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19. September 2013 – Für viele der über eine Million Betroffenen in Deutschland war die Nachricht aus dem Universitätsklinikum Würzburg dieses Frühjahr eine Erlösung: Ihre starken Muskelschmerzen, das Hauptmerkmal des Fibromyalgie-Syndroms (FMS), haben offenbar eine körperliche Ursache. Das Leiden ist nicht reine Glaubenssache. Stigmatisierte Patienten haben nun gute Gegenargumente: Schäden an den abertausenden kleinen Nervenfasern sind verantwortlich für die quälenden Symptome am ganzen Körper, wie die Neurologin Professor Claudia Sommer aus Würzburg mit ihrer Forschungsgruppe herausgefunden hat.

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Ursache unbekannt, Diagnostik komplex, Behandlung oft schwierig – drei Kennzeichen des Fibromyalgie-Syndroms (FMS), welche viele Betroffene bisher in eine Sackgasse führen: Ihre bohrenden, zermürbenden Schmerzen am ganzen Körper, die Schlafstörungen, Depressionen, Verdauungsstörungen und Kopfschmerzen werden oft als psychisch bedingt interpretiert. Viele Ärzte sind überfordert, da es bisher keine objektiv messbaren diagnostischen Kriterien für das FMS gibt. In der Ärzte-Umfrage „Fibromyalgia Global Impact Survey“ des European Network of Fibromyalgia Associations (ENFA) bestätigten 2008 fast 90 Prozent der Hausärzte in Deutschland, die Patienten nicht immer ernst zu nehmen. Bei den Fachärzten sind es laut ENFA gar 96 Prozent. „Patienten, bei denen ein Verdacht auf Fibromyalgie besteht, sollten daher unbedingt einen Facharzt mit zusätzlicher Qualifikation als Schmerztherapeut konsultieren“, betont Professor Sommer.
Die Schmerzspezialistin fand vor Kurzem heraus, dass FMS keine Glaubenssache ist. Sie untersuchte mit Kollegin PD Dr. Nurcan Üçeyler 35 Patienten und eine entsprechende Anzahl an Kontrollprobanden mit drei unterschiedlichen Verfahren: Eine sensorische Testung bestimmte thermische Wahrnehmungs- und Schmerzschwellen der kleinen Nervenfasern. Zusätzlich wurden die elektrische Erregbarkeit der Nervenfasern gemessen sowie Gewebeproben aus der Haut unter dem Mikroskop untersucht. „Alle drei Untersuchungsverfahren brachten bei Fibromyalgie-Patienten deutliche Zeichen für eine Schädigung der kleinen Nervenfasern zutage“, erklären die Medizinerinnen. Auch zwei nachfolgende amerikanische Forschungsarbeiten fanden Veränderungen in Dichte und Funktion kleiner Nervenfasern und bestätigten das Fibromyalgie-Syndrom als neuropathische – also von den Nerven ausgehende – Erkrankung.

Diagnose und Therapie – was wird sich ändern?

Steht also nun eine standardisierte Reihendiagnostik zur Verfügung? „Zwar könnten die in unserer Studie verwendeten Analysemethoden objektiv messbare Kriterien bieten, an denen sich Ärzte bei der Diagnosestellung orientieren können. Bis sich daraus jedoch eine neue, sichere Standarddiagnostik etabliert, braucht es noch Zeit und mehr Studienergebnisse“, sagt Prof. Claudia Sommer. Für 2014 plant die Neurologin daher an der Neurologischen Klinik in Würzburg eine Nachfolgestudie, die mit einer größeren Anzahl Patienten weitere Daten liefern soll. Da Forschungsmittel heute aber immer schwerer zu besorgen sind, hängt es momentan noch an der Finanzierung.
Die gute Nachricht kommt aus der medikamentösen Therapie: In den Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von FMS werden schon seit Längerem primär Präparate zur Behandlung neuropathischer Schmerzen empfohlen, wie sie beispielsweise auch bei der Polyneuropathie von Diabetikern eingesetzt werden. „Unsere Studienergebnisse bestätigen, dass die Empfehlung in den FMS-Leitlinien für diese Präparate, die auf Erkrankungen der peripheren Nerven wirken, richtig ist“, meint Prof. Dr. Claudia Sommer. Ein neuer medikamentöser Therapieansatz soll ebenfalls entstehen.

Bessere Diagnose und Therapien sind für Patienten und das Gesundheitssystem wichtig

Die persönlichen und sozioökonomischen Auswirkungen des FMS sind beträchtlich: Viele Betroffene können ihren Alltag nur mit Mühe bewältigen oder müssen ihre Arbeit aufgeben. Zwei bis vier Prozent der Bevölkerung in westlichen Industriestaaten kennen den Katalog an Beeinträchtigungen des Fibromyalgiesyndroms am eigenen Leib. Sechsmal mehr Frauen als Männer werden mit diesem Symptomenkomplex beim Arzt vorstellig, die meisten sind über 35 Jahre alt. Viele durchlaufen ein ermüdendes Ärzte-Hopping, im Schnitt dauert es zweieinhalb Jahre, bis die Diagnose Fibromyalgie gestellt wird. Durch aufwändige Untersuchungen, Fehldiagnosen oder unwirksame Behandlungen entstehen hohe Kosten.
Die vielfältigen positiven Reaktionen von Patienten auf ihre Forschung lassen für Claudia Sommer den Schluss zu, dass allein schon der Nachweis einer organischen Ursache und die Entstigmatisierung für viele Patienten eine psychische Entlastung bedeutet. Die Optimierung von Diagnose und Therapie ist für die Neurologin eine gesellschaftliche Aufgabe: „Wenn es gelingt, bei nur einem Drittel der schätzungsweise 1,2 Millionen FMS-Betroffenen in Deutschland durch neue Erkenntnisse eine effiziente Therapie zu finden, würden 400.000 Menschen weniger leiden – so viel wie Erfurt und Rostock zusammen Einwohner haben“.

Fachlicher Kontakt bei Rückfragen:

Prof. Dr. Claudia Sommer
Neurologische Klinik
Universitätsklinikum Würzburg
Josef-Schneider-Str. 11, D-97080 Würzburg
Tel.: +49 (0)931 20 12 37 63, Fax: +49 (0)931 20 12 36 97
E-Mail:

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Frank A. Miltner
c/o albertZWEI media GmbH, Englmannstr. 2, 81673 München
E-Mail: ,Tel.: +49 (0)89 46 14 86 22

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