberlegten Hypothesenbildung mit der Pflicht zur Bestätigung oder Verwerfung der Auffassung, immer sehr nahe am Patienten und dessen Krankheitsverlauf. Große Freude bereiteten ihm Urlaubsreisen nach Italien – speziell die Atmosphäre von Venedig zog ihn an – und er las viel. 

Nach dem Studium in Frankfurt am Main 1960 befasste er sich zunächst in Köln und Marburg als Physiologe mit der Sauerstoffverteilung im gesunden und pathologisch veränderten Muskel und forschte am peripheren Nerven und Muskel in Kopenhagen bei Fritz Buchthal, einem nach Dänemark emigrierten deutschen Neurophysiologe. Klaus Kunze begann seine klinische Laufbahn an der Gießener Universitäts-Neurologie unter Prof. Dr. Erbslöh, dem er später nach dessen tragischen gewaltsamen Tod als kommissarischer Direktor nachfolgte.

Später in Hamburg verblüffte uns „der Chef“, wie rasch und zutreffend er Menschen bezüglich ihrer Neigungen, Intentionen, Vorlieben und Schwächen einzuschätzen wusste. Mit Zitaten und Anspielungen hatte er, der anfangs Medizin und Literatur parallel studiert hatte, seinen Spaß daran, für Literatur neugierig zu machen. Teilte er verärgert mit, dass „aus dem Schloss wieder keine Antwort“ zu erhalten war, konnte man die Aussage nur in Kenntnis von Franz Kafkas letztem Werk nachvollziehen. Franz Kafka hatte geschrieben, wie Menschen unter Desinformation, Intransparenz und Willkür höherer Mächte leiden können und genau das wollte Klaus Kunze niemandem zumuten. Er war ein Philanthrop, der auch für das Eigentümliche und Fremde einen Platz fand und der sich Zeit für Patienten nahm und ihnen auch in schwierigen Situationen beistehen konnte. Er hatte einfach Freude und Interesse am Menschen, blieb dabei aber respektvoll auf Abstand und verhielt sich im Sinne von Søren Kierkegaard: „Wenn wir jemandem helfen wollen, müssen wir zunächst herausfinden, wo er steht. Das ist das Geheimnis der Fürsorge. Wenn wir das nicht tun können, ist es eine Illusion zu denken, wir könnten anderen Menschen helfen. Jemandem zu helfen impliziert, dass wir mehr verstehen als er, aber wir müssen zunächst verstehen, was er versteht“. Im Auftreten niemals großspurig, sondern bescheiden, empfahl uns Klaus Kunze, bei abweichenden Auffassungen zunächst mal davon auszugehen, dass der Andere mindestens so klug ist wie man selbst und auch Recht haben könnte – zumindest solange, bis man alle Informationen kennt und die Sachlage in Ruhe zu beurteilen wusste.

Sein Arbeitsstil war ausdauernd und stetig und seine Arbeitszeit lag weit jenseits vom heutigen Arbeitszeitschutzgesetz. In Anlehnung an die „Freuden der Pflicht“ (cfr. Die Deutschstunde von Siegfried Lenz, den er persönlich kannte) war er oft morgens der Erste und abends der Letzte. Groß geworden ohne Schnittbildverfahren in der Neurologie, erlebte er in Gießen und später in Hamburg die weitgreifenden Verbesserungen der Beurteilung des ZNS durch CCT- und MRT-Diagnostik, blieb aber der vorherigen klinischen Befunderhebung als Grundlage jeder Fallanalyse treu. Hatte man etwa keine „Auffassung“ vom Krankheitsbild aus den klinischen Informationen gewonnen, konnte es in Visiten ungemütlich werden, denn technisch-radiologische Befunde allein waren nie genug. Stets strebte er nach Präzision, forderte klare „Statements“ und eine vollständige Befunddiskussion unter der heute leider immer mehr in Vergessenheit geratenen Prämisse „Klinik führt“. Gleichwohl schätzte er neurophysiologische Untersuchungen, besonders das EMG und die Neurografie und suchte überall nach Quantifizierungsmöglichkeiten von der Entladungsrate motorischer Einheiten bis zur „quality of life“ nach Schlaganfall. Folgerichtig war er kein leichter Prüfer für Studenten, Bewerber, Facharztkandidaten. Aber ein verlässlicher Chef, den man auch spätabends und am Wochenende einbeziehen konnte, wenn es schwierig wurde, der die Literatur kannte und enorme klinische Erfahrung besaß. „Feste arbeiten“ war ihm wichtiger als „Feste feiern“ (Zitat K. Kunze) und auf seiner Abschiedsparty 1999 mit F.J. Raddatz und der Hamburger Ärzte-Big Band schien er nicht die glücklichste Person zu sein. „Ich hätte gern noch weitergearbeitet“ teilte der damals 66-Jährige auch dem Hamburger Abendblatt mit und tat es dann ja auch, z.B. als Federführender in der Leitlinienkommission der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, als Autor von Artikeln, als Gutachter, in der Qualitätssicherung. Zuletzt tauchte er gern ein in Venedig-Krimis.

Als Direktor der UKE-Neurologie 1981 bis 1999 förderte und gestaltete er den Wandel der Neurologie zum immer aktiver werdenden therapeutischen Fach in wichtigen großen Bereichen (Slogan: „Time is brain“). Zum einen wurde unter seiner Leitung die neurologische Intensivstation in Eppendorf ausgebaut, die über viele Jahre die einzige ihrer Art in Norddeutschland war und überregional als Ansprechpartner für die komplexeren Fälle galt. Neue Verfahren wie der therapeutische Plasma­austausch, das SEP- und EEG-Monitoring und die diagnostische Hirndruckmessung wurden eingeführt bzw. weiterentwickelt. Zum anderen erkannte Klaus Kunze früh die Bedeutung einer aktiven neurologischen Schlaganfallversorgung und gründete 1997 die erste Stroke Unit Hamburgs. Schon früh ließ er Abläufe extern validieren und zertifizieren, betrieb Qualitätssicherung und warb für den Unterschied, den eine aktive Neuromedizin bei diesen Erkrankungen bis zum heutigen Tag durch bessere klinische Ergebnisse machen kann. Überregional führend wurden Seit an Seit mit der Neuro­radiologie unter Prof. Zeumer interventionelle Verfahren zur Wiederherstellung der Hirnzirkulation als Standardverfahren (intravenöse Lyse, intra-arterielle Katheter, Coiling) und deren Monitoring in die Routine etabliert. Seinem breiten Interesse, seiner Vielseitigkeit und der Fähigkeit, andere zu begeistern, ist zu verdanken, dass er in Eppendorf das Labor für Muskelhistologie gründete, Sprechstunden für Nerven- und Muskelkrankheiten ausbaute, das eigene Liquorlabor und den Schwerpunkt Multiple Sklerose förderte. Neurologie, so Klaus Kunze, „ist nur von Neurologen zu betreiben“. Viele Ärzte wurden so in der ganzen Breite des Faches ausgebildet.

Unter Kunzes Leitung wurden in Hamburg einige internationale Symposien und zwei große deutsch­sprachige intensivmedizinische Tagungen 1986 und 1998 ausgerichtet (ANIM, heute DGNI). In der Gremienarbeit der ANIM sorgte er dafür, dass satzungsgemäß alle Berufsgruppen beteiligt werden, erinnern die Gründungsmitglieder. Kunze legte seine Arbeiten in fünf Lehrbüchern und über 200 Publikationen nieder, für seine Leistungen in der Aus- und Fortbildung wurde er mehrfach geehrt. Die meisten seiner Mitarbeiter, die das UKE verließen, gingen als Chefärzte an Lehrkrankenhäuser oder gründeten erfolgreiche Arztpraxen in der Hansestadt.

Sicherlich behalten ihn viele Kolleginnen und Kollegen wegen seines enormen Wissens, seiner klinischen Präsenz, seiner Arbeitsfreude und seine dem Menschen zugewandte Art in lebendiger Erinnerung und ganz sicher haben viele seiner Patienten ihn nicht vergessen. Der kürzlich gesehene Graffitti-Text: „Denken ist wie googeln, nur krasser“ hätte ihm große Freude bereitet, aber darüber können wir leider nicht mehr gemeinsam lachen.

Seine Ehefrau Anna, mit der er jahrelang als MTA zusammenarbeitete und die ihm stets zur Seite stand, verstarb zwei Jahre zuvor. Klaus Kunze hinterlässt zwei Töchter: Alexandra ist Leitende Oberärztin in einer Hamburger Klinik für Neurologie und Kerstin ist als Professorin für Theoretische Physik derzeit in Spanien tätig.

Prof. Dr. Hans-Christian Hansen,  Neumünster

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