Fünf neuromedizinische Fächer treffen sich – für Fortschritte in der Forschung und zum Wohl der Patienten

16. September 2010 – Interview mit Prof. Dr. med. Dr. h.c. Dipl.-Psych. Werner Hacke, Koordinator der Neurowoche 2010

Was ist die Neurowoche? Und was macht sie zu einer besonderen Veranstaltung?

Die Neurowoche in Mannheim ist ein fünftägiger medizinischer Kongress, bei dem alle fünf klinisch-neurowissenschaftlichen Fachdisziplinen zusammen vereint sind. Beteiligt sind die Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie (DGNC), für Neurologie (DGN), Neuropathologie und Neuroanatomie (DGNN), für Neuroradiologie (DGNR) sowie für Neuropädiatrie (GNP). Neben dem Jahreskongress einer jeden Gesellschaft wird es eine gemeinsame zentrale Serie von hochkarätigen Vorträgen und wissenschaftlichen Beiträgen geben, die interdisziplinär besetzt und fachübergreifend von Interesse sind. Mit einer Zahl von 6000 bis 7000 Teilnehmern sind wir der größte neurowissenschaftliche Kongress  in Europa – nur der amerikanische Neurologenkongress ist noch größer. Entscheidend ist aber nicht die Größe, sondern die Tatsache, dass es uns gelungen ist, Neurologen, Neurochirurgen, Neuropädiater, Neuropathologen und Neuroradiologen an einen Tisch zu bekommen, einen gemeinsamen Kongress zu machen. Dies sorgt insbesondere im Ausland für große Anerkennung.


100916 prof. hacke 326Der Kongress verfolgt einen interdisziplinären und fachübergreifenden Ansatz – wo findet sich dieser in der Praxis wieder?

Alle Fachdisziplinen beschäftigen sich mit dem Nervensystem als zentralem Organ des Menschen, nämlich mit Gehirn, Rückenmark, Nervenfasern und Muskeln. Auch wenn der Blickwinkel einer jeden Disziplin ein anderer ist, verschwimmen die Grenzen untereinander immer mehr. Ein Beispiel: Die Neurochirurgen operieren Tumoren bei Kindern, die Neuroradiologen stellen vor der Operation per Bildgebung fest, wie der Tumor aussieht und wie er am besten operiert werden kann,  nach der Operation kommt der Neuropathologe ins Spiel, der das gewonnene Tumorgewebe untersucht und sagt, um welche Art von Tumor es sich handelt. Zusammen mit den Neuropädiatern, also den neurologischen Kinderärzten, sind es hier vier Disziplinen, die sich mit dem Patient beschäftigen.

Was kann in der Zusammenarbeit noch verbessert werden?

Eigentlich ist es eine natürliche Zusammenarbeit zwischen den Fachgebieten, die aber in der Vergangenheit durch künstliche und ideologische Barrieren etwas behindert wurde. Wir sind aber speziell in Deutschland auf einem guten Weg, die natürliche Kooperation weiter voranzutreiben. Wir haben sogar schon überlegt, ob man nicht für Neurologie, Neurochirurgie und Neuroradiologie einen gemeinsamen Teil der Ausbildung von Assistenzärzten zusammen macht. Ein junger Arzt, der sich für eines dieser drei Neurofächer interessiert, hätte ein oder zwei Jahre die Möglichkeit, alle Bereiche kennen zu lernen, bevor er sich dann spezialisiert. Leider ist ein entsprechender Antrag gescheitert, aber das sind natürlich Dinge, an denen man auch weiterhin arbeiten wird. Trotzdem haben wir hier in Deutschland  mit dem gemeinsamen Kongress eine Vorbildfunktion: Die Weltgesellschaft für Neurologie möchte mit den Nachbardisziplinen genau so etwas auch auf der internationalen Ebene machen. Es macht wirklich viel Sinn, wenn man sich überlegt, welche Bedeutung die Neurofächer haben und welche Fortschritte in den letzten Jahrzehnten gemacht worden sind.

Worin liegt diese Bedeutung der neuromedizinischen Fächer? Welche Scherpunkte oder großen Herausforderungen sehen Sie für die kommenden Jahre?

Eine ganze Reihe von häufigen neurologischen Krankheiten haben eine klare Altersabhängigkeit wie z.B. Schlaganfälle, Demenzen und Bewegungsstörungen wie Parkinson. Die demographische Entwicklung unserer Gesellschaft – Stichwort wachsendes Lebensalter – führt zu einer Zunahme von Patienten mit neurologischen Erkrankungen, und so sehen es auch die Planer für die Krankenhäuser. Während in praktisch allen anderen Disziplinen man davon ausgeht, dass die Zahl der Betten heruntergehen wird, ist für neurologische Krankheiten mindestens mit einer stabilen oder sogar einer höheren Bettenzahl zu rechnen, um dem Versorgungsauftrag gerecht zu werden.

Dazu bekommen wir sehr viele neue Krankheitssyndrome, die sekundär das Nervensystem betreffen. Die Medizin macht Fortschritte bei der  Transplantationsmedizin, Tumormedizin oder bei Chemo-therapien. Heute überleben viele Patienten ihre Krebserkrankungen viele Jahre, und manchmal kommt es dann nach vielen Jahren des Überlebens zu Nebenwirkungen oder Folgeerscheinungen im Nervensystem, die man früher gar nicht kannte.

Stichwort Tumore in der Neurologie:  Tumore im Gehirn sind teilweise extrem bösartig und alleine von ihrer Lage her schon höchst gefährlich. Neben den Neurochirurgen, die diese Tumoren operieren, gibt es in Heidelberg, aber auch an wenigen anderen Universitäten (Bonn, Frankfurt) mit der Neuroonkologie eine selbstständige Abteilung, die sich mit diesem Gebiet beschäftigt. Entsprechend geht die Zahl der Patienten hoch, das Angebot lockt die Patienten von überall her und man kann den Patienten auch immer bessere Therapien anbieten.

Das ist ein großer Vorteil der neurowissenschaftlichen Fächer: Es gibt ein sehr enges Miteinander zwischen Forschung und Anwendung. Die überall geforderte Translation, d.h. die Verzahnung von Wissenschaft und Praxis, existiert schon längst in den Neurowissenschaften – manchmal auch umgekehrt: Da führen Erfolge in der Behandlung der Patienten zu neuen Ansätzen in der Grundlagenforschung.

Gibt es Krankheitsbilder, bei denen der Durchbruch unmittelbar bevorsteht? Nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht, sondern auch was den direkten Nutzen für den Patienten anbelangt?

Es gibt einige Erkrankungen, bei denen es gerade in diesem Jahr wieder Fortschritte gegeben hat, z.B. bei der Multiplen Sklerose. Diese betrifft im Gegensatz zu vielen anderen neurologischen Erkrankungen auch junge Menschen und führt in manchen Fällen zu einer fortschreitenden Behinderung. Wir haben seit Jahrzehnten die Möglichkeit, diese Patienten prophylaktisch zu behandeln, das waren allerdings Behandlungen, bei denen von einmal wöchentlich bis einmal täglich Spritzen notwendig waren. Jetzt haben wir plötzlich Medikamente, die man schlucken kann, die genauso effektiv sind. Das ist natürlich ein Riesenfortschritt, der dem Patienten zu Gute kommt. Ähnliche Aspekte entwickeln sich in der Tumorbehandlung, wo man langsam versteht, warum manche Leute nicht auf Chemotherapie und andere Leute doch auf Chemotherapie ansprechen, hier werden wir zu einer Art individualisierter Medizin kommen, wo wir wirklich auf den Patienten zugeschnittene Therapien machen können. Beim Schlaganfall sind wir kontinuierlich in der Weiterentwicklung, sowohl was neue Medikamente als auch Instrumente angeht, also die Behandlung des Schlaganfalls durch Geräte, die wie beim Herzen das Blutgefäß wieder durchgängig machen. Dazu kommt die Stimulatorbehandlung bei Parkinson oder neue medikamentöse und operative Verfahren bei Epilepsie – es ist überall Aufbruchsstimmung. Wo jetzt die nächste große Sensation kommt, kann ich im Moment gar nicht sagen, das kann in jedem dieser Gebiete sein.

Die Medizin lebt von der Forschung, nur so können bessere Behandlungsmöglichkeiten für die Patienten entwickelt werden. Wie beurteilen Sie den Forschungsstandort Deutschland?


Der Forschungsstandort in Deutschland, und das werden die Politiker nicht gerne hören, ist im Gegensatz z.B. zu den USA hoffnungslos unterfinanziert. Trotzdem ist die klinische Forschung in Deutschland nicht schlecht, nicht nur in den Neurofächern, sondern auch überall sonst – Deutschland ist immer an 2. oder 3. Stelle in der Welt, wenn es um hochrangige Veröffentlichungen geht – immer vor England und immer vor Japan  –, obwohl unsere Förderung geringer ist. Wir könnten aber noch besser sein mit einer entsprechend besseren Unterstützung.

Doch auch wenn wir sagen würden, die Forschungsgelder sind ausreichend, dann muss man sagen, dass die Verteilung der Forschungsmittel auf die verschiedenen Bereiche einfach unbalanciert ist. Die großen neurologischen Erkrankungen Schlaganfall, Epilepsie, Parkinson, Multiple Sklerose und Demenz sind Volkskrankheiten. Verglichen mit dem Geld, das in die Krebsforschung geht, ist die Förderung für neuroklinische Fächer minimal. Es geht zum Beispiel mehr in Aidsforschung als in Schlaganfallforschung. Schlaganfälle gibt es in Deutschland 250.000 pro Jahr, eine der teuersten Krankheiten überhaupt.

Was sind Ihrer Meinung nach die medizinischen und wissenschaftlichen Highlights des Kongress?

Wir werden für die großen zentralen Themen in den klinischen Neurowissenschaften – das sind vaskuläre Krankheiten des Gehirns, Tumorkrankheiten des Gehirns, immunologische Krankheiten des Gehirns – interdisziplinär die neuesten Informationen untereinander austauschen, so dass die Neurochirurgen hören, was ist neu in der konservativen Behandlung des Schlaganfalls, dass die Neurologen hören, was ist neu bei der chemotherapeutischen Behandlung von Hirntumoren, dass die Neuropädiater hören, wie gehen Erwachsenen-Neurologen und Neurochirurgen mit Krankheiten um, die wir auch bei Kindern haben. Dieser Austausch unter verwandten Disziplinen, der normalerweise so nicht stattfindet, ist das eigentliche Highlight des Kongresses. Wir haben eine Abschlusssitzung, da wird aus jedem der beteiligten Gebiete eine der wichtigsten Veröffentlichungen aus den letzten neun Monaten aus dem Fachgebiet interdisziplinär vorgestellt. Das ist etwas, was man sonst so einfach nicht hinbekommt.

Das Interview führte Christian Fick, Pressestelle des Universitätsklinikums Heidelberg.

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