Im Mai 2011 – Multiple Sklerose, kurz MS, ist die häufigste chronisch-entzündliche Erkrankung des Nervensystems. Als Autoimmunerkrankung richten sich die Abwehrzellen des Körpers gegen die eigenen Nervenzellen. Meistens verläuft die MS in Schüben, wobei Symptome und Verlauf bei jedem Patienten individuell genau betrachtet werden müssen. Auch die Symptome unterscheiden sich von Patient zu Patient. Deswegen wird Multiple Sklerose auch die Krankheit mit den tausend Gesichtern genannt. Sie ist bis heute nicht heilbar. Doch die Wissenschaft macht große Fortschritte. Mit modernen Medikamenten lassen sich Häufigkeit und Schwere der MS-Schübe reduzieren und mögliche Behinderungen hinauszögern. Entgegen landläufigen Vorurteilen landen Erkrankte nicht zwangsläufig im Rollstuhl.

Circa 130.000 Menschen leben nach Schätzungen allein in Deutschland mit der Erkrankung, weltweit sind es 2,5 Millionen. Frauen sind zwei- bis dreimal häufiger betroffen als Männer. Die Erkrankung beginnt oft  im jungen Erwachsenenalter, der Erkrankungsgipfel liegt zwischen dem 20. und dem 45. Lebensjahr. Vor der Pubertät und nach dem 60. Lebensjahr tritt die Erkrankung sehr selten auf, kommt jedoch auch in diesen Altersgruppen vor.

Was im Körper passiert

Bei MS-Patienten ist das körpereigene Immunsystem fehlgeleitet. Abwehrzellen, die normalerweise Krankheitserreger bekämpfen, richten sich gegen körpereigene Strukturen. Es kommt zu einer Entzündung in bestimmten Bereichen des zentralen Nervensystems – also im Gehirn, im Rückenmark oder im Sehnerv. Angriffspunkte des fehlgesteuerten Immunsystems ist die Schutz- bzw. Isolierschicht der Nervenfasern, Myelinscheide genannt. Diese gewährleistet eine schnelle Übertragung elektrischer Signale zwischen den Nervenzellen. Bei einem Verlust der Myelinschicht, auch Demyelinisierung genannt, können die Nerven elektrische Signale nicht mehr schnell genug weiterleiten. Es kommt zu Ausfällen der betroffenen Nerven. Zurück bleiben vernarbte und verhärtete (sklerosierte) Gewebestrukturen.

Wie sich MS bemerkbar macht

Welche Symptome bei den Patienten auftreten, hängt jeweils davon ab, welche Körperareale von den betroffenen Entzündungsherden im Zentralen Nervensystem (ZNS) versorgt werden. Typische Erstsymptome sind Sehstörungen mit Verschwommen- oder Nebelsehen als Ausdruck einer Sehnerventzündung (Optikusneuritis) und Empfindungsstörungen. Die Patienten verspüren häufig ein Kribbeln oder ein  Schwächegefühl in den Beinen.  Sie stolpern oft, sind unsicher beim Gehen oder verspüren Taubheitsgefühle. Weitere charakteristische Krankheitszeichen sind Schwindel, Doppeltsehen, Schmerzen (vorrangig in den Extremitäten), Muskelkrämpfe und Lähmungserscheinungen. Möglich sind auch Sprach- und Schluckstörungen. Besonders stark beeinträchtigt die Multiple Sklerose  die Lebensqualität der Patienten, wenn Blasen- oder Sexualfunktionen in Mitleidenschaft gezogen sind. Bei manchen Patienten treten auch Depressionen auf, die behandelt werden müssen.

Wie die Krankheit verläuft

Nicht nur wegen der Vielzahl möglicher Symptome gleicht kein Patient dem anderen: Die individuellen Verläufe der Erkrankung unterscheiden sich auch darin, wann und wie stark die Symptome auftreten. Die Ärzte unterscheiden insgesamt acht Verlaufsformen der MS, die beiden wesentlichen sind 1. der schubförmig-remittierende Verlauf, d.h., die Symptome verschlechtern sich sehr schnell und bilden sich wieder mehr oder weniger zurück, und 2. der chronisch-progrediente Verlauf, d.h., die Beschwerden nehmen ohne Schübe nach und nach zu. In den meisten Fällen (85 bis 90 Prozent) verläuft eine MS schubweise.

Wie MS diagnostiziert wird

Zur gesicherten Diagnose führen generell mehrere Untersuchungen. Die Magnetresonanztomographie (MRT) liefert Schichtbilder des Gehirns und des Rückenmarks. So lässt sich ermitteln, wo genau die entzündlichen Herde sitzen und wann sie auftreten. Die Gehirn-Rückenmarksflüssigkeit (Liquor cerebrospinalis) wird ebenfalls untersucht. Eventuell sind auch elektrophysiologische Untersuchungen sogenannter evozierter Potentiale hilfreich. Sie können Schäden in den Nervenbahnen von Gehirn und Rückenmark nachweisen.

Unklare Ursachen

Warum es zur Zerstörung der Nervenzellen kommt, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Es scheinen viele Faktoren zur Entstehung der Krankheit beizutragen. Multiple Sklerose gilt nicht als Erbkrankheit, doch treten bestimmte genetische Varianten bei Betroffenen häufiger auf als bei gesunden Menschen. Auch haben Menschen in den nördlichen Breiten ein größeres Risiko zu erkranken als auf der südlichen Halbkugel. Deshalb geht die Forschung von einer genetischen Prädisposition (Krankheitsneigung) aus. Auch Infektionen werden als Erkrankungsursache diskutiert. Die Hypothesen zur Krankheitsentstehung sind zahlreich.

Neue Hoffnung für MS-Patienten

Multiple Sklerose ist derzeit nicht heilbar. Der Medizin steht jedoch eine Vielzahl an therapeutischen Mitteln zur Verfügung, um einerseits die Symptome eines akuten Schubs zu mildern (Glucocorticoide) und andererseits den langfristigen Verlauf der Krankheit zu verbessern (Beta-Interferone, Glatimeracetat und Natalizumab) Bei der Langzeit-Therapie kommen vor allem solche Arzneimittel zum Einsatz, die die Angriffe der körpereigenen Abwehr auf die Nervenzellen dämpfen. Darüber hinaus werden viele Beschwerden symptomatisch behandelt, zum Beispiel mit einer Schmerztherapie.

Die Forschung macht große Fortschritte

MS ist Gegenstand intensiver Forschungsarbeiten, wodurch sich die Behandlungsmöglichkeiten in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt deutlich verbessert haben. Einen wesentlichen Fortschritt stellte zum Beispiel im Jahr 2006 eine Therapie mit dem Antikörper Natalizumab dar. Im April 2011 erst wurde eine Kapsel zum Schlucken zugelassen, die für die Patienten deutlich angenehmer ist als Spritzen oder Infusionen. Allerdings eignet sich dieser Wirkstoff (Fingolimod) nur für Patienten mit schweren Verlaufsformen der MS. Der Wirkstoff hindert die Abwehrzellen daran, aus den Lymphknoten ins Gehirn zu wandern und dort die schützende Myelinschicht der Nervenzellen anzugreifen.

Damit Forschungsergebnisse schnellstmöglich in die Praxis umgesetzt werden und Patienten von diesem Wissen bestmöglich profitieren, wurde 2010 das krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) gegründet.

Fachlicher Kontakt für Rückfragen:

Prof. Dr. med. Ralf Gold 
Direktor der Neurologischen Klinik an der Ruhr-Universität Bochum, 
Gudrunstraße 56,44791 Bochum
Tel.: +49 (0) 234 509-2410
Fax.: +49 (0) 234 509-2414
E-Mail: 

Prof. Dr. med. Heinz Wiendl 
Direktor der Neurologischen Klinik, Abteilung Entzündliche Erkrankungen 
des Nervensystems und Neuroonkologie des Universitätsklinikums Münster
Albert-Schweitzer-Campus 1, Gebäude: A10, 48149 Münster
Tel: +49 (0) 2 51/ 83 - 4 68 11
Fax: +49 (0) 2 51/ 83 - 4 68 12
E-Mail: 

Prof. Dr. med. Bernhard Hemmer 
Direktor der Neurologischen Klinik der Technischen Universität München, 
Ismaninger Str. 22, 81675 München 
Tel.: +49 (0) 89 4140 4600/4601 
Fax.: +49 (0) 89 4140 7681
E-Mail: 

Weitere Informationen:

Seriöse und sehr umfangreiche Informationen zu allen Aspekten der Multiplen Sklerose gibt es im Internet bei der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft www.dmsg.de und beim Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) www.kompetenznetz-multiplesklerose.de. Bei der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) gibt es zum Beispiel die ärztlichen Behandlungsleitlinien: www.dgn.org.

Ansprechpartner für die Medien: 
Projektbüro „Neurologie direkt“ 

Pressestelle der DGN, c/o albertZWEI media GmbH, 
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„Neurologie direkt" ist eine gemeinsame Initiative der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN, www.dgn.org), des Berufsverbands Deutscher Neurologen (BDN, www.bv-neurologie.de) und des Berufsverbands Deutscher Nervenärzte (BVDN, www.bvdn.de). Die Initiative veranstaltet regelmäßig deutschlandweite Neurologie-Tage auf der Grundlage zentral vorbereiteter, aber regional organisierter Veranstaltungen. Sie thematisiert jeweils eine Erkrankung, am 25. Mai 2011 die Multiple Sklerose. Kooperationspartner bei dieser Aktion sind das KKNMS (Krankheitsbezogenes Kompetenznetz Multiple Sklerose, www.kompetenznetz-multiplesklerose.de) und die DMSG (Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V., www.dmsg.de). Die Initiative richtet sich an Patienten, Angehörige und die interessierte Öffentlichkeit.

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