Immuntherapien bei neuroimmunologischen Erkrankungen vor dem Hintergrund der SARS-CoV-2-Pandemie

Aktualisierter Kommentar (Stand: 25.03.2020) der Klinischen Kommission „Neuroimmunologie“ der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) zum Thema Immuntherapien bei neuroimmunologischen Erkrankungen vor dem Hintergrund der SARS-CoV-2-Pandemie

Die aktuelle Pandemie des neuen Corona-Virus SARS-CoV-2 mit Erkrankten in mittlerweile allen Bundesländern hat bei Betroffenen mit neurologischen Autoimmunerkrankungen (wie der Multiplen Sklerose, Myasthenia gravis, Autoimmun-Enzephalitis, CIDP, Neuromyelitis optica, Vaskulitis, Sarkoidose, Guillain-Barré-Syndrom), ihren Angehörigen und Behandlern zu Fragen bezüglich der Weiterführung immunsuppressiver oder immunmodulatorischer Medikamente geführt. Dazu gehören Alemtuzumab, Azathioprin, Cladribin, Cyclosporin A, Dimethylfumarat, Eculizumab, Fingolimod, Glatirameracetat, Immunglobuline (IVIG), Infliximab, Interferon-beta, Methotrexat, Mitoxantron, Mycophenolat Mofetil, Ocrelizumab, Prednisolon, Rituximab, Siponimod, Teriflunomid und Tocilizumab.

Unter ständiger Beobachtung der aktuellen Situation ist nach Einschätzung der DGN-Kommission Neuroimmunologie in aller Regel keine grundsätzliche Änderung des jetzigen therapeutischen Vorgehens notwendig, allerdings sind besondere Vorsichtsmaßnahmen sinnvoll.

Insbesondere vier Aspekte sind abzuwägen:

  • Immuntherapeutische Medikamente sind ein wichtiger Teil der Therapie von Autoimmunerkrankungen und die Unterbrechung der Behandlung kann zu einer deutlichen Verschlechterung führen. Dieses Risiko wird in den meisten Fällen höher eingeschätzt als die Gefahr, eine Erkrankung mit dem neuen Corona-Virus durch die immuntherapeutische Behandlung zu verschlechtern. Das gilt auch für Immuntherapien, die das Risiko für Atemwegserkrankungen erhöhen (z.B. Fingolimod, Siponimod). Änderungen der Medikation sollten immer in Rücksprache mit einem auf neuroimmunologische Erkrankungen spezialisierten Zentrum erfolgen.
  • Viele Medikamente sind lang wirksam oder werden in größeren Abständen verabreicht, sodass kurzfristige Änderungen nicht sinnvoll sind. Bisher gibt es keine Hinweise, dass die Immuntherapie das Risiko erhöht, sich mit SARS-CoV-2 anzustecken und an COVID-19 (corona virus disease 2019) zu erkranken. Zu bedenken ist allerdings, dass für die Infusion einiger Medikamente oder regelmäßige Blutkontrollen die Fahrt in die Klinik/Praxis notwendig und mit erhöhter Ansteckungsgefahr verbunden ist. Ein „prophylaktischer“ Schutz von neuroimmunologischen Patienten vor COVID-19 mittels IVIG ist nicht zu empfehlen.
  • Wie bisher gilt die Empfehlung, dass im Falle einer akuten Infektion die Behandlung insbesondere mit Immunzell-depletierenden Therapien (z.B. Alemtuzumab, Ocrelizumab, Rituximab, Cladribin) bis zum Abklingen der Symptome verschoben werden sollte, wenn die Krankheitsaktivität dies erlaubt. Bei einer Neueinstellung auf diese längerfristig depletierenden Substanzen können Alternativen sinnvoll sein, insbesondere bei älteren Patienten und Patienten mit zusätzlichen Herz-Lungen-Erkrankungen, solange das Ende der Pandemie nicht absehbar ist.
  • Das Risiko eines komplizierteren COVID-19-Verlaufs erhöht sich möglicherweise bei mehreren gleichzeitig angewandten Immuntherapien, bei aktiven Krankheitszeichen mit einer Schwäche der Schluck- oder Atemmuskulatur (z.B. bei der Myasthenie) und bei internistischen Begleiterkrankungen. Patienten mit hohem Risiko ist trotz aller damit verbundenen Einschränkungen die Kontaktsperre (self-isolation) als wirksamste Schutzmaßnahme ausdrücklich empfohlen.

Unbenommen davon ist es gerade für Patienten mit immunmodulierenden Therapien sinnvoll, in dieser Situation Allgemeinmaßnahmen zum Infektionsschutz vor Erkältungskrankheiten besonders zu berücksichtigen. Dazu gehören eine starke Reduktion sozialer Interaktionen (inkl. Vermeiden von ÖPNV) und ausreichend Abstand zu anderen Personen (social distancing), verstärktes Händewaschen und Händedesinfektion, Niesen/Husten in die Ellenbeuge, Vermeidung von Händeschütteln/Umarmungen, Verwendung von Mund-Nasen-Schutzmasken bei Kontakt mit anderen Menschen und die Möglichkeit von Schutzimpfungen mit Totimpfstoffen (v.a. Grippe, Pneumokokken). Wenn Symptome wie Fieber oder anhaltender Husten auftreten, sollten Betroffene den Hausarzt oder Neurologen anrufen, um über die Notwendigkeit einer Testung auf das Corona-Virus und ggf. weitere Maßnahmen incl. Medikamentenänderungen zu entscheiden.

Weiterführende Links, insbesondere zu einzelnen Patientengruppen (Multiple Sklerose, Myasthenie) und zu allgemeinen Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI)

Informationen des RKI zum neuen Corona-Virus (aktuelle Risikobewertung, häufig gestellte Fragen, Fallzahlen, Schutzmaßnahmen und vieles mehr):
https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/nCoV.html

Stellungnahme der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG):
https://www.dmsg.de/multiple-sklerose-news/dmsg-aktuell/news-article/News/detail/update-empfehlungen-fuer-multiple-sklerose-erkrankte-zum-thema-corona-virus/?no_cache=1&cHash=1f45cc65c79272dae37d6e2827278143

Stellungnahme des Kompetenznetzes Multiple Sklerose (KKNMS):
https://www.kompetenznetz-multiplesklerose.de/coronavirus-sars-cov-2-hinweise-zur-anwendung-von-ms-immuntherapeutika/

Stellungnahme der Deutschen Myasthenie-Gesellschaft (DMG):
https://dmg-online.de/aktuell

Wichtige englischsprachige Empfehlungen für Patienten mit neuroimmunologischen Erkrankungen

European Academy of Neurology (EAN) - Immunotherapy for patients with neuroimmunological disorders during the COVID-19 pandemic :
EAN-LINK
(Hinweis: Link folgt in Kürze)

ABN Guidance on the use of disease-modifying therapies in multiple sclerosis in response to the threat of a coronavirus epidemic:
https://cdn.ymaws.com/www.theabn.org/resource/collection/6750BAE6-4CBC-4DDB-A684-116E03BFE634/ABN_Guidance_on_DMTs_for_MS_and_COVID19_APPROVED_11_March.pdf

National Multiple Sclerosis Society - Disease Modifying Treatment Guidelines for Coronavirus (COVID-19):
https://www.nationalmssociety.org/What-you-need-to-know-about-Coronavirus-(COVID-19)/DMT-Guidelines-for-Coronavirus-(COVID-19)-and