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Nationalsozialismus
Die Rolle der Neurologie in der Zeit des Nationalsozialismus

10. September 2015 – Das Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität zu Köln präsentiert am 24. September auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Düsseldorf die ersten Ergebnisse einer Untersuchung zur Rolle der Neurologie in der Zeit des Nationalsozialismus.

Pressemitteilung zum Download

70 Jahre nach dem Ende des NS-Regimes sind zahlreiche Fragen zur Rolle der deutschen Neurologie in der Zeit des Nationalsozialismus unbeantwortet. „Wir sind den Jungen, den Fragenden und vor allem den Opfern dieser Zeit noch Antworten schuldig“, sagte Professor Martin Grond am 16. September 2014 in München, damals Erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), bei der Eröffnungsrede zum 87. Kongress der DGN. Die DGN beauftragte daraufhin Prof. Dr. Heiner Fangerau, Prof. Dr. Axel Karenberg und ihre Arbeitsgruppe vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität zu Köln, eine wissenschaftshistorische Analyse zur Rolle der deutschen Neurologie in der NS-Zeit auszuarbeiten.

Die ersten Ergebnisse werden nun am 24. September auf dem 88. Kongress der DGN in Düsseldorf im Rahmen des Präsidentensymposiums (CCD Düsseldorf, 17.00 Uhr, Saal 1) von den Medizinhistorikern vorgetragen. „Die Neurologie, wie wir sie heute kennen, trägt auch das Erbe der Neurologie in der NS-Zeit in sich. Wir wünschen uns deshalb, dass möglichst viele Kolleginnen und Kollegen die Veranstaltung besuchen. Die Ergebnisse der medizinhistorischen Analysen werden die Grundlage für weitere Entscheidungen und Maßnahmen der DGN sein“, sagt Professor Ralf Gold, Erster Vorsitzender der DGN.

Vom Aschenbrödel-Dasein zur Hilfswissenschaft

Die Rolle der Neurologie in der Zeit vor dem NS-Regime ist nicht leicht zu fassen – denn das Fach hatte erst wenige Jahre zuvor begonnen, sich in einem Emanzipationsprozess aus der Psychiatrie zu lösen und sich im Wesentlichen als internistische Nervenheilkunde zu definieren. Die Neurologie befand sich als Wissenschaft Anfang des 20. Jahrhunderts zwar auf hohem Niveau, doch institutionell führte sie in ihrer Selbstwahrnehmung ein „Aschenbrödel-Dasein“, wie es Wilhelm Erb (1840−1921) beschrieb, der als wichtigster Protagonist einer eigenständigen Neurologie auf dem Weg ins 20. Jahrhundert gilt.

Die Institutionalisierung der Neurologie

Erb war 1890 Mitgründer der „Deutschen Zeitschrift für Nervenheilkunde“ und 1907 einer der Gründerväter der „Gesellschaft Deutscher Nervenärzte“. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden die ersten neurologisch ausgerichteten Institute und Ordinariate in Hamburg, Heidelberg und Breslau. In der Folgezeit kam es immer wieder zu Autonomiebestrebungen der „reinen Neurologen“ in Abgrenzung zur Psychiatrie und Inneren Medizin. Es erfolgte jedoch schon bald die Reintegration in eine Fachgesellschaft mit den Psychiatern. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde auf Weisung der Reichsregierung die „Gesellschaft Deutscher Nervenärzte“ zum 2. September 1935 in die „Gesellschaft deutscher Neurologen und Psychiater“ eingegliedert. Zum Vorsitzenden der gemeinsamen Gesellschaft wurde der Psychiater Ernst Rüdin bestimmt. Heinrich Pette (1887−1964) vertrat die Neurologie, deren fachliche Emanzipation durch die Vereinigung mit der Psychiatrie zunichtegemacht wurde.

„Die eigentliche Frage, die sich stellt, ist die nach den Handlungsspielräumen der beteiligten Akteure“, so der Medizinhistoriker Fangerau. „Wie weit boten sie sich dem Regime an, und was versprachen sie sich von der Kooperation? Das komplexe Gefüge aus Interessen, gegenseitiger Indienstnahme und die Verwobenheit von Politik und Neurologie sind Gegenstand unserer Untersuchungen.“

Das Forschungsprojekt und seine Konsequenzen

„Nun ist höchste Zeit, dass wir diesen Teil der Geschichte unseres Fachs wissenschaftlich kompetent, systematisch, umfassend und unvoreingenommen aufarbeiten lassen“, so Professor Martin Grond, Past-Präsident der DGN. Es gilt, die Rolle der Neurologie in der Eugenik und mögliche Verfehlungen von exponierten Vertretern des Fachgebiets in der Zeit des Nationalsozialismus zu identifizieren, zudem Auswirkungen auf die Nachkriegszeit, etwa die Neugründung der Fachgesellschaft im Jahr 1950, und Ausstrahlungen bis in die Gegenwart, z.B. in Form belasteter Eponyme. Das Projekt „Die Rolle der Neurologie in der Zeit des Nationalsozialismus“ begann im Dezember 2014, die Laufzeit beträgt ein Jahr. Der erste Teil dieser Analyse wird nun in Düsseldorf präsentiert, der zweite Teil auf dem kommenden DGN-Kongress 2016 in Mannheim. Die Resultate sollen insbesondere in einer Sonderpublikation der Zeitschrift „Der Nervenarzt“ veröffentlicht werden.


Kontakt bei Rückfragen


Prof. Dr. med. Heiner Fangerau
Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität zu Köln
E-Mail:

Prof. Dr. med. Martin Grond
2. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
E-Mail:

Dr. rer. nat. Thomas Thiekötter
Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
E-Mail:

Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
Frank A. Miltner
Tel.: +49 (0) 89 46148622
Fax: +49 (0) 89 46148625
E-Mail:

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN) 
sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren mehr als 8000 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu sichern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist die Bundeshauptstadt Berlin.
www.dgn.org

1. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Ralf Gold
2. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Martin Grond
3. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Gereon R. Fink
Geschäftsführer: Dr. rer. nat. Thomas Thiekötter

Geschäftsstelle
Reinhardtstr. 27 C, 10117 Berlin, Tel.: +49 (0)30 531437930, E-Mail: 

Pressesprecher der DGN: Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen



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