Im Mai 2011 – In Deutschland leiden rund 130 000 Patienten an Multipler Sklerose. Jedes Jahr sehen sich zwischen 2500 und 4000 weitere Patienten mit der Erstdiagnose MS konfrontiert, meistens junge Menschen zwischen 20 und 40 Jahren. Für die Betroffenen ist das zunächst ein Schock. Plötzlich scheint vieles in der Lebensplanung ungewiss, denn eine MS verläuft in vielen Ausprägungen: von leichten Behinderungen bis hin zu schwerster Pflegebedürftigkeit. Die Fragen sind vielfältig: Wie wird sich die Krankheit auf Ausbildung oder Beruf auswirken? Wie auf die Partnerschaft? Welche Therapie benötige ich und wo bekomme ich sie? Welche Angebote sind seriös – und wovon sollte ich lieber die Finger lassen? Angesichts all dieser Fragen ist eine individuelle, kompetente und ganzheitliche Betreuung des Patienten über viele Jahre wichtig. Sie hat das Ziel, dem MS-Kranken möglichst lange eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu erhalten.  Der Neurologe nimmt hier die zentrale Rolle ein und wird zum Hausarzt für den MS-Patienten. Das Kompetenznetz Multiple Sklerose und zahlreiche neuen Versorgungsprojekte unterstützen hierbei den Mediziner bei der optimalen Betreuung seiner Patienten.

Verdacht auf MS – an wen soll ich mich wenden?

Viele spätere Patienten wenden sich beim ersten Auftreten von Symptomen zunächst an ihren Hausarzt. Dieser wird, sobald er eine neurologische Ursache vermutet, an den Neurologen überweisen, denn die Krankheit zweifelsfrei zu erkennen erfordert viel Fachwissen. An erster Stelle im Diagnoseprozess steht heute die Bildgebung per Magnetresonanztomographie (MRT). „In der Röhre“ können Neuroradiologen schnell die typischen Stellen in Gehirn und Rückenmark nach frischen und alten Entzündungsherden absuchen. Ist der Befund positiv, folgen weitere neurophysiologische Tests (evozierte Potentiale) und eine Untersuchung des Hirnwassers (Liquordiagnostik). Manchmal ist selbst jetzt noch keine eindeutige Aussage möglich. Dann muss abgewartet und beobachtet werden: Nur so ist eine Zuordnung zu einer der Verlaufsformen der MS möglich – und damit zur richtigen Therapie.

Die vier Säulen der MS-Therapie

Ist die Diagnose schließlich eindeutig, sollte die Behandlung beginnen. Je früher, desto besser, denn mit modernen Medikamenten und klinischen Verfahren kann der Fortschritt der Erkrankung oftmals stark verlangsamt werden. Dabei gibt es vier Säulen, die je nach Bedarf zum Tragen kommen.

1. Schubprophylaxe:

Diese ist fortlaufend und sollte so früh wie möglich beginnen. Sie fängt mit der Basistherapie an, bei der sich der Patient einmal oder mehrmals pro Woche die Medikamente selber, ähnlich wie ein Diabetiker sein Insulin, in die Haut oder den Muskel spritzt. Bei fortschreitender Krankheit kann die Basistherapie mit wirksamen Medikamenten stufenweise ausgeweitet werden.

2. Akute Schubtherapie:

Therapie eines MS-Schubs mit Kortison-Präparaten, um die Entzündungsaktivität zu stoppen. Bei bleibenden Symptomen kann eine Blutwäsche angeschlossen werden.

3. Symptomatische Therapie:

Ebenso wichtig wie die  Bekämpfung der Ursache ist auch die effektive Behandlung der Symptome und Folgeprobleme. So gibt es wirksame Maßnahmen zur Linderung von Spastik, Blasenentleerungsstörungen oder anhaltender Müdigkeit.

4. Rehabilitative Behandlung:

Das Ausschöpfen aller medizinisch verfügbaren Mittel trägt dazu bei, die Prognose und Lebensqualität der meisten Patienten erheblich zu verbessern. Gerade um die Lebensqualität des Patienten so hoch wie möglich zu halten, sind begleitende rehabilitative Behandlungen mehr als hilfreich. Hierzu zählen Anwendungen aus dem Heilmittelbereich wie Krankengymnastik und Ergotherapie, aber auch neuropsychologische Behandlungen, in denen die Patienten Aufmerksamkeits- und  Konzentrationsfähigkeit oder Stressmanagement trainieren können, sowie Psychotherapie zur Krankheitsverarbeitung und zur Vermeidung oder Behandlung von Depressionen. Phasenweise können auch intensive Rehabilitationsbehandlungen in qualifizierten ambulanten oder stationären neurologischen Rehabilitationszentren erforderlich sein. Hier können über mehrere Wochen mehrmals täglich multimodale, ganzheitliche und multiprofessionelle Therapieformen zielgerichtet aufeinander abgestimmt stattfinden. Ziel ist es, den Betroffenen, ausgehend von seiner individuellen Problematik, die größtmögliche Teilhabe am Leben zu ermöglichen. Dies können berufliche und alltägliche Aktivitäten wie Dienstreisen, Einkaufen oder Theater- oder Kinobesuche sein, die der Patient aufgrund seiner Beschwerden zuvor eingeschränkt hatte. Das Behandlungsziel wird zu Beginn vom behandelnden Neurologen und dem Patienten gemeinsam formuliert, wobei der Patient durch seine aktive Teilnahme den Behandlungserfolg maßgeblich mitbeeinflusst.

Der behandelnde Neurologe ist der Hausarzt des MS-Patienten

Für eine individualisierte Therapie und deren Erfolg spielt die intensive Arzt-Patient-Beziehung eine wichtige Rolle. Im optimalen Fall wird der Patient daher langjährig von einem wohnortnah niedergelassenen Neurologen (möglichst mit MS-Schwerpunktpraxis) betreut. Dieser fungiert als Hausarzt des MS-Kranken und ist sein konstanter Ansprechpartner bei allen Fragen rund um seine Erkrankung. Gerade zu Behandlungsbeginn benötigen die Patienten meist eine umfassende Beratung und Aufklärung. Hierzu gehört, dass der Patient lernt, mit seiner Krankheit zu leben, sich selber die Medikamente der Basistherapie zu spritzen und MS begünstigende Risikofaktoren zu vermeiden. Trotz optimaler Einstellung und Versorgung können bestimmte Krankheitsverläufe und -situationen eintreten, die einen klinischen Aufenthalt etwa in einer Universitätsklinik oder die Überweisung an eine ambulante neurologische Einrichtung erfordern. Um die optimale Diagnostik und Therapie seines Patienten zu gewährleisten, wird der behandelnde Neurologe die Stärke der interdisziplinären Behandlung nutzen und den Patienten im Bedarfsfall an den Neuroradiologen, Augenarzt, Urologen oder an ein ambulantes neurologisches Zentrum überweisen.

Für jede Situation den richtigen Spezialisten

Damit jeder Neurologe alle Optionen der komplexen MS-Therapie für seine Patienten nutzen kann, wurde das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) gegründet, eine Vereinigung von neurologischen Standesorganisationen und Versorgungseinrichtungen. Sie hat den Auftrag, neueste Forschungs-ergebnisse schnell in die klinische Praxis zu überführen. Hierzu wird eine engere Vernetzung verschiedener Versorgungseinrichtungen wie Unikliniken, neurologische Abteilungen kommunaler und privater Betreiber, Rehakliniken und Schwerpunktpraxen niedergelassener Neurologen angestrebt. Insbesondere die Alltagserfahrungen niedergelassener Neurologen und Rehakliniken sollen genutzt werden, um den Bedarf in der MS-Versorgung realistischer einschätzen zu können. Derzeit erarbeitet das KKNMS Qualitätskriterien, mit Hilfe derer in naher Zukunft so genannte MS-Referenz- und -Kompetenzzentren ausgezeichnet werden. Auch ein Qualitätshandbuch MS ist derzeit in Vorbereitung. Als ständig aktualisierte Informationssammlung für die verschiedenen Säulen der Patientenversorgung gedacht, soll es Handlungsempfehlung für Neurologen (Verfahren bei Erstdiagnose, Verfahren bei Schubtherapie) bieten.

Regionale interdisziplinäre Versorgungsstrukturen

Neben der bundesweiten Optimierung der Forschungs- und Versorgungsstrukturen bei MS existieren auch auf Länderebene bereits umgesetzte Versorgungsverträge und Netzstrukturen für die integrierte Versorgung von MS-Patienten. So hat 2006 der Qualitätszirkel MS Köln für die Region Rheinland mit der dortigen AOK und der DMSG einen Versorgungsvertrag geschlossen, dem sehr schnell Praxen, Kliniken, Reha-Einrichtungen und Krankenkassen als Kostenträger beitraten. Auch in Bayern hat die Kassenärztliche Vereinigung Anfang 2011 mit allen bayerischen Krankenkassen eine Vereinbarung abgeschlossen, um die Qualität in der ambulanten Behandlung von Multipler Sklerose zu verbessern.

Fachlicher Kontakt für Rückfragen:

Prof. Dr. med. Ralf Gold

Direktor der Neurologischen Klinik an der Ruhr-Universität Bochum,
Gudrunstraße 56,44791 Bochum
Tel.: +49 (0) 234 509-2410
Fax.: +49 (0) 234 509-2414
E-Mail:

Dr. med. Uwe Meier,
Berufsverband Deutscher Neurologen BDN,
Am Ziegelkamp 1f, 41515 Grevenbroich
E-Mail:
www.bv-neurologe.de

Weitere Informationen:

Seriöse und sehr umfangreiche Informationen zu allen Aspekten der Multiplen Sklerose gibt es im Internet bei der  Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft www.dmsg.de und beim Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) www.kompetenznetz-multiplesklerose.de. Bei der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) gibt es zum Beispiel die ärztlichen Behandlungsleitlinien: www.dgn.org.

Ansprechpartner für die Medien:
Projektbüro „Neurologie direkt“ 

Pressestelle der DGN, c/o albertZWEI media GmbH, 
Englmannstr. 2, 81673 München
Tel.: +49 (0) 89 46 14 86 - 22
Fax: +49 (0) 89 46 14 86 - 25
E-Mail: 

„Neurologie direkt" ist eine gemeinsame Initiative der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN, www.dgn.org), des Berufsverbands Deutscher Neurologen (BDN, www.bv-neurologie.de) und des Berufsverbands Deutscher Nervenärzte (BVDN, www.bvdn.de). Die Initiative veranstaltet regelmäßig deutschlandweite Neurologie-Tage auf der Grundlage zentral vorbereiteter, aber regional organisierter Veranstaltungen. Sie thematisiert jeweils eine Erkrankung, am 25. Mai 2011 die Multiple Sklerose. Kooperationspartner bei dieser Aktion sind das KKNMS (Krankheitsbezogenes Kompetenznetz Multiple Sklerose, www.kompetenznetz-multiplesklerose.de) und die DMSG (Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Bundesverband e.V., www.dmsg.de). Die Initiative richtet sich an Patienten, Angehörige und die interessierte Öffentlichkeit.

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