Hirntumoren bei Älteren – Therapie nach Maß dank Genanalyse

Ob Patienten über 65 Jahren von einer Chemotherapie profitieren, lässt sich am Aktivierungsstatus des MGMT Genpromotors ablesen

28. September 2012 – Angesichts steigender Lebenserwartung und einer im Durchschnitt immer älteren Bevölkerung rechnen Neuroonkologen damit, dass bereits in wenigen Jahren mehr als die Hälfte aller Patienten mit bösartigen Hirntumoren (Glioblastomen) über 65 Jahre alt sein werden. Hinweise, wie die nach wie vor schlechte Prognose dieser Patienten verbessert werden könnte, liefert eine Studie deutscher Neuroonkologen mit fast 400 älteren Erkrankten. Strahlen- und Chemotherapie waren dabei unterschiedlich wirksam, je nachdem, welche „Aktivierungseinstellung“ das MGMT-Gen hatte. „Damit haben wir einen wichtigen Biomarker gefunden, der uns hilft, die optimale Behandlung auszuwählen und die Nebenwirkungen möglichst gering zu halten“, sagt Studienkoordinator Prof. Dr. Wolfgang Wick, Direktor der Abteilung Neuroonkologie am Universitätsklinikum Heidelberg, heute auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Hamburg.

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In der von Prof. Weller (Neurologische Universitätsklinik Zürich) initiierten Studie NOA-08 der Neuroonkologischen Arbeitsgemeinschaft hatten Wick und Kollegen 373 Patienten im Durchschnittsalter von 71,5 Jahren behandelt. Diese erhielten nach dem Losverfahren an 23 deutschen und einem Schweizer Zentrum entweder die weithin gebräuchliche Strahlentherapie oder eine Chemotherapie mit dem Wirkstoff Temozolomid (Temodal®). Außerdem bestimmten die Wissenschaftler den Status des MGMT-Gens, das Aufschluss über das „biologische Alter" des Tumors geben kann. „Die Frage, wann ein Patient alt ist, hängt offenbar nicht nur von den Lebensjahren ab, oder davon, wie fit ein Patient ist", erläutert Wick. Das biologische Alter zeigt sich auch in dem molekularen Profil der Krebsgeschwüre. „Es gibt 75-Jährige mit jungen Tumoren und wir haben 55-Jährige mit alten Tumoren", so Wick.

Hilfe bei der Therapieentscheidung

In der rückblickenden Analyse zeigte sich dies daran, dass ein bestimmter Biomarker ganz klar mit dem Ausgang der Behandlung zusammenhing: Wenn die Startregion des MGMT-Gens durch Methylgruppen verändert war, überlebten die Patienten nicht nur insgesamt länger (11,9 gegenüber 8,2 Monaten). Es zeigten sich auch große Unterschiede zwischen den beiden Therapieformen. Bei Patienten, deren MGMT-Genpromotor methyliert war, konnten die Ärzte mit der Chemotherapie den Krebs durchschnittlich 8,4 Monate in Schach halten gegenüber nur 4,6 Monaten mit der Strahlentherapie. War der MGMT-Genpromotor dagegen nicht methyliert, erbrachte die Chemotherapie keinen Vorteil. Im Gegenteil war die mittlere Dauer des ereignisfreien Überlebens hier mit 3,3 Monaten sogar geringer gewesen als mit der Strahlentherapie (4,6 Monate). „Daraus schließen wir, dass der MGMT-Status nicht nur ein nützlicher Marker zur Vorhersage des Therapieerfolges ist, sondern dass er uns auch helfen könnte, die optimale Behandlung auszuwählen", sagt Wick – und verweist darauf, dass auch eine skandinavische Arbeitsgruppe in einem vergleichbaren Patientenkollektiv zum gleichen Ergebnis gekommen ist.

Gerade bei älteren Patienten gilt die Chemotherapie als belastend und macht sich unter anderem durch Müdigkeit und Abgeschlagenheit bemerkbar. Sie sollte daher denjenigen erspart bleiben, bei denen absehbar ist, dass sie davon nicht profitieren, so Wick. Umgekehrt gelte aber: „Wenn die Patienten die richtige Therapie bekommen, leben sie länger, und es werden ihnen Nebenwirkungen erspart."

Als nächster Schritt ist eine große europäische Studie geplant, bei der der MGMT-Status vor dem Therapiebeginn ermittelt und darüber entschieden werden soll, ob die Patienten eine Chemotherapie mit Temozolomid bekommen oder eine Strahlentherapie. In diesen beiden Studienarmen soll jeweils die Hälfte der Patienten dann noch zusätzlich eine andere, z.B. antiangiogene Therapie erhalten.

Wick blickt deshalb optimistisch in die Zukunft: „Noch immer betrachten Ärzte bei der Behandlung des Glioblastoms fast ausschließlich das Alter der Patienten und deren Gesundheitszustand. Angesichts einer Vielzahl von Studien aber hoffe ich, dass unser Repertoire an Entscheidungshilfen bald schon erweitert wird."

Quellen:

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