Update der Leitlinie „Gedächtnisstörungen“

26. März 2020 – Die S2e-Leitlinie „Diagnostik und Therapie von Gedächtnisstörungen“ (AWMF-Registernummer: 030/124) der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und der Gesellschaft für Neuropsychologie (GNP) wurde unter Federführung von Dr. Angelika Thöne-Otto, Leipzig, komplett überarbeitet. Sie richtet sich an alle Berufsgruppen, die in der stationären, teilstationären und ambulanten neurologischen Rehabilitation arbeiten.

Ziel der Leitlinie ist es, den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand aufzubereiten, weiteren Forschungsbedarf aufzuzeigen sowie die Diagnostik und Therapie von Menschen mit Gedächtnisstörungen nach neurologischen Erkrankungen zu verbessern.

Die aktualisierte Leitlinie „Diagnostik und Therapie von Gedächtnisstörungen“ behandelt Störungen von Lernen und Gedächtnis nach erworbener Hirnschädigung bei erwachsenen Patienten. Gegenüber der bisherigen Leitlinie konnte die Evidenz für die Wirksamkeit des übenden Funktionstrainings für Patienten mit leichten bis mittelschweren Gedächtnisstörungen in einer Reihe randomisierter Kontrollgruppenstudien erhärtet werden. Assistive Technologien (elektronische Gedächtnishilfen) stellen wichtige Hilfsmittel dar, um die Auswirkung von Gedächtnisstörungen im Alltag zu kompensieren und die Teilhabe zu verbessern. Obwohl viele Patienten bereits ein Smartphone nutzen, sollte die Anwendung zur Kompensation der Gedächtnisstörungen in der Therapie thematisiert und geübt werden. Die Wirksamkeit des fehlerfreien Lernens (Errorless Learning) bei Menschen mit schwerer Amnesie wird weiterhin intensiv diskutiert. Empfohlen wird eine fehlerarme Lernmethode. Diagnostik und Therapieverfahren werden zunehmend unter Nutzung von virtueller Realität angeboten. Großes Potenzial sehen die Autoren für die Untersuchung und das Training visuell-räumlicher Gedächtnisstörungen, allerdings reichen die Daten zum klinischen Einsatz für eine Empfehlung aktuell nicht aus.

Wichtige Empfehlungen

Bei relevanten Gedächtnisstörungen im Alltag sollte eine orientierende Untersuchung der kognitiven Leistungsfähigkeit mit reliablen und validen psychometrischen Verfahren erfolgen. Bei neurologischen Erkrankungen mit Läsionen im Bereich gedächtnisrelevanter Hirnstrukturen sollte eine neuropsychologische Untersuchung auch dann erfolgen, wenn die Patienten selbst keine kognitiven Defizite beklagen. Die Untersuchung der Gedächtnisleistung sollte in eine ausführlichere neuropsychologische Untersuchung eingebunden sein. Untersucht werden die Orientierung, verbale und figurale Merkspannen sowie das Arbeitsgedächtnis, ein Lernparadigma mit verzögertem Abruf sowie die unmittelbare und verzögerte Wiedergabe komplexer verbaler und figuraler Informationen.

Therapieziele und Methodenauswahl richten sich nach der Schwere der Gedächtnisstörung. Patienten mit leichten bis mittelschweren Gedächtnisstörungen sollen ein spezifisches funktions- oder strategieorientiertes kognitives Training erhalten, für Patienten mit schwerer globaler Amnesie kann aufgrund fehlender Wirksamkeitsnachweise keine Empfehlung für ein funktionsorientiertes Training ausgesprochen werden. Die Wirksamkeit der Methode hängt von der Trainingshäufigkeit ab. Elektronische Erinnerungshilfen können bei Interesse als Kompensationsstrategie in die Therapie einbezogen werden. Liegen schwere Gedächtnisstörungen vor, sollte der Fokus der Therapie auf dem Erlernen von Kompensationsstrategien liegen. Patienten mit schwerer Amnesie können domänenspezifisches Wissen und Alltagsroutinen lernen.


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