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Neurologen kritisieren Gefäßeingriffe bei Multipler Sklerose

21. September 2010 – Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) warnt vor einem Gefäßeingriff bei Multiple‐Sklerose‐Patienten, der sich auf einer wissenschaftlich nicht begründbaren Theorie zur Entstehung der MS gründet. Studiendaten zeigen, dass diese „venöse Stauungshypothese der MS“ nicht haltbar ist und die Eingriffe mit venösen Stents sinnlos bis gefährlich sind. Dies gab die DGN heute auf der Neurowoche 2010 in Mannheim, Europas größtem neuromedizinischen Kongress, bekannt.

Pressemitteilung zum Download

Seit fast einem Jahr wird weltweit unter Medizinern heftig über eine Hypothese der Verursachung der Multiplen Sklerose diskutiert: die so genannte chronisch cerebrospinale venöse Insuffizienz (CCSVI).

Der italienische Gefäßchirurg Paolo Zamboni (Ferrara) behauptet als Hauptvertreter einer Theorie, die bereits seit den 1930er‐Jahren existiert, dass Gefäßverengungen insbesondere der großen Venen im Hals‐ und Brustbereich bei MS‐Patienten den Abfluss von Blut aus dem Gehirn und Rückenmark behindern. Diese Stauung bzw. die resultierende Erhöhung des venösen Druckes im Gehirn bewirkten nach seiner Ansicht Eisenablagerungen mit nachfolgender Entzündungsreaktion [Zamboni 2006, Zamboni et al, 2009]. Nach ganz überwiegender Meinung von MS‐Experten gibt es allerdings für diese Hypothese keine ausreichenden Beweise [z.B. Khan et al, 2010].

Dennoch propagiert Zamboni die Implantation von Gefäßstützen (Stents) bzw. die Ballondillatation, um die vermeintlich verstopften venösen Gefäße zu eröffnen und einen verbesserten Abfluss zu erreichen. Zamboni nennt diesen Eingriff „Liberation Treatment“ und beschreibt durchgängig rasch einsetzende dramatische Verbesserungen bei derart behandelten MS‐Patienten. Dies hat nun überall auf der Welt und auch in Deutschland dazu geführt, dass diese Prozedur MS‐Patienten gegen hohe Honorare von mehreren tausend Euro angeboten wird.

Eine kritische Analyse der Hypothese der CCVSI und der Datenlage zeigt indes klar, dass solche Eingriffe nach derzeitigem Kenntnisstand nicht gerechtfertigt sind. Sie sind nicht nur unwirksam, sondern potenziell gefährlich. Vereinzelte Todesfälle wurden beschrieben, etwa von der Stanford Medical School. Die DGN rät daher mit Nachdruck von solchen Eingriffen ab.

Die von Zamboni mittels transcraniellem und farbkodiertem extracraniellen Ultraschall in nichtgeblindeter Weise erhobenen Befunde pathologisch veränderter venöser Verhältnisse bei 100% der MS‐Patienten und keiner der Kontrollen sind methodisch angreifbar und konnten in aktuellen Untersuchungen nicht reproduziert werden (z.B. Doepp et al, 2010).

Die vorgestellten Studienergebnisse von Zamboni et al. entbehren einer soliden wissenschaftlichen Methodik und sind damit wertlos und sogar ethisch bedenklich. Zu diesem Schluss sind zahlreiche Wissenschaftler gekommen, wie auch in Stellungnahmen z.B. der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft vom Dezember 2009 und der Canadian Institutes of Health Research und der MS Society of Canada vom August 2010 dargelegt wird.

Literatur:

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